Dienstag, 20. Juni 2017

Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen... Was alles möglich ist, wenn Menschen das wollen: Urnen und Särge bemalen, Särge selber schließen, Körper überführen, Kinder aktiv dabei sein lassen

Osnabrück/Bremen – Einen Sarg für ein gestorbenes Schulkind als gemeinsame Aktion mit all ihren Freunden bemalen – ist das erlaubt? Einen Toten zur Aufbahrung nach Hause holen ,auch wenn der Sterbeort ein ganz anderer gewesen ist – ist das okay und machbar? Eine Flasche Kölsch mit in den Sarg legen, weil es das Lieblingsgetränk des Toten war – ist das nicht verboten? Den Sarg für seine Lieben selbst bauen, wenn man das kann, weil man Tischler ist – darf man sowas? Lavendel aus der Provence holen und auf den Sarg legen – geht das? Geht es nach modernen Bestattern wie Barabara Rolf aus Stuttgart oder David Roth aus Bergisch-Gladbach, dann sind all diese und noch viel mehr Ideen nicht nur möglich, sondern essentiell und wichtig. Die Kunden, sagen sie, müssen die Bestatterbranche bewegen und beraten, nicht andersrum. 

Auf der Messe Leben und Tod 2017 hielten beide Bestatter ein glühendes Plädoyer für eine moderne und individuelle Bestattungs- und Trauerkultur. Beide verfügen über ein reichhaltiges Repertoire an Erfahrungen und über Geschichten. Wie zum Beispiel diese: Als in einer Familie die Frage diskutiert wird, wer nach der Trauerfeier die Urne zum Grabplatz tragen darf, meldet sich der neunjährige Enkel - denn gestorben ist seine Oma. Beim Vater herrscht Entsetzen - und er fragt, "was dann eigentlich immer gefragt wird", wie Barbara Rolf es sagte: „Und was, wenn er sie fallenlässt?“. Woraufhin die Mutter ganz lakonisch sagt: “Dann hebt er sie eben wieder auf.“ Also trägt der Neunjährige die Überreste seiner toten Oma und ist stolz wie Bolle. Gleichzeitig ist er als Kind fest mit eingebunden in einen Prozess, einen Übergang - das ist wichtig für Menschen.

Macht sich für einen radikalen Wandel in der Bestattungsbranche stark: Barbara Rolf aus Stuttgart. Ihr Motto: Alles muss möglich sein.   (Franziska-Molina-Fotografie-Foto)

Wenn Barbara Rolf Geschichten wie diese erzählt, hängt eine Mischung aus Rührung und Revolution in der Luft. So ungewohnt sind solche Dinge noch in Deutschland im Jahre 2017. Viele Bestatter sagen an so einer Stelle, das sei nicht möglich. Das ginge nicht. Barbara Rolf sagt dazu: "Dann suchen Sie solange, bis sie einen finden, der es möglich macht." Bestatter sind ohnehin eine eher konservative Branche kommentiert ein Gast und Zuhörer, der es wissen muss – er ist mit einer Bestatterin verheiratet.

Das Wichtigste: In Sachen Bestattung alle Rechte kennen


Was das Thema angeht, hat Barbara Rolf ein klares Credo: „Die Kunden müssen die Branche bewegen“, sagt sie. Deswegen setzt sie auf: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Die Menschen darüber zu informieren, was alles möglich ist in Sachen Trauerfeier, Aufbahrung, Beerdigung. Und das ist viel mehr als man so denkt, wird einem bei ihrem Vortrag klar. Wobei sie zugibt, es als Quereinsteiger in die Branche viel leichter zu haben als manche Bestatterkollegen, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten dabei sind: „Mir fehlt dieser Schock des Neuen, den viele Kollegen haben - ich kenne Bestatttungskultur halt nur so."

Neues Credo: Trauernde sollten alles mitgestalten können


Trauernde sollten am besten alles, was passiert, mitgestalten und mitgehen können, wenn sie das wollen sagt Rolf. Dieses "selbst aktiv werden" kann Begreifen helfen, das ist enorm wichtig für den Trauerprozess, sagt sie. Tatsächlich ist das eine Botschaft, die auch in der Trauerbegleitung eine Rolle spielt: Den Körper des Toten wahrnehmen können, ihn sehen zu können, vielleicht sogar an eine Aufbahrung zuhause denken - wie es früher Standard war -, das alles kann enorm wichtig für den emotionalen Prozess sein. Weil der Tod uns Menschen einfach überfordert, weil keiner weiß, was das eigentlich ist, müssen wir uns einem Begreifen erst vorsichig annähern. Auch darum geht es in der Trauer. Barbara Rolf kann ihre Kollegen nur ermutigen, jeden Weg mitzugehen, der gewünscht wird. So sagt sie auch in ihrem Vortrag:


Kinder mit einbeziehen in den Prozess - ja oder nein? Auch dazu haben Barbara Rolf und David Roth eine klare Haltung.   (Pixabay.de-Foto/Creative-Commons-0-Lizenz)

"Wir dürfen als Begleiter sehr mutig sein". Denn auf das Eine habe sie zu vertrauen gelernt: "Der Trauernde kennt seine Kraft, der kann das gut einschätzen. Ich habe immer die Erfahrung gemacht, dass man sich darauf verlassen kann."

Kann sehr hilfreich sein: Gemeinsames Einkleiden des Toten


Was also gibt es alles an modernen Möglichkeiten rund umd die Bestattung und die Trauerfeier? Zum Beispiel das gemeinsame Einkleiden des Toten mit der Familie. "Das kann sogar lustig sein", sagt Barbara Rolf. Als sie einmal mit 14-jährigen Zwillingen den gestorbenen Vater im Sarg anzog, sagte einer der Söhne: "Wenn Papa alt geworden wäre, hätten wir das ja irgendwann auch so gemacht." Auch das Ritual des Sargschließens kann von der Familie absolviert werden. Seit Rolf einmal erlebt hat, wie eine Familie selbst die Schrauben reindrehen wollte - als letzten Akt des Abschieds -, bietet sie den Trauernden gerne an, dies selbst zu übernehmen.


Gemeinsam die Verstorbene aus der Pathologie geholt


"Die Überführung des Toten nach Hause ist immer möglich, auch, wenn der Sterbeort ein ganz anderer gewesen ist", sagt Rolf. Auch die Fahrt selbst muss nicht exklusiv den Bestattern vorbehalten sein. Ein alter Herr ist mit Barbara Rolf einmal mit in die Pathologie gefahren, den Leichnam seiner Frau abholen, wie sie berichtet. Er hatte gesagt "Wir haben alles zusammen gemacht, also machen wir auch das zusammen, außerdem bin ich neugierig drauf wie es da aussieht." Wobei dieser Teil eher für Ernüchterung sorgte. Denn eine Pathologie, sagt Barbara Rolf, sieht nun einmal so aus, wie man sie sich vorstellt. DIe Klinikleitung war dementsprechend nicht begeistert. Das dürfe man doch nicht zeigen, hatte es geheißen. Worauf die kesse Bestatterin berechtigterweise antwortet: Wenn Sie ein Problem mit ihren Räumen für die Toten haben, liegt das an den Räumen.

Aufbahrung geht überall - auch oben im Hochhaus


Wohin der Leichnam zur Aufbahrung überführt wird, ist dabei übrigens ganz egal. „Ich kann das alles auch auf 16 Quadratmetern im 16. Stock eines Hochhauses machen“, sagt dazu David Roth aus Bergisch-Gladbach. Und die Länge der Aufbahrung? Auch da ist fast alles möglich, sagt Roth – und zwar ohne Verwesungsgeruch oder Ekelfaktoren. "Und seien es drei Wochen", sagt Roth. Wobei: Gesetzlich gesehen ist das eben nicht möglich. Maximal 36 Stunden Aufbahrung sind möglich, so schreiben es die meisten Bestattungsgesetzte (das sind Landesgesetze) vor. Ausnahmen sind Bayern, da gibt es gar keine Frist, und Brandenburg, da gilt eine 24-Stunden-Frist.


"Pietät heißt nur, dass mir andere etwas vorschreiben"


Sowohl David Roth als auch Barbara Rolf sind sich jedoch einig, dass sie zumindest diesen Gesetzestext flexibel auslegen müssen: "Wenn etwas aus Liebe gewünscht wird und wenn es machbar ist", sagt Roth, müsse man zumindest eine Fristverlängerung beantragen (was möglich ist) - oder das Gesetz eben Gesetz sein lassen. Und wenn es andere stört, Nachbarn, Familie, Freunde, weil dann vielleicht getuschelt wird? Dann ist das eben so. „Ich bin kein Freund von dem Begriff Pietät“, sagt David Roth dazu, „weil Pietät nur bedeutet, dass uns Dritte vorschreiben, was richtig ist."

Auch die Kinder mit einbeziehen? Alte Frage, neue Antwort


Weitere Impulse aus den Vorträgen der beiden: Nicht alleine Särge, auch Urnen lassen sich selbst gestalten. Oder: Die eigene Grabstätte gestalten, z.B. noch, wenn der Sterbeprozess einsetzt, auch das ist möglich. Und die alte Frage: Dürfen die Kinder zu den Toten? Klare Antwort von Barbara Rolf: Lasst dass die Kinder einfach selbst entscheiden. "Ich habe diese Erfahrung gemacht: Als ein kleiner Junge seinen Papa, der bei einem Unfall gestorben war, im Sarg sehen konnte, war er plötzlich ganz froh", berichtet Rolf. Denn er hatte sich in seinem eigenen Kopfkino und seiner inneren Geschichtenwelt eingebildet, der Vater habe bei dem Unfall seinen Kopf verloren – als er dann sah, dass der Kopf noch obendrauf saß, war er richtig erleichtert. Gefragt, warum er sich denn so freue, den toten Papa zu sehen, sagte er: Weil der seinen Kopf noch hat.

Der Bestatter und Trauerbegleiter David Roth bei seinem Vortrag auf der Messe Leben und Tod 2017.  (Thomas-Achenbach-Foto)

Kinder hätten sowieso viel seltener Berührungsängste beim Thema Tod, hat David Roth beobachtet. Er hat schon Enkel gesehen, die sich beim toten Opa am liebsten auf die Knie gesetzt hätten. Im Kontakt sein können mit dem Tod. Das ist wichtig für uns Menschen - auch für unseren weiteren Weg. Wir dürfen da sehr mutig sein. Wir alle. 


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: So funktioniert der Trauer-Chat im Internet; ein Modell, das immer erfolgreicher wird - Interview mit dem Macher & Moderatoren

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde in einer Verlustkrise alles so tun und warum einem das nicht peinlich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Bald darfst Du wegen Trauer krankgeschrieben und überwiesen werden - warum das derzeit so umstritten ist

Und im Kultur-Blog des Autors: Genug gemeckert, wir sollten froh sein über unsere Theater - eine Liebeserklärung und eine Lobpreisung zum Welttheatertag



Sonntag, 11. Juni 2017

Bald darfst Du wegen Trauer krankgeschrieben werden (oder zum Psychologen überwiesen)... Aber was wird auf dem Krankenschein stehen? Warum die Diskussion rund um die "Anhaltende Trauerstörung" so heftig geführt wird und was die Hintergründe sind (ICD 11, WHO)

Osnabrück - Mein Schüttelfrost war so heftig geworden, dass mich selbst das Anlehnen an eine voll aufgedrehte Heizung nicht mehr aufwärmen konnte, seinerzeit, im Herbst 2016. Als ich mich von meinem Hausarzt krankschreiben ließ, stand auf dem „Gelben Schein“ - der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung - der Code „J.06.9“. Das bedeutet: Grippaler Infekt. So steht es in der "ICD 10", also der Klassifikation/dem Regelwerk für alle Codierungen bzw. Diagnoseschlüssel, mit denen alle niedergelassenen Haus- und sonstigen Ärzte arbeiten. Dort gibt es für so ziemlich alles einen Schlüssel. Fast alles. Nur für Trauer noch nicht. Geht es nach der Weltgesundheitsorganisation WHO, wird es ab 2018 in der Neuauflage der ICD einen weiteren Code geben: Einen für „Anhaltende Trauerstörung“. Doch hinter den Kulissen wird das derzeit heftig diskutiert – und es ist ziemlich umstritten. Aber warum?

Bislang ist es technisch gesehen nicht möglich, sich alleine wegen Trauer von Fachleuten weiter behandeln zu lassen. Denn Trauer und deren Folgen sind so einfach nicht vorgesehen – jedenfalls nicht im Diagnose-System der Weltgesundheitsorganisation, der ICD ("International Statistical Classification Of Disease and Related Heath Problems"), die bei allen Hausärzten und niedergelassenen Ärzten zum Einsatz kommt. Jedoch ist unbestritten - auch bei den meisten Kritikern -, dass es Menschen gibt, die sich wegen Trauer krankschreiben und von Fachleuten behandeln lassen. Oder besser gesagt wegen der durch ihre Trauer ausgelösten Symptome: Konzentrationsschwierigkeiten; große innere Unruhe; eine niemals zu stillende und alles überstrahlende Sehnsucht nach den gestorbenen Menschen (auch noch lange nach seinem Tod); Gedanken, die immer nur um das eine kreisen und nichts anderes zulassen... Kurz: Symptome, die einen Alltag/Berufsalltag in ihrer Heftigkeit unmöglich werden lassen. 


Krankgeschrieben wegen Trauer - ab 2018 soll das laut der ICD 11 möglich sein. Aktuell ist der Plan jedoch umstritten.   (Achenbach-Foto)

Wer mit diesen Symptomen zum Arzt geht, wird krankgeschrieben - derzeit, 2017, wegen Depression, Anpassungsstörung oder wegen einer akuten Belastungsreaktion. Aber nicht wegen Trauer. Ab 208 soll sich das ändern. Dann möchte die WHO - die World Health Organisation - in der ICD 11 die "Anhaltende Trauerstörung" als neue Diagnosemöglichkeit einführen. Wohlgemerkt: Im Bereich der psychologischen/psychiatrisch zu behandelnden Störungen - was einen Teil der Empörung darüber bereits erklärt.


Ja, Trauer kann krank machen - aber darf sie Krankheit sein?


Seit einigen Jahren tobt eine heftig geführte Debatte über die Frage: Darf man Trauer überhaupt als "Krankheit" werten? Oder ist das stigmatisierend? Und hier haben alle Fachleute, Hospizler und alle Trauerbegleiter - auch ich - eine sehr klare Meinung und Stellung dazu: Nein. Trauer ist keine Krankheit, sondern eine vollkommen natürliche, menschliche Reaktion. Das Gegenstück zur Freude. Die lässt sich ja auch nicht irgendwie verhindern. Aber: Trauer kann auch krank machen. Siehe oben. Braucht es also wirklich eine neue Diagnosemöglichkeit? Und muss sie unbedingt "Anhaltende Trauerstörung" heißen? 


"Trauer darf keine Störung sein" - weil sie ruhig stören darf


Denn alleine schon an dem Namen entzündet sich viel Kritik: "Trauer sollte keine Störung sein", so formuliert es beispielsweise bei einem Vortrag der Trauerbegleiter Norbert Mucksch, der u.a . im Vorstand des Bundesverbands Trauerbegleitung arbeitet (Transparenzhinweis: ich bin dort auch Mitglied - im Verband, nicht im Vorstand). Das soll heißen: Wenn der Eindruck vermittelt wird, dass Trauer stört, geht das in eine falsche, weil eine gesunde Weiterentwicklung verhindernde Richtung. Denn damit wird vermittelt, dass Trauer unterdrückt werden sollte, weggedrückt werden sollte. Das genau aber ist es nach Überzeugung von Trauerbegleitern - auch nach meiner -, was die Verzögerung im Prozess erst auslöst. Trauer sollte stattdessen fließen können, sollte erlebt, gefühlt und ausgedrückt werden können. Das hilft. 

Wer trauernd ist, will nicht als Depressiver gelten - zu Recht


Andererseits muss man aber auch sagen: Wenn sich Menschen in einer Trauerkrise bislang als Depressive haben behandeln lassen müssen, dann kann es ihnen durchaus gut tun - psychologisch gesehen - wenn sie nun auch auf dem Krankenschein das finden können, was ihre Gefühle treffend beschreibt: Trauer. Verlust. Krise. Wobei, und das muss auch nochmal gesagt sein: Dort werden keine Worte stehen. Sondern ein Code. Sowas "Tr 08.9" oder so (frei erfunden - nur als Beispiel). Leider ist die "Komplizierte Trauer", die als adäquater Ersatzbegriff für dieselben Symptome in Deutschland schon einmal in der Diskussion war, inzwischen aus den Debatten weitestgehend verschwunden. Schade. Ich fände sie weitaus passender. Das ganze verdammte Leben ist kompliziert - da darf es Trauer erst recht sein.

Sechs Monate sind zu wenig - wenigstens 1 Jahr dauert es


Nächster Kritikpunkt: Der Zeitraum. Die „Anhaltende Trauerstörung“ soll nach den Plänen der WHO als Grund für die Überweisung zu Fach­leuten oder in eine Therapie möglich sein, wenn ein Mensch länger als sechs Monate unter den durch Trauer verursachten Symptomen leidet. Denn erst nach Ablauf eines solchen Zeitraums ließe sich feststellen, ob die Symptome nicht von selbst besser würden. Dass mit Trauer immer erst eine heftige Leidenszeit einhergeht, ist unbestritten. Die Frage, an der sich jetzt die Diskussion entzündet, ist: Ab wann hat sich Trauer so verdichtet und verkompliziert, dass eine Fachbehandlung nötig ist? Erfahrene Trauerbegleiter sagen dazu: Nach sechs Monaten ist das meist noch nicht der Fall. Ob sich Trauer tatsächlich verkompliziert, ließe sich erst nach wenigstens einem Jahr sagen. Denn es sei ganz gesund und ganz natürlich, dass Trauer erstmal heftige Symptome auslöse. (Randbemerkung: Wenn ich Nicht-Fachleuten davon erzähle, verstehen sie überhaupt nicht, warum man nicht sofort, also unterhalb von sechs Monaten, eine solche Diagnose bekommen kann...).

Es gibt auch eine andere Sichtweise


Ich würde jedoch unterstreichen, dass sich erst nach einem Jahr zeigt, ob sich die Trauer so verdichtet hat, dass sie eine andere Behandlung nötig macht oder ob sie auch so in eine gute Entwicklung übergegangen ist. Man kann das allerdings auch anders sehen: Denn es gibt derzeit schon ein zweites Diagnosesystem, das in Deutschland von Medizinern und Psychologen benutzt wird. Das DSM. Und das sagt: Leiden Trauernde nach Ablauf von zwei Wochen (14 Tagen - sic!) noch immer an solchen Symptomen, darf man sie als depressiv krankschreiben. Das geht schon jetzt - und zwar an Krankenhäusern und in Kliniken.

Im DSM steht's drin: Trauer braucht 2 Wochen - dann: Depression


Denn es gibt derzeit zwei Bewertungssysteme, die bei Medizinern in Deutschland zum Einsatz kommen. Hierzu muss man wissen: Das „DSM“ gilt in den allermeisten Kliniken und Krankenhäusern als Standard, die “ICD“ kommt vor allem bei niedergelassenen Ärzten zum Einsatz. Im DSM, also dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Stöungen (DSM), herausgegeben von der American Psychiatric Association (APA), finden wir also diese Defintion - und jetzt muss ich es einmal ganz übertrieben sagen -: Sie dürfen zwei Wochen trauern, wenn sie jemanden verloren haben – danach gelten sie dann allerdings als krank. Wenn es jetzt also ein zweites System gibt, nämlich die ICD, die hier mahnend den Finger hebt und stattdessen sagt: Liebe Leute, zwei Wochen sind zu kurz, wir halten sechs Monate für angemessener... - dann kann man das auch als Schritt in die richtige Richtung sehen. Auch wenn der Zeitraum vielleicht noch angepasst werden müsste. Was übrigens geschehen kann, denn die Pläne der WHO sind noch Diskussionsgegenstand, also noch nicht in Stein gemeißelt.

Alle zum Psychologen: Sind Trauerbegleiter jetzt überflüssig?


Nächste Frage: Macht die neue Diagnose jede Form von Trauerbegleitung überflüssig? Manche Kritiker aus der Ecke der professionellen Trauerbegleitung sehen mit dem neuen ICD-Schlüssel, salopp gesagt, ihre Felle davonschwimmen. Oder anders gesagt: Sie befürchten schlechtere Chancen. Gerade jetzt, wo die Professionalisierung von Trauerbegleitern in Deutschland erstmals verlässliche Normen erfahren hat, könnte es geschehen, dass die Behandlung und Besprechung beinahe komplett in die Hände von Psychologen gelangte, denen aber im Falle von Trauer das Spezialwissen dafür fehlte, lautet die Befürchtung. Ich muss gestehen, dass ich diese Sorgen nicht teilen kann. Warum? Wegen meiner Erfahrungen in einem ganz anderen Segment. Nämlich Coaching.

Coaches kennen das: Menschen wollen lieber aktiv bleiben


Viele Coaches haben schon diese Erfahrung gemacht (und mir in Gesprächen davon berichtet): Dass Klienten zu ihnen kommen, die eigentlich einen Psychologen bräuchten. Eine Gesprächstherapie, beispielsweise. Dass sie diese Probleme aber viel lieber mit einem Coach besprechen. Aus zwei Gründen. Erstens hat es tatsächlich massive Verschlechterungen zur Folge, wenn man sich offiziell als in psychotherapeutischer Behandlung befindlich ausgibt, beispielsweise beim Abschluss von Versicherungen  (Berufsunfähigkeit, Rente, Lebensversicherung, Krankenzusatzversicherungen, etc.) oder dem beabsichtigten Wechsel zu einer anderen Krankenversicherung. Zweitens klingt "Ich gehe zum Coaching" einfach viel besser als "Ich gehe zum Psychologen" - sich coachen zu lassen, so etwas machen Führungskräfte, Fachleute, Menschen mit Zielen und Visionen, aktive und selbstbewusste, ihr Leben gestaltende Menschen. Man nehme nun dieses Muster und übertrage es auf eine "Anhaltende Trauerstörung". Und...?

Wie erkenne ich einen guten Trauerbegleiter?


Zugegeben, erstens, bei dem genannten Beispiel stellen sich eine Menge Fragen, die wir hier weiter diskutieren müssten, wofür der Raum aber nicht reichen wird. Handeln diese Menschen richtig? Sind die Coaches für so etwas geeignet? Haben Sie eine passende Ausbildung? Haben sie überhaupt eine? Gib es Qualitätssiegel für Coaches? Denn, auch das muss gesagt sein: Coach oder Trauerbegleiter (oder Journalist) sind noch immer ungeschützte Berufsbezeichnungen. Soll heißen: Jeder darf sich so nennen, jeder, der das will (Randbemerkung: deswegen habe ich ein Zertifikat über meine Große Basisqualifikation für Trauerbegleitung nach den Normen des Bundesverbands). 

Noch mehr Stolpersteine: Wie reagieren Versicherungen?


Zugegeben, zweitens, es ist eine spitze These (ich liebe spitze Thesen): Aber es könnte doch immerhin sein, dass es hier genauso verläuft. Dass Menschen lieber nicht in psychologische Behandlung gehen, sich lieber nicht einen psychologischen Diagnoseschlüssel aufdrücken lassen, aber um nicht ganz unbehandelt zu bleiben dann doch die Hilfe eines Trauerbegleiters aufsuchen, weil ihre Symptome und die Trauer ja nun unverkennbar vorhanden sind. Zumal noch keiner weiß, wie die Versicherungen auf die neue Diagnose reagieren werden (wird es mir weiter möglich sein, eine Lebens-, Berufsunfähigkeits- oder Krankenzusatzversicherung abzuschließen, wenn ich offiziell vom Arzt als "Trauer-Ge-Stört" bestempelt wurde - nach meinen Erfahrungen mit Versicherungen wäre ich da skeptisch...)

Ja, diskutiert über den Begriff - nein, habt keine Angst davor


Aber: solange alle Menschen die Hilfe finden können, die sie brauchen und die sie verdienen, ist es doch okay - mehr Auswahlmöglichkeiten sind da doch eher vorteilhaft für die Klienten. Ich persönlich habe aus diesen verschiedenen Überlegungen heraus also das folgende Fazit für mich gezogen: Ja, es ist begrüßenswert, dass die Folgen von Trauer als solche anerkannt werden und behandelbar werden. Ja, der Zeitraum dafür müsste hochgesetzt werden. Ja, die Begrifflichkeit "Trauerstörung" ist ungeschickt. Aber das Gute daran ist: Das Bewusstsein der Menschen wird geschärft. Das Bewusstsein dafür, was Trauer ist und was sie macht. Das ist schon mal was Gutes.

Zugeben, drittens: Alles, was ich hier schreibe, ist sehr stark zugespitzt und "für den Hausgebrauch vereinfacht". Oder, anders gesagt: Für den Normalbürger übersetzt. Das ist, ehrlich gesagt, Sinn und Zweck dieses Artikels. Alle fachlichen Hintergründe und Diskussionspunkte im Überblick finden sich beispielsweise in einer Stellungnahme des Bundesverbands Trauerbegleitung, die sich hier aufrufen lässt

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum der Macherin der Messe "Leben und Tod" in Bremen auch heute noch oft die Tränen kommen - Interview mit Meike Wengler

Ebenfalls auf diesem Blog: So funktioniert der Trauer-Chat im Internet; ein Modell, das immer erfolgreicher wird - Interview mit dem Macher & Moderatoren

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Und im Kultur-Blog des Autors: 10 Gründe, warum "The Crown" von Netflix die beste Fernsehserie seit vielen, vielen Jahren ist 

Außerdem im Kulturblog des Autors: Die Netflix-TV-Serie "Stranger Things" ist ein einziges Zitate-Raten für Kinder der 80er - was sich alles an Easter Eggs finden lässt

Samstag, 3. Juni 2017

Neue Studie untermauert: Trauer wiegt besonders schwer bei Kindsverlust und Suizid - aber die Studie zeigt auch deutlich: Trauer ist nicht immer gleich Trauer, es zählt das Verhältnis zum verstorbenen Menschen

Osnabrück/Würzburg - Eine wissenschaftliche Studie über das Thema Trauer durchzuführen, ist gewiss keine einfache Sache. Die meisten Untersuchungen scheitern daran, dass sich kaum genug Teilnehmer finden lassen, um als repräsentativ zu gelten. So gesehen gilt auch für die neue Studie, um die es jetzt gehen wird: Sie ist sehr interessant, wenn auch vermutlich nicht repräsentativ. Dennoch lohnt der Blick auf ihre Ergebnisse. Denn sie untermauerte die These: Trauer ist nicht gleich Trauer.

Ab wann gilt eine Studie als repräsentativ? Schwierige Frage, schwierige Antwort. Zwar hat sich inzwischen in Wissenschaft und Journalimus die 1000er-Formel durchgesetzt. Soll heißen: Alles unter 1000 Teilnehmern ist nicht als repräsentativ zu gelten. Aber das kann und darf natürlich nicht der einzige Faktor sein bei der Bewertung einer Studie. Denn wer beispielsweise 1000 Blogleser befragt, ob sie schon mal einen Blog gelesen haben, wird eine Einschaltquote von satten 100 % erhalten - um dann behaupten zu können, Blogs seien das erfolgreichste Medium überhaupt. Wichtig ist also auch die statistische Durchmischung der Befragten. Alt und Jung, hohes Bildungsniveau, niedriges Niveau, je gemischter, desto repräsentativer. Außerdem wichtig: Wie genau wird gefragt? Und durch wen? Und wie lange? Schwer genug, aber nicht nur das.

Verzweiflung und Intensität einer Verlustkrise sind besonders hoch, wenn ein paar Faktoren zusammenkommen, zeigt eine aktuelle psychologische Studie.    (Pixabay.de-Foto, Creative-Common-0-Lizenz)

Denn man finde erstmal über 1000 Trauernde, die bereit (und in der Lage) sind, wissenschaftlich erschöpfend Auskunft über sich zu geben. Vielleicht sind auch schon 500 ausreichend, wenn die weiteren oben genannten Faktoren stimmen. Oder 521? Unter der Überschrift "Trauern hat viele Facetten" hat mich kürzlich eine Pressemitteilung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg erreicht, bei der sich 521 Teilnehmer zum Thema Trauer geäußert haben. Das Ergebnis der Untersuchung lässt sich in mehreren Sätzen zusammenfassen. Erstens: Trauer ist nicht gleich Trauer. Je nach Art des Verwandtschaftsverhältnisses zu den Verstorbenen und nach deren Todesart fällt das Verlusterleben unterschiedlich aus.  Zweitens: Besonders hart trifft es die Menschen, die ein Kind oder einen Angehörigen duch Suizid verlieren. 


Neigung zur "Anhaltenden Trauerstörung"


Dann ist, so die Wissenschaftler, die Neigung zu dem, was als "Anhaltende Trauerstörung" beschrieben werden könnte, besonders ausgeprägt (zu dem Thema bald mehr auf diesem Blog). Durchgeführt haben die Studie Joachim Wittkowski, außerplanmäßiger Professor an der Fakultät für Humanwissenschaft der Universität Würzburg, und Dr. Rainer Scheuchenpflug, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Psychologie III. Die Ergebnisse ihrer Studie haben die Wissenschaftler in einer Ausgabe der "Zeitschrift für Gesundheitspsychologie veröffentlicht (Unter dem Titel "Trauern in Abhängigkeit vom Verwandtschaftsverhältnis zum Verstorbenen und zur Todesart", Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 2016/24, Seiten 107–118). Auch das hat die Studie untermauert:


Mehr als 500 Trauernde interviewt


Stirbt ein Kind oder der Ehegatte, suchen die Trauernden sehr stark die Nähe zu der verstorbenen Person. Oder das "Gespräch" mit ihr. Auch macht sich bemerkbar, dass ihr Denken eingeschränkt ist - es fällt ihnen beispielsweise schwer, sich zu konzentrieren. Weniger stark sind diese Empfindungen indes ausgeformt, wenn ein Elternteil beziehungsweise der Bruders oder die Schwester starben. Was die Todesart betrifft, äußerten Angehörige von Opfern einer Selbsttötung stärkere Schuldgefühle als Angehörige von Personen, die durch Krankheit oder Unfall ums Leben gekommen waren. Keinen Einfluss auf die Intensität der Gedanken und Gefühle der Hinterbliebenen hatte hingegen die Tatsache, ob der Tod überraschend durch einen Unfall oder vorhersehbar aufgrund einer Krankheit eingetreten war.

Art und Intensität unterscheiden sich


Diese Befunde, die erstmals an Personen aus dem deutschen Sprachraum gewonnen wurden, zeigen nach Ansicht der Wissenschaftler, dass sich an dem Merkmal „Trauern“ mehrere eigenständige Aspekte unterscheiden lassen. „Trauern hat also viele Erscheinungsformen. Art und Intensität des Verlusterlebens verlaufen unterschiedlich, je nachdem, in welcher Beziehung die verstorbene Person zum Hinterbliebenen stand und auf welche Art sie ums Leben kam“, sagt Joachim Wittkowski in der Pressemitteilung. 
Worauf die Pressemitteilung leider nicht eingeht, ist die Frage, wie die Macher der Studie eigentlich an die Trauernden gekommen sind und wie sie sie befragt haben, wie sie also genau vorgegangen sind. Also habe ich mich kurzerhand an Joachim Wittkowski selbst gewandt und ihn genau das in einer E-Mail befragt - hier sind seine Antworten (vielen Dank dafür):

Seit Jahrhunderten wird getrauert, aber richtig wissenschaftlich geforscht wird zu diesem Thema noch recht selten - eine Studie aus Würzburg bildet da jetzt die Ausnahme.   (Pixabay.de-Foto/Creative-Commons-0-Lizenz)

"Die Datenerhebung folgte einer gemischten Strategie, etwa ein Drittel Papier-und-Bleistift (Verteiler bzw. Multiplikatoren meist Trauergruppen in Hessen), zwei Drittel über das Internet. Als Teilnehmer kam jeder in Frage, der sich selbst als Trauernder betrachtete. Das wurde vorab erläutert. "Trauerhintergründe" wurden nicht erfragt, wohl aber sozio-demographische Angaben und solche zur Todesart, der Teilnahme an Trauerbegleitung, -beratung oder Psychotherapie etc.- Nach Abschluß der Datenerhebung erfolgte eine sorgfältige Durchsicht und Bereinigung des Datensatzes, u.a. um Mehrfachbearbeitungen zu löschen." Und außerdem: "Es wurden die Werte für die Skalen gebildet, und diese wurden auf Unterschiede in Abhängigkeit von anderen Merkmalen (Verwandtschaftsverhältnis zum Verstorbenen, Todesart) geprüft. Ein signifikanter Unterschied liegt vor, wenn er gemäß Konvention nicht mehr durch den Zufall erklärbar, also "überzufällig" ist."

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

Hier geht es zum ersten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken.

Hier geht es zum zweiten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken

Ebenfalls auf diesem Blog: So funktioniert der Trauer-Chat im Internet; ein Modell, das immer erfolgreicher wird - Interview mit dem Macher & Moderatoren

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde in einer Verlustkrise alles so tun und warum einem das nicht peinlich sein sollte

Und im Kultur-Blog des Autors: Tote Mädchen lügen nicht - 13 Reasons Why - 10 Gründe, warum das Buch wesentlich besser ist als das Netflix-Serienphänomen

Sonntag, 28. Mai 2017

Komm, wir bauen eine Trauerhalle... Mit Kinderspielzeug den Tod begreifen lernen - wie ein niederländischer Spielzeugbauer Trauerbegleitern und Therapeuten bei der Arbeit mit Kindern helfen will

Osnabrück/Bremen - Als Kind spielte der Niederländer Richard Hattink gerne mit Lego. Heute hat er zwar längst ein Masterstudium in Pädagogik abgeschlossen - aber mit Spielzeug ist er immer noch beschäftigt. Bei ihm lässt sich heute so ziemlich alles kaufen, was mit Tod, Sterben und Trauer zu tun hat. Als Spielzeug. Von der Trauerhalle bis zum Krematorium über einen Friedhof, auf dem gerade ein Grab ausgebuddelt wird, während die Sargträger im Hintergrund schon den Verstorbenen bringen. Wozu das Ganze? Zum Begreifen!

"Wir achten darauf, dass wir, wenn wir über etwas so Schweres sprechen, auch eine Leichtigkeit mit reinbringen" (also etwas Spielerisches) - so sagte es, in einem anderen Vortrag und in einem anderen Kontext, die Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper auf der Messe "Leben und Tod 2017" in Bremen. Genau dort, wo der 35-jährige Richard Hattink an seinem Stand erstmals einem deutschen Publikum sein Trauerspielzeug vorstellte, das ebenfalls genau diesen Zweck erfüllen soll: Eine Leichtigkeit mit reinzubringen bei etwas unsagbar Schwerem. 


Der offene Sarg kurz vor seiner Schließung, im Hintergrund die vorbereitete Trauerfeier in der Trauerhalle - mit diesem Trauerspielzeug können Kinder nachfühlen/nachspielen, was sie erlebt haben.  (Thomas-Achenbach-Foto)

Hattink, der auch mal als Bestatter tätig war, nutzt vorhandene Bausteine aus bestehenden Spielzeugsystemen, die er zu seinen eigenen Kreationen zusammensetzt. Zu kaufen gibt es bei ihm dann das fertige Gesamtprodukt. Leichenwagen, Friedhöfe oder Krematorien im Spielzeugformat - und viele andere Accessoires rund um die Themen Tod und Bestattung. Seine Kunden sind vor allem Trauerbegleiter, Psychologen, Bestatter und Privatleute, die einen Weg suchen, spielerisch mit trauernden Kindern zu arbeiten. Und wer Hattink auf seinem Messestand besuchte, bekam regelrecht Lust, gleich mitzuspielen - auch ganz ohne eigenen Trauerfall -, so überzeugend ist das Ergebnis. 


Diese Arbeiter heben auf dem Friedhof bereits die Grube aus für den Sarg - das Trauerspielzeug aus den Niederlanden war auf der Messe Leben und Tod 2017 in Bremen zu erleben.    (Thomas-Achenbach-Foto) 

Hattink vertreibt sein Spielzeug über einen Onlineshop auf seiner Internetseite www.rouwenadvies.nlDas Ganze ist allerdings ein nicht ganz günstiges Vergnügen. Ein komplettes Krematorium kostet beispielsweise 114 Euro, eine Trauerhalle mit Trauerredner rund 75 Euro (Direktlink zum Webshop: hier klicken). Und dennoch: Hattinks Spielzeug ist begehrt, wie alleine die Messe "Leben und Tod" in Bremen zeigte. Waren am ersten Messetag noch alle dort an seinem Stand gezeigten Spielzeuge mit Preisschildern versehen, hatte sich das Bild bis zum Nachmittag des zweiten Tages verändert: "Verkauft" hieß es jetzt fast überall. Es wäre spannend zu erfahren, wer in Kürze damit spielen wird. Um sich über eine spielerische Leichtigkeit auch dem ganz Schweren anzunähern. 


Pädagoge, Bestatter, Spielzeugbauer - Richard Hattink.  (Thomas-Achenbach -Foto)

Das Fazit für die "Leben und Tod 2017" fällt übrigens mehr als positiv aus - wie die Bremer Messe am 15. 5. in einer Pressemitteilung schrieb, waren selbst die Organisatoren rund um Meike Wengler überrascht vom Ergebnis: 4336 Besucher kamen demzufolge zur achten Auflage der Messe - 510 mehr als im Vorjahr (3826). Für den Fachkongress registrierten sich in diesem Jahr 1305 Besucher. Das ist ein Plus von mehr als 50 Prozent gegenüber 2016 (856) - also noch deutlich mehr als der von Meike Wengler in unserem Interview prognostizierten 30 Prozent. 

Und der Termin für die Messe Leben und Tod 2018 steht auch schon fest: Sie findet am Freitag und Samstag, 4. und 5. Mai 2018, statt. 


Die Trauerhalle im Detail... jemand sollte dem Trauerredner sagen, dass die Blumen links vom Sarg umgekippt sind...   (Thomas-Achenbach-Foto)
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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde in einer Verlustkrise alles so tun und warum einem das nicht peinlich sein sollte

Und im Kultur-Blog des Autors: Tote Mädchen lügen nicht - 13 Reasons Why - 10 Gründe, warum das Buch wesentlich besser ist als das Netflix-Serienphänomen

Donnerstag, 18. Mai 2017

Warum "Tote Mädchen lügen nicht" für Trauernde nicht geeignet ist, schon gar nicht nach Suizid - eine Warnung vor dem Netflix-Serienphänomen "13 Reasons Why" aus Sicht eines Trauerbegleiters

Osnabrück - Über die neue Netflix-TV-Serie "Tote Mädchen lügen nicht " ("13 Reasons Why") und den darin gezeigten Suizid der Hauptfigur ist schon viel geschrieben und gesagt worden. Nur das eine wird meiner Meinung nach nicht deutlich genug betont und zu selten gesagt: Wie perfide und perfekt diese Serie - und natürlich auch der zugrundeliegende Roman - einen der größten Teenager- und Suizidantenträume bedient. Nennen wir ihn den "Wenn ich gehe, werdet Ihr alle leiden"-Rache-Faktor. Das ist es vor allem, was den Stoff meiner Meinung so gefährlich macht. Oder, für stabilere Zuschauer, so faszinierend. Halt beides. Es ist ein konstantes, leider verflixt gut gemachtes Spiel mit den Extremen. Jedoch gilt auch - und das ist der Fokus dieses Blogs: Für Menschen in einer Verlustkrise, also für Trauernde, ist die Serie eher ungeeignet. Auch wenn sie Trauernde durchaus treffend darstellt.

Bei aller Kritik: So manches Mal weiß die Netflix-Serie "Toten Mädchen lügen nicht" positiv zu überraschen. So beispielsweise in einer Szene, in der die Eltern aller Highschool-Schüler vom Vertrauenslehrer über Suizid und die Warnzeichen dafür aufgeklärt werden. Als eine Mutter dann zynisch fragt: "Und wieso hat dieses Mädchen sich dann umgebracht?", ertönt aus der hintersten Ecke eine wütende Antwort: "Der Name dieses Mädchens ist Hannah!". Die Frau, die das sagt, ist ihre Mutter. Mit so einem Detail trifft "13 Reasons Why" psychologisch gesehen ins Schwarze: Tatsächlich leiden verwaiste Eltern oft darunter, dass sich kaum einer mehr traut, ihre gestorbenen Kinder bei ihrem Namen zu nennen. Oder überhaupt über sie zu sprechen. "Das ist für uns, als würden unsere Kinder immer und immer wieder sterben", kann es dann heißen. 


Er läuft ihrem Leben hinterher: Dylan Minette als Clay Jensen und Katherine Langford als Hannah Baker in der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" ("13 Reasons Why") - ist die umstrittene TV-Serie gefährlich?  (Netflix-Media-Center/Netflix-Pressefoto)

Der Verstorbenen ihren Namen und damit ihre Würde zurückgeben zu können - und unbedingt herauszufinden, wieso sie sich hat suizidieren wollen, das hat sich Hannahs Mutter zu ihrer heiligen Mission gemacht. Und wenn auch die Serienautoren, die die Buchvorlage zu der Serie um ein paar Rahmenhandlungen erweitert haben, diese leidende Mutter vielleicht ein bisschen früh nach dem Suizid ihrer Tochter mit soviel wütender Energie ausgestattet haben - denn nicht selten fühlen sich die Eltern von Kindern, die sich suizidiert haben, über längere Zeit ohnmächtig, zu Boden gedrückt und zu kaum einer Regung fähig -, ist es zutreffend, dass es noch eine Phase der Aggression und der blinden Wut geben kann in so einem Trauerprozess. Hier sind die Serienmacher also nah dran an der Realität. Das ist jedoch eine Ausnahme - und sie zeigt sich nur in kleinen Details am Rande. Beispielsweise in der Tatsache, dass sich niemand mehr in dem Drugstore von Hannahs Vater einzukaufen traut. Um den trauernden Eltern nicht zu begegnen. Das kennen Trauernde auch: Dass Bekannte plötzlich die Straßenseite wechseln, nicht mehr mit ihnen sprechen wollen, Kontakt vermeiden - aus lauter Unsicherheit und falsch verstandener Angst.


Unterschiede zwischen dem Buch und der Serie


An einer anderen Stelle allerdings zeigen die Serienmacher, wie Hannahs Eltern abends in ein schönes Restaurant am Hafen ausgehen und dort essen gehen. Wohlgemerkt: Nur wenige Tage, vielleicht wenige Wochen nach dem Suizid ihrer Tochter. Diese Szene halte ich für komplett unrealistisch. Kaum vorstellbar, dass das jemand schaffen kann, der einen Menschen durch Suizid verloren hat. Im Buch übrigens fehlt dieser ganze Handlungsstrang komplett. Übrigens gibt es durchaus eine Reihe von Unterschieden zwischen dem Buch und der Serie (mehr dazu bald an anderer Stelle). Die gravierendste Änderung beispielsweise: Im Buch hört Clay alle Cassetten innerhalb von nur einer Nacht - in der Serie stoppt er immer wieder, so dass der Prozess ganze zwei Wochen dauert. Tja, was das angeht, halte ich persönlich das Buch für schlüssiger: Ich könnte das jedenfalls nicht - so lange zu warten, bis ich vielleicht selbst einmal eine Rolle spielen auf den Cassetten. 


Unerträglich: Der Suizid und die Szene danach


Und überhaupt, der Suizid: Die allerschlimmste Szene aus der TV-Serie ist dann eigentlich gar nicht das - hier explizit gezeigte - Aufschlitzen der Adern in der Badewanne, als Hannah sich suizidert, sondern die Sequenz kurz danach, wenn die Eltern ihr kleines Mädchen im überlaufenden rosa eingefärbten Wasser finden. Diese letzten Sekunden der Hoffnung, wenn Mama Baker ihre Tochter noch retten und rausholen möchte - und was dann an Schmerz folgen wird. Unerträglich. Auch so schon. Und wie soll sich das alles, jemand angucken können, der das selbst durchgemacht hat? Im Buch gibt es auch diese Szene übrigens nicht (siehe dazu auch meinen Blogbeitrag: "10 Gründe, warum das Buch wesentlich besser ist als die TV-Serie" - hier klicken). 


Details sind wichtig: Hannah Baker hat bipolare Störung 


Aber zurück zu Hannah Baker. Was genau fühlt und denkt sie? Wieso entscheidet sie sich nicht nur dazu, sich umzubringen, sondern auch noch dazu, in Form von verschickten selbst besprochenen und kopierten Audiocassettten exakt 13 Gründe dafür anzugeben (super retro, übrigens - der Autor stammt wie ich aus dem Jahr 1975). Auch, was das angeht, ist es wichtig, auf die Details am Rande zu achten: Zum Beispiel in der dritten Folge. Da wird, wie ich finde, sehr klar angedeutet, dass die Hauptperson Hannah bipolar gestört war. Also manisch depressiv. Es ist eine ganz kurze Aussage von Hannas Mama in einem Gespräch mit dem Schuldirektor, die diese Andeutungen in sich trägt. Sinngemäß lautet sie: 


Da sitzt sie alleine am Tisch, weil sich keiner zu ihr setzen mag. Soziale Isolation ist eines der Themen, die in der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" ("13 Reasons Why") dekliniert werden - aber wie realistisch ist die umstrittene TV-Serie?  (Netflix-Media-Center/Netflix-Pressefoto)

Manchmal ist sie, also Hannah, singend und überbordend fröhlich durchs Haus gehüpft und an anderen Tagen war sie wieder total still und niedergeschlagen ("moody", heißt es so wunderbar treffend im englischen Originalton). Dass die Serie - und wohl auch die literarische Vorlage - solcherlei Andeutungen macht, ist wichtig und richtig. Denn alle Menschen, die in der Suizidprävention arbeiten, betonen immer wieder: Die meisten Suizide sind Folge einer Erkrankung - einer Erkrankung, die behandelt werden kann (anonyme Hilfe gibt es auch im Internet, mehr dazu am Ende dieses Artikels). Ach, und, was die Cassetten angeht, eine kleine Randbemerkung: Weil es ja gleich mehrere Sätze dieser 13 Cassetten gibt und weil das Kopieren einer einzelnen Cassette auf 98 Prozent aller Geräte - und Hannah benutzt einen minikleinen Recorder - nur in Echtzeit möglich war/möglich ist, dürfte alleine der Kopiervorgang mehrere Tage, wenigstens halt 13 Stunden, in Anspruch genommen haben... hmmm...nun ja... Überhaupt schrammt die Retro-Verliebtheit Jay Ashers gelegentlich an der Grenze zum Unglaubwürdigen entlang: Cybermobbing findet hier zwar statt, soziale Netzwerke ebenfalls, aber beides eher so unter "ferner liefen". Nun ja, bislang jedenfalls, ich bin ja noch nicht ganz bis zum Ende durchgekommen.


Wer Suizid verstehen will, ist hier fehl am Platze


Wer sich jedoch derzeit in einer Verlustkrise befindet und wer sich von "13 Reasons Why" vielleicht erhofft, hilfreiche Aufklärung darüber finden zu können, warum sich Menschen suizidieren und was sie fühlen und denken, bevor dies geschieht, sollte von der Serie und dem Buch die Finger lassen. Hier wird doch allzu offensiv mit dem Rachefaktor geflirtet. Hier sind die Ereignisse, die auf die Hauptfigur einprasseln, in ihrer Fülle doch zu massiv und zu ekzessiv, um noch realistisch zu sein. Außerdem sind die Figuren und die Handlung doch allzu sehr im amerikanischen Highschoolsystem verortet, über das man wissen muss, dass es hier - anders als im deutschen Schulsystem - von Beginn an keine Klassenverbände mehr gibt, sondern ein reines Kurssystem. Soll heißen: in Amerika kommen die Schüler aus der Middle School und damit aus vertrauten sozialen Verbundsystemen direkt auf die High School (ab Klasse Neun) und ins Kurssystem - und wer dort keine Clique hat, keine Freunde, keine sozialen Netze, der hat es besonders schwer. Der ist sofort Außenseiter. Dieser Faktor spielt eine entscheidende Rolle in "Toten Mädchen lügen nicht". 


Besuch an Hannahs Grab - Szene aus der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" ("13 Reasons Why") - die umstrittene TV-Serie wird derzeit heftig diskutiert. (Netflix-Media-Center/Netflix-Pressefoto)

Vor allem aber wird im weiteren Verlauf der Handlung der Drama-Faktor mächtig überstrapaziert - noch habe ich das zwar nicht alles selbst gesehen, sondern mir hübsch zusammengespoilert, aber auch so schon klingt es nach "too much": Vergewaltigungen, schicksalshafte Kettenreaktionen, vertuschte kriminelle Vorgehen, Stalking, Mobbing, das und mehr spielt noch eine Rolle. Uff! Das ist besonders schade, weil es der Serie erstens die Chance nimmt, eine an der Realität orientierte Debatte über das Thema Suizid herbeizuführen (im echten Leben sind es eben gar nicht immer die dicken Kloppser, die zur Selbsttötung führen) und weil die Serie sich zweitens die Chancen ihres Anfangs verbaut. Denn zu Beginn ist alles noch sehr dezent. Wie im echten Leben. Da sind die Strapazen, denen Hanna Baker ausgesetzt sind, noch fast alltäglich, so dass man sich fragt: Wieso musste es denn soweit kommen? Wieso hat sie auf andere immer den Eindruck gemacht, eigentlich so schlagkräftig und tough zu sein, und dennoch so unbemerkt soviel gelitten? Und mit diesen Fragen des Anfangs ist die Serie der Realität der echten "Angehörigen um Suizid" so viel näher als in ihrem weiteren Verlauf.

Wir erfahren so gut wie nichts aus Hannahs Innenleben


Dass Hannah eigentlich viel zu schlagfertig und kess ist, um sich unterkriegen zu lassen, ist übrigens auch ein Eindruck, den sie auf die Zuschauer der Serie macht. Was sich in ihr drin tut, bleibt rätselhaft. Denn Autor Jay Asher und die Serienmacher setzen konsequent die allererste heilige Erste Grundregel um, die angehende Schriftsteller in allen Creative-Writing-Kursen und -Ratgebern eingebläut bekommen: Du sollst zeigen, nicht erklären. Du sollst Szenen liefern oder Dialoge. Nicht Ausschweifungen. Auch auf ihren Cassetten berichtet die Figur Hannah also nur von dem, was geschehen ist. Nicht aber von dem, was es im tiefsten Innern mit ihr gemacht hat... - da ist der Leser gefragt, sich seinen Teil zu denken. Okay, zugegeben, ich bin noch nicht ganz durch mit der ganzen Serie und dem dazugehörigen Buch... Je nachdem, wie sich beides entwickelt, gibt es in Kürze noch einen zweiten Artikel dazu. Vorerst: Sehr gut gemachte Serie, aber weiß Gott nicht für Jedermann geeignet. 

Wichtig: Wer tatsächlich an einen Suizid denkt und diese Gedanken nicht loswird, findet kostenlose und anonyme Hilfe z.B. bei der Telefonseelsorge unter 0800/1110111 - oder als E-Mail-Beratung über die Internetseite www.telefonseelsorge.de

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum der Macherin der Messe "Leben und Tod" in Bremen auch heute noch oft die Tränen kommen - Interview mit Meike Wengler

Ebenfalls auf diesem Blog: So funktioniert der Trauer-Chat im Internet; ein Modell, das immer erfolgreicher wird - Interview mit dem Macher & Moderatoren

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Und im Kultur-Blog des Autors: 10 Gründe, warum "The Crown" von Netflix die beste Fernsehserie seit vielen, vielen Jahren ist 

Außerdem im Kulturblog des Autors: Die Netflix-TV-Serie "Stranger Things" ist ein einziges Zitate-Raten für Kinder der 80er - was sich alles an Easter Eggs finden lässt



Sonntag, 14. Mai 2017

Nach der Messe ist vor der Messe... ist vor der Messe - Interview mit Meike Wengler, Macherin der Messe "Leben und Tod" in Bremen - Warum der Initiatorin der Trauer- und Palliativmesse immer noch die Tränen kommen und warum die Planungsvorläufe mehrere Jahre überstrecken

Bremen/Osnabrück - Nun ist sie vorbei, die "Leben und Tod 2017" - und war mehr als erfolgreich. Aber Messe-Macherin Meike Wengler ist mit ihren Planungen schon längst viel weiter. - Es ist ein langer, langer Flur. Fast ganz hinten, am Ende rechts, ist das Büro von Meike Wengler. Von ihrem Fenster aus guckt sie auf eine typisch bremische Stichstraße mit Mehrfamilienhäusern und Reihenhäuschen. Unter ihr befindet sich die riesige Halle 6 der Bremer Messe. An den Wänden Bilder von Pferden oder Planungsskizzen. So sieht es also aus, das Herz der Messe "Leben und Tod" in Bremen. Wobei - das eigentliche Herz ist wohl Meike Wengler selbst. Ich hatte mich im April 2017 mit der Messemacherin zum Interview verabredet und war überrascht zu erfahren, dass die Vorbereitungen schon bei 2019 angekommen sind - und dass Wenger selbst nach fast zehn Jahren Messe-Erfahrungen noch immer die Tränen kommen. Hier das Interview im Wortlaut.

Sie rief die Messe "Leben und Tod" in Bremen ins Leben: Meike Wengler ist verantwortlich für die Messe und das Programm (Die Leben und Tod 2018 findet am Freitag, 4 Mai und Samstag, 5. Mai 2018 statt).   (Bremer-Messe-Presse-Foto/mit freundlicher Genehmigung)


Meike Wengler, Sie gelten als die „Erfinderin“ der Messe „Leben und Tod“… Wie kam es dazu?

Meike Wengler: Reiner Zufall. Ich hatte vorher mit dem Thema eigentlich gar nichts zu tun gehabt. Irgendwann habe ich dann sonntags mal ins Fernsehprogramm reingezappt und da kam gerade die Sendung „Willi will’s wissen – wie ist das mit dem Tod?“

Ach nee. „Willi will‘s wissen“ war der Auslöser?

Meike Wengler: Das war der Auslöser. Da ratterte es bei mir im Gehirn und ich habe so gedacht: Stimmt ja eigentlich, jeder muss sterben, das geht jeden was an, aber keiner spricht drüber. Und dann habe ich gedacht, das wäre doch mal was für uns hier als Messe. Als ich meinen Chef dann gefragt habe, hat der erstmal geschluckt und hat gesagt: Frau Wengler, sind Sie sicher? Ja, ich bin sicher, habe ich gesagt – aber ich habe dann erstmal ganz viele Gespräche geführt. Mit der Bremer Landes-Kirche, dem Bremer Hospiz- und Palliativverband, mit einer Freundin, die ihre Ausbildung zur Krankenschwester auf einer Palliativstation gemacht hat.

Wie waren die Reaktionen?

Meike Wengler: Durchweg positiv. Aber durch diese vielen Gespräche ist mir auch klargeworden, ja, das ist ein sehr wichtiges Thema, aber ich kann das nicht alleine machen. Also habe ich mir einen Beirat zusammengesucht, der ja über die Jahre immer größer geworden ist und der aus vielen verschiedenen Kirchenmitgliedern und Mitgliedern  von Landesverbänden und Bundesverbänden, die zu dem Thema was zu sagen haben, besteht. Und als das soweit stand und ich das Konzept geschrieben hatte, hat mein Chef dann gesagt: Das machen wir. Und da bin ich ihm sehr dankbar, denn das war sehr mutig.

Die „Leben und Tod“ ist ja immer so eine Doppelpackung – eine Messe für alle Besucher, auch die privaten, und ein Kongress für die Mitarbeiter aus der Hospiz-, Palliativ- und Trauerbegleiterszene. Entwickeln sich beide Bereiche gleich gut?

Meike Wengler: Nicht ganz. Ursprünglich sollte die „Leben und Tod“ nur eine Messe sein, logisch für uns als Messeveranstalter, und alles andere war so für den Rand gedacht. Aber mittlerweile ist der Schwerpunkt wirklich der parallel stattfindende Fachkongress. Der im Augenblick wirklich enorm wächst – also von 2015 auf 2016 um 30 Prozent und jetzt wieder prognostisch um 30 Prozent…

Wie wird das gemessen - in Teilnehmerzahlen?

Meike Wengler: Genau, in Teilnehmerzahlen. Worüber wir uns sehr freuen, weil wir da ja offenbar was richtig machen, was so die Themenauswahl angeht. Aber – und das ist so mein Anliegen – wir sind immer noch eine Mischung aus der Fachlichkeit und den Privatbesuchern… Unsere Philosophie ist es, als Plattform zu wirken und die verschiedenen Professionen zusammenzubringen - das macht meiner Meinung nach auch den Charme des Ganzen aus.

Gibt es denn Rückmeldungen von Privatbesuchern?

Meike Wengler: Teilweise, ja. Ich erlebe zum Beispiel auch, dass mich Leute anrufen und sagen: Mein Mann ist vor drei Monaten gestorben, ich möchte mich gerne mehr informieren, gibt es bei Ihnen entsprechende Vorträge?

Gehen wir nochmal zurück in die ersten Jahre. Wie haben Sie sich gefühlt?


Der große Saal auf der Messe "Leben und Tod" im Jahre 2015 - einer von drei Orten, an denen das parallel laufende Vortragsprogramm stattfindet, so sicher auch in 2018.    (Thomas-Achenbach-Foto)


Meike Wengler: Manchmal etwas zittrig. Der erste Gang zum Bestatter damals, da habe ich wirklich Beklemmungen gehabt und habe gedacht, ohje, was kommt da auf mich zu? Die verstaubte Kupferurne im Fenster - wie man sich so ein Klischeebild so vorstellt? Dann habe ich aber ganz positive Erfahrungen gemacht.

Das war aber ein beruflicher Gang zum Bestatter?

Meike Wengler: Genau, um ihn zu gewinnen für die Messe.

Das finde ich hochinteressant – ich beobachte immer wieder, dass viele der Menschen, die so etwas machen wie ein Hospizehrenamt oder Trauerbegleitung, eigentlich biographisch geprägt sind. Und dann irgendwann aus der biographischen Kurve rauskommen und sich sagen, ja,der Tod ist irgendwie mein Thema, ich muss da jetzt mal was machen. Aber bei  Ihnen ist das was ganz anderes…

Meike Wengler: Ja. Das kann natürlich eine Stärke sein, kann auch eine Schwäche sein. Am Anfang hatte ich immer wieder zu schlucken. Das ist übrigens auch heute noch so: Es gibt manchmal Themen, da muss ich erstmal eine Runde spazierengehen oder mir ein Eis kaufen – einfach raus aus dem Thema. Aber gleichzeitig erlebe ich das als unglaublich gewinnbringend und bereichernd – auch für mein eigenes Leben. Und diese Erfahrungen, die ich mache – sowohl mit Betroffenen als auch mit Profis -  sind einfach toll.

Wie gehen denn die Profis damit um?

Meike Wengler: Überraschend lebensnah. Ich weiß noch genau: Unsere ersten Beiratssitzungen... – ich habe selten soviel gelacht! Und das ist ganz, ganz toll, aber das hat mich überrascht. Dieses Thema so zu betrachten, dass man auch drüber lachen darf, wir heißen ja nicht umsonst Leben und Tod. 

Die erste Leben und Tod war 2010. Haben Sie vorher schon Messen organisiert?

Meike Wengler: Ich bin jetzt fast 15 Jahre bei der Messe Bremen. Vorher habe ich die Bremen Classic Motorshow begleitet. Ich wollte auch schon mal eine Pferdemesse machen, das wollte mein Chef aber nicht so gerne (lacht). Leider, ich bin leidenschaftliche Reiterin. Aber letzten Endes bin ich ganz froh drüber, denn sonst würde es die Leben und Tod nicht geben..

Und wie ist der Name entstanden? Ich fühle mich da immer etwas an Douglas Adams erinnert: „Das Leben, das Universum und der ganze Rest…“-  heißt ja eines der Bücher aus der „Per Anhalter durch die Galaxis“-Reihe.

Meike Wengler: Tatsächlich haben wir uns da ganz viele Gedanken drüber gemacht und 
haben vieles gefunden, was wir nicht wollen. Irgendwann kam dann - auch in Zusammenarbeit mit unserer Agentur, die uns berät - so der Gedanke auf: Wir können doch eigentlich genau sagen, worum es geht – es geht  um Leben und Tod. Das hat es aber am Anfang schwergemacht.

Wieso? Hat es potentielle Besucher abgeschreckt – oder ferngehalten?

Meike Wengler: Ja, es gibt zwei Punkte, die unsere Arbeit schwermachen. Das ist erstens der Name: Es schreckt ab, sobald das Wort „Tod“ irgendwo steht, da gehen bei ganz vielen Leuten die natürlichen Rolläden runter. Und das Zweite ist der Zeitpunkt. Im Mai! Medial betrachtet ist das der Ober-GAU. Wenn wir im November stattfinden würden, so rund um den Totensonntag, wäre das der optimale Zeitpunkt, da gäbe es viel mehr mediale Aufmerksamkeit rund um das Thema Tod. Aber im Mai will das Thema ja eigentlich keiner haben. Da geht es dann um Mode, Blumen, Grillen, Draußensein, sowas… Wir haben damals aber gesagt: Nee, gerade nicht! Im Mai wird tastächlich mehr gestorben als im November. Das macht es zwar nach wie vor schwer für uns, manchmal verfluche ich das auch, aber die Rückmeldungen von den Profis bestärken uns da. Die sagen nämlich auch: Das ist total richtig.

Sie sind ja auch in ihrer ganzen Gestaltung weniger staatstragend unterwegs. Man könnte ja beim Thema Tod eher ein schwarzes Logo vermuten. Oder wenigstens tiefblau. Haben Sie aber nicht.

Meike Wengler: Orange und  Grün, genau, so lebensbejahende Farben, das war auch wichtig. Zuerst haben wir tatsächlich mit einem verschämten Hellblau angefangen. Wir wussten einfach noch nicht, was wir uns trauen können. Aber mit der Zeit sind wir mutiger geworden. Auch zu sagen: Es geht um Leben und Tod – Ausrufezeichen. Das ist uns wichtig. Da darf - ja, muss - man auch provokant sein. Ich betone aber immer wieder: Wir gehen auf keinen Fall flappsig mit dem Thema um. Ich habe den größten Respekt vor diesem Thema. Und wie gesagt: Ich muss manchmal auch rausgehen oder weine auch, weil mich ein Schicksal berührt…

Wenn Sie an die erste Messe 2010 zurückdenken – wie war das so?

Meike Wengler: Geprägt von ganz viel Unsicherheit, weil wir mit dem Thema noch nicht so firm waren, wir kamen ja alle nicht aus diesem Bereich und wussten nicht, ob überhaupt jemand kommt, wer da kommt und wie es wird. Beim ersten Mal gibt es auch noch nichts, auf das man sich verlassen  kann, es gibt keine eingespielten Routinen. Das ist extrem stressig. Wir waren auch sehr schüchtern in der Außenkommunikation. Aber da war auch viel Aufbruchstimmung, weil es sowas noch nie gegeben hatte und weil die, die kamen, uns rückmeldeten, dass sie sehr dankbar waren dafür.

Und der Stressfaktor heutzutage?

Meike Wengler: Es ist immer noch stressig, klar. Ich habe auch immer noch Schnappatmung morgens wenn ich aufwache und denke, ohje, nur noch wenige Wochen. Und ganz schlimmes Lampenfieber, ganz schlimm. Aber es gibt so Routinen, man weiß, wann was dran ist, wann was gebucht werden muss, das macht es alles etwas leichter.

Wenn man Sie so erlebt, wie Sie am ersten Messetag die Anmoderation machen, ist das aber nicht zu spüren.

Meike Wengler: Doch, ich bin immer noch sehr aufgeregt. Ich bin bei jeder Veranstaltung mein kritischster Besucher und hoffe immer, dass alles gut ist. Man kann es nicht allen recht machen. Es gibt immer kritische Stimmen. Manchmal für merkwürdige Dinge, manchmal berechtigt. Aber wir sind immer extrem daran interessiert, es richtig, richtig gut zu machen. Es ist halt unser Baby, und wir stecken all unser Herzblut in die Organisation!

Im Vorgespräch haben Sie gesagt: Nach der Messe ist vor der Messe. Sind Sie schon bei den Planungen der kommenden Jahre?

Meike Wengler: Ja, wir haben schon lange Vorläufe – viele Referenten haben dermaßen volle Terminkalender, da muss man schon gut im Voraus planen. Es ist dann manchmal ganz schön schwierig, zwischen den Themen zu jonglieren. Im nächsten Jahr wollen wir uns  „Mit Leib und Seele“ befassen und im übernächsten Jahr, zu unserem 10-jährigen Jubiläum mit „Am Anfang und am Ende….Leben!“ . Wir haben schon das ganze Jahr gut zu tun, aber wir sind ein kleines und sehr menschlich aufeinander eingespieltes Team und sehr kreativ, da macht das Arbeiten echt Freude. Bei uns wird echt viel gelacht – ein Kollege hat mal gesagt: Das ist das fröhlichste Team in der Messe Bremen. Ich denke, das muss auch so sein, wenn man so ein Thema macht.

Zwei Jahre im Voraus… Sind die Themen immer so langfristig geplant? 2016 haben Sie ja genau auf Höhe der Zeit das Flüchtlingsthema bedient, wo viele Besucher – ich auch - gesagt haben, was für ein Volltreffer. War das reiner Zufall?

Meike Wengler:  Das war ein totaler Zufall! Das Thema war ein Jahr vorher festgelegt worden. Dass im Herbst vorher diese Flüchtlingskrise entstand, spielte uns in die Karten, war für uns aber gar nicht vorauszusehen. In einem Fall waren wir auch zu früh dran: Ich habe mit einer Trauerbegleiterin gesprochen, die hat eine koptische Christin und eine Syrerin in der Ausbildung bei sich, aber die waren noch nicht fertig und konnten noch nichts dazu erzählen. Das war total schade und da waren wir vielleicht ein bisschen zu schnell… 

Das Fazit für die "Leben und Tod 2017" fällt übrigens mehr als positiv aus - wie die Bremer Messe am 15. 5. in einer Pressemitteilung schrieb, waren selbst die Organisatoren rund um Meike Wengler überrascht vom Ergebnis: 4336 Besucher kamen demzufolge zur achten Auflage der Messe - 510 mehr als im Vorjahr (3826). Für den Fachkongress registrierten sich in diesem Jahr 1305 Besucher. Das ist ein Plus von mehr als 50 Prozent gegenüber 2016 (856) - also noch deutlich mehr als der von Meike Wengler in unserem Interview prognostizierten 30 Prozent. 

Und der Termin für die Messe Leben und Tod 2018 steht auch schon fest: Sie findet am Freitag und Samstag, 4. und 5. Mai 2018, statt. 


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: So funktioniert der Trauer-Chat im Internet; ein Modell, das immer erfolgreicher wird - Interview mit dem Macher & Moderatoren

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde in einer Verlustkrise alles so tun und warum einem das nicht peinlich sein sollte

Und im Kultur-Blog des Autors: Genug gemeckert, wir sollten froh sein über unsere Theater - eine Liebeserklärung und eine Lobpreisung zum Welttheatertag