Dienstag, 26. Mai 2020

Wie eine Familie den Geburtstag der gestorbenen Tochter jedes Jahr als Lebens- und Abschiedsfest gestaltet - und wie sie auch in Zeiten großer Ohnmacht neue Spielräume zur Gestaltung gefunden hatte - ein Brief, der anderen trauernden Familien Mut machen kann, hatte mich erreicht / Serie: Wie Trauernde ihre Gefühle erleben, Teil 2 von 3

Osnabrück – Nachdem ich dort einen Vortrag gehalten hatte, erreichte mich der Brief eines Ehepaares, in dem dieses von dem Verlust Ihrer Tochter Antonia berichtet. Das Mädchen war im beginnenden Teenageralter über Nacht gestorben, ganz plötzlich, einfach so. An einem Gendefekt, wie man inzwischen vermutet. Was mir das Ehepaar über ihren Tod und den darauf folgenden Prozess berichtet, hat mich innerlich und nachhaltig angerührt und ich habe so vieles darin gefunden, dass anderen Mut machen könnte, so dass ich gerne ein paar Zeilen auf diesem Blog darüber verlieren möchte. 

Natürlich habe ich die Absender vorher gefragt, ob das für Sie so in Ordnung ist. Die Antwort lautete: „Wir würden uns beide sehr freuen, wenn Sie den Brief für Ihre Arbeit „nutzen“ können bzw. wenn wir anderen Trauenden damit etwas Trost oder Hilfe geben können.“ Und weiter heißt es in dem zweiten an mich adressierten Brief: „Antonias Namen können Sie selbstverständlich erwähnen. Solange man über unsere Verstorbenen spricht, sind sie noch bei uns“. Noch so ein Satz, der mich berührt. Aber von Anfang an: 

(Alle Fotos/Symbolfotos: Thomas Achenbach)

Noch kurz vor Ausbruch der Coronakrise hatte ich die Ehre, eine Vortragslesung zum Thema Männertrauer geben zu dürfen, zu der rund 120 Zuhörer gekommen waren. Eine stolze Zahl, doch es kam noch besser: denn was sich im Anschluss an meinen Vortrag alles an Wortbeiträgen und Diskussion ergab, ging sehr tief und war intensiv. Auch die Briefeschreiberin hatte ihren Worten zufolge noch lange mit sich gerungen, ob sie noch etwas erzählen wollte, denn öffentlich zu sprechen fällt ihr nicht leicht. Als sie sich schließlich doch noch dazu entschlossen hatte, war der Abend dann vorbei. Also schrieb sie mir einen Brief. Und wie schon im ersten Teil dieser kleinen Miniserie geschildert: Menschen in Trauer tut es oft sehr gut, wenn sie einfach davon erzählen dürfen. 


Kann gut tun: Das tote Kind zuhause wissen



Also schildert mir das Ehepaar, das übrigens gemeinsam zu dem Vortragsabend gekommen war, wie es unerwartet und ganz überraschend seine jugendliche Tochter Antonia verloren hatte - und was danach geschah. Drei Tage lang, so schildert es mir die Briefeschreiberin, sei der Leichnam zu Hause gewesen, also aufgebahrt und unter professioneller Betreuung. Diese drei Tage seien zwar einerseits sehr schmerzvoll gewesen, aber andererseits auch irgendwie gut. Weil sich alle die Zeit nehmen konnten für einen richtigen Abschied. Wörtlich heißt es in dem Brief: „Es mag sich sonderbar anhören, aber es war irgendwie auch schön“. 


Die Briefeschreiberin erinnert sich an Kinder aus der Nachbarschaft, die zum Abschiednehmen vorbeigekommen waren, und an gute Momente des gemeinsamen Schweigens mit Kondolenzbesuchern. Seither feiert die Familie jedes Jahr Antonias Geburtstag als großes Fest mit vielen Gästen – und als Abschieds- wie auch als Lebensfest. Und am im Winter liegenden Todestag trifft man sich auf dem Friedhof, je nach Kälte auch mal mit Glühwein dabei.


Ein Brief, der anderen Mut machen kann


Beim Lesen dieses Briefes habe ich gemerkt, wie diese Zeilen etwas mit mir gemacht haben und wie in mir der Wunsch wach geworden ist,  dass viele Menschen diesen Brief lesen könnten, um eine Ahnung davon bekommen zu können, was selbst in diesen Momenten – die ja immer Augenblicke eines großen Überfahrenseins und eines Preisgegebenseins an Ohnmächte sind – doch noch alles möglich sein kann. Dass es immer noch Möglichkeiten der Gestaltung gibt und dass es gut ist, diese auch wahrzunehmen. Das ist oft Thema in diesem Blog. Von solchen Erfahrungen haben mir auch andere Trauernde berichtet - und ich habe es seinerzeit beim Tod meiner Mutter selbst so erleben können: 


Trotz aller Tragik können sich in diesen Tagen nach dem Tod auch Augenblicke von einer großen Klarheit ergeben, einer wohltuenden Abgerücktheit von der Welt und eines ganz menschlichen Miteinanders, das seinesgleichen sucht. Vermutlich ist das eine Erfahrung, die sich anderen Menschen nur schwer plausibel beschreiben lässt, wenn sie ein solches Erlebnis noch nicht hatten. Und doch ist es eine, von der manchmal berichtet wird. Ein herzliches Danke an die Eltern von Antonia, dass wir das hier teilen dürfen – und ich wünsche Ihnen von Herzen einen weiteren Trauerweg, der in aller Schwere auch gut sein darf.


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Mittwoch, 20. Mai 2020

Darf ich einen Menschen in Trauer auf seinen Trauerfall ansprechen - oder mache ich damit alles noch viel schlimmer? Antworten auf einige der Fragen, die oft gestellt werden (und nach denen hier oft gesucht wird) / Serie: Wie Trauernde ihre Gefühle erleben, Teil 1 von 3

Osnabrück - Es gibt manchmal Fragen, die sich viele Menschen stellen - die sie aber nicht unbedingt öffentlich zu fragen wagen. Zum Beispiel die Frage: Darf ich einen Menschen in Trauer auf seinen Verlust ansprechen - oder mache ich damit alles noch viel schlimmer? Was mich in dieser Vermutung bestärkt, ist die Technik im Hintergrund dieses Blogs, also die Software vom Portal blogger.com. Was ich daran sehr schätze: Sie bewahrt und schützt die Anonymität der Leser, zeigt mir aber trotzdem, wie diese mir unbekannt bleibenden Menschen zu meinem Blog gefunden haben. So habe ich zum Beispiel die Möglichkeit, mir die Suchbegriffe anzeigen zu lassen, die manche Leser zu meinem Blog geführt haben, ohne dass ich dabei irgendetwas Anderes über sie erfahre. Das ist sehr gut so. Und immer wieder tauchen Suchbegriffe auf wie: "Trauernde auf ihren Trauerfall ansprechen?" 

Das zeigt mir, wie groß die Unsicherheiten oft sind - und das ist völlig verständlich. Die Gefahr steht im Raum, dass man etwas Falsches sagen könnte. Etwas falsch machen könnte, immerhin geht es hier um den Umgang mit sensiblen Themen und sensiblen Gefühlen. Da steht die Sorge im Raum, es womöglich noch schlimmer machen könnte als es überhaupt schon ist. Das macht einem Angst, verständlicherweise. Zumal es um ein Thema geht, das uns Menschen grundsätzlich Angst macht: den Tod. Je weniger Erfahrung wir mit diesen Gefühlen und diesem Thema haben, desto verunsicherter sind wir selbst im Umgang mit anderen Menschen, die gerade in so einer Verlustsituation sind. Also entscheiden wir uns oftmals lieber für das vermeintlich Sicherste: Wir sagen mal lieber nichts. Aber damit werden wir den Menschen, die einen Verlust erlitten haben, am wenigsten gerecht.



(Alle Fotos/Symbolfotos: Thomas Achenbach)

Es war die Sternenkindmama Kena Woodnig, die kürzlich zum Muttertag diese zwei Sätze auf Twitter veröffentlichte: "Wir Eltern reden eigentlich ganz gern über unsere Sternenkinder. Vorausgesetzt unser Gegenüber hört uns wirklich aufrichtig zu". Was Kena Woodnig hier zusammenfasst, trifft nicht nur auf Sternenkindeltern zu. Denn die Menschen, die einen Verlust erlitten haben, wollen meist sehr, sehr gerne darüber reden. Wäre dem nicht so, gäbe es z. B. keine Trauergruppen, Trauercafés und keine professionellen Trauerbegleiter wie mich. Aber warum traut sich das keiner?


Was kann ich einem Menschen in Trauer denn sagen?


Hartnäckig hält sich der Irrglaube, dass es besser wäre, diese Menschen nicht auf ihren Verlust anzusprechen, weil sie dann ja noch trauriger werden könnten. Aber das Gegenteil ist der Fall: Es tut vielen Menschen gerade gut, wenn sie ihren Verlust besprechen und ihre eigenen Gefühle ins Wort bringen können. Meistens ist es genau das, was fehlt. 
Bleibt bloß noch die Frage: Was sagen ich diesen Menschen denn? Was hilft wirklich?



Das ist in Wahrheit gar nicht so schwer, wie es scheint: Am besten einfach Fragen stellen. Die erste Frage könnte lauten: Möchtest Du von Deinem Verlust erzählen? Möchtest Du erzählen, wie es Dir gerade geht? Was macht das mit Dir? Wie war der gestorbene Mensch so, was mochtest Du an ihm am liebsten? Möchtest Du mir von dem gestorbenen Menschen etwas erwählen? Oder, im Fall von Sternenkindern: Wie heißt Euer Kind (übrigens, "heißt" ist in dem Zusammenhang immer besser als "hieß"). Solche und andere Fragen sind hilfreich, um ein Gespräch langsam in Gang zu bringen. Meiner Erfahrung nach reicht oft ein erster Impuls dieser Art schon aus, dann findet sich der Rest fast von selbst. Hilfreich ist es außerdem zu wissen, dass die wirklich schlimmen Phasen nach einem Verlust oft erst nach der Beerdigung oder der Trauerfeier eintreten können, oft sogar erst lange nach der Beerdigung. Auch ein Jahr später noch und weitaus länger sind die Menschen innerlich oft noch ganz aufgelöst, können es jedenfalls sein - auch ohne es zu zeigen. Trauer ist immer ein individueller Prozess, das ist die Grundregel Nr. 1 - und sie dauert oft viel, viel länger als wir, die wir keinen Verlust erleiden mussten, uns das vorstellen können, das ist die Grundregel Nr. 2. 


Sich selbst zurückhalten und Fragen stellen



Wichtig ist im Gespräch jedoch, dass man sich selbst zurückhält. Menschen, die gerade einen Verlust erleiden mussten und die daran leiden, haben das Recht darauf, dass ihr persönlicher Verlust jetzt die Hauptrolle spielen darf, auch im Gespräch mit ihnen. Es ist wichtig, diesen Menschen dann möglichst nicht die eigenen Erfahrungen mit Tod und Trauer mitteilen zu wollen oder gut gemeinte Tipps geben zu wollen, mag die Versuchung auch groß sein. 



Was es mit den Menschen in Trauer macht, wenn sie nicht über ihre Verluste sprechen können, zeigt ebenfalls ein Tweet aus dem Bereich Sternenkindmamas: "Viele Betroffene sprechen nicht über ihre Fehlgeburt(en). Deshalb scheint es nicht-Betroffenen oft so, als sei eine Fehlgeburt die schreckliche Ausnahme." Und auch das lässt sich ganz außerhalb des Themas Sternenkinder als generelle Aussage definieren: Eben weil wir diese Themen noch allzu oft in den Bereich von Scham, Tabu und Verschwiegenheit verschoben haben, macht es auf viele Menschen den Eindruck, als sei das alles ganz unnormal, ganz merkwürdig, mehr so etwas für ganz Verschrobene. Ist es aber nicht. Ist alles ganz normal. So normal wie der Tod. 

Und am Ende dieses Tweets heißt es dann: "Wieviele Betroffene kennst Du?"


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Freitag, 28. Februar 2020

Wie simple Bonbons den nahenden Tod symbolisiert haben... So war die Trauer-Ausstellung der Hamburger Kunsthalle im Jahr 2020


Hamburg - Es ist ein paar Jahre her, dass ich diesen Text geschrieben habe. Und doch gehen mir die Bildern nicht aus dem Kopf. Es gab einen Raum in dieser Trauer-Ausstellung der Hamburger Kunsthalle, den ich nach wie vor nicht aus dem Kopf bekomme. Vermutlich, weil sich seine Wirkungsmacht erst so langsam im Innern entfaltet hat. Der Boden dieses Raums war gefüllt mit in Zellophan eingewickelten Bonbons, von denen sich jeder Besucher eines nehmen durfte. Die Fenster waren mit weißen, aber lichtdurchlässigen Vorhängen versehen, die ein irgendwie gefiltertes Licht in den Raum hindurchließen. Und diese ganze Installation nannte sich "Loverboy" und erzählt vom Tod und vom Sterben. Warum und wie? Springen wir zurück in die damalige Zeit.  

Die Ausstellung "Trauern" in der Hamburger Kunsthalle. 32 moderne Kunstwerke. Die sich allesamt dem Themenkomplex von Tod, Verlust und Trauern widmen. Manches davon ist recht simpel gehalten in seiner Gestaltung und doch sehr effektiv in seiner Wirkung - so beispielsweise der auf eine ansonsten komplett weiße Wand aufgebrachte schwarze Trauerrand. Auch ein Kunstwerk. Daran wäre ich fast vorbeigelaufen, ohne es zu bemerken, und anfangs hat mich dieses Kunstwerk wenig berührt. Erst später hat sich mir eine Frage ins Bewusstsein gedrängt: Wenn ich als Besucher in diesem Trauerrahmen stehe, ist das dann sozusagen meine eigene Traueranzeige? Die auf meinen Tod hinweist? Und schon ist die Idee von Vergänglichkeit und vom Sterbenmüssen wieder viel greifbarer geworden.


Wer ein Bonbon lutscht, sollte um die Hintergründe wissen


So auch bei dem anfangs erwähnten Bonbon-Raum zum Mitmachen. Wie der Besucher in dem informativen und kostenlosen Begleitheft zur Ausstellung erfährt, wiegt dieser Teppich aus Bonbons zu Beginn genausoviel, wie der damalige Freund und Geliebte des Künstlers Félix González-Torres zu Beginn seines Sterbeprozesses gewogen hatte. Denn der war an Aids erkrankt, weswegen er zunehmend an Gewicht verlor, und starb daran im Alter von 36 Jahren. Wer sich also ein Bonbon von diesem Flickenteppich nimmt, der trägt als Besucher der Ausstellung dazu bei, dass die Vergänglichkeit als Thema spürbar wird. Deswegen auch die Vorhänge: Sie sind zugezogen, wie in einem Sterberaum. 


Kinder putzen einen Friedhof - und das ist alles echt


Wer über einen Besuch der Trauer-Ausstellung nachdenkt, dem seien übrigens zwei Tipps ans Herz gelegt: Erstens kann es nicht schaden, zwischendrin eine Pause einzulegen, weil die vielen Eindrücke doch auch erschöpfend sein können. Auch räumlich gesehen bietet sich eine Pause gut an, denn die Ausstellung erstreckt sich über zwei Etagen. Zweitens werden dort viele Filme gezeigt, die jeweils eine Laufzeit zwischen 7 und 30 Minuten haben. Es kann sich also lohnen, etwas Zeit mitzubringen (mein Tipp: rund drei Stunden). Unter den Filmen ist beispielsweise der eindrucksvolle Dokumentarfilm "The Guardians", der uns auf einen etwas verwahrlosten und in der Sonne dösenden Friedhof mitnimmt. Bis auf einmal eine Kinderhand damit beginnt, ein Grab zu putzen. Was hier gezeigt wird, ist keine bewusst erzeugte Kunst, sondern echtes Leben. 


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Denn in der kleinen Stadt Shkodra in Nordalbanien gibt es diesen Friedhof, der in den 90er Jahren von Kindern, nicht von Erwachsenen, wieder hergerichtet und gesäubert wurde. Offenbar in Eigenregie, wie die Filmbilder einen vermuten lassen. Weil während der kommunistischen Diktatur in Albanien auch christliche Symbole und Riten verboten waren, dreht sich dieser Film auf eine ganz eigene Weise um die Frage: Wie wollen wir mit dem Tod umgehen, wenn uns ein zur Verfügung stehendes Sprach- und Bearbeitungsrepertoire entzogen wird? Eine von mehreren Fragen, die die Ausstellung auf ein Niveau allgemeiner gesellschaftlicher Relevanz heben.


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Donnerstag, 23. Januar 2020

Warum das Sterben bzw. der Tod in Deutschland seit Januar 2020 deutlich teurer geworden ist - und warum auf alle Erben und Angehörigen höhere Kosten zukommen - Was Ärzte seit Januar 2020 für die "Leichenschau" berechnen dürfen und warum es darum Streit gibt

Osnabrück/Königswinter - Das Sterben ist in Deutschland im Jahre 2020 teurer geworden. Hintergrund sind gestiegene Preise für eine ganz wichtige Leistung, ohne die in Deutschland kein Mensch beerdigt werden kann: Das Ausstellen eines Totenscheins. Oder genauer gesagt: Die diesem Akt vorausgehende so genannte "Leichenschau", also das Feststellen des Todes. Dies muss durch einen Arzt geschehen, oft ja durch den Hausarzt. Was aber kaum jemand weiß: Diese Leistung bezahlen immer die Erben, also die Angehörigen. Nicht etwa die Krankenkassen. Genau daran entzündet sich jetzt erneute Kritik, seit die Preise für die Leichenschau im Januar 2020 nochmal deutlich gestiegen sind - was die Ärzte wiederum überaus begrüßenswert finden...

Manchmal sind es nur einzelne Begriffe, die allerlei falsche Assoziationen wecken. Du hörst ein Wort und hast sofort bestimmte Bilder im Kopf. So geht es mir jedenfalls beim Begriff der "Leichenschau". Für mich klingt das nach Krimi, Polizei, Fernsehkommissaren, Tatort, Rechtsmedizin, CSI und so weiter. Doch die nackte Tatsache ist: Jeder Mensch, wirklich jeder, wird zumindest einmal in seinem Leben mit einer Leichenschau zu tun haben. Spätestens dann, wenn er gestorben ist. Denn sobald ein Arzt ausrückt, um den Tod festzustellen und den Totenschein auszustellen - ohne den in Deutschland gar nichts geht -, wird diese ärzliche Untersuchung eben als "Leichenschau" bezeichnet (mal am Rande erwähnt: eine Obduktion gehört zu dem, was in Deutschland als "innere Leichenschau" bezeichnet wird - und bevor ein Mensch kremiert, also verbrannt, wird, ist immer auch eine zweite Leichenschau nötig).


Ist da noch Wärme oder ein Pulsschlag? (Fotos: Thomas Achenbach)


Nun ist die Leichenschau also teurer geworden. Dazu ist Folgendes wichtig zu wissen: Obwohl es jeweils ein Arzt ist, oft ja der Hausarzt, der diese Leistung erbringt, wird diese ärztliche Leistung eben nicht von den Krankenkassen bezahlt. Mit der Argumentation: Wer tot ist, der ist eben nicht mehr krank, da sind wir als Krankenkasse nicht mehr zuständig. Wer bezahlt es also? Die Angehörigen selbst, denen der Arzt dafür eine Rechnung ausstellt, die sie zu bezahlen haben. Das war vielen Ärzten lange ein Dorn im Auge, weil die Gebührenordnung für Ärzte schon lange nicht mehr aktualisiert worden ist und weil so eine Leichenschau für Ärzte sowohl zeitlich als auch vom Aufwand her als recht intensiv gilt. Die bisherigen Preise hätten die tatsächlichen Leistungen nicht finanzieren können, lautete eine lange Kritik der Ärzte. Deswegen hat das Bundesgesundheitsministerium in Sachen Leichenschau eine Aktualisierung angestoßen - seit Januar 2020 gelten dafür neue Tarife. Und die Verbraucherschutzinitiative Aeternitas, die sich um viele Bestattungsfragen kümmert und die in Fach- und in Journalistenkreisen ein hohes Ansehen genießt, nimmt das zum Anlass für zweierlei Kritik.


Es gibt Kritik an der Neuregelung 


Der größte Kritikpunkt von Aeternitas ist, dass die Rechnungen der Ärzte auch weiterhin unübersichtlich bleiben und sich aus vielen verschiedenen Ziffern, Paragraphen und Zuschlägen zusammensetzten. Schon 2017 hatte Aeternitas im Gespräch mit der "Stiftung Warentest" beklagt, dass der Initiative mehrere Beschwerden über zu hohe oder unklare Rechnungen vorlägen und dass die Rechnungen allgemein unübersichtlich wären. Dies habe sich auch jetzt durch die Reform der Gebührenordnung nicht verbessert, beklagt Aeternitas jetzt erneut in einer aktuellen Pressemitteilung. Außerdem schlägt die Verbraucherinitative vor, dass die Krankenkassen diese Leistungen übernehmen sollten. "Zum einen wären die Angehörigen von diesen Kosten entlastet, zum anderen erscheint es angemessen, dass hier ein letztes Mal die Solidargemeinschaft der Versicherten für den Einzelnen aufkäme", heißt es in einer Mitteilung der Initiative. Aber wieviel kostet es denn nun, für seine gestorbenen Angehörigen einen Totenschein ausstellen zu lassen? 




Nun ja - von... bis. Wie Aeternitas weiter schreibt, ergibt sich seit Jahresbeginn 2020 aus den Neuordnungen für die Gebührenordnung für Ärzte, abgekürzt GOÄ, ein neuer Kostenrahmen zwischen 103 Euro und 265 Euro – abhängig ist das jeweils von Dauer und Umfang der Leistung, von den Todesumständen, von Uhrzeit und Wochentag sowie von der Entfernung der Arztpraxis (alternativ des Wohnorts des Arztes) zum Ort der Leichenschau. Bisher durfte die Leichenschau maximal (und das nur für besondere Fälle) bis zu 76,56 Euro kosten, korrekt abgerechnet hätten sich meist Beträge zwischen 20 und 60 Euro ergeben, heißt es in dem Schreiben weiter.


Viele Angehörigen zahlen, ohne die Rechnung zu verstehen


Die Reform der GOÄ habe die Bundesregierung damit begründet, dass die bislang vorgesehenen Beträge für den notwendigen zeitlichen Aufwand einer hochqualifizierten Berufsgruppe nicht mehr angemessen waren, sagt Aeternitas. In der Praxis führe dies in zahllosen Fällen dazu, dass Ärzte falsch abrechneten und überhöhte Rechnungen für Leichenschauen schrieben. Die meisten Angehörigen zahlten aufgrund fehlender Informationen anstandslos und stellten die Rechnungen nur infrage, wenn Sie ihnen außerordentlich hoch erschienen.


Zwar begrüße Aeternitas grundsätzlich eine Reform der GOÄ. Tatsächlich erschienen die bisherigen Gebührensätze nicht mehr angemessen. Doch hatte Aeternitas gehofft, dass die Rechnungen jetzt übersichtlicher werden könnten - und zeigt sich davon enttäuscht, dass das nicht der Fall ist. „Die Angehörigen werden wie bislang kaum in der Lage sein, die Korrektheit einer Rechnung einschätzen zu können“, wird der Aeternitas-Rechtsreferent, Rechtsanwalt Torsten Schmitt, in der Mitteilung weiter zitiert. Er gehe davon aus, dass auch in Zukunft viele Abrechnungen nicht korrekt, sondern zu hoch sein werden: „Die Chance für eine transparente Regelung der Leichenschaugebühren wurde leider vertan“. 


Neu dazugekommen ist die "vorläufige Leichenschau"


Nicht im Sinne der Verbraucher ist Aeternitas zufolge ebenso, dass anders als bisher auch eine vorläufige Leichenschau (zum Beispiel durch den Rettungsdienst) abgerechnet werden kann. Da die eingehende Leichenschau anschließend dennoch verpflichtend ist, kommen für die Angehörigen unter Umständen Beträge von mehr als 400 Euro zusammen. Wenn die Krankenkassen die Leichenschaugebühren übernähmen, würden Einzelne nicht mehr mit besonders hohen Zahlungen aufgrund von nicht zu beeinflussenden Zufälligkeiten, wie Sterbeort- und -zeit, Auffindesituation oder Anfahrtsweg des Arztes, belastet. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil wäre, dass bei den zuständigen Krankenkassen genug Fachwissen vorhanden wäre, um falsche oder überzogene Rechnungen schneller zu erkennen, heißt es in der Mitteilung weiter.


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Freitag, 13. Dezember 2019

Wie die menschliche Sterbeuhr alle in diesem Jahr bereits Gestorbenen misst und wo sie zu finden ist - und warum die dazugehörige Website verständnisvolle Inspirationen für Trauernde geben kann

Osnabrück - Wer hätte das gewusst? Alle 33 Sekunden stirbt, statistisch gesehen, ein Mensch in Deutschland. Das macht pro Stunde etwa 108 gestorbene Menschen. Und wer wissen möchte, wieviele Menschen in diesem Jahr bereits gestorben sind, kann sich jetzt auf einer neuen Website die so genannte Sterbeuhr ansehen, die einem das in eindrucksvoller Weise und immer ganz aktuell zeigt. Doch das damit verbundene Online-Magazin "Trauer now" ist noch aus einem ganz anderen Grund ein empfehlenswerter Lesetipp (zu erreichen über diesen Link hier). 

Denn in mehreren Artikeln auf diesem Portal gibt es wertvolle Impulse und viele Anregungen für Trauernde - und für die Menschen, die sie begleiten, sei es als Angehörige oder Freunde oder Kollegen. Ergänzt wird das Angebot um berührende Porträts von Menschen, die mit den Themen Tod, Trauer und Sterben und zu tun haben. Darunter ist beispielsweise der Sternekoch Vincent Klink, der Tipps für das "Totenmahl" gibt. Anregungen für hilfreiche Trauer-Rituale in und eine Linkliste für weitere Angebote runden die Website ab. Aber wer steckt dahinter?


Sie tickt für bzw. in jedem Menschen: die menschliche Sterbeuhr (alle Fotos: Thomas Achenbach). 

Als Macher des Onlineportals fungiert die Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V., die sich - ausgehend vom Kasseler Museum für Sepulkrakultur -  für eine neue Trauerkultur in Deutschland einsetzt. In einer Pressemitteilung über die "Trauer Now"-Website heißt es dazu: Tod und Trauer sind in der Gesellschaft in vielen Bereichen immer noch tabu, viele sind darauf nicht vorbereitet, viele damit allein. Es braucht eine neue, respektvolle, öffentliche Diskussion darüber, wie eine heilsame Trauer besser gelingen kann – wie aus ihr eine unbelastete Erinnerung werden kann. Was muss sich dafür verändern? Antworten darauf sollen sich der Mitteilung zufolge auf dem Portal finden. Hier sollen zudem neueste, wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse präsentiert werden, wie es in der Mitteilung weiter heißt. Und dass es wichtig sei, dieses Thema immer wieder ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Warum?


Es braucht mehr Orte zum Trauern


"Trauer ist etwas, über das wir ungern sprechen, aber sie geht uns früher oder später alle an", wird der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft und Direktor des Zentralinstituts und Museums für Sepulkralkultur in Kassel, Dirk Pörschmann, zitiert. Das Problem sei jedoch: Viele sind auf Trauer nicht vorbereitet. Dann zieht es ihnen nochmal in besonderer Weise den Boden unter den Füßen weg. Deswegen sei es so wichtig, eine Trauerkultur zu etablieren, "die die Hinterbliebenen in den Mittelpunkt rückt", wie es Dirk Pörschmann weiter sagt: "Wir wollen Inspirationen geben, wie der Abschied von geliebten Menschen wahrhaftig, würdevoll und heilsam gelingen kann." Fast 955 000 Menschenn sterben insgesamt jedes Jahr. Rechnet man pro gestorbenem Menschen eine statistisch wahrscheinliche Größe von 1,5 Trauernden hinzu, ergibt sich eine gewaltige Menge an Betroffenen - jedes Jahr aufs Neue. "So brauchen Menschen beispielsweise Orte, an denen sie mit ihrer Trauer so frei umgehen dürfen und können, wie es ihnen gut tut", sagte Pörschmann. Menschen benötigten auf dem Friedhof Beisetzungsorte, die einen positiven und lebendigen Trauerprozess ermöglichen.


Doch gerade die Friedhöfe sind es, die aktuell in die Kritik geraten sind. Auf dem 2019 in Köln stattfindenden Kongress "Heilsame Abschiede" stellten zwei Soziologen eine Studie vor, die zu dem eindeutigen Ergebnis kommt: Der Friedhof könnte ein Auslaufmodell sein, wenn sich dort nicht bald etwas ändert. 


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Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

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Donnerstag, 5. September 2019

Gibt es so etwas wie Leichengift? Und wie gefährlich ist es? Stimmt es, dass die Nägel der Toten noch lange weiterwachsen? Die sechs größten Irrglauben rund um Tod, Verwesung und Sterben - ein spannendes Aufklärerstück vom Berliner Online-Bestattungshaus "Mymoria" zeigt die wichtigsten Fragen auf

Osnabrück/Berlin - Um das Sterben, den Tod und Bestattungen ranken sich viele Irrglauben. Gibt es so etwas wie Leichengift? Und wie gefährlich ist es? Stimmt es, dass die Nägel der Toten auf unbestimmte Zeit weiterwachsen? Hier sind die sechs größten Irrglauben rund um Trauer, Tod und Sterben.

Noch nie habe ich für diesen Blog eine mir zugeschickte Pressemitteilung komplett übernommen, sondern immer auf eigene Artikel gesetzt. Aber was mir jetzt das Berliner Unternehmen Mymoria zugeschickt hat, finde ich so gut gemacht, dass ich es gerne übernehmen möchte. Schon der Titel macht neugierig (vor allem nach diesem Sommer):"Sterben bei Hitze wirklich mehr Menschen als bei Kälte? Mymoria zeigt sechs Irrglauben zu Tod und Bestattung". Es handelt sich bei "Mymoria" übrigens um ein Internetunternehmen, das Beerdigungen online plant, wobei es auf regionale Partner zurückgreift - und mir ist wichtig zu betonen, dass ich weder jemals für dieses Unternehmen gearbeitet habe noch in irgendeiner anderen Geschäftsfbeziehung dazu stehe. Mymoria macht schlicht und ergreifend eine sehr clevere, weil aufklärende und allen etwas Erläuternde Pressearbeit. Dass bei einer Meeresbestattung beispielsweise gar keine Asche ins Meer gestreut wird oder dass es gar nicht die Würmer sind, die in die toten Körper unter der Erde eindringen, habe ich selbst bisher auch nicht gewusst, trotz einer fast täglichen Beschäftigung mit den Themen Tod, Trauer und Sterben.

Hier ist also die mir zugeschickte Pressemitteilung im Wortlaut: 

Berlin - Um das Sterben, den Tod und Bestattungen ranken sich viele Irrglauben. Björn Wolff, Gründer und Geschäftsführer des digitalen Bestattungshauses Mymoria, erklärt sich das so: „Wir reden viel zu wenig über den Tod und wissen deshalb kaum etwas darüber. Das lässt viel Raum für falsche Annahmen, die sich oft hartnäckig halten. Um das zu ändern müssen wir das Tabu brechen." Mit seinem Team von Mymoria will er aufklären und einen unbeschwerten Umgang mit dem Tod erreichen (....):


Irrglaube 1: Im Sommer sterben mehr Menschen als bei Kälte


Viele Menschen glauben, dass bei Hitze besonders viele Menschen sterben, weil der Kreislauf bei hohen Temperaturen überbeansprucht wird und schnell versagen kann. Das Gegenteil ist der Fall: Der Körper ist in kalten Jahreszeiten anfälliger, weil sich zusätzlich zur Schwächung auch Viren und Bakterien besser ausbreiten können. Durch die vermehrten Krankheiten sterben im Winter mehr Menschen als im Sommer.


Irrglaube 2: Bei Verstorbenen wachsen Nägel und Haare weiter


Das stimmt nicht, weil ohne Stoffwechsel keine Zellteilung mehr stattfindet, also auch kein Wachstum. Die Erklärung dafür, warum es trotzdem so aussieht, als würden Haare und Nägel weiter wachsen, ist recht simpel: Das umliegende Gewebe schwindet durch den Wasserverlust.


Irrglaube 3: Leichengift macht Tote ansteckend


Früher glaubte man, dass durch Gerüche Krankheiten übertragen werden können. Vermutlich kommt der Irrglaube an ein Leichengift daher, dass ein Leichnam unangenehm riechen kann. Bei der Verwesung entstehen zwar Stoffe, die aber bei Hautkontakt nicht schädlich sind.


Foto: Thomas Achenbach


Irrglaube 4: Asche wird ins Meer gestreut


Bei Seebestattungen in Deutschland wird die Asche nicht, wie oft in Filmen gezeigt, einfach verstreut. Von Schiffen werden spezielle Urnen ins Wasser abgelassen, die aus löslichen Materialien bestehen und sich mit der Zeit zersetzen. Im Gegensatz zu Erdbestattungen gibt es bei Beisetzungen auf dem Meer keine Gebinde und Trauerkränze. Der Umwelt zuliebe dürfen Angehörige nur ein paar Blumen zur Urne ins Wasser werfen. 


Irrglaube 5: Verstorbene sind leichenblass


Der Begriff "leichenblass“ ist irreführend. Denn entgegen des damit verbundenen Irrglaubens ist die Haut von Leichen meist farbintensiv. Das liegt daran, dass das Blut aus den Gefäßen nach unten sinkt, wenn der Blutkreislauf still steht. Das Blut sammelt sich an der Körperunterseite und zeichnet sich durch die Haut in verschiedenen Farbtönen ab.


Irrglaube 6: Würmer zerfressen den Körper in der Erde


Die Vorstellung, dass man von Würmern zerfressen wird, ist weit verbreitet, stimmt aber gar nicht. Denn in der durchschnittlichen Grabtiefe von rund 2 Metern, sind keine Würmer zu Hause. Diese leben weiter oben, wo es mehr Humus gibt. Die Verwesung im Grab passiert durch Zersetzungsprozesse und unterschiedliche Bakterien - Würmer braucht es dafür nicht.

Soweit die Pressemitteilung des Unternehmens. Noch eine Anmerkung meinerseits dazu: Mit seinem Angebot steht Mymoria natürlich in direkter Konkurrenz zu allen vor Ort ansässigen Bestattern mit allen Nach- oder auch Vorteilen, die das haben kann, aber das ist eine ganz andere Form von Diskussion, die wir bereits an anderer Stelle geführt haben (Links am Ende dieses Artikels). Ziel von Mymoria ist es laut eigener Aussage, "die Bestattungsindustrie zu digitalisieren". 

Und weiter heißt es in der Eigendarstellung: "Mymoria bietet  Hinterbliebenen unter www.mymoria.de die Möglichkeit, online eine vollumfängliche Bestattung zu beauftragen, und das bei voller Kostentransparenz. In gewohnter Umgebung und im geschützten Raum können sie sich intuitiv alle für die gewünschte Bestattung benötigten Dienstleistungen und Produkte zusammenstellen. (...). Das Unternehmen wurde 2015 in Berlin von Björn Wolff und Peter Kautz gegründet. Das Team besteht aktuell aus rund 40 Mitarbeitern."


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Mittwoch, 29. Mai 2019

Warum selbst ein Popstar wie Sarah Connor ihren Angehörigen und Freunden nicht das Trauern verbieten sollte - und warum wir das als Gesellschaft auch nicht tun sollten - Impulse von der Messe "Leben und Tod" 2019

Bremen - In ihrem Song "Das Leben ist schön" fordert die beliebte Popsängerin Sarah Connor für den Fall ihres Todes und für ihre eigene Trauerfeier: "Ich will keine Tränen sehen, keinen Chor, der Halleluja singt, ich will, dass ihr feiert, ich will, dass ihr tanzt..." - Seinen Freunden und Angehörigen das Traurigsein zu verbieten, hält die Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper aus Gelsenkirchen jedoch für eine sehr schlechte Idee, wie sie auf der Messe "Leben und Tod" im Mai 2019 bei einem Vortrag sagte - und sie hatte gute Gründe dafür. Interessanter Nebenaspekt, übrigens: Auch der Kindermusiker Rolf Zuckowski beschrieb auf dieser Messe seine eigenen Trauerprozesse - was insofern spannend ist, als dass der besagte Sarah-Connor-Song von seinem Sohn, dem die aktuelle deutsche Musikszene beherrschenden Songwriter Ali Zuckowski, mitgeschrieben wurde.... 

Es gibt ohnehin kaum ein deutschsprachiges aktuelles Musikprokekt, bei dem Alexander "Ali" Zuckowski nicht irgendwie seine Finger mit drin hätte, wie es vor einigen Jahren ja auch der Satiriker Jan Böhmermann recht spektakulär nachgewiesen hatte. Und die spannende Frage bei solchem Co-Songwriting ist natürlich immer: Wie hoch ist der Anteil an dem Lied, das der Künstler tatsächlich selbst beigesteuert hat - man schaue sich alleine mal die Songwriting-Credits bei einem Helen-Fischer-Album an...? Aber das nur als kleine Randbemerkung. Zurück zu Mechthild Schroeter-Rupieper und ihren Vortrag auf der Messe. Wie schon vor zwei Jahren hatte die Trauerbegleiterin - die sich mit ihrem Lavia-Institut auch um viele Angehörigen der Germanwings-Katastrophe von März 2015 gekümmert  hatte - unsere allgemeine gesellschaftliche Unfähigkeit zu trauern und deren Ursachen zu einem zentralen Thema ihres Vortrags gemacht. Und hatte aufgezeigt, wie wir mit Jugendlichen und Kindern so umgehen können, dass sie hier neue Wege und Impulse vermittelt bekommen können.

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Einmal habe sie einer der Jugendlichen aus ihrer Gruppe gefragt: Kann ich von Trauer eigentlich depressiv werden? Und sie habe geantwortet: Die Gefahr depressiv zu werden ist viel größer, wenn Du nicht trauerst, berichtet Mechthild Schroeter-Rupieper. Und doch bekommen Kinder und Jugendliche auch heute noch allzu oft zu hören: Sei doch nicht so traurig. Oder sie bekommen ein Lob dafür, wenn sie den Verlust eines Elternteils oder eines Geschwisterkindes scheinbar "gut wegstecken"; wenn sie "ganz tapfer" bleiben - anstatt dass wir mal hingucken, wie es diesen Kindern im Inneren eigentlich wirklich geht und ob sie nicht vielleicht nicht einfach nur versuchen, sich irgendwie zusammenzureißen (was immer schwer ist, wenn da im Inneren alles zerrissen ist). Diese vermeintlich lobenswerte Tapferkeit ist übrigens immer wieder ein Thema auf der Messe Leben und Tod (siehe dazu auch "Der Fluch der Tapferkeit") - wie auch die spannende und unbedingt diskutierenswerte Frage, wie sehr wir Kinder eigentlich mit dem Tod konfrontieren dürfen. Ein Thema, bei dem ich selber gerne mal allzu missionarisch werde und in manche Diskussion unter Freunden und guten Bekannten mit einer Verve einsteige, der einer eigentlich zurückhaltenden Haltung, wie ich sie als angebrachter und professioneller erlebte, nicht immer entspricht... 


Und dennoch: Meiner Meinung nach - und nach allem, was ich so höre von Bestattern und Trauerbegleiterkolleginnen - gelingt gerade Kindern die Konfrontation mit dem Tod oft tausendmal besser und natürlicher als vielen Erwachsenen und wir dürften sie sehr viel mehr mit dem Tod befassen als wir das oft tun. Aber: Den Tod stattdessen lieber ins Heimlichgetue wegzumauscheln, in so eine merkwürdige Hach-Bessernichthingucken-Ecke   - das genau erzeugt ja gerade die Unsicherheit, die wir Erwachsenen heutzutage bei diesem Thema allzu  oft haben. Und warum haben wir sie? Vielleicht gerade deswegen, weil wir als Kinder noch nicht offensiv genug mit dem Thema zu tun gehabt haben? Oder weil wir einfach das Glück hatten, dass während unserer recht unversehrten Kindheit nicht so oft gestorben wurde (wie in meinem Fall geschehen)? Aber wenn es mal der Fall sein sollte: Dann sollten wir sollten die Kinder ruhig an die Hand nehmen und sie sanft hinführen und mitnehmen, empfahl jedenfalls Mechthild Schroeter-Rupieper in ihrem Vortrag auf der "Leben und Tod" 2019 - und anders als manches Mal behauptet, ist es für Kinder nicht immer hilfreich, ihnen die Entscheidung selbst zu überlassen, ob sie die Toten denn noch einmal sehen wollten oder nicht. Die Frage könne Kinder überfordern, denn sie könnte die Tragweite solchen Entscheidung gar nicht wirklich überblicken und einschätzen, sagte Mechthild Schroeter-Rupieper. Noch eine spannende und diskutierenswerte These.



So oder so, sagt Mechthild Schroeter-Rupieper: Wir sind mit dem Talent geboren worden, auch traurig zu sein. Warum also nutzen wir diese eigentlich sehr gute Lebenskunst dann so selten? Und warum finden wir es im Grunde total gut, wenn Sarah Connor sagt: Seid bloß nicht traurig, wenn ich mal sterbe, sondern feiert das Leben? Und was, wenn da trotzdem Trauer ist? Einfach weg damit - oder wie? Geht ja gar nicht...

* Ergänzung und Aktualisierung: In einem auf diesen Artikel reagierenden Facebook-Kommentar hat Mechthild Schroeter-Rupieper inzwischen davon berichtet, dass ihr Sarah Connor persönlich einmal gesagt habe, der Song sei eigentlich ganz anders gemeint. Und weil es eine gute Ergänzung darstellt, möchte ich Mechthilds Beitrag auch hier noch einmal zitieren: "Sarah Connor hat mir damals auf Facebook dazu geschrieben, dass sie es ganz anders meint - allerdings ist genau da auch eines der großen Probleme: Vieles wird anders gesagt als gemeint: „Oma ist friedlich eingeschlafen.“ „Opa ist heimgegangen.“ „Wein nicht...“...."


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