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Dienstag, 2. Juni 2020

Warum Trauernde immer auf zwei ganz verschiedenen Beinen stehen und sich schlichtweg innerlich zerrissen fühlen müssen - so funktioniert das "Duale Prozessmodell der Trauer" - und warum die Forscher später selbst wieder Abstand von ihrem Modell genommen haben (Trauerphasen verstehen, Trauerverläufe kennenlernen) - Serie: Wie Trauernde ihre Gefühle erleben, Teil 3 von 3

Osnabrück - Ich erinnere mich an einen verwaisten Vater, der seine junge Tochter früh verloren hatte. Auch noch zwei bis drei Jahre nach diesem Verlust brannte die Trauer wie Säure in ihm und machte ihm das Leben schwer bis (manchmal) unaushaltbar. Doch gleichzeitig nahm der Mann auch wieder an Aktivitäten teil, die ihm etwas bedeuteten. So begann er wieder mit dem Mitspielen in einer Laientheatergruppe. Trotz allem. Das Beispiel zeigt uns: Es gibt immer beide Pole in diesen Menschen, die einen anderen Angehörigen verloren haben. Und trotz aller neuen Lebensorientierung und aller Neugestaltung: Es geht oft nicht ohne den Schmerz. Niemals das eine ohne das andere. Willkommen in der Welt des Dualen Prozessmodells.

Es gibt viele Modelle, die in Worte oder in Phasen zu fassen versuchen, was wir allgemein als den Trauerweg kennen. Die meisten Menschen haben irgendwann schon einmal etwas von den Modellen der Psychologinnen Elisabeth Kübler-Ross oder Verena Kast gehört, die verschiedene Phasen wie Zorn, Nicht-Wahrhaben-wollen, Verhandeln und ähnliches beschreiben. Doch gibt es inzwischen eine ganze Reihe von neuen Ideen, die oftmals dem tatsächlichen Trauergeschehen viel näherkommen. Zu den wohl wichtigsten Modellen neuerer Art gehört eines, das inzwischen in der Trauerliteratur fast schon als ein neuer Standard gehandelt wird. 


Auf einer Seite des durch seinen Trauerprozess innerlich zerrissenen Menschen ist immer der Schmerz, es geht nicht ohne ihn  (Foto/Zeichnung: Thomas Achenbach).

Es stammt aus den Niederlanden - und tatsächlich kommen die damit vermittelten Ideen den tatsächlichen Lebenswelten von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise am nächsten. Dieses „Duale Prozessmodell der Trauerbewältigung“, das die niederländischen Forscher Dr. Margaret Stroebe und Dr. Henk Schut von der Universität in Utrecht 1999 vorgelegt haben, beschreibt die Trauer mehr als einen steten Wandel von einer neuen Lebensorientierung und Lebensgestaltung auf der einen Seite des Pendels zu einer starken inneren Schmerzbezogenheit, Verlustorientierung und Inneneinkehr auf der anderen Seite des Pendels – nur dass dieses Pendel eben ständig in Bewegung ist und mal von der einen, mal von der anderen emotionalen Seite angezogen wird - beziehungsweise dass es immer beide Pole sind, die parallel im Menschen existieren. Siehe das Beispiel oben. Allerdings haben beide Forscher irgendwann eingesehen, dass ihr Modell nicht ganz vollständig ist - und dieses letzte wichtige Detail wird leider allzu oft nicht berücksichtigt, wenn es um das Duale Prozessmodell ist.


Auf der anderen Seite des im Trauerprozess innerlich zerrissenen Menschen ist die Orientierung hin zu einem neuen Leben und einer neuen Gestaltung des Lebens, bewusst oder unbewusst (Foto/Zeichnung: Thomas Achenbach).

Denn im Jahr 2016 haben Margaret Stroebe und Henk Schut noch einmal neue Überlegungen zum Dualen Prozessmodell vorgelegt und haben das Modell nochmal ein wenig nachgeschärft. Beide hatten in den zurückliegenden 17 Jahren die Erfahrung gemacht, dass ihrem Modell eins fehlt: Nämlich die kolossale Überforderung, die Trauer oft für die Betroffenen bedeutet. Und an dieser Stelle kippt die Gleichung - denn je größer die Überforderung für die Betroffenen, desto geringer die neue Lebensorientierung. Wobei auch klar ist, dass nichts in Stein gemeißelt bleibt in einem Trauerprozess und dass die Kräfteverhältnisse immer wieder aufs Neue austariert werden. Noch kürzlich hatte ich am Rande meiner Vorträge über Männer und Trauer mit solchen Fällen zu tun.


Aber erst wenn beide Teile aneinandergefügt werden, ergibt sich das passende Gesamtbild der Situation (Foto/Zeichnung: Thomas Achenbach).

Da gab es beispielsweise denn Mann, der vier ganze Jahre nach dem Verlust seines Sohnes scheinbar gar nicht zu trauern schien - bzw. die Trauer überhaupt nicht an sich rankommen lassen konnte. So dass seine Frau schon ganz verzweifelt war und erste Gedanken an eine Trennung aufgekommen waren. Doch irgendwann war auch in diesem Mann etwas in Fluss gekommen und er hatte sich langsam und in kleinen Schritten mit seiner Trauer beschäftigen können. Beides ist okay so, beides darf so sein - wenn die Überforderung zu groß ist, dann ist es eine probate Taktik, sich dem erstmal nicht zu stellen. Und wenn es dann eines Tages geht, kommt auch das Duale Prozessmodell wieder mit ins Spiel. Dann heißt es: Es gibt keine neue Lebensorientierung ohne den Schmerz, niemals das eine ohne das andere. 





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Mittwoch, 20. Mai 2020

Darf ich einen Menschen in Trauer auf seinen Trauerfall ansprechen - oder mache ich damit alles noch viel schlimmer? Antworten auf einige der Fragen, die oft gestellt werden (und nach denen hier oft gesucht wird) / Serie: Wie Trauernde ihre Gefühle erleben, Teil 1 von 3

Osnabrück - Es gibt manchmal Fragen, die sich viele Menschen stellen - die sie aber nicht unbedingt öffentlich zu fragen wagen. Zum Beispiel die Frage: Darf ich einen Menschen in Trauer auf seinen Verlust ansprechen - oder mache ich damit alles noch viel schlimmer? Was mich in dieser Vermutung bestärkt, ist die Technik im Hintergrund dieses Blogs, also die Software vom Portal blogger.com. Was ich daran sehr schätze: Sie bewahrt und schützt die Anonymität der Leser, zeigt mir aber trotzdem, wie diese mir unbekannt bleibenden Menschen zu meinem Blog gefunden haben. So habe ich zum Beispiel die Möglichkeit, mir die Suchbegriffe anzeigen zu lassen, die manche Leser zu meinem Blog geführt haben, ohne dass ich dabei irgendetwas Anderes über sie erfahre. Das ist sehr gut so. Und immer wieder tauchen Suchbegriffe auf wie: "Trauernde auf ihren Trauerfall ansprechen?" 

Das zeigt mir, wie groß die Unsicherheiten oft sind - und das ist völlig verständlich. Die Gefahr steht im Raum, dass man etwas Falsches sagen könnte. Etwas falsch machen könnte, immerhin geht es hier um den Umgang mit sensiblen Themen und sensiblen Gefühlen. Da steht die Sorge im Raum, es womöglich noch schlimmer machen könnte als es überhaupt schon ist. Das macht einem Angst, verständlicherweise. Zumal es um ein Thema geht, das uns Menschen grundsätzlich Angst macht: den Tod. Je weniger Erfahrung wir mit diesen Gefühlen und diesem Thema haben, desto verunsicherter sind wir selbst im Umgang mit anderen Menschen, die gerade in so einer Verlustsituation sind. Also entscheiden wir uns oftmals lieber für das vermeintlich Sicherste: Wir sagen mal lieber nichts. Aber damit werden wir den Menschen, die einen Verlust erlitten haben, am wenigsten gerecht.



(Alle Fotos/Symbolfotos: Thomas Achenbach)

Es war die Sternenkindmama Kena Woodnig, die kürzlich zum Muttertag diese zwei Sätze auf Twitter veröffentlichte: "Wir Eltern reden eigentlich ganz gern über unsere Sternenkinder. Vorausgesetzt unser Gegenüber hört uns wirklich aufrichtig zu". Was Kena Woodnig hier zusammenfasst, trifft nicht nur auf Sternenkindeltern zu. Denn die Menschen, die einen Verlust erlitten haben, wollen meist sehr, sehr gerne darüber reden. Wäre dem nicht so, gäbe es z. B. keine Trauergruppen, Trauercafés und keine professionellen Trauerbegleiter wie mich. Aber warum traut sich das keiner?


Was kann ich einem Menschen in Trauer denn sagen?


Hartnäckig hält sich der Irrglaube, dass es besser wäre, diese Menschen nicht auf ihren Verlust anzusprechen, weil sie dann ja noch trauriger werden könnten. Aber das Gegenteil ist der Fall: Es tut vielen Menschen gerade gut, wenn sie ihren Verlust besprechen und ihre eigenen Gefühle ins Wort bringen können. Meistens ist es genau das, was fehlt. 
Bleibt bloß noch die Frage: Was sagen ich diesen Menschen denn? Was hilft wirklich?



Das ist in Wahrheit gar nicht so schwer, wie es scheint: Am besten einfach Fragen stellen. Die erste Frage könnte lauten: Möchtest Du von Deinem Verlust erzählen? Möchtest Du erzählen, wie es Dir gerade geht? Was macht das mit Dir? Wie war der gestorbene Mensch so, was mochtest Du an ihm am liebsten? Möchtest Du mir von dem gestorbenen Menschen etwas erwählen? Oder, im Fall von Sternenkindern: Wie heißt Euer Kind (übrigens, "heißt" ist in dem Zusammenhang immer besser als "hieß"). Solche und andere Fragen sind hilfreich, um ein Gespräch langsam in Gang zu bringen. Meiner Erfahrung nach reicht oft ein erster Impuls dieser Art schon aus, dann findet sich der Rest fast von selbst. Hilfreich ist es außerdem zu wissen, dass die wirklich schlimmen Phasen nach einem Verlust oft erst nach der Beerdigung oder der Trauerfeier eintreten können, oft sogar erst lange nach der Beerdigung. Auch ein Jahr später noch und weitaus länger sind die Menschen innerlich oft noch ganz aufgelöst, können es jedenfalls sein - auch ohne es zu zeigen. Trauer ist immer ein individueller Prozess, das ist die Grundregel Nr. 1 - und sie dauert oft viel, viel länger als wir, die wir keinen Verlust erleiden mussten, uns das vorstellen können, das ist die Grundregel Nr. 2. 


Sich selbst zurückhalten und Fragen stellen



Wichtig ist im Gespräch jedoch, dass man sich selbst zurückhält. Menschen, die gerade einen Verlust erleiden mussten und die daran leiden, haben das Recht darauf, dass ihr persönlicher Verlust jetzt die Hauptrolle spielen darf, auch im Gespräch mit ihnen. Es ist wichtig, diesen Menschen dann möglichst nicht die eigenen Erfahrungen mit Tod und Trauer mitteilen zu wollen oder gut gemeinte Tipps geben zu wollen, mag die Versuchung auch groß sein. 



Was es mit den Menschen in Trauer macht, wenn sie nicht über ihre Verluste sprechen können, zeigt ebenfalls ein Tweet aus dem Bereich Sternenkindmamas: "Viele Betroffene sprechen nicht über ihre Fehlgeburt(en). Deshalb scheint es nicht-Betroffenen oft so, als sei eine Fehlgeburt die schreckliche Ausnahme." Und auch das lässt sich ganz außerhalb des Themas Sternenkinder als generelle Aussage definieren: Eben weil wir diese Themen noch allzu oft in den Bereich von Scham, Tabu und Verschwiegenheit verschoben haben, macht es auf viele Menschen den Eindruck, als sei das alles ganz unnormal, ganz merkwürdig, mehr so etwas für ganz Verschrobene. Ist es aber nicht. Ist alles ganz normal. So normal wie der Tod. 

Und am Ende dieses Tweets heißt es dann: "Wieviele Betroffene kennst Du?"


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