Dienstag, 24. April 2018

Im Labyrinth der Trauer gibt es keine Phasen, sondern nur ein Durcheinander - diese Aufgaben stellt das Leben an Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise - Trauerphasen verstehen, Trauerverläufe kennenlernen (Modell nach William J. Worden)

Osnabrück - Dass die Trauer in verschiedenen Phasen verläuft, dass der Trauernde einen Weg zu gehen habe, der ihn über verschiedene Stationen führt, das sind oft benutzte Bilder. Aber wie muss man sich das vorstellen? Welche Phasen gibt es? Wie sieht er aus, dieser Weg? Und: Gibt es tatsächlich ein Ziel? 

Es war die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross, die bereits in den 60erJahren erste Anläufe unternahm, den Trauerweg in verschiedene Phasen einzuteilen - wobei sie diese Phasen zunächst für den Prozess eines langsamen Sterbens definiert hatte. Ihr Modell dürften viele noch kennen - auch ich habe es seinerzeit in der Schule so vermittelt bekommen: Nicht-wahrhaben-wollen, Wut und Aggression, Auflehnung und Verhandeln, emotionales Durcheinander bis zur Depression und schließlich Akzeptanz. Doch das Modell hat so seine Tücken. Beispielsweise die dadurch vermittelte Vorstellung, man durchlaufe verschiedene Räume, verschiedene Stufen, die aufeinander aufbauen, aber in sich abgeschlossen sind - wie die Erfahrungen mit Trauernden dann zeigten: Dem ist nicht so. Stattdessen gibt es ein großes Durcheinander verschiedenster Prozesse. Manchmal sogar innerhalb eines Tages. Wut und Aggression tauchen ebenso in Schüben auf wie Phasen großer Ohnamcht und Hilflosigkeit. Das alles verläuft mehr in parallelen Wellenbewegungen (die niederländische Trauerforscherin Ruthmarijke Smeding spricht von "Gezeiten").  Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Verlaufsmodellen und Phasenmodellen. Das Überzeugendste ist sicherlich das des Trauerforschers Dr. William J. Worden.


In Mechthild Schroeter-Rupiepers lohnendem "Handbuch für Trauergruppen" findet sich diese Illustration zum Thema "Aufgaben in der Trauer", mit dem ich hier symbolisch gearbeitet habe.   (Thomas-Achenbach-Symbolfoto)

Das liegt unter anderem an der von ihm gewählten Formulierung: Worden spricht nicht von Phasen, sondern von "Aufgaben der Trauer". Das ist geschickt formuliert, weil es klarmacht, worum es geht: Nicht das passive Durchleben von sich irgendwie einstellenden Verläufen, sondern aktives (Mit-) Steuern eines Entwicklungsprozesses. 
Laut Worden gibt es vier Aufgaben innerhalb eines Trauerprozesses. In ihrem Buch "Praxisbuch Trauergruppen" hat die Autorin und Trauerexpertin Mechthild Schroeter-Rupieper seine Erkenntnisse ganz unnachahmlich zusammengefasst und in ein Bild gebracht. Außerdem ergänzt sie das Trauermodell um eine Idee der Trauerbegleiterin und Buchautorin Chris Paul. Wie sie beide Wordens Aufgaben auf einen Nenner bringen, lässt sich dieses "erweiterte Aufgabenmodell" wie folgt beschreiben:

Erste Aufgabe in der Trauer - nach Chris Paul: Funktionieren! Erstmal gucken, dass die simpelsten Dinge des Alltags irgendwie aufrecht erhalten bleiben. Also sowas wie Aufstehen. Oder auch nur Atmen. Fällt manchen schon schwer genug, wenn die Ohnmacht des Todes einen herniederdrückt - beispielsweise nach einem Suizid, einem Unfalltod, einem Krebstod oder nach welcher Art auch immer. Der Tod eines anderen macht sprachlos, fassungslos und drückt einen nieder. Einfach nur funktionieren ist da oft erstmal schwer genug. Da hat Chris Paul durchaus Recht. 


Die Aufgaben der Trauer sind ein Weg durchs Labyrinth. Immer anders, scheinbar gleich, niemals linear. Und doch irgendwie ein Weg (Thomas-Achenbach-Symbolfoto).

Zweite Aufgabe in der Trauer (und die erste Aufgabe nach Worden): Das Begreifen. Das ist leichter gesagt als getan - diesem Thema habe ich vor schon kurzem einen Blogbeitrag gewidmet, der mich überhaupt erst zu dieser Fortsetzung angereg t hat. Grob gesagt geht es darum, die Tragweite des Verlusts zu akzeptieren, diesen als neue Realität anerkennen zu lernen. Der oder die Gestorbene ist tot, wird nicht wiederkehren, das muss erstmal verinnerlicht werden. Oft geht das nur in ganz kleinen Stücken oder ganz kleinen Schritten, oft berichten Trauernde, dass der Verstand dort weiter ist als das  Herz es jemals sein könnte.

Dritte Aufgabe in der Trauer (und die zweite Aufgabe nach Worden): Die Gefühle zu durchleben und die Schmerzen zu erfahren. Alle Schmerzen und die Verzweiflung zulassen, sie auszuleben, wahrzunehmen, nicht wegzudrücken, darum geht es. Das ist oft besonders schwer, weil das Umfeld von Trauernden hier ungerne mitspielt. Oft steht dem eine Erwartungshaltung entgegen, die besagt: Komm, sei doch mal wieder normal. Aber normal ist nun einmal nicht in einem Trauerprozess, also in einem Prozess, der ja nun gerade das als unnormal erlebte aufzuarbeiten wünscht. Laut Worden ist es in Ordnung, all das zuzulassen, was da ist, ja, es sozusagen zu durchschreiten: Gelähmtsein oder um sich schlagende Verzweiflung. Niedergeschlagenheit oder Aggression (vor allem bei dieser Aufgabe kann es sinnvoll sein, sich die Unterstützung durch professionelle Trauerbegleiter zu holen, die die aufkeimenden Gefühle gut einordnen können).


Das sind sie: Die Aufgaben der Trauer nach Worden und nach Chris Paul in der Illustration von Mechtild Schroeter-Rupieper (Thomas-Achenbach-Symbolfoto).

Vierte Aufgabe in der Trauer (und die dritte Aufgabe nach Worden): Neuorientierung und weiteres Suchen. Oder in den Worten von Mechthild Schroeter-Rupieper: Das Verändern. Stellen wir uns so ein Mobile vor, das man irgendwo aufhängen kann. An jedem Fädchen von diesem Mobile hängt ein Teil, jeweils zwei Teile hängen sich gegenüberliegend an einer Stange, diese verschiedenenen Haltestangen jeweils sind ebenfalls geschickt hineingefügt in dieses ganze System. Solange alles so bleibt, wie es ist, kann sich das Mobile hin- und herbewegen und es ist hübsch anzusehen. Schneiden wir nun aber eines der hängenden Teile hinaus, gerät dieses komplette System in ein Ungleichgewicht und in eine Unordnung. Alle Bewegungen dieses Mobiles wirken jetzt unkoordiniert und vermutlich ein bisschen hilflos. Genau so ist das auch, wenn ein Mensch stirbt - betroffen davon ist aber ein ganzes System aus vielen Komponenten. Und das gerät in ein Ungleichgewicht. Es muss sich erst wieder neu orientieren, sich neue Stabilitäten suchen, fast alles muss sich neu zusammenfügen. Das braucht Zeit und das ist eine der Aufgaben, vor denen Menschen in einer Verlustkrise oft stehen. Menschen, die einem früher gut getan haben, wenden sich plötzlich von einem ab, andere tauchen auf, die hilfreich sein. Hobbies, die man gepflegt hat, machen keine Freude mehr. Dafür tut es einem plötzlich gut, stundenlange Spaziergänge zu machen oder mit seinen Toten am Grab oder sonstwo einen Dialog zu führen. Das ganze Leben muss sich neu ordnen - und der in einer Verlustkrise steckende Mensch sieht sich vor der Aufgabe, diese Sortierungen vorzunehmen. Darum geht es. 

Fünfte Aufgabe in der Trauer (und die vier Aufgabe nach Worden): Der oder dem Toten einen neuen Platz zuweisen. Was das bedeuten kann, macht der britische Autor Julian Barnes in einem Satz deutlich: "Das können diejenigen, die den Wendekreis des Leids noch nicht überschritten, oft nicht verstehen - wenn jemand tot ist, dann heißt das zwar, dass er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, dass es ihn nicht mehr gibt." Und darum geht es bei dieser Aufgabe: Es geht eben nicht, wie es Außenstehende einem oft empfehlen, um ein "Loslassen", aber eben auch nicht um ein krampfhaftes "Festhalten". Stattdessen ist es hilfreich, dem Verstorbenen einen gefühlsmäßigen (oder auch tatsächlichen) Platz zu geben, einen Ort, wo man weiß, dass man ihn oder sie finden kann. Dass so etwas funktionieren kann, spiegeln mir die Menschen, die ihre eigenen Verlusterfahrungen schonn vor vielen Jahren gemacht haben, so hart sie auch gewesen sein mögen (verlorene Kinder, beispielsweise): Dass die Trauer niemals so ganz aufhört, dass aber der Schmerz in Intensität verliert, dass das Leben wieder einen neuen Mittelpunkt und eine neue Balance finden kann, auch wenn es keinen Tag gibt, an dem man nicht an den oder die Verstorbenen gedacht hat. Weil die Toten auch im Leben der Hinterbliebenen ihren neuen Platz gefunden haben.


Immer alles durcheinander und parallel - kein Weg, ein Labyrinth


Was Mechthild Schröter-Rupieper in ihrem Buch aus diesem Modell macht, ist ebenso simpel wie genial: Sie hat es in ein verschiedenfarbiges Labyrinth verwandelt (siehe Fotos). Damit kommt sie dem sehr nahe, was Trauernde als Realität erleben: Mal einen solchen Weg zu durchschreiten, mal wieder einen anderen, den man bereits erlebte, sich niemals im Ziel fühlen, sondern immer unterwegs, immer in anderen Zuständen, wechselnden Zuständen, die sich gegenseitig überlappen können, deren Heftigkeit einen überfahren kann, aber auch nicht muss. So in etwa ließe sich das beschreiben, was das Bild viel besser symbolisieren kann. Und was das "Ziel" angeht... 

Der Verlust führt direkt ins Labyrinth.

Tja, gibt es so etwas wie ein Ziel? Was es durchaus geben kann, ist eine bestimmte Art von Zustand: "Ich denke noch jeden Tag an ihn und es macht mich noch immer traurig, aber es tut nicht mehr so schlimm weh wie noch vor Jahren" - so oder so ähnlich schildern es mir oft die Menschen, die ihren eigenen Trauerweg schon seit einigen Jahren beschreiten. Sprich: Wenn die Schmerzintensität nachgelassen hat, aber die Trauer noch da ist, dann ist ein wichtiger Punkt erreicht. Aber das kann, auch das schildern mir die Menschen, die das erlebt haben, durchaus einige Jahre dauern. Das ist dann normal. Solange steckt man halt drin, im Labyrinth. Und erledigt seine Aufgaben...

Mehr zum Thema: Worden, W., Beratung und Therapie in Trauerfällen, ein Handbuch,  Huber-Verlag, 2011 (Neuauflage).

Buchtipp: "Praxisbuch Trauergruppen", Mechthild Schroeter-Rupieper, mit umfangreichem Einleitungsteil und Informationen über Trauer allgemein, Patmos-Verlag, 188 Seiten.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten (Patmos-Verlag, März 2019) und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag, März 2020). Mehr Infos gibt es auf www.thomasachenbach.de.

Alle aktuellen Termine, Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare etc. mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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