Montag, 1. August 2022

Warum ich die Frage nach Trauer als Krankheit inzwischen anders beurteile als noch vor wenigen Jahren - was sich seit Januar 2022 für Ärzte und Trauernde verändert hat - der neue Code, um den es geht, heißt "6B42" (Anhaltende Trauerstörung) - warum Trauernde manchmal als "krank" gelten wollen, salopp formuliert

Osnabrück - Seit Anfang 2022 ist also Realität, was vielen Fachleuten lange Zeit ein Dorn im Auge war, ja, was teilweise sogar mit einem großen Eifer regelrecht verteufelt wurde. Überspitzt formuliert: Trauer ist jetzt offiziell als "Krankheit" anerkannt. Auch ich habe lange Zeit gegen diese Einführung argumentiert - und habe dann immer wieder feststellen müssen, dass viele Menschen meinen Standpunkt gar nicht verstanden haben - oder ihn fundamental anders gesehen haben. Und zwar vor allem Trauernde. Das hat mich nachdenklich gemacht. Inzwischen glaube ich: Vielleicht sollten wir das Thema "Trauer als Krankheit" einmal aus einer anderen Perspektive beleuchten und nochmal drüber nachdenken.

Das Folgende ist mir öfter passiert, wenn es um die Frage nach Trauer als Krankheit ging: Ich habe viel erzählt. Viel argumentiert. Habe gesagt, dass Trauer nicht als Krankheit gesehen werden dürfte, dass es eine ganz natürliche Reaktion ist. Und danach habe ich oft in ratlose Augen geguckt. Denn der Standpunkt der Betroffenen lautete, manches Mal, trotz allem: Wieso darf Trauer denn keine Krankheit sein, wieso darf ich denn bitte nicht wegen Trauer als krank(-geschrieben) gelten - wir fänden das durchaus begrüßenswert? Und wieso nicht sofort, wieso denn erst nach mehreren Monaten? Hmmja... Das hat mich nachdenklich gemacht. Aber gucken wir uns zunächst mal etwas Anderes an: Was hat sich denn überhaupt verändert? Denn um zu verstehen, worum es hier wirklich geht - und was das alles zudem mit Computerspielsucht zu tun hat - müssen wir ein bisschen weiter ausholen...


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Seit dem 1. Januar 2022 gilt in deutschen Arztpraxen ein neues Regelwerk, nämlich der "ICD 11". Dabei handelt es sich um ein Verzeichnis aller Krankheiten, sozusagen. Herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation WHO und in regelmäßigen Abständen überarbeitet, lassen sich in diesem Katalog die international geltenden Klassifikationen aller derzeit bekannter Krankheiten finden, ausgedrückt in Zahlencodes. Mit denen hatte jeder von uns schon einmal zu tun: Denn die Codes, die in der ICD geregelt sind, werden auf den so genannten gelben Schein aufgedruckt. Die Abkürzung ICD steht für "International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems", es handelt sich also um einen weltweit genormten Standard. Jetzt ist eine Neuauflage davon in Kraft getreten.

Ebenfalls neu ist die "Computerspielsucht" 

Hintergrund sind neue oder sich verändernde Krankheitsbilder, die in der Neuauflage mit aufgenommen worden sind. So lassen sich in der ICD-11 beispielsweise die bislang nicht als Krankheit anerkannte "Computerspielsucht" (6C50.0) oder eine "zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung" (6C72) finden, gleichermaßen gibt es jetzt genauere Abstufungen beim Burn-Out-Syndrom. Auch für Trauer gab es bislang keinen eigenen Diagnoseschlüssel, was sich mit der Neueinführung geändert hat.



Wobei es dabei nicht um Trauer allgemein gilt, sondern genauer gesagt um die so genannte verkomplizierte Trauer, die auch als "Anhaltende Trauerstörung" definiert wird (6b42). Wenn ein Arzt diese Diagnose stellt, kann sich ein Betroffener zu einem Psychologen und in eine Therapie überweisen lassen (und leider noch nicht zu einem Trauerbegleiter - weil noch nicht von Krankenkassen anerkennt). Aber: Ab wann hat sich eine Trauer zu einer "verkomplizierten Trauer" gewandelt? Im ICD steht dazu, knapp zusammengefasst: Immer dann, wenn ein Mensch länger als sechs Monate unter sehr heftigen durch die Trauer verursachten Symptomen leidet. Dazu kann gehören: Eine enorme Sehnsucht nach den Verstorbenen, Anzeichen von anhaltenden Konzentrationsschwächen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, etc. Als Leitfaden gilt die Unfähigkeit, wieder in einen geregelten Alltag zurückzukehren. 

 
Sechs Monate sind nicht lang genug


Hier sagen die meisten Fachleute, so auch ich (auch weiterhin): Das ist zu früh. Auch wenn unbestritten ist, dass sich Trauer verkomplizieren kann und dass diese so genannten prolongierte Trauer besser professionell angesehen und besprochen werden sollte, reichen sechs Monate als Zeitraum für eine solide Diagnose nicht aus. Aus zwei Gründen. 




Erstens, weil das wichtige "erste Jahr" nach dem Todesfall noch gar nicht abgelaufen ist. Dabei sind genau diese ersten zwölf Monate nach dem Tod eines Menschen für die Hinterbliebenen von einer besonderen Bedeutung. Sind sie doch gefüllt mit zahlreichen "ersten Malen", für die es jeweils noch keine Lernerfahrungen gibt: das erste Mal Todestag, das erste Mal Geburtstag der verstorbenen Person(en), das erste Mal Weihnachten, etc. Und zweitens, weil sehr viele Trauernde davon berichten, dass sich erst im zweiten Jahr, also nach wenigstens zwölf Monaten (und mehr), erste merkliche Veränderungen bei ihnen eingestellt hätten. Bei manchen mehr, bei manchen weniger. Überhaupt müssen wir an dieser Stelle mit Pauschalisierungen sehr vorsichtig sein. Denn die Grundlage ist immer: Es gibt nicht die eine Trauer, die immer gleich verläuft - Trauer ist ein hochindividueller Prozess. Anders gesagt: Es gibt nur Deine Trauer, Deinen Weg. Jeder muss seinen eigenen gehen. 
  

Menschen wollen die Bestätigung: Ausnahmezustand!


Ein weiterer Grund, warum es soviel Empörung über die Frage nach "Trauer als Krankheit" gegeben hat: Weil die meisten Trauerbegleiter ebenso wie die in der Hospiz- und Palliativszene engagierten Menschen davon überzeugt sind, dass Trauer ein ganz normaler, ganz natürlicher und keinesfalls krankhafter Prozess ist. Schon gar nicht sollte Trauer eine "Störung" gewertet werden. Dieser Meinung hatte ich mich lange vollumfänglich angeschlossen. Aber ich bin damit nicht zu den Menschen durchgedrungen, die mitten in diesen Prozessen stecken. Denn in deren Erleben drehte sich die Argumentation wieder um: Eben weil sie ihre Trauer über weite Strecken als zu stark erlebten, als unaushaltbar, eben weil die Trauer sie in ihrem natürlichen Sein behinderte, erlebten sie das gerade als enorm belastend - und damit durchaus als störend. Gleichzeitig handelt es sich um ein Leiden, das von den Wenigsten wirklich gesehen wird, geschweige denn anerkannt, zumal über einen so langen Zeitraum wie ein Jahr und mehr. Auch das stört. Und genau deswegen wünschen sich die Menschen oft, die Trauer möge bitte ein Siegel bekommen, eine offizielle Legitimation, ein Amtsschreiben, das allen anderen dokumentiert: Jawohl, haben wir geprüft; ist vorhanden; ist sehr belastend, diesen Menschen geht es tatsächlich eher schlecht, Stempel drauf, können wir bestätigen.




Folgen wir einmal dieser Logik, stößt die bislang versuchte Gegenargumentation - nein, Du bist nicht krank, nein, Trauer ist niemals eine Krankheit - unter Umständen in genau das falsche Horn, weil sie den oben beschriebenen Wirkmechanismus wieder entkräften könnte.  Und so gesehen müsste man nochmal ganz neu denken: Warum gibt es keinen ICD-Code für durch Trauer verursachte Erstsymptome, die sofort gelten, wenige Tage nach dem Todestag bzw. dem Auslöser für die Trauer? Warum können sich Menschen nicht binnen der ersten drei Monate offiziell als durch Trauer arbeitsunfähig einordnen lassen? Wäre das nicht der viel richtigere Schritt? Müssten wir alle aus dem Kontext von Trauerbegleitung, Hospiz- und Palliativbewegung, die wir dies bislang so eingeordnet haben, ggf. ebenfalls nochmal neu denken?

WHO, wir haben da vermutlich ein Problem. #ICD12, könnten wir schon mal reden, wir beiden....? Also so ganz unter uns...? 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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