Mittwoch, 4. April 2018

Menschen können wieder lernen, Trauernden unbefangen zu begegnen - ein neues Buch holt Trauernde bei ihren Bedürfnissen ab und macht sich für eine neue Trauer- und Bestatungskultur in unserer Gesellschaft stark - und einer der beiden Autoren: Ist ein Bestatter!

Das neue Buch von Sabine Bode und David Roth.   (Thomas-Achenbach-Fotos)

Osnabrück/Bergisch Gladbach - Wir brauchen eine neue Trauer- und Bestattungskultur in unserer Gesellschaft. Wir brauchen wieder eine gemeinsame Sprache für diese Dinge, ein gemeinsames Verständnis und neue, uns alle verbindende Rituale.  Nun gibt es ein neues Buch, bei dem David Roth einer der beiden Autoren gewesen ist und das diese These noch einmal ausführlich umtermauert. Es geschieht mir selten, dass mich ein ganz neu erschienenes Buch so dermaßen – mit dem Wort bin ich sonst extrem vorsichtig - begeistert, dass ich meine kritische Distanz verliere, aber bei diesem Buch ist es tatsächlich so. Daher hier als Tipp allen Lesern meines Blogs ans Herz gelegt. 

"Es wird selten bedacht, dass ein Todesfall in der Familie - genau wie die Geburt eines Kindes - immer einen Wendepunkt darstellt. Kommt der Tode ohne jede Vorwarnung ins Haus, sind die Auswirkungen noch gnadenloser... (...) - Eine Krise ist also unvermeidbar. Und in Krisen braucht man Geduld, nicht nur als Hinterbliebener, sondern auch als Person, die sich einem Trauernden eng verbunden fühlt.." - Es sind Absätze wie diese, die mich dieses Buch so mögen lassen: Mit viel Wärme und Verständnis für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise geschrieben, gehen Sabine Bode und David Roth nicht nur auf die dann entstehenden Bedürfnisse ein, sondern beschreiben immer auch einen besseren Weg des Umgangs damit als ihn unsere Gesellschaft derzeit beschreitet. Denn was immer wieder ausbricht, wenn es um Trauer geht: Hilflosigket. "Aber diese Hilflosigkeit muss kein Dauerzustand sein", heißt es dazu im Buch: "Menschen können wieder lernen, Trauernden unbefangen zu begegnen. Und Hinterbliebene können lernen, in der Zeit der Trauer ihre eigenen Bedürfnisse zu entdecken." Ja, so ist das. Wenn das gelingt, macht es zwar meine Profession - die eines ausgebildeten Trauerbegleiters - weitestgehend überflüssig, aber das gemeinsame Ziel wäre das wert, oder?


Eine Trauerfeier, die so ganz anders war - warum nicht?


Die Autorin Sabine Bode – vielen vielleicht schon bekannt als Autorin-/Stimmrohr der Kriegskindergeneration – und der Bestatter David Roth, der Sohn des gestorbenen Bestatter-Revoluzzers Fritz Pütz aus Bergisch Gladbach, haben dieses Buch mit dem Titel "Das letzte Hemd hat viele Farben" geschrieben. Es ist: Eben nicht mehr und nicht weniger als ein Plädoyer für eine ganz neue Trauer- und Bestattungskultur in der Gesellschaft. In dem Buch erzählt Sabine Bode beispielsweise die Geschichte eines Paares, das sein lange erwartetes Baby durch den plötzlichen Kindstod verloren hat. Nach einer Trauerfeier, die mit allen gängigen Vorstellungen gebrochen hat (bunt, kindsgerecht, mit Kinderliedern), stellen die Eltern ein Vogelhäuschen auf das Grab und lassen Meisen darin ein- und ausziehen, weil die Meisen schon vorher eine wichtige Rolle gespielt haben im gemeinsam geteilten Leben. "Noch Monate nach der Beerdigung wird die Mutter dem Bedürfnis nachgeben, ihrem toten Kind hin und wieder aus einem Bilderbuch vorzulesen". Und dabei ist es den Eltern recht egal, ob ihr Verhalten Kopfschütteln auslöst - was es natürlich tut. Aber eben: Nicht mehr tun sollte. Denn wie normal solch ein Verhalten in einer Trauer- und Verlustkrise ist - das aufzuzeigen ist immer wieder auch Credo und Botschaft dieses Blogs hier, insofern sind sich dieses Buch und mein Blog in ihrer Aussage recht ähnlich. Und es gibt noch mehr Entdeckenswertes.




Denn immer wieder geht es in dem Buch auch um eine neue Bestattungskultur. Okay, da hat David Roth natürlich, so gesehen, leichtes Spiel, bietet er doch mit dem bereits von seinem Vater geprägten "Haus der menschlichen Begegnungen" die Blaupause für ein Treff- und Bestattungshaus moderner Ausprägung. Und doch gehen die Gedanken des Buches eben einen Schritt weiter, wenn Sabine Bode das in unserer Gesellschaft zelebrierte "Unsichtbare Sterben" und den generell "Unsichtbaren Tod" beklagt. Dass dieses Ausweichen und Wegducken vor dem Tod rasch zu einer generellen "Unfähigkeit zu trauern" führen kann, ist die eine weitere These des Buches - die die beiden immer wieder zu beweisen verstehen. Dabei stellen sie oft fest, dass es gar nicht viel bräuchte, um schon Veränderungen einzuleiten. Oft reichen kleine Details schon aus. Aber was ist, wenn eine neuer Trauerkultur bei allen anderen eben Kopfschütteln und Unverständnis hervorruft? Wenn es andere stört, Nachbarn, Familie, Freunde, weil dann vielleicht getuschelt wird? Dann ist das eben so, hatte David Roth noch 2017 auf der Messe Leben und Tod in Bremen gesagt. „Ich bin kein Freund von dem Begriff Pietät“, sagt David Roth dazu, „weil Pietät nur bedeutet, dass uns Dritte vorschreiben, was richtig ist." Diese Einstellung findet sich ebenfalls im Buch: Es ist die Ermutigung an alle Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise, konsequent ihren ganz eigenen Weg zu gehen und ihren eigenen Gefühlen nicht nur zu vertrauen, sondern auch zu folgen... 

"Das letzte Hemd hat viele Farben" ist erschienen im März 2018 im Lübbe-Verlag als Hardcover, 215 Seiten, 18 Euro. 


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Dienstag, 6. Februar 2018

Die merkwürdige Beständigkeit der Gegenstände - wie kann es bloß sein, dass Dinge die Menschen überleben?



Der alte Henkelmann meines Urgroßvaters Adolf Achenbach, mit dem er jeden Tag in Dortmund-Hörde auf Schicht gegangen war - manche Gegenstände werden von Generation zu Generation weitergereicht. Auch wenn das kurz nach dem Tod nicht so klar ist.    (Thomas-Achenbach-Foto)

Osnabrück - Ich weiß noch genau, was ich nach dem Tod meiner Mutter am merkwürdigsten fand... Fast bizarr: Dass all diese Gegenstände noch da waren, so wie immer, aber ihre Benutzerin nicht mehr. Zwar war ich schon längst zuhause ausgezogen und, wenn ich mal in meinem Elternhaus war, dann dort eben als Gast zu Besuch. Aber die Dinge, die es dort gab, waren mir natürlich seit Kindertagen wohlvertraut. Jedes Mal, wenn ich dort so einen Gegenstand gesehen habe wie beispielsweise die Nähmaschine, eine alte Haarbürste oder diese flachen Plastikbehälter mit den Nadeln oder Reißzwecken darin, stellte sich ein ganz komisches Gefühl ein. Dass die Gegenstände so eine Beständigkeit haben weit über den Tod hinaus, ist einerseits logisch, es sind eben Dinge - andererseits aber, auf der Gefühlsebene nämlich, ist es absolut nicht zu verstehen. Und aus vielen Gesprächen mit Trauerndenweiß ich inzwischen: So geht es vielen Menschen in einer Verlustkrise.

Der Prozess entwickelt sich so schleichend, dass wir es gar nicht aktiv mitbekommen: Da haben wir über viele Jahre erlebt, wie ein Mensch einen Gegenstand benutzt hat - und haben dabei kaum bemerkt, wie sehr beides für uns zu einer Einheit verschmolzen ist, die so etwas wie eine Unauflöslichkeit darstellt. Gegenstand und Mensch sind irgendwie eines, sind zusammengehörig. Entfernt man nun einen wesentlichen Teil dieser Symbiose, wirkt das Ganze irgendwie unfertig, fast ungehörig. Denn plötzlich soll das alles irgendwie weiter existieren, ohne seinen zweiten Teil, ohne das Gegenstück? Nur weil dieses Gegenstück sich als tausendfach empfindlicher, weil menschlicher, als eben ein Gegenstand erwiesen hat? Wie soll man DAS denn bitte in den Kopf kriegen? Denn als Barriere davor steht immer noch: Diese Unauflöslichkeit, die nicht zu kappende Verbindung des Dings mit dem Menschen, der es benutzte. 


Nur noch ein altes Paar Schuhe..... sind sie ohne Träger noch etwas wert? Für Menschen in einer Verlustkrise durchaus. Wegwerfen geht da nicht so einfach. Und das ist völlig okay so.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Wie sehr müssen Eltern wohl leiden, die ein Kind verloren haben und die dann vor all diesen Dingen stehen. Spielzeug. Malstifte. Alles, was mal eine Einheit gebildet hatte mit seinem Benutzer. Das zu sehen ist brutal für eine menschliche Seele, na klar, das kann einen innerlich zerreißen. Die Gegenstände wecken zwiespältige Gefühle. Manches Mal erzeugen Sie einen beißenden Schmerz - weil sie plötzlich alljene Bilder in unserem inneren Kopfkino antriggern, die den verlorenen Menschen beim Benutzen der Gegenstände zeigen. Dann wieder nerven sie uns einfach nur. Denn anstatt irgendeine Form von neuem Eigenleben zu entwickeln - wie auch? - tun sie das, was Dinge eben tun: Sie erzeugen durch ihr stumpfsinniges Einfachvorhandensein eine Form von Kümmerungsbedürfnis. Denn das ist ja das allergrößte Problem von Gegenständen - nicht nur in einem Trauerfall, auch sonst: Sie stellen Forderungen. Sie wollen benutzt werden oder wenigstens gut aufgeräumt. Doch gerade das geht oft nicht, wenn eine Trauerkrise über uns hereingebrochen ist. 


Das Umfeld drängt zum Wegschmiss - aber das wäre zu früh


So werden die Gegenstände oft zum Streitpunkt unter Angehörigen. Da liegen auf einmal Dinge in den Schränken, die keine Funktion mehr erfüllen. Wochen, Monate, oft auch Jahre liegen diese Dinge da und nehmen ihren Platz ein. Klar, dass allzu schnell die Forderung laut wird "Das könnt ihr jetzt aber mal wegschmeißen oder weitergeben, oder?" Aber das ist nicht so leicht - Menschen in einer Verlustkrise kommt es oft genauso vor, als würden sie dann den geliebten, gestorbenen Menschen erneut wegschmeißen. Und wer kann das schon? Was es stattdessen braucht: Eine neue Bindung an den gestorbenen Menschen zu finden. Eine, die nicht (mehr) über Gegenstände funktioniert. Aber das geht alles - nicht so leicht. Nicht so schnell. Und solange es sie nicht gibt, wird sie eben bleiben: Die Beständigkeit der Gegenstände. Auch das - gehört dazu


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Dienstag, 5. Dezember 2017

Was kann ich Eltern sagen, die ein Sternenkind zur Welt bringen mussten? - Tipps zum Umgang mit Eltern nach der Geburt eines toten Kindes ("stille Geburt") - Und: Warum trauernde Eltern sich oft nicht zu trauern trauern

Osnabrück - Es ist eine sehr berührende Aktion, aber sie macht auch eindrucksvoll deutlich, was Menschen in Trauerkrisen so durchmachen müssen: Mitten im Dezember leuchtet ein Licht für all die Kinder, die zu früh von dieser Welt gehen mussten bzw. als totes Baby, also als Sternenkind, auf die Welt kamen. Für alle Eltern, die ein Kind auf diese Weise verlieren mussten, gibt es immer am 2. Sonntag im Dezember das "World Wide Candle Lighting". Leider ist der Verlust eines Babys vor oder während der Geburt immer noch eine der größten Formen von nicht anerkannter Trauer - "Du kannst ja noch so viele Kinder haben", bekommen die Eltern oft zu hören. Das ist ein Schlag in die Magengrube. Dass die eigene Trauer nicht gesehen oder nicht wahrgenommen wird, tut besonders weh. Aber was ist hilfreich? Was kann man Eltern sagen, die ein Sternenkind auf die Welt bringen mussten?

Wie die dpa (Deutsche Presse-Agentur) im Februar 2016 schrieb, gibt es Schätzungen zufolge bundesweit jährlich zwischen 100 000 und 200 000 Fehlgeburten. Aber noch viel wichtiger „Anders als bei Totgeburten – das sind Föten über 500 Gramm – besteht keine Meldepflicht. Die Anzahl der Kinder, die mit weniger als 500 Gramm lebend zur Welt kommen und dann sterben, ist nicht bekannt“, so schrieb es die dpa weiter. Tatsächlich gibt es eine große Dunkelziffer, weil sich Eltern von Sternenkindern auch selten in die Öffentlichkeit trauen. Was schade ist, denn ihr Leid ist oft groß. Was also kann helfen im Umgang mit Eltern, die ein Kind noch im Mutterbauch verlieren müssen? Oder während der Geburt - oder kurz danach? Denn all diese Dinge kommen vor... 


Das Schlimmste, was werdenden Eltern geschehen kann.... (Thomas-Achenbach-Foto)

Wichtig ist vor allem, sich zu verinnerlichen: Jedes gestorbene Kind, egal in welcher Phase, ist eine emotionale Katastrophe für die Eltern. Es ist dabei ganz egal, ob das Kind erst ein Embryo von acht Wochen war oder ein drei Jahre altes Kindergartenkind. Das Kind hatte einen Namen, soviel ist sicher. Es hatte ein Kinderzimmer, in dem es wohnen sollte (oder, später, gewohnt hat). Und so ist das Wichtigste im Umgang mit Eltern, die ein Kind verlieren mussten, ihnen das zu spiegeln: Dass es sich dabei immer um den Verlust von etwas Unersetzlichem handelt. Dass ihr Schmerz so tief sein darf, wie er sich anfühlt. Dass das dazugehört. Dass sie sich aber völlig zu Recht als Eltern fühlen dürfen, als Eltern eines Kindes, auch, wenn dieses leider nicht lange leben durfte. Was ebenfalls gut tun könnte: 


Jedes Kind hat einen Namen - also nennen wir ihn


Das Kind, wenn bekannt, bei seinem Namen nennen. Es ist eben nicht einfach nur "das Baby", sondern es war ein kleiner Mensch mit einem eigenen Namen. Bestimmt auch schon mit einem Zimmer, in dem er hätte wohnen sollen. Wem es gelingt, das Kind beim Namen zu nennen, der tut den Eltern von Sternenkinder vermutlich einen großen Gefallen. Denn darin schwingt die Anerkennung mit, dass eben ein "vollwertiger Mensch" leider viel zu früh wieder gehen musste. Und ansonsten gilt im Umgang mit trauernden Eltern genau das, was allgemein im Umgang mit Menschen in Trauer gilt... Nämlich: 


Wiederholungen aushalten - und die Stille auch


Keine Angst vor der Stille haben. Auch gemeinsames Schweigen kann hilfreich sein. Es ist wichtiger, bei den Trauernden zu sein, als vor der Stille zu flüchten oder sie mit allzu vielen Worten auszukleiden zu versuchen. Wenn etwas gesagt wird, kann es durchaus sein, dass es sich dabei oft um das Gleiche handelt. Vielleicht sogar wieder und wieder und wieder. Das ist normal und gehört dazu. Wiederholungen auszuhalten ist wichtig im Umgang mit Menschen in einer Verlustkrise. Denn das ist kein Zeichen von Stillstand, sondern im Gegenteil ein wichtiger Bestandteil des Prozesses. Denn es hilft den Menschen dabei, sich einem Begreifen anzunähern - einem Begreifen von etwas eigentlich ganz Unbegreifbarem. Und ein ganz wichtiger Tipp: 


So wird es am Sonntag. 8. 12. 2019, wieder in meinem Bürofenster aussehen: Eine Kerze leuchtet als Bestandteil des weltweiten Lichtbands am "World Wide Candle Lighting" - aus Solidarität mit allen, die betroffen sind.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Es ist hilfreich Trauernden möglichst nicht die eigenen Erfahrungen mit Tod und Trauer mitteilen zu wollen oder gut gemeinte Tipps geben zu wollen, mag die Versuchung auch sehr, sehr groß sein (das ist sie durchaus, selbst mir geht das manchmal noch so, das ist ja nur menschlich!). Vorsicht gilt vor allem vor allen Killerphrasen: Die Zeit heilt alle Wunden. Oder: Da wirst Du schon noch drüber wegkommen. So gut gemeint all das auch ist, es hat doch den gegenteiligen Effekt: Es versucht die Gefühle abzuschwächen, die Trauer milder zu machen als sie ist. Aber Trauer darf wild sein und einen durchschütteln, sie darf einen zu Boden drücken und einen so wütend machen wie kaum etwas anderes. Das gehört alles dazu. Das ist okay so. Wenn Sie gar nichts zu sagen wissen, sprechen Sie das einfach an - "mich macht das so sprachlos" ist allemal besser als "Du kannst ja noch andere Kinder haben". Und als kleines Zeichen: Zünden Sie am Tag des "World Wide Candlelightings" eine Kerze an für die verstorbenen Kinder, stellen Sie sie in ihr Fenster (und schicken vielleicht den Eltern davon ein Handyfoto). Als kleines Zeichen des Mit-Gedenkens und Mit-Trauerns und des Mit-Gehens auf einem der schwierigsten Wege, die das Leben bieten kann


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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer - 77 Rituale und Impulse" (Patmos-Verlag)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag)
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Ist Trauerbegleitung ein echter Beruf? Kann man von Trauerbegleitung leben? Und wie werde ich überhaupt Trauerbegleiter?  

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie lange darf Trauer dauern? Ist es normal, wenn es jahrelang weh tut? Und ab wann wird trauern krankhaft?

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde alles so vermeintlich "Merkwürdiges" tun und warum das nicht peinlich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

Ebenfalls auf diesem Blog: Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines Menschen - was mache ich damit und warum ist das so hart?

Ebenfalls auf diesem Blog: Professionelle Gesprächsführung mit Menschen in einer Krise - was wir von der Spiegeltechnik fürs Leben lernen können

Ebenfalls auf diesem Blog: Wir sind auf dem Weg in eine Sterbegesellschaft - Zahlen, Fakten und Daten darüber, wir eine gute Trauerkultur brauchen werden  

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer ein Kind verloren hat, sollte nicht arbeiten gehen müssen - was wir von einer britischen Rechtsprechung lernen können 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

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Dienstag, 24. Oktober 2017

Bitte nehmt immer auch die Kinder mit - ans Sterbebett, ins Krankenhaus, ins Hospiz... überall dorthin, wo sie sehen und begreifen können - was wir aus dem Roman "Sieben Minuten nach Mitternacht" Wichtiges fürs Leben und Sterben lernen können

Osnabrück (eb) - Keine Sorge: Zum Lesen dieses Blogbeitrags sind keine fundierten Kenntnisse des Buches "Sieben Minuten nach Mitternacht"nötig. Eigentlich reicht für unseren Kontext diese kurze Zusammenfassung: In dem Roman geht es um den 13-jährigen Jungen Conor, dessen Mutter unheilbar an Krebs erkrankt ist und ins Krankenhaus muss. Der Vater hat die Familie schon vor längerer Zeit verlassen, Conor schmeißt erst alleine den Haushalt und lebt später bei der Großmutter. Die ihn aber meist zuhause lässt und ihre Zeit im Krankenhaus verbringt. Denn keiner - weder Vater, noch Großmutter, noch die Mutter selbst - traut sich, dem Jungen die Wahrheit zu sagen: Dass die Mutter sicher sterben wird. Bald sogar. Wie sich alles um diesen Kardinalfehler windet und welche psychologischen Folgen das haben kann, stellt das Buch als berührende Monstergeschichte heraus - und daraus lässt sich eine Menge lernen. Kurz gesagt: Keine falsch verstandene Schonung. Nehmt die Kinder mit.

"Nicht dabei sein, macht die Sache nicht besser". In diesen simplen Worten fasst die Familientrauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper zusammen, worum es geht. Sie erzählt auf ihrer Facebookseite die bewegende Geschichte - eine echte Geschichte, anders als die von Conor - vom fünfjährigen Konrad, der mit dem ganz plötzlichen Herzinfarkt und nahenden Tod seiner Mutter konfrontiert ist. Und wie er dann mit seinem Papa in das Krankenzimmer geht und sich von der Krankenschwester genau alle Schläuche erklären lässt. Aber darf man Kindern sowas zumuten? Ist das nicht grausam?


(Foto: Thomas Achenbach)

Nun ja, was wäre denn die Alternative? Dass die Kinder zuhause sitzen und nicht miterleben können, was los ist? Und dann stehen sie plötzlich vor so einem Holzding und verstehen die Welt nicht mehr...? Klar, keiner versteht die Welt, wenn es um den Tod geht. Aber was für die Erwachsenen gilt, ist für die Kinder genauso wichtig. Vielleicht noch wichtiger:


Wir Menschen müssen begreifen lernen - auch die Kleinen


Wenn wir begreifen wollen, müssen wir erleben können. Den toten Körper zu sehen und anzufassen, das können sich viele kaum vorstellen (ging mir genauso und ich habe es auch nicht getan - aber immerhin war ich dabei, mit im Raum, als meine Mutter starb). Dabei sein zu dürfen, wenn der Tod eintritt, das kann manchmal auch ein Geschenk sein, es kommt immer auf die jeweilige Situation drauf an. Und manche Eltern, die ihren Kinder sowas zugemutet haben, berichten von ganz überraschenden und erstaunlich guten Erfahrungen, die sie damit gemacht haben. Wobei mir ganz, ganz wichtig ist, dass wir die Kinder nicht einfach dorthin zwingen, ans Sterbebett oder zu der gestorbenen Person - sondern sie selbst fragen, ob sie sich das vorstellen könnten und ob sie dorthin möchten. Das kann hilfreich sein für sie, wenn die Faktoren stimmen. 

Inzwischen ist "Sieben Minuten nach Mitternacht" auch verfilmt worden - eigentlich total unnötig, denn das Buch alleine weckt starke innere Bilder in einem. Aus Zeitgründen habe ich mir den Roman im Hörbuchformat vorlesen lassen. Das war eine wertvolle Erfahrung.    (Thomas-Achenbach-Foto)


Hilfreicher jedenfalls als irgendwo anders sitzen zu müssen und nicht genau zu wissen, was jetzt da eigentlich vorgeht, wo die Erwachsenen immer so ernst und mit so düsteren Mienen immer hingehen. Siehe da, wer seine Kinder mitgenommen hat, der berichtet später oft: Sie konnten ganz gut damit umgehen. Die Kinder haben ihre eigenen Schutzmechanismen. Natürlich wird so eine Situation für sie ihre eigenen Überforderungen mit sich bringen. Natürlich wird es nicht leicht, für keinen, der dabei ist. Aber: "Nicht dabei sein, macht die Sache nicht besser".


Man möchte die Eltern anbrüllen: Sagt es ihm, verdammt!


Auch Conor in der Geschichte entwickelt seine Schutzmechanismen. Sehr realistisch schildert das Buch, wie der Junge in der Schule plötzlich gemieden wird. Als ob der Krebs seiner Mutter etwas Ansteckendes oder Anrüchiges hätte - oder als ob er selbst plötzlich unsichbar wäre. Diese gigantischen Unsicherheiten, die mit dem Tod einhergehen - sie wirken auch im echten Leben oft leider so. Doch wie sich am Ende zeigen wird: Ganz tief im hintersten Winkel seines Herzens hat Conor gewusst, was geschehen wird. Bis dahin ist viel geschehen, es hat Wut und Zerstörung gegeben und sonst vieles, was Trauer mit sich bringt. Aber so richtig gesagt, was Sache ist, hat es ihm bis kurz vor Schluss eigentlich keiner. Der Junge hat viel alleine zuhause gesessen und sich ein ebenso beängstigendes wie freundliches Monster als seine persönliche Hilfe geholt - das vielleicht sogar echt ist, an dieser Stelle lässt das Buch in wohltuendem Mystizismus alles offen. Aber der Leser hat bis dahin längst in vielen Passagen innerlich aufgestöhnt...


Kinder können mehr aushalten und verstehen, als manche denken - sie in eine falsch verstandene Schonungszone zu stecken, ist oft schlimmer als sie mitzunehmen und der Wahrheit auszusetzen.   (Pixabay.de-Foto/Creative-Common-0-Lizenz)

Denn er hat schon oft die erwachsenen Figuren vor seinem geistigen Auge förmlich angeschrien: Jetzt sagt es ihm! Sagt es ihm! Nehmt ihn mit, verdammt nochmal! Lasst ihn dabei sein! Denn: Nicht dabei sein, macht es nicht besser.... 


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Dienstag, 22. August 2017

Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was bei modernen Trauerfeiern alles möglich ist, möglich sein sollte und wie gut es Trauernden tun kann - Impulse für ein lebendiges Gedenken in der modernen Welt

Osnabrück - Darf man auf einer Trauerfeier auch tanzen? Ist es möglich, die Trauerrede auch als Audiodatei zugeschickt bekommen zu können? Auf der Messe "Leben und Tod 2017", die bereits im Mai in Bremen stattfand, gab es viele Impulse für eine moderne Trauerfeier, die dem zu bestattenden Menschen auch gerecht wird. Und auch hier zeigte sich, dass heutzutage viel mehr möglich ist als man so denkt....

Schon vor kurzem habe ich über die Vorträge der beiden modernen Bestatter Barabara Rolf aus Stuttgart oder David Roth aus Bergisch-Gladbach berichtet, die auf der Messe Leben und Tod 2017 ein glühendes Plädoyer für eine moderne und individuelle Bestattungs- und Trauerkultur gehalten haben über reichhaltige Erfahrungen verfügen. Am Schönsten waren diese beiden Vorträge immer dann, wenn beide Bestatter eine selbst erlebte Geschichte erzählten. Zum Beispiel diese hier:


Ein melancholischer Tango auf einer Trauerfeier - das wäre doch der perfekte Tanz mit all seiner Lebensnähe und gleichzeitigen Düsternis...  (Pixabay.de-Foto/Creative-Commons-0-Lizenz)

In der Einladung zur Trauerfeier für seine verstorbene Frau hatte der Witwer geschrieben: "Es ist mir nicht wichtig, was ihr anhabt, aber wenn ihr einen Tipp wollt: Sie liebte Gelb." Also trugen nahezu alle Gäste, selbst die am schwärzesten angezogenen, irgendwo etwas Gelbes, ein Bändchen, eine Brosche, eine Mütze, irgendwas. Sichtbar und schön bunt und überhaupt nicht getragen. Denn geht es nicht bei der Trauerfeier genau darum - einen Übergang vom bunten Leben zu schaffen in etwas Unbekanntes, von dem wir gar nicht genau wissen, ob es nicht auch bunt sein könnte?


Bestatter müssen offen sein - und technisch versiert


Wie sehr die moderne Technik Einzug hält, wurde mir bei einem Gespräch mit der Theologin und Trauerrednerin Birgit Janetzky aus Heuweiler bei Freiburg klar (ebenfalls Expertin für digitalen Nachlass), mit der ich mich auf der Messe zum Kennenlernen verabredet hatte. Sie berichtete, dass es durchaus Anfragen gäbe, eine gehaltene Trauerrede aufzuzeichnen und als Audiodatei an die Angehörigen zu verschicken. Aber auch Janetzky räumte ein, was andere Zuhörer der Vorträge sagten: Dass es auf die Offenheit und Ausstattung der Bestatter ankommt und dass diese Branche derzeit noch eher konservativ unterwegs ist. Barbara Rolfs Credo dazu: "Die Kunden müssen die Bestattungsbranche ändern" - aber dazu müssten sie umfassend über ihre Rechte aufgeklärt sein (mehr dazu in meinen Blogbeitrag).


Jeder bringt ein Licht mit - für das riesige Bodenherz


Weitere Impulse aus den Vorträgen: Tanzen auf der Trauerfeier ist möglich (das hat mich übrigens als leidenschaftlicher Standard- und Lateintänzer besonders gefreut  - und auch wenn ich den argentinischen Tango trotz mehrfacher Versuche nach wie vor besonders schwierig finde, wäre das doch mit all seiner melancholischen Eleganz und gleichzeitigen Lebensnähe ein total passender Tanz für eine stilvolle Trauerfeier.... - Einschub Ende.) Oder das: Ein riesiges Lichterherz, auf dem Boden, und jeder Gast konnte, wenn er wollte, eine Kerze in einem Glas anzünden und dort mit hineinstellen. Was ein sehr schönes Bild gewesen sein muss, denn das Herz soll wirklich riesig gewesen sein, wie Barbara Rolf berichtete. Und noch in einem weiteren Vortrag auf der Messe habe ich ein zu alledem hervorragendes Zitat aufgeschnappt.

Möglichst bunt und lebensnah - so darf auch der Tod sein. Es muss nicht immer getragen und majestätisch zugehen.   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-0-Lizenz) 

So sagte die Familienbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper: "Zu schreiben, bitte weint doch nicht an meinem Grab ist genauso schwachsinnig wie in einer Geburtstanzeige zu schreiben: Bitte freut Euch nicht, das kann halt mal passieren..." Kurzum: Auch auf einer guten Trauerfeier ist alles gestattet, was Leben ist. Bunte Farben, Tänze und Musik, Tränen und Gefühle, Abschied und Freude, Technik und Symbolik. Sogar Tango. Und warum auch nicht?


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

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Dienstag, 15. August 2017

"Sterben" von Corey Taylor - ein Buchtipp für alle Menschen, nicht alleine für die tatsächlich Sterbenden (eine Besprechung und eine Auseinandersetzung)

Osnabrück - Darf einen ein Buch über etwas so Existenzielles wie das Sterben beglücken? Darf es entzücken? Wenn es so feingeschliffene Gedanken, so wertvolle Formulierungen und so scheinbar banale, aber wesentliche Erkenntnisse enthält wie dieses, darf es das. Jedoch ist "Sterben" von der australischen Autorin Corey Taylor im Wesentlichen eine Familiengeschichte - keine Reise durch Sterbeprozesse. Das muss wissen, wer sich drauf einlassen will. Lernen lässt sich aber dennoch eine Menge.

In nur wenigen Wochen verfasste die australische Schriftstellerin Cory Taylor 2015 dieses Buch, das - wie glücklich für sie - noch kurz vor ihrem Tod erschien. Ihr Krankheitsprozess ist beim Schreiben schon weit fortgeschritten, ihre Lebenswelt ist auf zwei Zimmer zusammengeschrumpft: Das Schlafzimmer mit dem Bett darin und das Wohnzimmer mit ihrem Computer. Mehr Wege schafft sie nicht. Dort sitzt sie und schreibt - erzählt aus ihrem Leben, verbindet kurze Anekdoten und Zusammenhänge. Aber immer wieder, meistens dann, wenn der Leser es gar nicht erwartet, begibt sie sich in kurzen Glücksmomenten auf eine philosophische Metaebene, reflektiert über den Prozess des Sterbens an sich und darüber, wie alles zusammenhängt. Dies geschieht in nur wenigen Zeilen mit wenigen Worten. Aber die haben es in sich. Und auch das Durchlesen der Familiengeschichten ist unbedingt lohnend - weil sich das bemerkenswerte Ende des Buches sonst nicht vollends verstehen lässt. Corey Taylor hat indes eine Form gefunden, ihr eigenes Ende zu beschreiben, die den Leser gerade wegen ihrer artifiziellen Distanzierung berührt und bewegt. 

Lesenswert - oder hörenswert: "Sterben" von Corey Taylor ist ein bemerkenswertes Buch bzw. Hörbuch.   (Thomas-Achenbach-Foto)

»Wenn wir selbst an unser Ende gelangen, können wir auf einen solch lebhaften Rückblick und eine solch klare Vorausschau nur hoffen.« Das sagte der britische Autor Julian Barnes über dieses Buch. Barnes, der selbst seine Frau verloren und der seinem eigenen Leidensprozess in dem auf diesem Blog bereits vorgestellten Werk "Lebensstufen" eine lesenswerte Dokumentation gewidmet hat. Corey Taylor ist weder gläubig noch christlich. Auch ihr Sterbeprozess hat daran nichts geändert, obwohl sie Fragen dieser Art durchaus innerlich diskutiert. Was ihre Gedanken so lesenswert macht, ist die unbedingt dankbare und anerkennende Art und Weise, wie sie ihr Leben reflektiert - und auch solche Fragen wie "Hätte ich ein anderes Leben führen können/sollen/müssen" dabei nicht außer Acht lässt. Aus dieser Art und Weise, sein Leben zu reflektieren, lässt sich viel lernen.


Auch das ist Sterben: Stöbern in der eigenen Biograhpie


Denn das Durchstöbern der eigenen Biographie am Ende des Lebens, das Suchen nach Spuren und Wegen, vor allem aber die Suche nach der eigenen Identität ist etwas, das uns Halt geben kann. Den Stift (oder den Laptop) nehmen und losschreiben, sich fragen, wo man eigentlich herkommt und was einen eigentlich ausmacht - das ist die Reise, auf die sich Corey Tayler begeben hat. Um am Ende zu erstaunlichen Erkenntnissen zu gelangen: "All unsere Erfahrungen existieren gleichzeitig, sind uns ins Fleisch eingebrannt", schreibt sie. So ist sie immer beides: Das kleine Mädchen und die sterbende Frau. Und daran ist nichts Neues, denn: "Wir sterben schon von dem Augenblick an, in dem wir geboren werden, soviel weiß ich jetzt". Immer mal wieder taucht Corey Taylor mit ihren Lesern in diese überraschende Tiefe ein, aber nur als kurze Stippvisite. Denn im Grunde ist "Sterben" ein Buch über eine nicht besonders heile und nicht besonders stabile Familie. Oder anders gesagt:


Schon beim Hören von "Sterben" von Corey Tayler habe ich gemerkt, dass ich ein paar der geäußerten Gedanken unterstreichen möchte. Weil mich das Hörbuch so fesselte, habe ich das gedruckte Buch noch dazugekauft.   (Thomas-Achenbach-Foto) 

Eine Geschichte über eine Herkunft. Gleichzeitig ist es der Versuch, der Ohnmacht ein kleines Schnippchen zu schlagen, wenigstens einen kleinen Teil an Kontrolle auch nach dem Sterben zu behalten: "Erzähle Deine Geschichte selbst, oder jemand anderes wird das tun". Das ist das Motto. Nun, es ist ihr gelungen. Übrigens gibt es "Sterben" auch als von der Schauspielerin Marlen Diekhoff eindrucksvoll gelesenes Hörbuch, das ich sehr empfehlen kann und das mir manche Autofahrt zur Arbeit und zurück zu einem Weg in etwas Tieferes hat werden lassen (weil mich das Hörbuch so fesselte, habe ich mir das gedruckte Buch ebenfalls noch nachgekauft). Denn die zum Zeitpunkt der Aufnahme immerhin auch schon 78 Jahre alte Marlen Diekhoff ist mit ihrer reifen und irgendwie nach Altersweisheit klingenden Stimme die perfekte Besetzung für diese Textzeilen. Noch eine Randbemerkung: Sich in seinem eigenen Sterbeprozess schreibend mit seinem eigenen Leben auseinanderzusetzen, kann etwas sehr Hilfreiches sein. Nicht umsonst gibt es derzeit mehrere Menschen, die dabei ihre Hilfe anbieten. Auch insofern setzt "Sterben" einen wertvollen Impuls.


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Dienstag, 20. Juni 2017

Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen... Was alles möglich ist, wenn Menschen das wollen: Urnen und Särge bemalen, Särge selber schließen, Körper überführen, Kinder aktiv dabei sein lassen - ein Plädoyer für moderne Bestattungen und eine zeitgemäße Ritual- und Bestattungskultur - moderne Rituale für Trauerfeiern

Osnabrück/Bremen – Einen Sarg für ein gestorbenes Schulkind als gemeinsame Aktion mit all ihren Freunden bemalen – ist das erlaubt? Einen Toten zur Aufbahrung nach Hause holen ,auch wenn der Sterbeort ein ganz anderer gewesen ist – ist das okay und machbar? Eine Flasche Kölsch mit in den Sarg legen, weil es das Lieblingsgetränk des Toten war – ist das nicht verboten? Den Sarg für seine Lieben selbst bauen, wenn man das kann, weil man Tischler ist – darf man sowas? Lavendel aus der Provence holen und auf den Sarg legen – geht das? Geht es nach modernen Bestattern wie Barabara Rolf aus Stuttgart oder David Roth aus Bergisch-Gladbach, dann sind all diese und noch viel mehr Ideen nicht nur möglich, sondern essentiell und wichtig. Die Kunden, sagen sie, müssen die Bestatterbranche bewegen und beraten, nicht andersrum. 

Auf der Messe Leben und Tod 2017 hielten beide Bestatter ein glühendes Plädoyer für eine moderne und individuelle Bestattungs- und Trauerkultur. Beide verfügen über ein reichhaltiges Repertoire an Erfahrungen und über Geschichten. Wie zum Beispiel diese: Als in einer Familie die Frage diskutiert wird, wer nach der Trauerfeier die Urne zum Grabplatz tragen darf, meldet sich der neunjährige Enkel - denn gestorben ist seine Oma. Beim Vater herrscht Entsetzen - und er fragt, "was dann eigentlich immer gefragt wird", wie Barbara Rolf es sagte: „Und was, wenn er sie fallenlässt?“. Woraufhin die Mutter ganz lakonisch sagt: “Dann hebt er sie eben wieder auf.“ Also trägt der Neunjährige die Überreste seiner toten Oma und ist stolz wie Bolle. Gleichzeitig ist er als Kind fest mit eingebunden in einen Prozess, einen Übergang - das ist wichtig für Menschen.

Macht sich für einen radikalen Wandel in der Bestattungsbranche stark: Barbara Rolf aus Stuttgart. Ihr Motto: Alles muss möglich sein.   (Franziska-Molina-Fotografie-Foto)

Wenn Barbara Rolf Geschichten wie diese erzählt, hängt eine Mischung aus Rührung und Revolution in der Luft. So ungewohnt sind solche Dinge noch in Deutschland im Jahre 2017. Viele Bestatter sagen an so einer Stelle, das sei nicht möglich. Das ginge nicht. Barbara Rolf sagt dazu: "Dann suchen Sie solange, bis sie einen finden, der es möglich macht." Bestatter sind ohnehin eine eher konservative Branche kommentiert ein Gast und Zuhörer, der es wissen muss – er ist mit einer Bestatterin verheiratet.

Das Wichtigste: In Sachen Bestattung alle Rechte kennen


Was das Thema angeht, hat Barbara Rolf ein klares Credo: „Die Kunden müssen die Branche bewegen“, sagt sie. Deswegen setzt sie auf: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Die Menschen darüber zu informieren, was alles möglich ist in Sachen Trauerfeier, Aufbahrung, Beerdigung. Und das ist viel mehr als man so denkt, wird einem bei ihrem Vortrag klar. Wobei sie zugibt, es als Quereinsteiger in die Branche viel leichter zu haben als manche Bestatterkollegen, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten dabei sind: „Mir fehlt dieser Schock des Neuen, den viele Kollegen haben - ich kenne Bestatttungskultur halt nur so."

Neues Credo: Trauernde sollten alles mitgestalten können


Trauernde sollten am besten alles, was passiert, mitgestalten und mitgehen können, wenn sie das wollen sagt Rolf. Dieses "selbst aktiv werden" kann Begreifen helfen, das ist enorm wichtig für den Trauerprozess, sagt sie. Tatsächlich ist das eine Botschaft, die auch in der Trauerbegleitung eine Rolle spielt: Den Körper des Toten wahrnehmen können, ihn sehen zu können, vielleicht sogar an eine Aufbahrung zuhause denken - wie es früher Standard war -, das alles kann enorm wichtig für den emotionalen Prozess sein. Weil der Tod uns Menschen einfach überfordert, weil keiner weiß, was das eigentlich ist, müssen wir uns einem Begreifen erst vorsichig annähern. Auch darum geht es in der Trauer. Barbara Rolf kann ihre Kollegen nur ermutigen, jeden Weg mitzugehen, der gewünscht wird. So sagt sie auch in ihrem Vortrag:


Kinder mit einbeziehen in den Prozess - ja oder nein? Auch dazu haben Barbara Rolf und David Roth eine klare Haltung.   (Pixabay.de-Foto/Creative-Commons-0-Lizenz)

"Wir dürfen als Begleiter sehr mutig sein". Denn auf das Eine habe sie zu vertrauen gelernt: "Der Trauernde kennt seine Kraft, der kann das gut einschätzen. Ich habe immer die Erfahrung gemacht, dass man sich darauf verlassen kann."

Kann sehr hilfreich sein: Gemeinsames Einkleiden des Toten


Was also gibt es alles an modernen Möglichkeiten rund umd die Bestattung und die Trauerfeier? Zum Beispiel das gemeinsame Einkleiden des Toten mit der Familie. "Das kann sogar lustig sein", sagt Barbara Rolf. Als sie einmal mit 14-jährigen Zwillingen den gestorbenen Vater im Sarg anzog, sagte einer der Söhne: "Wenn Papa alt geworden wäre, hätten wir das ja irgendwann auch so gemacht." Auch das Ritual des Sargschließens kann von der Familie absolviert werden. Seit Rolf einmal erlebt hat, wie eine Familie selbst die Schrauben reindrehen wollte - als letzten Akt des Abschieds -, bietet sie den Trauernden gerne an, dies selbst zu übernehmen.


Gemeinsam die Verstorbene aus der Pathologie geholt


"Die Überführung des Toten nach Hause ist immer möglich, auch, wenn der Sterbeort ein ganz anderer gewesen ist", sagt Rolf. Auch die Fahrt selbst muss nicht exklusiv den Bestattern vorbehalten sein. Ein alter Herr ist mit Barbara Rolf einmal mit in die Pathologie gefahren, den Leichnam seiner Frau abholen, wie sie berichtet. Er hatte gesagt "Wir haben alles zusammen gemacht, also machen wir auch das zusammen, außerdem bin ich neugierig drauf wie es da aussieht." Wobei dieser Teil eher für Ernüchterung sorgte. Denn eine Pathologie, sagt Barbara Rolf, sieht nun einmal so aus, wie man sie sich vorstellt. DIe Klinikleitung war dementsprechend nicht begeistert. Das dürfe man doch nicht zeigen, hatte es geheißen. Worauf die kesse Bestatterin berechtigterweise antwortet: Wenn Sie ein Problem mit ihren Räumen für die Toten haben, liegt das an den Räumen.

Aufbahrung geht überall - auch oben im Hochhaus


Wohin der Leichnam zur Aufbahrung überführt wird, ist dabei übrigens ganz egal. „Ich kann das alles auch auf 16 Quadratmetern im 16. Stock eines Hochhauses machen“, sagt dazu David Roth aus Bergisch-Gladbach. Und die Länge der Aufbahrung? Auch da ist fast alles möglich, sagt Roth – und zwar ohne Verwesungsgeruch oder Ekelfaktoren. "Und seien es drei Wochen", sagt Roth. Wobei: Gesetzlich gesehen ist das eben nicht möglich. Maximal 36 Stunden Aufbahrung sind möglich, so schreiben es die meisten Bestattungsgesetzte (das sind Landesgesetze) vor. Ausnahmen sind Bayern, da gibt es gar keine Frist, und Brandenburg, da gilt eine 24-Stunden-Frist.


"Pietät heißt nur, dass mir andere etwas vorschreiben"


Sowohl David Roth als auch Barbara Rolf sind sich jedoch einig, dass sie zumindest diesen Gesetzestext flexibel auslegen müssen: "Wenn etwas aus Liebe gewünscht wird und wenn es machbar ist", sagt Roth, müsse man zumindest eine Fristverlängerung beantragen (was möglich ist) - oder das Gesetz eben Gesetz sein lassen. Und wenn es andere stört, Nachbarn, Familie, Freunde, weil dann vielleicht getuschelt wird? Dann ist das eben so. „Ich bin kein Freund von dem Begriff Pietät“, sagt David Roth dazu, „weil Pietät nur bedeutet, dass uns Dritte vorschreiben, was richtig ist."

Auch die Kinder mit einbeziehen? Alte Frage, neue Antwort


Weitere Impulse aus den Vorträgen der beiden: Nicht alleine Särge, auch Urnen lassen sich selbst gestalten. Oder: Die eigene Grabstätte gestalten, z.B. noch, wenn der Sterbeprozess einsetzt, auch das ist möglich. Und die alte Frage: Dürfen die Kinder zu den Toten? Klare Antwort von Barbara Rolf: Lasst dass die Kinder einfach selbst entscheiden. "Ich habe diese Erfahrung gemacht: Als ein kleiner Junge seinen Papa, der bei einem Unfall gestorben war, im Sarg sehen konnte, war er plötzlich ganz froh", berichtet Rolf. Denn er hatte sich in seinem eigenen Kopfkino und seiner inneren Geschichtenwelt eingebildet, der Vater habe bei dem Unfall seinen Kopf verloren – als er dann sah, dass der Kopf noch obendrauf saß, war er richtig erleichtert. Gefragt, warum er sich denn so freue, den toten Papa zu sehen, sagte er: Weil der seinen Kopf noch hat.

Der Bestatter und Trauerbegleiter David Roth bei seinem Vortrag auf der Messe Leben und Tod 2017.  (Thomas-Achenbach-Foto)

Kinder hätten sowieso viel seltener Berührungsängste beim Thema Tod, hat David Roth beobachtet. Er hat schon Enkel gesehen, die sich beim toten Opa am liebsten auf die Knie gesetzt hätten. Im Kontakt sein können mit dem Tod. Das ist wichtig für uns Menschen - auch für unseren weiteren Weg. Wir dürfen da sehr mutig sein. Wir alle



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