Sonntag, 11. Juni 2017

Seit 2022 kannst Du wegen Trauer krankgeschrieben werden (oder zum Psychologen überwiesen)... Und was steht auf dem Krankenschein? Warum die Diskussion rund um die "Anhaltende Trauerstörung" so heftig geführt wird und was die Hintergründe sind (ICD 11, WHO)

Osnabrück - Kann ich mich wegen Trauer krankschreiben lassen? Nein, bislang ist das noch nicht möglich. Ab 2022 soll sich das ändern, das plant jedenfalls die Weltgesundheitsorganisation WHO (Update im Sommer 2022: Hier geht es direkt zu meinem Blogeitrag mit allen wichtigen Änderungen, die ab Januar 2022 gültig sind...). Allerdings sind diese Pläne umstritten. Um besser zu verstehen, worum es geht, müssen wir ein paar Jahre zurückreisen: In den Herbst 2016. Und zu meinem damaligen Schüttelfrost.

Die mich überall erfassende Kälte war so heftig geworden, dass mich selbst das Anlehnen an eine voll aufgedrehte Heizung nicht mehr aufwärmen konnte, seinerzeit, im Herbst 2016. Als ich mich von meinem Hausarzt krankschreiben ließ, stand auf dem „Gelben Schein“ - der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung - der Code „J.06.9“. Das bedeutet: Grippaler Infekt. So steht es in der "ICD 10", also der Klassifikation/dem Regelwerk für alle Codierungen bzw. Diagnoseschlüssel, mit denen alle niedergelassenen Haus- und sonstigen Ärzte arbeiten. Dort gibt es für so ziemlich alles einen Schlüssel. Fast alles. Nur für Trauer noch nicht. Geht es nach der Weltgesundheitsorganisation WHO, wird ab 2022 in der Neuauflage der ICD einen weiteren Code geben: Einen für „Anhaltende Trauerstörung“ (Prolonged Grief Disorder). Doch hinter den Kulissen wird das derzeit heftig diskutiert – und es ist ziemlich umstritten. Aber warum? 


"Trauer" als Grund für eine Krankschreibung - nein, noch nicht


Bislang ist es technisch gesehen nicht möglich, sich alleine wegen Trauer auch medizinisch behandeln zu lassen - geschweige denn sich wegen Trauer alleine krankschreiben zu lassen. Denn Trauer und deren Folgen sind nicht vorgesehen – jedenfalls nicht im Diagnose-System der Weltgesundheitsorganisation, der ICD ("International Statistical Classification Of Disease and Related Heath Problems"), die bei allen Hausärzten und niedergelassenen Ärzten zum Einsatz kommt. Jedoch ist unbestritten - auch bei den meisten Kritikern -, dass es Menschen gibt, die sich wegen Trauer krankschreiben lassen. Oder besser gesagt wegen der durch ihre Trauer ausgelösten Symptome: Konzentrationsschwierigkeiten; große innere Unruhe; eine niemals zu stillende und alles überstrahlende Sehnsucht nach den gestorbenen Menschen (auch noch lange nach seinem Tod); Gedanken, die immer nur um das eine kreisen und nichts anderes zulassen... Kurz: Symptome, die einen Alltag/Berufsalltag in ihrer Heftigkeit unmöglich werden lassen. 


Krankgeschrieben wegen Trauer - ab 2022 soll das laut der ICD 11 möglich sein. Aktuell ist der Plan jedoch umstritten.   (Achenbach-Foto)

Wer mit diesen Symptomen zum Arzt geht, wird krankgeschrieben - derzeit, wegen Depression, Anpassungsstörung oder wegen einer akuten Belastungsreaktion. Aber nicht wegen Trauer. Ab dem 1. Januar 2022 soll sich das definitiv ändern. Denn dann möchte die WHO - die World Health Organisation - in der ab diesem Tag gültig werdenden ICD 11 die "Anhaltende Trauerstörung" als neue Diagnosemöglichkeit einführen. Die WHO hatte eine vorläufige Arbeitsfassung der neuen ICD im Juni 2018 vorgestellt, derzeit ist diese hinter den Kulissen noch in der Diskussion. Wohlgemerkt: Die Trauer soll dort explizit Bereich der psychologischen/psychiatrisch zu behandelnden Störungen angesiedelt sein - was einen Teil der Empörung darüber bereits erklärt.


Ja, Trauer kann krank machen - aber darf sie Krankheit sein?


Seit einigen Jahren tobt eine heftig geführte Debatte über die Frage: Darf man Trauer überhaupt als "Krankheit" werten? Oder ist das stigmatisierend? Und hier haben alle Fachleute, Hospizler und alle Trauerbegleiter - auch ich - eine sehr klare Meinung und Stellung dazu: Nein, Trauer ist keine Krankheit, sondern eine vollkommen natürliche, menschliche Reaktion. Das Gegenstück zur Freude. Die lässt sich ja auch nicht irgendwie verhindern oder wegbehandeln. Aber: Trauer kann definitiv auch krank machen. Siehe oben. Braucht es nun also wirklich eine neue Diagnosemöglichkeit? Und muss sie unbedingt "Anhaltende Trauerstörung" heißen? 


"Trauer darf keine Störung sein" - weil sie ruhig stören darf


Denn alleine schon an dem Namen entzündet sich viel Kritik: "Trauer sollte keine Störung sein", so formuliert es beispielsweise bei einem Vortrag der Trauerbegleiter Norbert Mucksch, der u.a . im Vorstand des Bundesverbands Trauerbegleitung arbeitet (Transparenzhinweis: ich bin dort auch Mitglied - im Verband, nicht im Vorstand). Das soll heißen: Wenn der Eindruck vermittelt wird, dass Trauer stört, geht das in eine falsche, weil eine gesunde Weiterentwicklung verhindernde Richtung. Denn damit wird vermittelt, dass Trauer unterdrückt werden sollte, weggedrückt werden sollte. Das genau aber ist es nach Überzeugung von Trauerbegleitern - auch nach meiner -, was die Verzögerung im Prozess erst auslöst. Trauer sollte stattdessen fließen können, sollte erlebt, gefühlt und ausgedrückt werden können. Das hilft.

Wer trauernd ist, will nicht als Depressiver gelten - zu Recht


Andererseits muss man aber auch sagen: Wenn sich Menschen in einer Trauerkrise bislang als Depressive haben behandeln lassen müssen, dann kann es ihnen durchaus gut tun - psychologisch gesehen - wenn sie nun auch auf dem Krankenschein das finden können, was ihre Gefühle treffend beschreibt: Trauer. Verlust. Krise. Wobei, und das muss auch nochmal gesagt sein: Dort werden keine Worte stehen. Sondern ein Code. Sowas "Tr 08.9" oder so (frei erfunden - nur als Beispiel). Leider ist die "Komplizierte Trauer", die als adäquater Ersatzbegriff für dieselben Symptome in Deutschland schon einmal in der Diskussion war, inzwischen aus den Debatten weitestgehend verschwunden. Schade. Ich fände sie weitaus passender. Das ganze verdammte Leben ist kompliziert - da darf es Trauer erst recht sein.

Sechs Monate sind zu wenig - wenigstens 1 Jahr dauert es


Nächster Kritikpunkt: Der Zeitraum. Die „Anhaltende Trauerstörung“ soll nach den Plänen der WHO als Grund für die Überweisung zu Fach­leuten oder in eine Therapie möglich sein, wenn ein Mensch länger als sechs Monate unter den durch Trauer verursachten Symptomen leidet. Denn erst nach Ablauf eines solchen Zeitraums ließe sich feststellen, ob die Symptome nicht von selbst besser würden. Dass mit Trauer immer erst eine heftige Leidenszeit einhergeht, ist unbestritten. Die Frage, an der sich jetzt die Diskussion entzündet, ist: Ab wann hat sich Trauer so verdichtet und verkompliziert, dass eine Fachbehandlung nötig ist? Erfahrene Trauerbegleiter sagen dazu: Nach sechs Monaten ist das meist noch nicht der Fall. Ob sich Trauer tatsächlich verkompliziert, ließe sich erst nach wenigstens einem Jahr sagen. Denn es sei ganz gesund und ganz natürlich, dass Trauer erstmal heftige Symptome auslöse. (Randbemerkung: Wenn ich Nicht-Fachleuten davon erzähle, verstehen sie überhaupt nicht, warum man nicht sofort, also unterhalb von sechs Monaten, eine solche Diagnose bekommen kann...).

Es gibt auch eine andere Sichtweise


Ich würde jedoch unterstreichen, dass sich erst nach einem Jahr zeigt, ob sich die Trauer so verdichtet hat, dass sie eine andere Behandlung nötig macht oder ob sie auch so in eine gute Entwicklung übergegangen ist. Man kann das allerdings auch anders sehen: Denn es gibt derzeit schon ein zweites Diagnosesystem, das in Deutschland von Medizinern und Psychologen benutzt wird. Das DSM. Und das sagt: Leiden Trauernde nach Ablauf von zwei Wochen (14 Tagen - sic!) noch immer an solchen Symptomen, darf man sie als depressiv krankschreiben. Das geht schon jetzt - und zwar an Krankenhäusern und in Kliniken.

Im DSM steht's drin: Trauer braucht 2 Wochen - dann: Depression


Denn es gibt derzeit zwei Bewertungssysteme, die bei Medizinern in Deutschland zum Einsatz kommen. Hierzu muss man wissen: Das „DSM“ gilt in den allermeisten Kliniken und Krankenhäusern als Standard, die “ICD“ kommt vor allem bei niedergelassenen Ärzten zum Einsatz. Im DSM, also dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Stöungen (DSM), herausgegeben von der American Psychiatric Association (APA), finden wir also diese Defintion - und jetzt muss ich es einmal ganz übertrieben sagen -: Sie dürfen zwei Wochen trauern, wenn sie jemanden verloren haben – danach gelten sie dann allerdings als krank. Wenn es jetzt also ein zweites System gibt, nämlich die ICD, die hier mahnend den Finger hebt und stattdessen sagt: Liebe Leute, zwei Wochen sind zu kurz, wir halten sechs Monate für angemessener... - dann kann man das auch als Schritt in die richtige Richtung sehen. Auch wenn der Zeitraum vielleicht noch angepasst werden müsste. Was übrigens geschehen kann, denn die Pläne der WHO sind noch Diskussionsgegenstand, also noch nicht in Stein gemeißelt.

Alle zum Psychologen: Sind Trauerbegleiter jetzt überflüssig?


Nächste Frage: Macht die neue Diagnose jede Form von Trauerbegleitung überflüssig? Manche Kritiker aus der Ecke der professionellen Trauerbegleitung sehen mit dem neuen ICD-Schlüssel, salopp gesagt, ihre Felle davonschwimmen. Oder anders gesagt: Sie befürchten schlechtere Chancen. Gerade jetzt, wo die Professionalisierung von Trauerbegleitern in Deutschland erstmals verlässliche Normen erfahren hat, könnte es geschehen, dass die Behandlung und Besprechung beinahe komplett in die Hände von Psychologen gelangte, denen aber im Falle von Trauer das Spezialwissen dafür fehlte, lautet die Befürchtung. Ich muss gestehen, dass ich diese Sorgen nicht teilen kann. Warum? Wegen meiner Erfahrungen in einem ganz anderen Segment. Nämlich Coaching.

Coaches kennen das: Menschen wollen lieber aktiv bleiben


Viele Coaches haben schon diese Erfahrung gemacht (und mir in Gesprächen davon berichtet): Dass Klienten zu ihnen kommen, die eigentlich einen Psychologen bräuchten. Eine Gesprächstherapie, beispielsweise. Dass sie diese Probleme aber viel lieber mit einem Coach besprechen. Aus zwei Gründen. Erstens hat es tatsächlich massive Verschlechterungen zur Folge, wenn man sich offiziell als in psychotherapeutischer Behandlung befindlich ausgibt, beispielsweise beim Abschluss von Versicherungen  (Berufsunfähigkeit, Rente, Lebensversicherung, Krankenzusatzversicherungen, etc.) oder dem beabsichtigten Wechsel zu einer anderen Krankenversicherung. Zweitens klingt "Ich gehe zum Coaching" einfach viel besser als "Ich gehe zum Psychologen" - sich coachen zu lassen, so etwas machen Führungskräfte, Fachleute, Menschen mit Zielen und Visionen, aktive und selbstbewusste, ihr Leben gestaltende Menschen. Man nehme nun dieses Muster und übertrage es auf eine "Anhaltende Trauerstörung". Und...?

Wie erkenne ich einen guten Trauerbegleiter?


Zugegeben, erstens, bei dem genannten Beispiel stellen sich eine Menge Fragen, die wir hier weiter diskutieren müssten, wofür der Raum aber nicht reichen wird. Handeln diese Menschen richtig? Sind die Coaches für so etwas geeignet? Haben Sie eine passende Ausbildung? Haben sie überhaupt eine? Gib es Qualitätssiegel für Coaches? Denn, auch das muss gesagt sein: Coach oder Trauerbegleiter (oder Journalist) sind noch immer ungeschützte Berufsbezeichnungen. Soll heißen: Jeder darf sich so nennen, jeder, der das will (Randbemerkung: deswegen habe ich ein Zertifikat über meine Große Basisqualifikation für Trauerbegleitung nach den Normen des Bundesverbands). 

Noch mehr Stolpersteine: Wie reagieren Versicherungen?


Zugegeben, zweitens, es ist eine spitze These (ich liebe spitze Thesen): Aber es könnte doch immerhin sein, dass es hier genauso verläuft. Dass Menschen lieber nicht in psychologische Behandlung gehen, sich lieber nicht einen psychologischen Diagnoseschlüssel aufdrücken lassen, aber um nicht ganz unbehandelt zu bleiben dann doch die Hilfe eines Trauerbegleiters aufsuchen, weil ihre Symptome und die Trauer ja nun unverkennbar vorhanden sind. Zumal noch keiner weiß, wie die Versicherungen auf die neue Diagnose reagieren werden (wird es mir weiter möglich sein, eine Lebens-, Berufsunfähigkeits- oder Krankenzusatzversicherung abzuschließen, wenn ich offiziell vom Arzt als "Trauer-Ge-Stört" bestempelt wurde - nach meinen Erfahrungen mit Versicherungen wäre ich da skeptisch...)

Ja, diskutiert über den Begriff - nein, habt keine Angst davor


Aber: solange alle Menschen die Hilfe finden können, die sie brauchen und die sie verdienen, ist es doch okay - mehr Auswahlmöglichkeiten sind da doch eher vorteilhaft für die Klienten. Ich persönlich habe aus diesen verschiedenen Überlegungen heraus also das folgende Fazit für mich gezogen: Ja, es ist begrüßenswert, dass die Folgen von Trauer als solche anerkannt werden und behandelbar werden. Ja, der Zeitraum dafür müsste hochgesetzt werden. Ja, die Begrifflichkeit "Trauerstörung" ist ungeschickt. Aber das Gute daran ist: Das Bewusstsein der Menschen wird geschärft. Das Bewusstsein dafür, was Trauer ist und was sie macht. Das ist schon mal was Gutes.

Und, zugegeben, drittens: Alles, was ich hier schreibe, ist sehr stark zugespitzt und "für den Hausgebrauch vereinfacht". Oder, anders gesagt: Für den Normalbürger übersetzt. Das ist, ehrlich gesagt, Sinn und Zweck dieses Artikels. Alle fachlichen Hintergründe und Diskussionspunkte im Überblick finden sich beispielsweise in einer Stellungnahme des Bundesverbands Trauerbegleitung, die sich hier aufrufen lässt


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Samstag, 3. Juni 2017

Neue Studie untermauert: Trauer wiegt besonders schwer bei Kindsverlust und Suizid - aber die Studie zeigt auch deutlich: Trauer ist nicht immer gleich Trauer, es zählt das Verhältnis zum verstorbenen Menschen

Osnabrück/Würzburg - Eine wissenschaftliche Studie über das Thema Trauer durchzuführen, ist gewiss keine einfache Sache. Die meisten Untersuchungen scheitern daran, dass sich kaum genug Teilnehmer finden lassen, um als repräsentativ zu gelten. So gesehen gilt auch für die neue Studie, um die es jetzt gehen wird: Sie ist sehr interessant, wenn auch vermutlich nicht repräsentativ. Dennoch lohnt der Blick auf ihre Ergebnisse. Denn sie untermauerte die These: Trauer ist nicht gleich Trauer.

Ab wann gilt eine Studie als repräsentativ? Schwierige Frage, schwierige Antwort. Zwar hat sich inzwischen in Wissenschaft und Journalimus die 1000er-Formel durchgesetzt. Soll heißen: Alles unter 1000 Teilnehmern ist nicht als repräsentativ zu gelten. Aber das kann und darf natürlich nicht der einzige Faktor sein bei der Bewertung einer Studie. Denn wer beispielsweise 1000 Blogleser befragt, ob sie schon mal einen Blog gelesen haben, wird eine Einschaltquote von satten 100 % erhalten - um dann behaupten zu können, Blogs seien das erfolgreichste Medium überhaupt. Wichtig ist also auch die statistische Durchmischung der Befragten. Alt und Jung, hohes Bildungsniveau, niedriges Niveau, je gemischter, desto repräsentativer. Außerdem wichtig: Wie genau wird gefragt? Und durch wen? Und wie lange? Schwer genug, aber nicht nur das.

Verzweiflung und Intensität einer Verlustkrise sind besonders hoch, wenn ein paar Faktoren zusammenkommen, zeigt eine aktuelle psychologische Studie.    (Pixabay.de-Foto, Creative-Common-0-Lizenz)

Denn man finde erstmal über 1000 Trauernde, die bereit (und in der Lage) sind, wissenschaftlich erschöpfend Auskunft über sich zu geben. Vielleicht sind auch schon 500 ausreichend, wenn die weiteren oben genannten Faktoren stimmen. Oder 521? Unter der Überschrift "Trauern hat viele Facetten" hat mich kürzlich eine Pressemitteilung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg erreicht, bei der sich 521 Teilnehmer zum Thema Trauer geäußert haben. Das Ergebnis der Untersuchung lässt sich in mehreren Sätzen zusammenfassen. Erstens: Trauer ist nicht gleich Trauer. Je nach Art des Verwandtschaftsverhältnisses zu den Verstorbenen und nach deren Todesart fällt das Verlusterleben unterschiedlich aus.  Zweitens: Besonders hart trifft es die Menschen, die ein Kind oder einen Angehörigen duch Suizid verlieren. 


Neigung zur "Anhaltenden Trauerstörung"


Dann ist, so die Wissenschaftler, die Neigung zu dem, was als "Anhaltende Trauerstörung" beschrieben werden könnte, besonders ausgeprägt (zu dem Thema bald mehr auf diesem Blog). Durchgeführt haben die Studie Joachim Wittkowski, außerplanmäßiger Professor an der Fakultät für Humanwissenschaft der Universität Würzburg, und Dr. Rainer Scheuchenpflug, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Psychologie III. Die Ergebnisse ihrer Studie haben die Wissenschaftler in einer Ausgabe der "Zeitschrift für Gesundheitspsychologie veröffentlicht (Unter dem Titel "Trauern in Abhängigkeit vom Verwandtschaftsverhältnis zum Verstorbenen und zur Todesart", Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 2016/24, Seiten 107–118). Auch das hat die Studie untermauert:


Mehr als 500 Trauernde interviewt


Stirbt ein Kind oder der Ehegatte, suchen die Trauernden sehr stark die Nähe zu der verstorbenen Person. Oder das "Gespräch" mit ihr. Auch macht sich bemerkbar, dass ihr Denken eingeschränkt ist - es fällt ihnen beispielsweise schwer, sich zu konzentrieren. Weniger stark sind diese Empfindungen indes ausgeformt, wenn ein Elternteil beziehungsweise der Bruders oder die Schwester starben. Was die Todesart betrifft, äußerten Angehörige von Opfern einer Selbsttötung stärkere Schuldgefühle als Angehörige von Personen, die durch Krankheit oder Unfall ums Leben gekommen waren. Keinen Einfluss auf die Intensität der Gedanken und Gefühle der Hinterbliebenen hatte hingegen die Tatsache, ob der Tod überraschend durch einen Unfall oder vorhersehbar aufgrund einer Krankheit eingetreten war.

Art und Intensität unterscheiden sich


Diese Befunde, die erstmals an Personen aus dem deutschen Sprachraum gewonnen wurden, zeigen nach Ansicht der Wissenschaftler, dass sich an dem Merkmal „Trauern“ mehrere eigenständige Aspekte unterscheiden lassen. „Trauern hat also viele Erscheinungsformen. Art und Intensität des Verlusterlebens verlaufen unterschiedlich, je nachdem, in welcher Beziehung die verstorbene Person zum Hinterbliebenen stand und auf welche Art sie ums Leben kam“, sagt Joachim Wittkowski in der Pressemitteilung. 
Worauf die Pressemitteilung leider nicht eingeht, ist die Frage, wie die Macher der Studie eigentlich an die Trauernden gekommen sind und wie sie sie befragt haben, wie sie also genau vorgegangen sind. Also habe ich mich kurzerhand an Joachim Wittkowski selbst gewandt und ihn genau das in einer E-Mail befragt - hier sind seine Antworten (vielen Dank dafür):

Seit Jahrhunderten wird getrauert, aber richtig wissenschaftlich geforscht wird zu diesem Thema noch recht selten - eine Studie aus Würzburg bildet da jetzt die Ausnahme.   (Pixabay.de-Foto/Creative-Commons-0-Lizenz)

"Die Datenerhebung folgte einer gemischten Strategie, etwa ein Drittel Papier-und-Bleistift (Verteiler bzw. Multiplikatoren meist Trauergruppen in Hessen), zwei Drittel über das Internet. Als Teilnehmer kam jeder in Frage, der sich selbst als Trauernder betrachtete. Das wurde vorab erläutert. "Trauerhintergründe" wurden nicht erfragt, wohl aber sozio-demographische Angaben und solche zur Todesart, der Teilnahme an Trauerbegleitung, -beratung oder Psychotherapie etc.- Nach Abschluß der Datenerhebung erfolgte eine sorgfältige Durchsicht und Bereinigung des Datensatzes, u.a. um Mehrfachbearbeitungen zu löschen." Und außerdem: "Es wurden die Werte für die Skalen gebildet, und diese wurden auf Unterschiede in Abhängigkeit von anderen Merkmalen (Verwandtschaftsverhältnis zum Verstorbenen, Todesart) geprüft. Ein signifikanter Unterschied liegt vor, wenn er gemäß Konvention nicht mehr durch den Zufall erklärbar, also "überzufällig" ist."


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

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Sonntag, 28. Mai 2017

Legofiguren als Trauerspielzeug - Komm, wir bauen eine Trauerhalle... Mit Kinderspielzeug den Tod begreifen lernen - wie ein niederländischer Spielzeugbauer Trauerbegleitern und Therapeuten bei der Arbeit mit Kindern helfen will

Osnabrück/Bremen - Als Kind spielte der Niederländer Richard Hattink gerne mit Lego. Heute hat er zwar längst ein Masterstudium in Pädagogik abgeschlossen - aber mit Spielzeug ist er immer noch beschäftigt. Bei ihm lässt sich heute so ziemlich alles kaufen, was mit Tod, Sterben und Trauer zu tun hat. Als Spielzeug. Von der Trauerhalle bis zum Krematorium über einen Friedhof, auf dem gerade ein Grab ausgebuddelt wird, während die Sargträger im Hintergrund schon den Verstorbenen bringen. Wozu das Ganze? Zum Begreifen! Auf der Messe Leben und Tof ist der Niederländer stets mit einem Stand vertreten.

"Wir achten darauf, dass wir, wenn wir über etwas so Schweres sprechen, auch eine Leichtigkeit mit reinbringen" (also etwas Spielerisches) - so sagte es, in einem anderen Vortrag und in einem anderen Kontext, die Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper auf der Messe "Leben und Tod 2017" in Bremen. Genau dort, wo der 35-jährige Richard Hattink an seinem Stand erstmals einem deutschen Publikum sein Trauerspielzeug vorstellte, das ebenfalls genau diesen Zweck erfüllen soll: Eine Leichtigkeit mit reinzubringen bei etwas unsagbar Schwerem. 


Der offene Sarg kurz vor seiner Schließung, im Hintergrund die vorbereitete Trauerfeier in der Trauerhalle - mit diesem Trauerspielzeug können Kinder nachfühlen/nachspielen, was sie erlebt haben.  (Thomas-Achenbach-Foto)

Hattink, der auch mal als Bestatter tätig war, nutzt vorhandene Bausteine aus bestehenden Spielzeugsystemen, die er zu seinen eigenen Kreationen zusammensetzt. Zu kaufen gibt es bei ihm dann das fertige Gesamtprodukt. Leichenwagen, Friedhöfe oder Krematorien im Spielzeugformat - und viele andere Accessoires rund um die Themen Tod und Bestattung. Seine Kunden sind vor allem Trauerbegleiter, Psychologen, Bestatter und Privatleute, die einen Weg suchen, spielerisch mit trauernden Kindern zu arbeiten. Und wer Hattink auf seinem Messestand besuchte, bekam regelrecht Lust, gleich mitzuspielen - auch ganz ohne eigenen Trauerfall -, so überzeugend ist das Ergebnis. 


Diese Arbeiter heben auf dem Friedhof bereits die Grube aus für den Sarg - das Trauerspielzeug aus den Niederlanden war auf der Messe Leben und Tod 2017 in Bremen zu erleben.    (Thomas-Achenbach-Foto) 

Hattink vertreibt sein Spielzeug über einen Onlineshop auf seiner Internetseite www.rouwenadvies.nlDas Ganze ist allerdings ein nicht ganz günstiges Vergnügen. Ein komplettes Krematorium kostet beispielsweise 114 Euro, eine Trauerhalle mit Trauerredner rund 75 Euro (Direktlink zum Webshop: hier klicken). Und dennoch: Hattinks Spielzeug ist begehrt, wie alleine die Messe "Leben und Tod" in Bremen zeigte. Waren am ersten Messetag noch alle dort an seinem Stand gezeigten Spielzeuge mit Preisschildern versehen, hatte sich das Bild bis zum Nachmittag des zweiten Tages verändert: "Verkauft" hieß es jetzt fast überall. Es wäre spannend zu erfahren, wer in Kürze damit spielen wird. Um sich über eine spielerische Leichtigkeit auch dem ganz Schweren anzunähern. 


Pädagoge, Bestatter, Spielzeugbauer - Richard Hattink.  (Thomas-Achenbach -Foto)




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Samstag, 25. März 2017

Das vielleicht beste Buch über Trauer, das je geschrieben worden ist: Wer "Lebensstufen" von Julian Barnes liest, versteht, wie es Menschen in einer Verlustkrise geht

Osnabrück - Das vielleicht beste Buch über Trauer, das je geschrieben worden ist - meiner bescheidenen Meinung nach -, stammt von dem englischen Literaten Julian Barnes. Es ist deswegen ein so bemerkenswertes Buch, weil es auf nur wenigen Seiten und in nur wenigen Zeilen alles zu vermitteln versteht, was ich selbst in einer sich über 254 Stunden und über ein Jahr erstreckenden Ausbildung zum Trauerbegleiter habe lernen dürfen. Kein Sachbuch, sondern Literatur. Kein Ratgeber, sondern ein Erfahrungsbericht. Schmerzvoll, eindringlich, ungewöhnlich - und trotz aller Tragik einfach wunder-, wunderschön.

„Das können diejenigen, die diesen Wendekreis des Lebens noch nicht überschritten haben, oft nicht verstehen: Wenn jemand tot ist, dann heißt das zwar, dass er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, dass es ihn nicht mehr gibt.“ Es sind Sätze wie diese, mit denen Julian Barnes seinen Leser tief hineinführt in die Gefühlswelt eines Trauernden. Es sind Sätze wie dieser, die verstehbar machen, wie es Menschen in einer Verlustkrise so geht - ein großes Verdienst dieses Werkes. Dabei beginnt das Buch ganz anders, als man es sich vorstellen kann.

"Lebensstufen" von Julian Barnes besteht aus zwei Teilen, die nur scheinbar nichts miteinander zu tun haben - vor allem der zweite Teil über die Trauer hat es in sich.    (Thomas-Achenbach-Foto)  

Denn Julian Barnes wäre nicht der Autor, der er ist, wenn er nicht auch dieses Buch - wie manch anderes - für ein Gedankenspiel genutzt hätte. "Lebensstufen" besteht aus zwei Teilen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben und die Barnes erst ganz am Ende geschickt miteinander zu verknüpfen versteht. Im ersten Teil des Buches geht es ums Ballonfahren. In schlaglichtartigen Episoden beschreibt Julian Barnes die Geschichte der Ballonfliegerei, lässt die Pioniere des Fliegens ihre Missgeschicke und Heldentaten erleben, lässt uns teilhaben an geschichtlichen Ereignissen. Unterhaltsam und farbenfroh. Wer das liest, der vergisst fast, dass man sich das Buch ja wegen eines ganz anderen Themas gekauft hat.

Und dann mitten hinein ins Leid


Dann kommt der Schnitt. Und im zweiten Teil des Buches geht es um den Tod seiner Frau und um seine Gefühle in den Zeiten der Krise. Anstatt eine distanzierte Autorenrolle einzunehmen und eine Romanfigur etwas erleben zu lassen, beschreibt Julian Barnes ganz ungeschönt sein eigenes Leben. Und was er da erzählt, ist genau das, was Trauernde so erzählen. Wie sich die Freunde und Verwandten teils von ihm abgewandt haben aus lauter Unsicherheit, wie sie mit dem Verlust umgehen sollen. Wie er die unausgesprochene Weigerung, mit ihm über seine tote Frau zu reden oder sie bei ihrem Namen zu nennen, als ihr stetiges Immer-wieder-aufs-Neue-sterben erlebt. 

Englisch, trocken, ironisch - da sitzt jedes Wort


Dabei wird Barnes niemals sentimental oder gefühlsduselig, sondern bleibt immer ein ganz trockener und ironischer englischer Gentleman. Seine Sätze sind präzise und messerscharf. Jedes Wort ist feinstens ausgewählt. Das macht das Werk so lesenswert.  "Leid ist ein menschlicher Zustand, kein medizinischer", sagt er an einer Stelle - und führt exemplarisch vor, wie menschlich dieser Zustand sein kann, wie tief er einen an die existenziellen Fragen des Lebens heranführt. 

Alles ganz normal: Was Trauernde Merkwürdiges tun


Wie normal es für Trauernde ist, immer wieder auch an den eigenen Tod in Form eines Suizids zu denken, weil der Wunsch des Nachsterbenwollens aufkommt. Wie normal es für Trauernde ist, mit ihren Toten zu reden, sie in imaginären und direkten Dialogen am Alltag teilhaben zu lassen oder um Rat zufragen. All das und mehr - insofern lohnt sich das Buch sowohl für Trauernde selbst als auch für alle Menschen, die mit ihnen umzugehen haben und nach einem guten Weg dorthin suchen. Übrigens: Natürlich ließe sich das Buch auch ohne den ersten Teil lesen. 

Wer macht die Realität? Der britische Schriftsteller Julian Barnes macht die menschliche Wahrnehmung zum Thema seiner Werke.  (Alan-Edwards-/f2-images-/Verlag-Kiepenheuer-Witsch-Foto, mit fr. Genehmigung).


Allerdings dürften dem Leser dann ein paar der im zweiten Teil benutzten Bilder, Ideen und Formulierungen ein wenig merkwürdig vorkommen, weil sie direkt aus den Ballonfahrer-Sequenzen entstammen. Das Credo seines Buches legt Julian Barnes gleich im ersten Satz fest: "Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden, und die Welt hat sich verändert...." - das ist typisch für Barnes. Denn die philosophische Kernfrage, ob die Welt, so wie wir sie wahrnehmen, als wahr bezeichnet werden kann oder ob es unsere ganz eigene Einfärbung ist, die eine objektive Wahrheit verhindert, zieht sich durch sein gesamtes Werk. Sehr empfehlenswert in diesem Zusammenhang ist auch der Roman "Vom Ende einer Geschichte", der diese Frage höchst unterhaltsam durchdekliniert. Trocken, ironisch und bemerkenswert präzise, auch dort


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

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Sonntag, 19. März 2017

Kreative Tipps für Trauernde - Sammeln Sie täglich ihre "Immerhins"... Eine simple, aber effektive Schreibmethoden für Menschen in einer Krise...- Denn es muss nicht gleich ein "Glückstagebuch" sein

Osnabrück - Sich jeden Tag darauf zu konzentrieren, was es an "Immerhins" gegeben hat, kann hilfreich sein. Ganz oft wird Menschen in einer Krisensituation (oder in jeder anderen Lebenslage) empfohlen, ein "Erfolgstagebuch" oder auch "Glückstagebuch" zu führen. Also: Jeden Tag das Gute oder Erreichte festzuhalten. Und auch wenn ich meine persönlichen Erfahrungen mit dieser Methode - trotz anfänglicher Skepsis - als bahnbrechend erlebt habe, kann ich gut verstehen: Für Trauernde ist dieser Sprung zu weit (Update 2020: In der Coronakrise gewiss auch). Aber es geht auch anders. Hier ein paar Tipps. 

Jedes Jahr am 20. März wird der "Internationale Weltglückstag" begangen. Ist das ein gutes Thema für einen Trauerblog? Glück und Trauer - sollte man das überhaupt zusammenbringen? Ist Menschen in einer Krisensituation überhaupt nach "Glück"? Vermutlich nicht. Muss auch gar nicht sein. Denn ganz o
ft reicht schon ein: "Dafür, dass..." Also: Ein Tagebuch zu schreiben und jeden Eintrag mit einem „Dafür, dass“ zu beginnen. Es ist die Autorin Barbara Pachl-Eberhardt - sie ist durch einen tragischen Unfall von einer Sekunde auf die andere zur Witwe sowie zur zweifach verwaisten Mutter geworden -, die in ihrem Buch "Vier minus Drei" diese wertvolle Empfehlung ausspricht. Das Geniale daran: Es wird zwar der gleiche Mechanismus benutzt, der ein "Glückstagebuch" so effizient macht (dazu später mehr), aber die Erwartungen und die Begrifflichkeiten werden viel niedrigschwelliger angesetzt. Das ist gut so und richtig so. In einer Trauerkrise ist jedes "Dafür, dass.." schon eine Menge wert. Und auch nicht immer leicht zu finden.

Ein leeres Buch, ein Stift und ein paar kleine Immerhins - kann was bringen....  (Thomas-Achenbach-Foto)

Manchmal kann so ein "Dafür, dass" auch gefolgt sein von dem Wort „immerhin“… Dann läst sich also beispielsweise ein Satz aufschreiben wie dieser: "Dafür, dass ich es derzeit fast gar nicht unter Menschen aushalte derzeit, habe ich es immerhin geschafft, einkaufen zu gehen..." Manchmal reicht auch ein zartes "Immerhin" anstelle des "Dafür, dass..." schon aus für einen Eintrag in dieses Tagebuch. Dass dadurch zu einem wirkmächtigen Instrument werden kann. Gerade für Trauernde. Warum das so ist? 


Der Trick dabei: Worauf Du achtest, das verstärkt sich


Wegen des psychologischen Tricks, den sich der Tagebuchautor - unbewusst - zunutze macht. Sich am Ende eines jeden Tages wenigstens drei Dinge notieren, die positiver gewesen sind als gedacht, hilft uns dabei, den Fokus zu verschieben. Es hilft dabei, den Fokus auf das Gute im Leben zu richten. Denn: „Beachtung bringt Verstärkung.“ So sagen es die Psychologen. Soll heißen: Das, worauf ich meinen Fokus richte, verstärkt sich dadurch automatisch selbst. 

Ein "Dafür, dass" als Frucht des Tages


Und so geht es: Man besorgt sich ein Buch mit leeren Seiten und einen Stift - oder einfach nur ein Blatt Papier. Am Ende des Tages lässt man, vielleicht vor dem Schlafengehen, das Erlebte in Gedanken noch einmal Revue passieren und notiert sich einfach alles, was besser gewesen ist als gedacht. Oder was anders gewesen ist als am Tag davor. Man sammelt alle "Immerhins" und "Dafür, dass"'s des erlebten Tages als die Früchte zusammen, die dieser Tag gebracht hat. Aber, und das ist das Wichtige: eben nur das. Das Schlechte bleibt einfach weg. Das Ganze ist also weniger ein Tagebuch als vielmehr eine Art Wahrnehmungsschule. Es hilft aber viel. Denn was dieses Training so effektiv macht, ist schnell gesagt: 

Eine Strategie gegen menschliche Programmierung


Es hebelt eine der menschlichsten Grundprogrammierungen aus, die seit Jahrhunderten in uns Menschen drinstecken. Nämlich die Fokussierung auf alles Negative. Evolutionstechnisch gesehen ist diesse Fokussierung überlebenswichtig: Wer einmal eine richtig schlechte Erfahrung gemacht hatte - zu lange dort gebadet, wo einen die wilden Tiere reißen können und nur mit Müh und Not den Bestien davongekommen -, der lernt dadurch besser. Seine Chancen auf Überlebe steigen also. Leider ist auch der moderne Mensch noch immer so gestrickt, dass er immer zuerst auf die negativen Seiten des Lebens sieht. Was heutzutage nicht mehr ganz so sinnvoll ist wie früher. Und so sind es vor allem die sehr vielen, sehr kleinen, aber irgendwie doch positiven Ereignisse des Tages, die viel, viel schneller, fast automatisch, in Vergessenheit geraten als alles andere. Einmal erlebt, ist es auch schon wieder aus der Wahrnehmung verschwunden. 

Wer nicht weiterkommt, dem helfen die Finger


Der Trick ist also, die Perspektive zu wechseln und diesen Wechsel dauerhaft zu trainieren. Sich die automatische Verstärkung der Wahrnehmung zunutze zu machen. Wer sich mit der konkreten Bewertung von Tagen schwer tut, dem hilft vielleicht eine kleine innere Checkliste, die man sich anhand einer Hand gut merken kann: D steht für Daumen oder für Denken/Lernen: Was habe ich heute Neues gelernt? Z steht für Zeigefinger oder Ziele: Bin ich heute meinen Zielen nähergekommen? M für Mittelfinger oder Mentalität/Motivation: Wann habe ich mich heute okay oder sogar gut gefühlt? Was hat mir gut getan? R steht für Ringfinger oder für Relationen/Ratgeber: Habe ich heute jemanden geholfen? Wurde mir geholfen? Hat mir jemand eine Freude gemacht? Habe ich jemandem etwas Gutes getan? 


Und nach dem Glückstag: Der Tag des Waldes


Und schließlich der kleine Finger für Körper: Was habe ich heute für meine Gesundheit getan? Habe ich mich bewegt, war ich spazieren, habe ich okay oder gut geschlafen, Sport getrieben? Gerade in akuten Krisen ist ein solches „Positiv-Training“ – wie ich es gerne nenne und seit 10 Jahren erfolgreich betreibe - hilfreich: Denn vor allem, wenn es einem gerade schlecht geht, ist es wichtig, das Gute an den Tagen herauszuarbeiten. Und sei es auch nur so etwas wie „Ich habe heute meine innere Unruhe ausgehalten“ - denn dann erst ahnt man, dass einem das vielleicht zukünftig wieder gelingen könnte. Oder wird. Dann ist der Weg zum Glück noch immer weit. Aber er lässt sich aktiver gestalten. Apropos: Jeweils einen Tag nach dem "Weltglückstag", also jeweils am 21. März, ist der "Welttag des Waldes". Vielleicht ein Anlass für einen Spaziergang an der frischen Luft ? Das könnte dann ein neues Immerhin werden... - und im Fall der Ausgangssperre lauschen wir halt den Vögeln draußen... Auch ein Immerhin.  


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Sonntag, 5. März 2017

Über das Tabuthema Suizid: In einer Radiosendung kommen "Angehörige um Suizid" aus der Region Osnabrück zu Wort - wird über das Thema in unserer Gesellschaft zu wenig gesprochen?

Osnabrück (eb) - "So wenig einen 'Mord' begeht, wer sich umbringt, so wenig 'frei' ist, wer in den Freitod geht", schrieb einmal Roger Willemsen. Auch in der Radiosendung "Tabuthema Suizid" des Deutschlandradios Kultur werden diese klugen Zeilen zitiert - und nicht nur das. Zu Wort kommen auch die Mitglieder einer Selbsthilfegruppe aus dem Raum Osnabrück: Nämlich die "Angehörigen um Suizid" (Agus). Zudem birgt die Sendung durchaus Diskussionspotenzial: Es wird in unserer Gesellschaft nicht offen genug über Suizid gesprochen, lautet eine der Thesen.

Die Sendung ist bereits vor einigen Jahren ausgestrahlt worden und kann immer noch auf der Internetseite des Deutschlandradios als Manuskript nachgelesen werden oder kann ebendort per Mausklick auf Button "Beitrag hören" auch angehört werden. In dem Beitrag werden auch alle (falschen) Vorurteile und Mutmaßungen angesprochen, denen sich die Angehörigen eines Suizidanten oft ausgesetzt sehen und die sehr schmerzhaft sein können. Beispielsweise der Satz: "In der Familie muss doch etwas schief gelaufen sein..."


Wenn die Verzweiflung groß ist und sich das Gedankenkarussell um den eigenen Tod dreht, gibt es kostenlose und anonyme Hilfe beispielsweise bei der Telefonseelsorge, die auch E-Mail-Beratung anbietet.   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-0-Lizenz)

Als Journalist und Redakteur habe ich verinnerlicht: Mediale Zurückhaltung beim Thema Suizid ist immer geboten, weil man davon ausgehen kann, dass es den 1974 erstmals so klassifizierten "Werther-Effekt" gibt. Soll heißen: So wie sich seinerzeit nach Erscheinen des Briefromans "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe die (zumeist männlichen) Leser in den Suizid stürzten - wie es die Romanfigur am Ende tut -, so ist davon auszugehen, ist sogar nachgewiesen, dass nach Medienberichten über einen Suizid selbiges geschieht. Konkret...: 


Fehlt es an einem "aufklärerischen Kurs"?


Je mehr darüber berichtet wird, umso mehr Nachahmer gibt es. So weit, so bekannt. Dass aber diese Zurückhaltung eine vielleicht nötige Debatte über das Thema erschwert, ist ein neuer Aspekt, der bedacht werden sollte. Die Empfehlung eines in der Sendung zu Wort kommenden Experten ist ein "analytisch aufklärerischen Kurs – nur so kann es einen angemessenen Umgang geben". Ganz unaufgeregt an das Thema heranzugehen, empfehlen in der Sendung auch betroffene Angehörige. Gerade sie wissen natürlich am besten: Wo soviele Emotionen im Raum sind, ist unaufgeregt nicht immer einfach.


Noch Jahre danach die Hoffnung: Ist nicht alles nur ein Irrtum?


Wie schmal dieser Grat indes ist, zeigte bereits 1981 die im ZDF gezeigte erwähnte fiktive Sendung "Tod eines Schülers" – der Anstieg an Selbsttötungen stieg nach Ausstrahlung messbar an. Der Radiobeitrag geht auch hierauf ein, ebenso wie auf die Gefühle der Hinterbliebenen, die oft noch Jahre nach dem Ereignis die Hoffnung in sich tragen, es könnte vielleicht doch ein Irrtum gewesen sein.


Suizidgedanken? Anonyme Hilfe gibt es auch per E-Mail


Wichtig: Wer tatsächlich an einen Suizid denkt und diese Gedanken nicht loswird, findet kostenlose und anonyme Hilfe z.B. bei der Telefonseelsorge unter 0800/1110111 - oder als E-Mail-Beratung über die Internetseite www.telefonseelsorge.de.


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Sonntag, 19. Februar 2017

Ruh-Wald, Ruhe-Forst und Friedwald eng nebeneinander: Wie sehr alternative Bestattungsformen im Trend liegen, zeigt die Region Osnabrück - doch was tun mit der neuen Leere auf den Friedhöfen? Beispiele und Ideen...

Bad Essen/Bissendorf/Osnabrück – Wie sehr die alternativen Bestattungsformen als Gegenpol zum klassischen Friedhof im Trend liegen, zeigt die Entwicklung im Landkreis Osnabrück. Hier gibt es inzwischen von allen drei auf diesem Markt tätigen kommerziellen Anbietern jeweils Waldgebiete für die Urnenbestattung in der Natur geben: In Bad Essen hat das Unternehmen Ruhe-Forst im Frühjahr 2017 ein den Bestattungen gewidmetes Waldgebiet eröffnet. In Bramsche-Achmer ist der Friedwald schon länger dabei. Und in Bissendorf-Holte kam im September 2017 die aus Hameln stammende Firma Ruh-Wald mit dazu. Dass alle drei Unternehmen so dicht beieinander vertreten sind, hat Seltenheitswert (nur in der Region Wolfenbüttel/Braunschweig soll es Angaben meiner Blogleser zufolge noch so sein). Die Reihen auf den Friedhöfen werden derweil lichter und lichter - auch rund um meine Angehörigen. Ein Symptom unserer Zeit. 

Meine Mutter hat bald keine Nachbarn mehr. Rund um ihr Grab wird es leer auf dem Heger Friedhof in Osnabrück. Waren an den links und rechts gelegenen Gedenkstätten noch vor kurzem die gelben Schilder mit dem Aufdruck "Angehörige, bitte melden!" zu sehen, die ein letztes Suchen nach verbliebenen Angehörigen vor dem Einebnen eines Grabes dokumentieren, sind dort jetzt nur noch Rasenflächen zu sehen. Und so sehr ich es als zertifzierter Trauerbegleiter und als Mensch der Moderne begrüße, dass heutzutage immer ein individueller und zum gestorbenen Menschen passender Abschied möglich ist, so sehr weiß ich auch, dass es meine Mutter geschmerzt hätte, sähe sie diese Leere rund um sie. Was also ist zu tun?


Viel Resen, viel Fläche - vor gar nicht allzu langer Zeit war hier noch Grab an Grab. Leere Grabreihen aufgenommen auf dem Heger Friedhof Osnabrück im Februar 2017.  (Thomas-Achenbach-Foto)

Nun, zum einen das, was schon getan wird: Was in Osnabrück und andernorts schon längst geschieht, ist das Umwidmen der neu dazugewonnenen Rasenflächen auf den Friedhöfen: Wo bis vor wenigen Jahren noch die Gräber der so genannten Körperbestattung nebeneinander lagen, ist jetzt die Urnenbestattung auf der großen Wiese - ggf. mit einer kleinen Plakette -  freigegeben. Aber wie die vielen neuen Ruhe-Fried-und-sonstigen Wälder zeigen: Das alleine wird nicht reichen. In Bremen ist man da indes schon weiter (nicht nur, aber auch, im Bereich der Friedhofsnutzung ist Bremen vorbildlich modern orientiert).


Obstwiesen statt Gräberreihen - Modell der Zukunft?


Denn im dortigen Ortsteil Blumenthal gibt es das,was einen Friedhof der Zukunft ausmachen könnte. Blumenwiesen statt leerer Grabreihen. Obstbäume auf den Rasenflächen, deren Äpfel zur freien Verfügung stehen (und über deren Giftgehalt gerade eine neue Diskussion ausgebrochen ist - denn vor allem Urnenstaub soll Schwermetalle enthalten, heißt es). Ein Insektenhotel und eine Streuobstwiese für die Bienen. Und, das ist besonders bemerkenswert: 


Bestattungsfelder für sozial Schwache - mit Zierde


Es gibt auch ein Bestattungsfeld für sozial Schwache ohne Verwandten oder Geld. Das Gräberfeld wird geziert durch zwei steinerne Stelen, die einmal zusammengehört haben. Das Auseinanderrupfen der beiden Steinteile wird durch die Bruchkanten an den Seiten sichtbar. Darunter liegen steinerne Scherben. Eine Grabstätte mit hohem Symbolwert - in mehrfacher Hinsicht. Gute Ideen. Sie ließen sich noch weiter fortspinnen - und die Bremer Politiker tun das auch.


Wird diskutiert: Spielplätze auf Friedhöfen anlegen?


Warum nicht beispielsweise mehr Leben auf den Friedhof holen, den Parkcharakter (und zugleich Erholungscharakter) stärker betonen? Ob es unbedingt Spielplätze sein müssen, wie es die Bremer Grünen vorschlagen, muss man diskutieren. Natürlich hat ein Friedhof immer mehr Würde, wenn es dort etwas stiller zugehen kann. Andererseits: Die symbolische Brücke vom Anfang des Lebens zu seinem Ende auch auf diese Weise aufzuzeigen, ist so verkehrt auch nicht. Übrigens, ein kleiner, aber bemerkenswerter Nebenaspekt: 


An den Stellen, wo die Grabreihen schon ganz verschwunden sind, werden oft Felder für die Urnenbestattung eingerichtet, so wie hier im Hintergrund. Leere Grabreihen aufgenommen auf dem Heger Friedhof Osnabrück im Februar 2017.  (Thomas-Achenbach-Foto)

"Asche zu Asche, Staub zu Staub" - auch die ganz klassische Beerdigung auf dem Friedhof - ohne die vorherige Verbrennung des Körpers - arbeitet stets mit dieser Symbolik des ewigen Kreislaufs der Natur. Die gleiche Symbolik also, die auch ein Wald als letzte Ruhestätte vermittelt. Letztlich sind es also sehr ähnliche, wenn nicht gar gleiche Motive, die die Menschen zu der einen oder der anderen Form von Bestattung bringen. In die gleiche Richtung geht auch ein Zitat des für den neuen Ruhe-Forst bei Bad Essen zuständigen Bereichsleiters.


"Das Wunder der Schöpfung" - bitte ohne Pflegeaufwand


„Im Wald erleben wir das Wunder der Schöpfung besonders intensiv: Ehrfürchtig stehen wir vor den vielfältigen Wirkungen des Waldes, er schenkt uns beste Atemluft und reines Trinkwasser“, so wird Rudolf Alteheld von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (die den Ruhe-Forst betreibt) in der Pressemitteilung zitiert. Alteheld, bei der Kammer Leiter des Geschäftsbereichs Forst, bezeichnet den Wald mit seinen zahlreichen Pflanzen- und Tierarten als einen Ort, mit dem sich die menschliche Seele tief verbunden fühlt. Was heute jedoch als der wichtigste Faktor stets mitbedacht werden muss:


Ein Mustergrab im neu eröffneten Ruhe-Forst Schloss Hünnefeld bei Bad Essen: Die Asche der Verstorbenen wird dort in biologisch abbaubaren Urnen in den Waldboden eingebracht.  (Wolfgang-Ehrecke/Landwirtschaftskammer-Pressefoto) 

Sich an einen festen Ort zu binden, der zudem einen Pflegeaufwand (oder einen langfristig zu bezahlenden Gärtner) mit sich bringt, macht vielen Menschen heutzutage eher Angst. Zu ungewiss sind die beruflichen Stationen in diesen Tagen, zu ungewiss sogar die Lebensbindungen. Wer dann für einen langen Zeitraum ein Grab zu pflegen hat in seiner Heimatstadt, aber aus beruflichen oder privaten Gründen mehrere hundert Kilometer entfernt leben muss, sieht sich in einer Zwickmühle. Zumal bizarre Geschichten von fast 100-jährigen Bettlägerigen, die von offiziellen Behörden entweder zur Grabpflege oder einer hohen Bußgeldzahlung aufgefordert werden, nicht dazu beitragen, das Vertrauen in die Institution Friedhof zu stärken (siehe den Bericht der Neuen OZ).


Die Zukunft der Friedhöfe bleibt spannend, aber ungewiss


Kein Wunder also, dass die Wälder als Ruhestätten weiter so sehr im Trend liegen. Denn die Wälder dort werden von Förstern gepflegt. Und wer es am Todestag einmal nicht an den eigentlichen Baum dort schafft, kann sich in jedem anderen Waldstück in Deutschland zumindest symbolisch den verstorbenen Menschen nahefühlen. Es bleibt spannend, was das für unsere Friedhöfe bedeutet. Und in welcher Nachbarschaft meine Mutter wohl bald liegen wird. Neben Obstwiesen? Spielplätzen? Insektenhotels? Im Sommer werde ich mir das Friedhofsprojekt in Bremen-Blumenthal selbst ansehen dürfen. Ich bin gespannt - und werde berichten.


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