Donnerstag, 6. Mai 2021

Sieben Gründe, warum ich Trauerbegleitungen gerne in Form eines Spaziergangs anbiete - warum ein Spaziergang zu zweit nicht nur in Corona-Zeiten eine gut geeignete Methode für eine Einzelbegleitung von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise ist

Osnabrück - Warum fragen wir einen Menschen eigentlich: "Wie geht es Dir?" - Klare Sache: Weil sich darin das Wort "gehen" versteckt. Denn die Frage danach, wie es uns geht, stammt vom Wort "ergehen", aus dem dann wiederum das "Wohlergehen" entwachsen ist. Deswegen lautet die Vergangenheitsform dieser Frage auch: Wie ist es Dir ergangenIn der Trauerbegleitung können wir uns die Idee vom Gehen als Ausdruck der eigenen Befindlichkeit zunutze machen - indem wir tatsächlich gemeinsam gehen. Dabei lässt sich so manches erleben, was in den gemeinsame Prozess eingebunden werden kann.  

Ein Tag im Februar. Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Ein umgestürzter Baum liegt quer über dem Waldweg und hindert uns am Weiterkommen. Sich an der Krone des gestürzten Baumes entlangzutasten, ist zwar möglich, aber der Boden an dieser Stelle ist vom Schnee der vergangenen Tage morastig geworden. Wir versuchen es dennoch. Es schmatzt und sumpft, während wir uns mit vorsichtigen Schritten vorantasten. Mit Matschspritzern auf der Hose und verdreckten Schuhen setzen wir den Weg fort - und haben auch gleich ein gutes Stichwort für die Fortsetzung unseres Gesprächs gefunden. Was es wohl alles noch zu überwinden gilt im Prozess des Trauerns, ist das Thema, das den Rest dieser Einzelbegleitung prägt. Einer Einzelbegleitung, die als Spaziergang im Wald stattfindet. Einerseits, weil die Coronapandemie ein Sitzen im Innern nicht möglich macht. Andererseits, weil ein Spaziergang sowieso ein optimales Setting für eine Trauerbegleitung darstellt. Warum das so ist?

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Zum Beispiel, weil nicht ich es war, der bei oben geschilderter Begleitung das Thema des weiteren Gesprächs prägte. Es war die Klientin, mit der ich unterwegs war. Und das Überwinden des Hindernisses war es gewesen, was den Impuls dafür gesetzt hatte. Das ist einer der Vorteile vom Draußensein während einer Trauerbegleitung (und vom gemeinsamen Gehen): Es ist viel zu sehen, zu erleben und zu bewältigen, was sich als Stichwortgeber für so ein Gespräch gut nutzen lässt. Ich hatte immer schon meine Einzelbegleitungen als Spaziergänge anbieten wollen und mich in Vorträgen für diese Form von Trauerbegleitung ausgesprochen, aber es war zugegebenermaßen erst die Coronapandemie, die mich dann wirklich dazu gebracht hat, das auch in die Tat umzusetzen. Mit ermutigenden Erfahrungen. Hier sind sieben Gründe, warum ein Spaziergang eine optimale Form für eine Trauerbegleitung sein kann: 

1.) Draußen sind wir dem Wetter und den Verhältnissen ausgesetzt. Ob es nun regnet oder stürmt, ob eine viel zu heiße Sommersonne auf uns niederknallt oder sich das Wetter von seiner unentschiedenen Seite zeigt: Wir müssen es aushalten, wie es ist. Genauso ist es in der Lebenssituation, in der sich die Menschen nach einem Verlust gerade befinden. Bei der oben geschilderten Spaziergangsbegleitung hat es zwischendurch geregnet und es war durchaus ungemütlich. Also optimale Bedingungen für eine Einzelbegleitung im Freien.

 

2.) Das Schweigen ist nicht so bedrückend wie im Inneren eines Raumes. Während einer Einzelbegleitung kann es immer mal wieder zu Momenten des Schweigens kommen. Eine der Aufgaben eines Trauerbegleiters (und natürlich auch einer Trauerbegleiterin) ist es, hinzuspüren, wann das Schweigen angebracht sein kann. Meistens sind das die Momente, in denen sich im Inneren des zu begleitenden Menschen gerade etwas tut, das jetzt seinen Raum braucht. Ein solches Schweigen erfüllt einen Zweck und kann eine sinnvolle Sache sein, aber natürlich ist es auch - auch für die Klienten - etwas Ungelerntes und Ungewohntes. Und manchen ist es ein wenig peinlich. Vor allem Männern. Hier hilft das Draußensein ungemein: Es gibt Geräusche, Vogelgezwitscher, das Rauschen von Bäumen, es gibt etwas zu sehen, vielleicht kommen einem sowieso gerade andere Spaziergänger entgegen... Also kann sich das Schweigen wirkungsvoll entfalten, ohne dass es als so unangenehm erlebt wird wie im Innern eines Raumes, in dem eine solche Stille auch mal als dröhnend erlebt wird.  

3.) Alles, was es zu sehen gibt, liefert Impulse und Stichworte für den gemeinsamen Prozess. Vor allem in einem Wald ist das oft zu sehen: Wie sich aus den Stümpfen von umgestürzten und abgesägten Bäumen neue Zweige - oder sogar ganz neue Stämme - nach oben recken. Wie sich Bodendecker überall ausbreiten, weil die Natur, anders als der Gartenfachbau und die Landwirte, keine unbedeckten Böden kennt. Wie jede freie Fläche, auf der Wachstum möglich ist, mit der Möglichkeit von Wachstum ausgekleidet wird. Und wie das Verwesen, also sozusagen der Tod, ist immer die elementare Grundlage von allem ist, auf dem das Neue entsteht. Ohne abgefallene Blätter kann kein neuer Boden entstehen, ohne sich aneinander kaputtreibende Steine gäbe es keinen Sand. Gleichermaßen erleben wir in der Natur auch die Ohnmacht, die Zerstörung, die von außen übergestülpte Brutalität: Von Borkenkäfern und Hitzewellen dahingeraffte Kiefern und Fichten, ausgetrocknete Bäche, die früher immer Wasser getragen haben. Das sind kraftvolle Bilder von Wirkungsmechanismen, die sich auf unser Leben übertragen lassen. Sich das bewusst zu machen und es auf sich wirken zu lassen, kann für zusätzliche Impulse sorgen, vielleicht sogar den Raum eröffnen für einen Hauch von Spiritualität, je nachdem, wie der zu begleitende Mensch gestrickt ist. Das ist natürlich das Wichtige daran: Es kann alles ins Wort gebracht werden, was sich anbietet, aber nur, wenn es zu diesem Menschen wirklich zu passen scheint - und zur aktuellen Situation. Ansonsten ist es einfach nur da, um einen herum, und wird vielleicht auf anderen Ebenen wahrgenommen - und wenn nicht, dann ist das auch gut so, wie es ist.


4.) Man muss sich nicht ständig in die Augen sehen. Aus Gruppentreffen kennen wir das: Jemand erzählt der Gruppe etwas, vielleicht etwas Intimes, und der Blick des Sprechers verhaftet sich an irgendeinem Punkt irgendwo, der ihm Halt gibt. Vielleicht eine Kerze, die in der Mitte des Raumes steht. Vielleicht ein Bild an der Wand. Je stärker ihr Inneres zum Ausdruck kommt, desto schwieriger wird es für Menschen oft mit dem Augenkontakt zu anderen Menschen. Das gilt insbesondere für eine Trauerbegleitung - und insbesondere für Männer, mit denen ich ja meist mehr zu tun habe als mit Frauen. Da ist das gemeinsame Gehen genau die richtige Lösung, denn alleine durch das Nebeneinander ist das Sich-in-die-Augen-sehen-müssen meist gar nicht möglich. Auch das wird dann nicht als so unangenehm erlebt. 

 5.) Durch sich ergebende kleine Kunstpausen können sich die Klienten besser nochmal innerlich sammeln und es ergibt sich mehr Abwechslung. Es muss gar nicht der oben erwähnte Moment des längeren Schweigens, weil In-sich-Gehens, sein: Während eines Spaziergangs ergeben sich auch sonst viele kleine Kunstpausen. Sei es, weil gerade ein Hund samt Frauchen oder Herrchen überholt, sei es, weil Jogger, Radfahrer oder andere Spaziergänger entgegenkommen, immer mal wieder ist eine kleine Pause im Gespräch nötig. Dadurch ist eine Begleitung im Freien grundsätzlich immer etwas abgehackter und zerstückelter als ein Gespräch im Inneren - aber das muss nichts Schlechtes sein, im Gegenteil, es hat seine ganz eigenen Qualitäten. Die kleinen Kunstpausen machen es möglich, seinen Gedanken mehr nachzuhängen als in einem Gespräch. Und sie sorgen zudem für eine gewisse Abwechslung. Auch das ist ganz hilfreich für so einen Prozess, bei dem wir immer mal wieder auch in seelischen Notlagen verharren. 

6.) Der zu begleitende Mensch kann seine Lieblingsstrecke wählen, diese kann z. B. auch über einen Friedhof führen - vielleicht sogar den Friedhof, auf dem der gestorbene Mensch liegt, um den es geht. Diese Möglichkeit des Mit-Entscheiden-könnens kann etwas sehr Entlastendes haben: Da muss ich als Klient nicht in irgendein Büro fahren, das ich nicht kenne, oder in einen Gruppenraum, den ich nicht kenne, was ja beides auch wiederum als etwas Unangenehmes erlebt werden kann. Stattdessen kann ich mich, wenn ich möchte, auf ein mir vertrautes Terrain begeben für diesen mir vielleicht sehr unvertrauten Prozess. Das kann zusätzliche Sicherheiten geben. Dieses Terrain ist aber wiederum nicht mein eigentliches Zuhause, was auch wichtig ist - wenn ich es vermeiden kann, eine Trauerbegleitung bei jemandem daheim stattfinden zu lassen, halte ich das immer für die bessere Wahl. Denn dass sich jemand aufmachen muss für diesen Prozess, gehört mit dazu. Das ist sozusagen der erste wichtige Schritt, der für den Prozess an sich von einer gewissen Bedeutung ist. 


7.) Das Gehen macht mehr mit einem, als man im ersten Augenblick so denkt: Das Gleichgewicht von Körper und Seele ist stabiler beim Gehen als beim Sitzen. Was sich innerlich unbeweglich anfühlt, kann durch das Gehen zusätzlich in Bewegung gebracht werden. Ganz abgesehen davon dringt selbst durch düster Regenwolken noch soviel UV-Licht, dass ein Spaziergang im Freien immer aufhellender für die verdüsterte Seele ist als ein Aufenthalt im Inneren. Und die Symbolik des Gehens vermittelt uns das Gefühl, selbst auf einem Weg zu sein, was ja auch der tatsächlichen Lebenssituation entspricht, in der sich die Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise befinden. 

Und, ganz abgesehen von allem oben Genannten: Ich gehe einfach saugerne spazieren. Es tut einem immer gut. Lust drauf, einmal mitzukommen? 



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Freitag, 12. März 2021

Mein erster Mutmacherbrief an Trauernde: Ein paar Zeilen für Dich, über Deinen Schmerz und die Frage, wie lange er noch so unaushaltbar bleiben wird - und ob das wirklich sein muss, dass der Tod so weh tut - ehrlich: alles normal! (Trauer - wann wird es besser?)


Lieber mir unbekannter Mensch,


(oder vielleicht kennen wir uns auch schon persönlich, dann ist es ja umso besser...): Du hast also einen Dir lieben Menschen verloren und bist vielleicht überwältigt davon, wie weh das tun kann - und dass es Dich so nachhaltig beschäftigt. Und so lange! Viel, viel länger als Du jemals gedacht hättest? Wie lange erlebst Du es schon so, dass Du Deinen Schmerz manchmal ganz unaushaltbar findest? Ein paar Wochen? Ein paar Monate? Oder sind es schon ein paar Jahre? Bei vielen Menschen, mit denen ich gesprochen habe, waren es tatsächlich Jahre. Aber das muss nicht heißen, dass das so sein muss. Für Trauer gilt immer: Es gibt nur Deinen eigenen Weg. Kein anderer kann Deinen Trauerweg gehen und Du musst ihn ganz selbst finden. Das Dumme ist halt, dass es keine Straßenschilder gibt. 

Du fragst Dich vielleicht manchmal, ob dieser Schmerz in Dir drin jemals aufhören wird. Manchmal, in Deinen dunkelsten Augenblicken, fragst Du Dich vielleicht sogar, ob Du Dir etwas Extremes antun musst, um den Schmerz in Dir irgendwie zu besänftigen (meine Idee dazu wäre übrigens, dass Du das nicht tun musst). Auch das haben mir Menschen schon so geschildert. 

Ich kann Dir aus meiner Erfahrung mit Menschen in Trauer- und Verlustsituationen nur eines dazu sagen: Keine Sorge, das ist alles ganz normal. Du bist ganz normal. Was Du erlebst, ist eine total normale Reaktion auf eine Situation, die für Dich eben nicht normal ist. Wer hat schon wirklich Erfahrung mit dem Tod - und mit Trauer? Sogar ich, der ich mich fast jeden Tag mit diesem Thema beschäftige, bin immer mal wieder ratlos angesichts der Macht, die der Tod über uns hat. Ganz egal, wie der Tod in Dein Leben hineingegrätscht ist: Er ist immer brutal und gemein. Das macht uns wütend und zornig und aggressiv. Weil wir dem Tod gegenüber immer ohnmächtig sind. Gegen diese Kraft haben wir nichts entgegensetzen. Das hat nichts damit zu tun, dass wir zu schwach sind. Das hat damit zu tun, dass wir eben Menschen sind.   

Nach allem, was mir die Menschen von ihren eigenen Trauersituationen erzählt haben, kann ich Dir eine gute und eine schlechte Nachricht anbieten. 


Die schlechte Nachricht ist: Der Schmerz wird vielleicht niemals ganz weggehen (aber vielleicht möchtest Du das auch gar nicht - hast Du Dich das schon mal gefragt?). Die gute Nachricht ist: Es kann durchaus sein, dass er sich mit den Jahren verwandeln wird und dass er nicht mehr ganz so quälend sein wird. Das jedenfalls ist es, was mir die Menschen oft berichtet haben. Übrigens waren das vor allem Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Die haben mir alle fast übereinstimmend gesagt: Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an mein gestorbenes Kind denke. Aber die Wunde blutet auch nicht mehr so stark wie schon mal. Manchmal ist die Wunde vernarbt. Manchmal bricht die Narbe auch wieder auf. Aber insgesamt tut es nicht mehr so weh wie am Anfang, auch wenn es (viele) Jahre gedauert hat, bis es soweit gekommen ist. 

Aber wie kann es einem gelingen, den Schmerz zu besänftigen? Geht das überhaupt? Vielleicht haben die Menschen um Dich herum Dir vieles gesagt, was Dich aufmuntern sollte, was Dir aber nicht weitergeholfen hat. So etwas wie: Die Zeit heilt alle Wunden. Oder: Kopf hoch, das wird schon wieder. Oder: Du musst auf die positiven Seiten des Lebens blicken. Oder: Lies doch mal ein gutes Buch, das bringt Dich wieder auf andere Gedanken. Und dann hast Du vielleicht festgestellt, dass Dir zum Lesen immer wieder die Konzentration fehlt, dass schon viel Zeit verstrichen ist und es nicht viel besser geworden ist oder dass der Blick auf die positiven Seiten des Lebens Dich irgendwie noch trauriger gemacht hat. Du möchtest nicht undankbar sein, aber all diese guten Tipps haben Dir nicht wirklich geholfen. Aber was dann, fragst Du Dich vielleicht? Was hilft?


Aus meiner Erfahrung mit Trauergruppen und mit vielen Einzelgesprächen kann ich Dir nur eines sagen: Viele Menschen finden es hilfreich, wenn sie ihre Trauer einfach mitteilen können. Und wenn dies in einem Umfeld geschehen kann, wo diese Gefühle nicht kommentiert oder bewertet werden. Das kann zum Beispiel in einer Trauerbegleitung geschehen, in einer Trauergruppe, bei richtig guten Freunden, die so etwas können, oder auch in kreativer Form. Manche Trauernde haben einen eigenen Blog gestartet, um ihre Gefühle zu äußern - und das hat ihnen manchmal erstaunliche Wege in ein anderes Leben geöffnet.

Aber die vielleicht wichtigste Botschaft die ich Dir noch mitgeben möchte, lieber mir unbekannter Mensch (oder vielleicht kennen wir uns auch schon und Du liest diese Zeilen dennoch, das ist mir genauso lieb): Es darf sich für Dich jetzt so anfühlen, wie es sich anfühlt. Auch wenn Du dieses ganze Chaos manchmal am liebsten auf der Stelle loswerden möchtest. Ich kann Dich nur ermutigen, zu versuchen, es auszuhalten und es vielleicht sogar auszuleben. Genau deswegen habe ich meinen Blog "Trauer ist Leben" genannt: Weil Trauer ausgelebt werden möchte - und weil manche Menschen eine gelebte Trauer als hilfreich erlebt haben.

Ich wünsche Dir, dass Du Deinen Weg findest. Alles Gute dafür. 

Herzliche Grüße, Thomas


Mittwoch, 3. Februar 2021

Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellen kann und welche Aufgaben das sind - ein Trauermodell, das mal etwas anderes funktioniert als andere - Eine Mini-Einführung in das Modell der Traueraufgaben nach William Worden

Osnabrück - Ein Trauermodell, das ich gerne benutze bei Gruppentreffen und in meinen Büchern, kommt aus Amerika und geht von einem ganz anderen Ansatz aus als andere Modelle. Nachdem ich vor einigen Monaten auf diesem Blog bereits das "Duale Prozessmodell der Trauer" vorgestellt hatte, was auf sehr viel Interesse gestoßen war (der Link findet sich am Ende des Artikels), möchte ich heute das Augenmerkt auf dieses andere Trauermodell legen, das mir sehr am Herzen liegt. Es geht davon aus, dass die Trauer uns Menschen vor Aufgaben stellt. Et voilá: So funktioniert das Modell der Traueraufgaben nach William Worden.

Wer in Trauer ist, der erlebt oft ein großes Durcheinander verschiedenster Prozesse. Manchmal sogar innerhalb eines Tages. Wut und Aggression tauchen ebenso in Schüben auf wie Phasen großer Ohnmacht und Hilflosigkeit. Das alles verläuft mehr in parallelen Wellenbewegungen. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Verlaufsmodellen und Phasenmodellen, die den Verlauf eines Trauerwegs in verschiedene Stadien einzuordnen versuchen. 
Eines der mich am meisten Überzeugendsten ist dabei das des Trauerforschers Dr. William J. Worden, der sein Modell als "Die Aufgaben der Trauer" (The Tasks Of Mourning) beschreibt. Es ist ein Modell, das meiner Meinung nach die tatsächlichen Gefühlsspiralen und das Hin und Her im Inneren von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise perfekt abzubilden versteht. Und so funktioniert es.


(Foto: Pixabay.com/Tumisu, Cc-0-Lizenz)

Was mir an diesem Modell so gut gefällt, ist alleine schon die Umkehrung der Verhältnisse: Wenn uns die Trauer vor Aufgaben stellt, dann ist es nicht nur ein passives Ereignis, das sich an uns abarbeitet. Sondern wir haben etwas zu tun: Wir müssen Aufgaben lösen. Das finde ich überzeugend. Die "Aufgaben der Trauer" sind eben nicht ein zu erduldendes Durchleben von sich irgendwie einstellenden Verläufen, sondern ein aktives Gestalten und (Mit-) Steuern eines Entwicklungsprozesses. William J Worden ist übrigens eigentlich ein Psychologe, der sich im Laufe seiner Karriere dem Verlauf der Trauer gewidmet hat. Sein Buch "Beratung und Therapie in Trauerfällen" (englisch: Grief counseling and grief therapy) erschien erstmals 1982 und ist für mehrere Neuauflagen von Worden selbst stets aktualisiert und überarbeitet worden. 

William J. Worden sagt, es gibt vier wichtige Aufgaben innerhalb eines Trauerprozesses, denen er jeweils einen bestimmten Namen gegeben hat bzw. eine bestimmte Funktion zugeordnet hat. 

Aufgabe Nr. 1 in der Trauer - nach William Worden: 
Das Begreifen. Das ist leichter gesagt als getan. Grob gesagt geht es darum, die Tragweite des Verlusts zu akzeptieren, diesen als neue Realität anerkennen zu lernen. Der oder die Gestorbene ist tot, wird nicht wiederkehren, das muss erstmal verinnerlicht werden. Oft geht das nur in ganz kleinen Stücken oder ganz kleinen Schritten, oft berichten Trauernde, dass der Verstand dort weiter ist als das Herz es jemals sein könnte. 

(Pixabay.com/Congerdesign, Deutschland, Cc-0-Lizenz)

Aufgabe Nr. 2 in der Trauer - nach William Worden: Die Gefühle und die Schmerzen zu durchleben. Es geht darum, alle Schmerzen und die Verzweiflung zulassen, sie auszuleben, wahrzunehmen, nicht wegzudrücken. Das ist oft besonders schwer, weil dieser Prozess erstens sehr viel länger dauern kann als gedacht und weil zweitens das Umfeld von Trauernden oft ungeduldig wird. Meistens steht dem eine Erwartungshaltung entgegen, die besagt: Komm, sei doch mal wieder normal. Aber normal ist nun einmal gar nichts in einem Trauerprozess, also in einem Prozess, der ja nun gerade das Unnormale aufzuarbeiten wünscht. Laut Worden ist es in Ordnung, all das zuzulassen, was da ist, ja, es sozusagen zu durchschreiten: Ein Gelähmtsein oder eine um sich schlagende Verzweiflung. Eine Niedergeschlagenheit oder eine wachsende Aggression. Die Sehnsucht und das Den-Tod-beklagen. Gehört alles dazu. 

Aufgabe Nr. 3 in der Trauer - nach William Worden: Neuorientierung und das Suchen nach neuer Stabilität. Trauer ist wie ein Mobile aus dem ein Teil herausgeschnitten worden ist. Das ganze System ist in Unordnung geraten, alles, was vorher im Gleichgewicht gewesen ist, gerät in ganz unerwartete Bewegungen. Das System selbst muss sich erst wieder neu orientieren, muss sich neue Stabilitäten suchen, fast alle Komponenten dieses Systems müssen sich neu zusammenfinden. Das braucht Zeit und Geduld - und es ist eine der Aufgaben, vor denen Menschen in einer Verlustkrise oft stehen. Hobbies, die man gepflegt hat, machen keine Freude mehr. Dafür tut es einem plötzlich gut, stundenlange Spaziergänge zu machen oder mit seinen Toten am Grab oder sonstwo einen Dialog zu führen. Menschen, die einem früher gut getan haben, wenden sich plötzlich von einem ab, andere tauchen auf, die hilfreich sein. Das ganze Leben muss sich neu ordnen - und der in einer Verlustkrise steckende Mensch sieht sich vor der Aufgabe, diese Sortierungen vorzunehmen bzw. sorgsam drauf zu achten, was gerade mit ihm geschieht. Darum geht es. 

(Pixabay.com/Tomasz Mikolajcyk, Polen, Cc-0-Lizenz

Aufgabe Nr. 4 in der Trauer - nach William Worden: Der oder dem Toten einen neuen Platz zuweisen. Es geht in einem Trauerprozess eben nicht, wie es Außenstehende einem oft empfehlen, um ein "Loslassen", aber eben auch nicht um ein krampfhaftes "Festhalten". Stattdessen ist es hilfreich, dem Verstorbenen einen gefühlsmäßigen (oder auch tatsächlichen) Platz zu geben, einen Ort, wo man weiß, dass man ihn oder sie finden kann. Dass so etwas funktionieren kann, spiegeln mir die Menschen, die ihre eigenen Verlusterfahrungen schonn vor vielen Jahren gemacht haben, so hart sie auch gewesen sein mögen (verlorene Kinder, beispielsweise): Dass die Trauer niemals so ganz aufhört, dass aber der Schmerz in Intensität verliert, dass das Leben wieder einen neuen Mittelpunkt und eine neue Balance finden kann, auch wenn es keinen Tag gibt, an dem man nicht an den oder die Verstorbenen gedacht hat. Weil die Toten auch im Leben der Hinterbliebenen ihren neuen Platz gefunden haben. Was das bedeuten kann, macht der britische Autor Julian Barnes in einem Satz deutlich: "Das können diejenigen, die den Wendekreis des Leids noch nicht überschritten, oft nicht verstehen - wenn jemand tot ist, dann heißt das zwar, dass er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, dass es ihn nicht mehr gibt." Und darum geht es bei dieser Aufgabe.


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Mittwoch, 20. Januar 2021

Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns in seelischen Krisen gut selbst helfen können, was uns bei inneren Krisen helfen kann - Tipps und Impulse aus der Trauerbegleitung

Osnabrück - Irgendwann in der Coronazeit, irgendwann im zweiten oder dritten Lockdown, hatte ich einen Durchhänger. Zuerst war da nur eine unbändige Wut, ein paar Tage lang, doch dann gesellte sich die Melancholie dazu und überlagerte alles. Immer lähmender das Gefühl der Ohnmacht wegen des Eingesperrtseins im Dauer-"Home"-Zustand, ohne Aussicht auf Veränderungen, das kratzte an meiner Motivation und an der Lebensfreude. Die Akkus waren leer, die inneren Ressourcen aufgebraucht. Der Blues klopfte an die Tür - und mit ihm die Frage, ob in all dieser lähmenden Müdigkeit nicht auch mal der Lebens-Wert verloren geht. Dann habe ich etwas getan, was ich lange nicht mehr gemacht hatte: Ich habe fotografiert - und geschrieben. Nicht etwa, weil mir das Ergebnis wichtig war. Sondern das Tun. Ich hatte mich an das erinnert, was ich in Vorträgen und Trauerbegleitungen gerne anderen Menschen erzähle. Die Sache mit der Selbstwirksamkeit.

Wenn ich über Trauer und Hilflosigkeit spreche, erzähle ich gerne eine Geschichte, die sich auch in meinem Buch "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" finden lässt. Es ist die Geschichte des Witwers, der kurz nach dem Tod seiner Frau damit anfängt, Buddelschiffe zu basteln. Was seine Freunde und Verwandte sehr befremdet. Wieso ein Mann, der eigentlich in Trauer sein sollte, nun plötzlich ein so merkwürdiges Hobby wie das Basteln von Buddelschiffen pflegt, noch dazu mit großem Enthusiasmus und dem Hingegebensein an das Tun, können sie nicht wirklich verstehen. Kopfschüttelnd erklären sie den Mann für vorübergehend nicht ganz bei Verstand. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Denn der psychologische Mechanismus, der sich hier zeigt, ist im Grunde sehr einfach zu entschlüsseln: 

Drinnensein. Rausgucken. Krise. (Alle Fotos: Thomas Achenbach). 

Um dem unerträglichen Gefühl der Ohnmacht entgegenzuwirken, suchen wir uns eine Tätigkeit, in der wir uns als wirksam erleben können. Da reicht schon eine ganz kleine Tätigkeit - es geht nicht darum, ein Haus zu bauen. Vielmehr geht es darum, einen ganz kleinen Bereich seines eigenen Lebens wieder als kontrollierbar erleben zu können. Es geht darum, all der Ohnmacht, der wir uns ausgeliefert sehen, etwas entgegenzustellen. Es geht darum, dass wir uns selbst wieder als ein klitzekleines bisschen wirkmächtig erleben können, auch nur im Kleinen - es geht genau um diese Selbst-Wirksam-Keit. Es kann hilfreich sein, dieses Wort in all diese einzelnen Bestandteile zu zerteilen. Wir selbst schaffen es, dass wir uns als wirksam erleben. Man könnte auch sagen: Wir ziehen uns mit den Haaren ein kleines Stück hinaus aus dem Sumpf. Also dem emotionalen Gefühlssumpf, in dem wir gerade feststecken. Jedenfalls für einen kurzen, wohltuenden Augenblick.

Sogar Staubsaugen hilft gegen die Düsternis


Notfallseelsorger arbeiten nach genau diesem Prinzip: Beim Überbringen einer Todesnachricht achten sie mit sehr feinen Antennen auf alles, was der Empfänger dieser Botschaft so tut. Was sie dabei alles Bizarres erleben, war schon öfter Gegenstand von Vorträgen auf der Messe "Leben und Tod". So kann es zum Beispiel geschehen, dass eine Frau, die vor einigen Minuten vom Tod ihres Sohnes erfahren hat, plötzlich mit dem Staubsaugen beginnt. Eine Reaktion, die für Außenstehende zunächst einmal genauso befremdlich wirkt wie das Basteln von Buddelschiffen nach dem Tod der Ehefrau - doch zeigt sich hier wieder das psychologische Wirkprinzip der Selbstwirksamkeit. Wer staubsaugt, der reinigt seine Wohnung. Wer staubsaugt, der kann etwas tun. Etwas, das einen erkennbaren Nutzen bringt. Wer etwas tun kann, was auch immer, der muss nicht gelähmt von der Ohnmacht auf dem Boden liegenbleiben, wenigstens einen wertvollen Moment lang. Geschieht also so etwas nach dem Überbringen einer Todesnachricht, weiß der Seelsorger, dass seine Aufgabe nun erledigt ist. Die Menschen wieder ein kleines Stück aus dem Schattenreich des Überfahrenseins hinauszuführen, die der erste Schock oft bedeutet, ist eine der wesentlichen Aufgaben in der Notfallseelsorge. Und jeder, der sich gerade jetzt in einer - wie auch immer gearteten - seelischen Notlage befindet, kann es selbst ausprobieren.


Also: Er (also der Mensch) kann etwas tun, das etwas bewirkt. Etwas ganz Kleines. Irgendwas. Staubsaugen. Die Wohnung putzen. Ein Bild malen. Etwas basteln. Etwas schreiben. Lego bauen. Ein Puzzle legen. Was auch immer. Hauptsache, es tut einem gut im Moment des Tuns, weil es als aktiv erlebt wird. Das ist gerade in der aktuellen Coronakrise besonders wichtig. Denn vermutlich haben viele Menschen, so wie ich, gerade die Nase voll vom ewigen Home-Alles: Home-Office. Home-Schooling. Home-Cooking. Home-Sleeping. Home-Cocooning. Home-Reading. Home-Drinking. Home-Netflixing. Home-Hocking. Home, Home, Home, so schön es dort auch ist, auf Dauer ist es einfach zuviel des Guten. Darf einem das so sehr auf die Nerven gehen? Streng genommen: Nein. Schon gar nicht, wenn man den unverschämten Luxus erleben darf, ein ganzes Haus in exponierter Lage bewohnen zu dürfen. So wie wir.

Kollektive Ohnmacht, und alle werkeln daheim


Aber selbst in einem komfortablen Einfamilienhaus wie unserem kann es ein zu enges Miteinandersein geben, dessen Reibungen nichts darüber aussagen, ob man sich in Wahrheit gern hat oder nicht. Selbst Menschen, die sich ungemein liebhaben, brauchen ihr Eigenes und ihre Einsamkeiten, um ihre Beziehungen zueinander frisch zu halten. Schwierig, wenn alle so eng beieinander hocken. Wohltuend, wenn jeder zumindest seinen eigenen Hobbies nachgehen kann, soweit das im Inneren eines Hauses möglich ist. Wohltuend, wenn jeder bemüht ist, ganz für sich sein eigenes Tätigkeitsfeld für seine Selbstwirksamkeit zu finden. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht - es ist wichtig zu betonen, dass dies kein Allheilmittel ist! 


Und doch darf die Wirksamkeit dieses Tuns nicht unterschätzt werden. Das zeigen alleine schon die Erfahrungen aus dem ersten Lockdown im März 2020. Schon damals haben wir erleben können, wie eine ganze Gesellschaft vom Drang nach Selbstwirksamkeit erfasst worden ist - das erste Mal überhaupt für längere Zeit an ihr Zuhause gebunden, fingen die Menschen an, wie besessen etwas zu reparieren und auszumisten, den Garten oder den Balkon zu pflegen, ihr Daheim zu gestalten. Ein ganzes Land stemmte sich gegen diese neue Ohnmacht, die das Coronavirus mitgebracht hatte. Und ich habe wieder erfahren dürfen, dass es das Fotografieren ist, das mir am meisten hilft. Und das Schreiben. Und so ist also an den Tagen meiner persönlichen größten Trübnis dieser kleine Beitrag entstanden, der meiner Melancholie Raum geben und mich durch dieses Tun wieder aus dieser Stimmung herausheben sollte. Hat geklappt. 

Letztlich ein Mechanismus, der auch in einer Trauerbegleitung als Wirkprinzip sichtbar werden kann


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Donnerstag, 7. Januar 2021

Viel mehr als nur Kaffeetrinken nach einer Beerdigung: Warum der Leichenschmaus als Kulturgut unentbehrlich ist - und was ohne ihn alles wegbricht

Osnabrück - Mit dem Ausbrechen der Pandemie hat sich heimlich, still und leise, jener allgemein übliche Dreiklang aus der Gesellschaft verabschiedet, den eine Beerdigung in unserem Kulturkreis üblicherweise darstellte: Trauerfeier, Bestattung und Leichenschmaus. Es ist vor allem der Leichenschmaus, dessen gesellschaftliche Wirkung nicht unterschätzt werden darf. Was mit ihm alles wegfällt, ist mehr als nur Kaffeetrinken. Für das Feuilleton der "Neuen Osnabrücker Zeitung" durfte ich jüngstens einen Beitrag zur Printserie "Orte der Sehnsucht" beisteuern, in dem es um dieses Thema ging. Hier ist eine leicht geänderte Fassung dieses Textes.

"Hoffentlich sehen wir uns auch mal außerhalb von Beerdigungen...“. Es hat eine Zeit gegeben, in der gehörte dieser Satz zum am meisten Gesagten und Gehörten bei einer Trauerfeier im Familien- oder Freundeskreis – und diese Zeit ist noch gar nicht so lange her. Mit dem Ausbrechen der Pandemie hat sich inzwischen, ganz heimlich, still und leise, jener allgemein übliche Dreiklang aus der Gesellschaft verabschiedet, den eine Beerdigung in unserem Kulturkreis üblicherweise darstellte: Trauerfeier, Bestattung und Leichenschmaus waren seine Kernkomponenten – wobei die Bestattung entweder als gemeinsamer Gang zum Grab direkt im Mittelteil absolviert wurde oder, bei der häufiger gewählten Urnenvariante, später nachgeholt wurde. 

Leichenschmaus als symbolischer Übergang

Mag uns der Friedhof als Kulturort auch in Zeiten der Coronakrise erhalten bleiben und mit seinem wenig überfüllten Außendasein als Ort des Nicht-Masken-Tragen-müssens eine gut besuchbare Alternative zum pandemischen Alltag darstellen: Es ist der Leichenschmaus, dessen Fehlen die größte kulturelle Lücke reißt. Denn dieses gemeinsame Mahl ist so viel mehr als eine nur gesellschaftliche Verpflichtung: Es ist ein symbolischer Übergang – und ein mehrfacher dazu. Aus der Zone des Schreckens und der Ohnmacht führt er zurück in den Trost der sozialen Gemeinschaft, nach der Zeit der Organisationspflichten und To-Do-Listen öffnet er die Türen für die Zeit der tatsächlichen Trauer, aus der Zone des Todes und des Sterbens führt er zurück in alles, was das Leben ausmacht, Essen, Trinken, Beisammensein, ja, nicht selten auch Fröhlichkeit und Sinnenfreude.

(Foto: Thomas Achenbach)

So gesehen ist der hierzulande gern genutzte Begriff des Leichenschmauses mit all seiner sprachlichen Härte viel passender als das andernorts gewählte „Trösterkaffee“: Erst die Leiche, dann der Schmaus; erst der Tod, dann das Leben; diesen Kontrast gilt es auszuhalten. Wie so vieles mehr. Es ist oftmals das letzte Wiedersehen eines Kreises, der so nie wieder zusammenkommen wird. In alten Zeiten war es die letzte erlaubte Feier vor dem Trauerjahr, das gleich am Anschluss begann. Viele Trauernde haben gerade diesen Trauerkaffee als besonders tröstend erlebt.  

Dem Tod das pralle Leben entgegenstellen

Noch bevor der Kaffee durch ist, wird bei einem Leichenschmaus oft schon der Zapfhahn aufgedreht. Dass am Ende eines Leichenschmauses oft eine überraschend hohe Menge an Alkohol geflossen ist und sich die Teilnehmer verbrüdernd in den Armen liegen – sogar das Lied „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ soll unpassenderweise schon einmal angestimmt worden sein, berichten professionelle Teilnehmer –, ist da gar kein Widerspruch, nein, vielmehr macht es eindrucksvoll deutlich, welchen gesellschaftskulturellen Auftrag so ein Leichenschmaus erfüllt: Einerseits geht es darum, einfach da zu sein und den Trauernden Respekt und Zugehörigkeit zu vermitteln. Aber auf einer anderen Ebene geht es darum, den Tod wieder in seine Bannzone des Schreckens zu verdrängen, indem man ihm gemeinsam das pralle Leben entgegenstellt. Ihm eine lange Nase zu drehen und in einer Art mythologischer Ächtung mutig entgegenzutreten: Den da in der Erde hast Du jetzt. Aber uns kriegst Du nicht. 

(Foto: Pixabay.com/Svetlanabar, Sweden, Cc-0-Lizenz)

Noch nicht.

Wenn dieser Übergang nun wegfällt, ja, in Viruszeiten berechtigterweise wegfallen muss (und das unbedingt „alternativlos“ – siehe oben unter „überraschend viel Alkohol“ etc.), dann fehlt ein wichtiger Mechanismus, der uns wieder in der Kraft des Lebens verankern kann, der unsere eigene Angst ein Stück lindern kann. Und so schleichen sich heutzutage am Ende einer Trauerfeier die wenigen zugelassenen Teilnehmer nach einigen sehr peinlichen Ellbogenverrenkungen dort, wo vielmehr Umarmungen angebracht wären, hinfort zu ihren Autos und verschwinden isoliert in eine ungewisse Zukunft. Ohne Bannstrahl, ohne Lebensvergewisserung – ohne Trost. 

Peinliches Ellbogenverrenken, ab ins isolierte Auto

Selbst wenn manche der Menschen, die in der jüngsten Vergangenheit ihre Trauerfeiern ausrichten mussten, ein Nachholen des Leichenschmauses versprochen haben, sobald möglich, ist es doch nicht dasselbe – denn ihre wohltuende Kraft bezieht diese Veranstaltung alleine aus dem unmittelbaren Anschluss an einen Abschied. Je weiter der zeitliche Abstand, desto verbannter scheint der Tod ja bereits wieder zu sein. Dieser seelische Schutzmechanismus ist für uns Menschen von existenzieller Bedeutung: Alleine mit der Vergewisserung, dass der Tod uns selbst nichts anhaben wird, uns nicht, sobald nicht, allen anderen vielleicht schon, lässt sich die Hilflosigkeit ertragen, die unser Erdendasein oft mit sich bringt. Dass die Coronakrise unseren  menschlichen Gestaltungsspielraum massiv einschränkt und uns unsere existenzielle Ohnmacht ahnen lässt, ist eine ihrer Wahrheiten. Das auszuhalten ist Aufgabe genug.

(Foto: Thomas Achenbach) 

„Hoffentlich sehen wir uns auch mal außerhalb von Beerdigungen...“. Wie oft haben wir diesen Satz gehört. Vielleicht auch selbst gesagt. Und dann traf man sich eben doch das nächste Mal erst… - auf einer Trauerfeier. Zumindest darauf konnte man sich verlassen. Heute ist selbst diese Verlässlichkeit brüchig geworden. In Zeiten der Krise muss es eher heißen: „Hoffentlich sehen wir uns überhaupt nochmal"...

(Dieser Artikel erschien in seiner ursprünglichen Fassung am 2. 12. 2020 in der Printausgabe der Neuen Osnabrücker Zeitung sowie aller Ihrer Kopfausgaben im Ressort Feuilleton)



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Montag, 26. Oktober 2020

Was tun, wenn ein Mensch gestorben ist? - Ein Angehöriger ist gerade gestorben, was muss ich denn jetzt machen? - 11 wichtige erste Schritte und To Dos, wenn ein Mensch gestorben ist - was jetzt erstmal wichtig ist (und wie Du diese Prozesse so gestalten kannst, dass sie Dir später in Deiner Trauer eine Hilfe sind) - Was nach einem Todesfall getan werden muss

Osnabrück - Du bist gerade ganz ratlos und vielleicht in Schock, weil ein Mensch gestorben ist und Du nicht weißt, was Du jetzt machen sollst? Du stehst vor dem gestorbenen Menschen und weißt nicht weiter? Okay, das ist schlimm. Und das Schlimmste daran, leider: Trotz des Schocks und des Entsetzens gibt es jetzt erstmal eine Menge zu tun. Hier findest Du eine Liste der elf wichtigsten ersten Schritte. Was ich Dir aus meiner Erfahrung sagen kann, ist: Du wirst jetzt erstmal sehr beschäftigt bleiben. Das hat Vor- und Nachteile gleichermaßen. Aber keine Sorge, es wird noch genug Zeit sein für das Traurigsein und für das Nachspüren nach dem ersten Schock - und es kann dann wichtig sein, dass Du gut hinfühlen kannst und vielleicht Hilfe hast. Aber jetzt ist erstmal Orgakrams angesagt. Leider. Das kann ich Dir nicht ersparen. Also, wollen wir loslegen? Okay. 

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

 1.)  Als Erstes: Der Arzt muss einen Totenschein ausstellen - das nennt sich die "Leichenschau"


Für den Fall, dass der Mensch zuhause gestorben ist und nicht in einem Krankenhaus oder Heim oder Hospiz, muss als Allererstes von einem von Dir dazugeholten Externen der Tod offiziell bestätigt werden. Auch wenn es ganz offensichtlich ist, dass dieser Mensch nun tot ist, braucht Ihr diesen Totenschein. Denn er ist eines von mehreren Dokumenten, die später die Versicherungen, die Ämter und der Bestatter benötigen werden. Am besten wäre es, den Hausarzt zu holen, idealerweise der Hausarzt des gestorbenen Menschen. Du kannst auch einfach die 112 anrufen, das ist das Leichteste, solltest aber unbedingt sagen, dass es nicht um einen Rettungseinsatz geht. Wichtig ist, dass so rasch wie es geht ein Arzt zu Dir kommt und sich den gestorbenen Menschen ansehen kann - wobei Du Dich auf eine gewisse Wartezeit einrichten musst (kann manchmal sogar ein paar Stunden dauern, bis ein Arzt da ist). Der Fachbegriff dafür ist "Leichenschau", klingt ein bisschen gruselig, heißt aber so. Wichtig zu wissen: Diese Leichenschau muss Dir der Arzt in Rechnung stellen, die Kosten übernimmt keine Krankenkasse - und die Kosten für die Leichenschau sind im Januar 2020 in Deutschland nochmal überarbeitet und angepasst worden (siehe auch meinen Beitrag dazu hier).

Was muss ich tun? - Ruf am besten Deinen Hausarzt an oder zur Not auch die 112 (wichtig: unbedingt sagen, dass es sich nicht um einen Notfall handelt) oder den Kinderarzt, falls es sich bei dem gestorbenen Menschen um einen Kind handelt - ist der Mensch im Krankenhaus gestorben oder einem Heim oder Hospiz, kannst Du dort nach dem Totenschein fragen.

Warum ist das so wichtig? - Der Totenschein ist ein offizielles Dokument, das die Ämter, die Versicherungen und andere offizielle Stellen benötigen. Dafür braucht ihr das. 


2.) Was Du jetzt brauchst, sind die wichtigsten amtlichen Dokumente & Unterlagen des gestorbenen Menschen


Als Nächstes steht das Zusammensuchen der wichtigsten Dokumente auf dem Plan. Wichtig ist vor allem zu wissen, ob der gestorbene Mensch irgendwelche Anweisungen oder Wünsche für seinen Todesfall hinterlassen hat, die sich vielleicht in privaten oder persönlichen Dokumenten finden lassen - denn diese Impulse brauchst Du unbedingt vor dem dritten To Do. Hier ist die Liste dessen, was Du jetzt an Dokumenten zusammenstellen solltest - wobei manches davon auch noch nachgereicht werden kann:

- Falls es gibt: Verfügungen für den Todesfall (mit das Wichtigste)
Personalausweis des gestorbenen Menschen
- Geburtsurkunde des gestorbenen Menschen
- Testament
- Krankenkassenkarte 
- Falls es gibt: Organspendeausweis
- Ehe-Urkunde oder Scheidungs-Urkunde 
- Falls der Ehepartner vorab gestorben ist, dessen Sterbeurkunde
- Falls es gibt: Vorsorgevertrag mit Bestatter
- Mit dazulegen solltet Ihr jetzt: Den Totenschein
- Und, schon mal prüfen: Hast Du Vollmachten für Banken etc.?

Was muss ich tun? - Suchen. Und möglichst viele der oben genannten Dokumente zusammenstellen.  

Warum ist das so wichtig? - Weil Du bald eine Sterbeurkunde vom Standesamt beantragen musst und dafür diese Unterlagen brauchst - und weil Du mit Dir einen Bestatter suchen musst, der ebenfalls Unterlagen braucht - und Deine Wunschliste. Denn das ist der nächste ganz wichtige Schritt.



3.) Fertige eine Mindest-Wunsch-Liste für die Bestattung an - die brauchst Du noch bevor Du einen Bestatter suchst


In allen anderen To-Do-Listen zu diesem Thema findet sich an dieser Position die Aufforderung, sich jetzt um einen Bestatter zu kümmern. Ich finde, es braucht noch etwas viel Wichtigeres, das vorab geschehen muss - sich zu überlegen, was man vom Bestatter eigentlich will. Denn es gibt in Deutschland solche und solche Bestatter - und noch viele, die sehr traditionell geprägt sind. Manche werden versuchen, Dir ihr Standardrepertoire an Urnen oder Särgen zu verkaufen, weil darin die für sie größte Gewinnspanne liegt. Aber was, wenn Du diesen Prozess anders gestalten möchtest? Moderne Bestatter orientieren sich an den Trauerbedürfnissen ihrer Kunden. Nicht vergessen: Du bist der Kunde und der Mensch in einer Krise, es geht um Deine Wünsche und, falls es eine Verfügung dieser Art gibt, um die Wünsche des gestorbenen Menschen. Umso hilfreicher und besser ist es deswegen, wenn Du sehr klar sagen kannst, was Deine Wünsche sind und was die Wünsche des gestorbenen Menschen sind.

Ich habe eine kleine Liste erstellt mit möglichen Aktivitäten und Aktionen rund um die Bestattung darin, von denen mir die Menschen in einem Trauerprozess berichtet haben, dass sie ihnen gut getan haben, vielleicht findest Du etwas darin, dass Dich ebenfalls anspricht. Manches davon wird Dir im ersten Moment brutal oder unaushaltbar vorkommen - hier ist wichtig zu wissen, dass es Deine eigene Reise ist, um die es hier geht. Nichts davon ist ein Muss, zu nichts musst Du Dich überwinden, was Du Dir nicht vorstellen kannst. Wichtig ist nur eins: Es ist Eure Trauer, Eure Zukunft, Ihr seid die Kunden und Ihr entscheidet allein, was Euch gut tut (mehr dazu gibt es in meinem Blogbeitrag "Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen und nicht umgekehrt", den kannst Du beim Klick hier finden). 

Fertige also Deine ganz persönliche Liste an, was Deine Wünsche wären, spontan und aus dem Bauch heraus, so wie es Dich jetzt anspricht. Und versuch Dich nicht zu sehr unter Druck zu setzen - Du bist jetzt in einer Ausnahmesituation, in der alles erstmal Überforderung ist. Es ist viel, was jetzt von Dir verlangt wird - viel zu viel, in Wahrheit. Okay, hier ist das, was ich von anderen Menschen gehört habe, dass es ihnen gut getan hat:

- Den Toten erstmal zuhause aufbahren (geht bis zu 72 Stunden mit Kühlmatten)?
- Den Toten für das Aufbahren zuhause aus dem Sterbeort dorthin überführen?
- Alternativ: Den Toten in einem Abschiedsraum beim Bestatter aufbahren?
- Nachbarn, Familie, Freunde zum persönliche Abschiednehmen einladen?
- Den gestorbenen Menschen gemeinsam mit dem Bestatter einkleiden/waschen?
- Den Sarg bemalen als gemeinschaftliche Aktion mit Freunden/Familie?
- Den Sarg eventuell sogar gemeinsam bauen als Gemeinschaftsaktion?
- Wäre es Euch wichtig, dass die Bestattung möglichst ökologisch wertvoll wird? 
- Etwas in den Sarg hineinlegen als Beigabe für diese letzte Reise (da geht viel)?  
- Sich den toten Menschen nochmal gemeinsam ansehen, falls man das kann?
- Den Sarg gemeinsam verschließen vor der Trauerfeier?
- Soll der gestorbene Mensch lieber verbrannt oder klassisch beerdigt werden?
- Soll er auf dem Friedhof oder in einem Wald beigesetzt sein?
- Wollt Ihr eine Zeitungsanzeige schalten und soll darin evtl. ein Foto sein? 
- Auch Urnen gibt es zum Selbst-Gestalten bzw. mit Bastel-Einlage-Option
- Im Falle einer Urnenbestattung: Wer soll die Urne zum Grab tragen dürfen?

Was muss ich tun? - Mach Dir ein paar Gedanken, was Du Dir selbst vorstellen könntest und was nicht, schau Dir die Liste oben an und frag Dich, ob Dich etwas davon anspricht.

Warum ist das so wichtig? - Du hast jetzt die Chance, auch diesen letzten Abschied für alle Beteiligten so zu gestalten, dass er Dir und Euch später, nach einigen Monaten oder Jahren, als hilfreich in Erinnerung bleiben kann - auch wenn alles jetzt gerade eine Überforderung ist und wenn alles hart ist. Deswegen solltest Du Dich auch nicht zu sehr unter Druck setzen, Du bist jetzt in einer Ausnahmesituation. 

Mein Extra-Tipp: Besprich diese Frage mit jemandem, der Dir nah und vertraut ist und der das aushalten kann. Im Sprechen über solche Fragen kommen wir den in uns schon liegenden Antworten oft viel näher (und viel schneller näher) als beim Nachdenken.

4.) Jetzt solltest Du Angehörige informieren, die Wunschliste mit ihnen besprechen, erst dann einen Bestatter suchen


Heutzutage ist oft von den Zugehörigen anstelle der Angehörigen die Rede, warum das so ist, habe ich in einem weiteren Blogbeitrag dargestellt. Sei's drum, die Idee ist immer die: Je enger der Kontakt gewesen ist bzw. je enger der Verwandtschaftsgrad, desto eher sollte die Information erfolgen. Als Erstes müssen also die allernächsten Angehörigen und die engsten Vertrauten des gestorbenen Menschen informiert werden, immer nach dem Motto: Je enger, desto schneller. Vielleicht gibt es eine Telefonliste? Vielleicht hast Du die Kontakte in Deinem Smartphone? Wichtig wäre, dass Du diese Menschen anrufst und ganz persönlich mit Ihnen sprichst (keine Mail). Du musst nicht viel sagen. Es geht nur um die Übermittlung der Information. Es reicht, wenn Du zum Beispiel sowas sagst wie: Ich fasse es selbst noch nicht, aber er oder sie ist gerade gestorben. Punkt. Wenn Ihr das könnt, dürft Ihr danach gemeinsam fassungslos und schockiert sein, manchmal ist es aber so, dass die angerufenen Menschen selbst noch gar nicht so viel sagen können im ersten Augenblick. Was Du jedoch schon mal abklären solltest, wäre Deine Wunschliste für die Bestatter. Wichtig: Du musst nicht gleich in der ersten Nacht alle Menschen informieren, die mit der gestorbenen Person in Kontakt gewesen sind, erstmal zählen wirklich nur jene, die man als engste Verwandte und aller-aller-engste Freunde bezeichnen kann. Ebenfalls wichtig: Vielleicht kannst Du Dir jemanden suchen, der Dir helfen oder Dich begleiten kann - zum Beispiel bei der Suche nach einem Bestatter oder bei Amtsgängen etc.?

Was muss ich tun? - Telefonnummern suchen, den allerengsten Vertrautenkreis und Angehörigenkreis des gestorbenen Menschen anrufen und informieren.

Warum ist das so wichtig? - Es gehört sich einfach so - und jeder, der mit einem Menschen eng zu tun hatte, sollte auch das Recht haben, rechtzeitig von seinem Tod informiert zu werden. 

Mein Extratipp Nr. 1: Such' Dir dabei gleich jemanden, der Dich bei der Suche nach einem Bestatter unterstützen kann und Dich ggf. bei Amtsbesuchen begleitet. 

Mein Extratipp Nr. 2: Mach Dir bei jedem Gespräch, egal mit wem (Angehörige, Bestatter, etc.) so viele Notizen wie es geht, schreib alles mit, was besprochen wird - in Krisensituationen wie dieser leidet oft die Merk- oder die Konzentrationsfähigkeit, so dass Du Dich nicht auf Dein Gedächtnis verlassen kannst! Welcher Angehörige hatte jetzt nochmal diese lustige Geschichte erzählt? Welchen Sonderwunsch für wen wolltest Du mit dem Bestatter besprechen? Wenn Du gerade frisch den Telefonhörer aufgelegt hast, sind diese Informationen noch sehr präsent - aber überschätze das nicht. Dein Gehirn kann derzeit ebenso überfordert sein wie der Rest Deines Systems. Also: Besser alles aufschreiben. 

5.) Sonderurlaub beantragen und Dich mit Deinem Arbeitgeber absprechen; prüfen, was Dein Arbeitgeber alles anbietet


Einen Todesfall managen zu müssen, ist eine enorme Belastung für einen Menschen. Es ist klar, dass man dabei nicht immer parallel arbeitsfähig bleiben kann. Leider sind die gesetzlichen Regelungen in Deutschland sehr schwammig und lassen allerlei Interpretationsspielräume zu (mehr dazu findest Du übrigens auch in meinem Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" im Campus-Verlag). Sehr viele Arbeitgeber haben deswegen ganz eigene Regeln erlassen, was beispielsweise die den Mitarbeitern zustehenden freien Tage angeht. Oder es gibt einen Tarifvertrag, der zur Anwendung kommt. Allerdings kommt es auf das Verhältnis zum gestorbenen Menschen an. In den meisten Fällen gilt: Bei Verwandten ersten Grades wie gestorbenem Ehepartner, Kind oder Elternteil bekommt ein Mensch zwei Tage Sonderurlaub, bei einem Verwandschaftsverhältnis zweiten Grades - wie Großeltern etc. - meistens keinen. Dass das dem tatsächlichen Leben nicht immer gerecht wird, ist klar. Deswegen ist es immer hilfreich: Beim Chef oder in der Personalabteilung nachfragen. Sich erstmal ein paar Tage frei nehmen, falls möglich. Vielleicht lässt sich das über unbezahlten Urlaub regeln. Oder nachfragen, ob das eigene Unternehmen ganz andere Regeln aufgestellt hat - Facebook beispielsweise bietet seinen Mitarbeiter bis zu zwei Wochen Sonderurlaub an in einem solche Fall. 

Falls es gar nicht anders geht: Ja, Du kannst Dich auch wegen eines Trauerfalls "krank"-schreiben lassen. Wobei Trauer in den seltensten Fällen wirklich krank macht. Sehr wohl aber kann die Trauer einen Menschen erstmal arbeitsunfähig machen (mehr dazu findest Du in meinem Blogbeitrag zu diesem Thema, dazu bitte hier klicken).

Was muss ich tun? - In der Personalabteilung des Unternehmens, in dem Du arbeitest, nachfragen, ob es Sonderregelungen für die Zeit nach einem Todesfall gibt, mit Deinem Chef sprechen, was Du jetzt brauchst und klären, ob es Sonderurlaub/unbezahlten Urlaub geben kann.

Warum ist das so wichtig? - Du wirst eine Menge zu tun haben und nicht immer ganz konzentrationsfähig sein, das bringt der Schock und die emotionale Anspannung so mit sich, das ist ganz normal - prüfe Dich selbst, ob Du Dich für arbeitsfähig hältst.


6.) Jetzt musst Du beim Standesamt oder Bürgeramt die Sterbeurkunde beantragen - (mit Totenschein und Ausweis)


Erstmal musst Du herausfinden, zu welchem Amt Du gehen musst. Das sollte über eine rasche Google-Abfrage herauszufinden sein, indem Du den Namen der Stadt, in der der verstorbene Mensch gewohnt hat, und das Stichwort Sterbeurkunde angibst. Meistens ist es das Standesamt, aber eben nicht überall. Bei uns in Deutschland geht halt nichts ohne die entsprechende Bescheinigung. Und die Sterbeurkunde ist neben dem Totenschein eine sehr wichtige Bescheinigung, die Du noch oft gebrauchen wirst. Weil Du noch eine ganze Reihe von Sterbeurkunden im Original vorlegen musst - zum Beispiel bei allerlei Versicherungen -, kann es hilfreich sein, wenn Du Dir gleich mehrere Sterbeurkunden anfertigen lässt. Irgendwas zwischen fünf oder zehn Stück ist eine gute Zahl.




Manchmal übernehmen es auch die Bestatter, sich um die Sterbeurkunde zu kümmern, wenn Du also schon einen guten Bestatter Deiner Wahl gefunden hast, dann solltest Du dort zuerst nachfragen, ob das geschehen kann. 

Aber Achtung, das Amt braucht eine ganze Reihe von zusätzlichen Dokumenten, bevor es Dir die Sterbeurkunden ausfertigen kann. Dabei kommt es darauf an, welchen Familienstand der gestorbene Mensch gehabt hat: 

- Mitbringen musst Du: Totenschein und Ausweis des gestorbenen Menschen
- Deinen eigenen Personalausweis musst Du ebenfalls mitbringen
- Die Geburtsurkunde dann, wenn der gestorbene Mensch nicht verheiratet war
- Die Heiratsurkunde, wenn der gestorbene Mensch verheiratet war
- Bei Geschiedenen braucht es dazu auch noch das Scheidungsurteil
- Bei Verwitweten braucht es die Sterbeurkunde des gestorbenen Partners
- Und im Falle einer Lebenspartnerschaft gibt es auch hierfür eine Partnerschaftsurkunde

Was muss ich tun? - Falls Du schon einen Bestatter gefunden hast, frag dort, ob dieser die Sterbeurkunden mitbesorgen kann. Ansonsten musst Du selbst herausfinden, welches Amt für Sterbeurkunden in Deiner Stadt/deinem Ort zuständig ist und dort hingehen mit den oben genannten Unterlagen dabei.

Warum ist das so wichtig? - Wir leben in Deutschland. Da geht nichts ohne Bescheinigung.



7.) Die Trauerfeier vorbereiten und Dir Gedanken darüber machen, was Dir gut tun würde bei diesem Abschied


Mit der Trauerfeier ist das so eine Sache - meistens ist sie für die Menschen, die sie organisieren müssen, so eine Art "Großes Schwarzes Loch", weil der gestorbene Mensch in der Regel keine Wünsche oder Verfügungen für die Feier hinterlassen hat. In den seltensten Fällen haben sich Menschen vorher darüber unterhalten, wie sie sich ihre eigene Trauerfeier vorstellen würden. Deswegen würde ich Euch zur Gestaltung einer Trauerfeier immer diese drei Leitlinien empfehlen: 

1.) Die Feier darf bzw. sollte den Hinterbliebenen gut tun und ihnen etwas geben 
2.) Zugleich darf bzw. kann der gestorbene Mensch in der Feier sichtbar werden
3.) Optimal ist es also, eine gute Brücke zwischen diesen beiden Polen zu bauen

Schon lange ist die Gestaltung einer Trauerfeier nicht mehr alleine in der Hand kirchlicher Würdenträger, sondern es gibt viele freie Ritualgestalter und freie Trauerredner, die das übernehmen können. Wichtig ist immer die Frage nach Musik: Welche Musik hat der gestorbene Mensch gerne gehört? Außerdem stellt sich die Frage nach der Länge der Trauerfeier. In seinem Buch "The End" beschreibt der moderne Bestatter Eric Wrede aus Berlin das Problem, das den meisten Trauerfeiern nur ein Zeitfensterchen von 20 Minuten zugestanden wird, während die Gäste für die folgende Trauerfeier draußen schon mit den Hufen scharren. Das ist tatsächlich oft ein Problem. Deswegen kann es eine gute Idee sein, gleich zwei Trauerfeier-Zeitfenster hintereinander zu buchen, um mehr Zeit zu gewinnen - was natürlich auch das Doppelte an Raummiete kosten wird.

Wer noch ein paar weitere Impulse und Gedankenanstuppser für die Gestaltung einer Trauerfeier braucht, findet viele Ideen in meinem Blogartikel "27 Ideen zum Thema: Wie gestaltet man eine moderne Trauerfeier?", den Ihr unter diesem Link hier finden könnt....

Was muss ich tun? - Mach Dir Gedanken, was Dir gut tun würde und wie Du die Trauerfeier gestalten möchtest, lass Dich, wenn Du magst, von den Ritual-Ideen und Impulsen meines Beitrags dazu inspirieren - organisiere Trauerredner, Musiker, Orte, was Du magst, hierbei können Dir die Bestatter helfen, sie haben Kontakte und Ideen 

Warum ist das so wichtig? - Die Trauerfeier ist eine gute Möglichkeit, diesen letzten Abschied gut zu gestalten. Das ist natürlich, wie alles im Augenblick, ziemlich überfordernd, kann aber zu einem guten ersten Schritt werden auf dem weiteren Weg. 


8.) Die ersten wichtigen Versicherungen und den Arbeitgeber informieren - zeitnah den Informationspflichten nachkommen


Die wichtigsten Versicherungen, die ganz schnell informiert werden müssen, sind: Lebensversicherungen, Risiko-Lebensversicherungen, Unfallversicherungen und ggf. die Sterbegeldversicherungen. Diese müssen in der Regel innerhalb der ersten 48 Stunden nach dem Todesfall informiert werden, so steht es in den meisten Verträgen drin. Sprich: Wenn Du dieser Informationspflicht nicht nachkommst, kann es unter Umständen sein, dass sich die Versicherer verweigern, Dir das Geld auszuzahlen, um das es jetzt geht. Dass Du gerade ganz andere Sorgen und Gefühle hast, ist vollkommen klar, aber vielen oder sogar den Versicherungen meistens trotzdem eher egal. In der Regel sollte ein Telefonanrunf ausreichen, es ist aber trotzdem mehr als sinnvoll, nach dem Anruf noch rasch eine Mail hinterherzuschicken mit den wesentlichen Informationen darin und mit der Bemerkung "Wie gerade telefonisch besprochen..." - denn dann kannst Du auch nachweisen, dass Du Deiner Informationspflicht wirklich nachgekommen bist.


Genauso wichtig kann es sein, in den ersten 48 Stunden den Arbeitgeber des gestorbenen Menschen zu informieren, falls dieser einem Beruf nachgeht - dort wird der Mensch ja vermutlich vermisst werden, außerdem hat der Arbeitgeber selber wichtige Informationspflichten zu erfüllen, wenn er vom Tod eines seiner Mitarbeiter erfährt.

Wann muss das geschehen? - Idealerweise innerhalb der ersten 48 Stunden nach dem Todesfall, wobei zwei Tage bei manchen Versicherungen die spätmöglichste Meldegrenze sein können, also besser: je eher, desto besser. 

Was muss ich tun? - Such Dir die Versicherungsunterlagen heraus, alles, was Du finden kannst. Vielleicht gibt es sogar schon eine Liste aller bestehenden Versicherungen und der dazugehörigen Informationspflichten? Das wäre hilfreich, ist aber oft nicht der Fall, leider. Ruf die Versicherungen an und informiere sie mündlich, schicke am besten eine kurze Mail hinterher, "wie soeben mündlich besprochen", und drucke sie aus, damit Du in jedem Fall nochmal dokumentieren kannst, dass Du die Informationen rechtzeitig weitergegeben hast 

Warum ist das so wichtig? - Es geht um Geld, das Du bekommst, vielleicht sogar um sehr viel Geld, es geht Ansprüche, die Du hast. 


9.)  Fertige eine Liste an, was später noch alles zu regeln sein wird - Finanzamt, Auto, Handys, Miete, Abos und, und, und...


Mach Dir eine Liste, was sonst noch zu regeln sein wird, aber nicht sofort geschehen muss. Weitere Versicherungen, die über den Tod informiert werden müssen, aber nicht mehr binnen der ersten 48 Stunden, sind beispielsweise: Private Rentenversicherungen, Krankenversicherungen, Hausratsversicherungen, Kfz-Versicherungen, Pflegeversicherungen, Rechtsschutzversicherungen, Wohngebäudeversicherungen, etc. Ein wichtiger Hinweis zu bestehenden Bankkonten: Diese sollten erst später aufgelöst werden, weil ja wegen noch laufender Verträge vermutlich auch noch Abbuchungen von diesen Konten erfolgen könnten. 

Was es sonst noch später zu regeln geben könnte (eine Auswahl):

- Das Auto ggf. abmelden oder es verkaufen. 
- Nachsendeauftrag bei der Post beantragen
- Vereine informieren, in denen der gestorbene Mensch Mitglied war
- Zeitschriftenabos kündigen
- Digitalen Nachlass regeln (Soziale Medien etc.)
- Mietverträge etc. kündigen

Und, ebenfalls ganz wichtig: Innerhalb der ersten drei Monate nach dem Todesfall muss übrigens auch das Finanzamt informiert werden, weil es dann um die Erbschaftssteuer geht, hier hast Du eine Informationspflicht.

Was muss ich tun? - Mach Dir erstmal nur eine Liste, was Du später noch tun musst, aber jetzt nicht sofort tun musst. 


10.) Prüfe ob Du einen Erbschein brauchst oder das Erbe ausschlagen möchtest, dies muss binnen 6 Wochen geschehen


Das mit dem Erbschein ist so eine Sache - es ist leider ein bisschen kompliziert und es kann leider auch sehr teuer werden, weil sich die Kosten des Erbscheins an dem zu erwartenden Erbe orientieren, zu dem dann auch Grundstücke, Häuser, alle Besitztümer gehören können. Aber nicht alle brauchen auch einen Erbschein. Vor allem, wenn die gesetzliche Erbfolge ganz eindeutig ist, braucht es nicht unbedingt einen Erbschein. Wenn es ein Testament gibt, in dem das Erbe geregelt ist, ebenfalls nicht immer, jedenfalls, wenn alle Erben dieses Testament so akzeptieren können. 

Wichtig ist, dass Du, falls Du das 
Erbe ausschlagen möchtest, dies innerhalb von sechs Wochen nach dem Tod des so genannten "Erb-Lassers" tun solltest (ich mache in diesen Wort gerne einen zusätzlichen Kopplungsstich rein, weil ich selbst sonst immer an das Blasswerden, also das Erblassen im Sinne von körperlicher Reaktion denken muss, was zum Trauerprozess angeht). Was den Erbschein selbst angeht, gibt es unterschiedliche Angaben: In manchen Texten heißt es, dieser müsse innerhalb der ersten 14 Tage beantragt werden, deswegen habe ich diesen Punkt mit auf die Liste der elf wichtigsten To Dos nach dem Todesfall genommen - wobei mir manche Bestatter als Reaktion gespiegelt haben, dass das gar nicht in allen Städten und Gemeinden so möglich ist. 

Sollte es jedoch Testament geben, sollte dieses alsbald - am besten in den ersten 14 Tagen - zu der so genannten Nachlasstelle des jeweiligen Amtsgerichts gebracht werden. Das Nachlassgericht ist auch für das Ausstellen des Erbscheins verantwortlich. 

Wann muss das geschehen? - Darüber gibt es unterschiedliche Angaben - wenn Du das Erbe nicht annehmen möchtest, hast Du sechs Wochen, um das zu melden 

Was muss ich tun? - Gibt es ein Testament? Gibt es viel zu vererben? Ist ganz klar, wer der Erbe ist? Solche Fragen musst Du erstmal klären.

Warum ist das so wichtig? - Nun ja, es geht halt ums Erbe. Je nach Familien- und Erbenkonstellation kann das ein empfindliches Thema sein.


11.) Nimm Dir jetzt Zeit, um in Dich hineinzuhorchen und versuch Dich zu sortieren - vielleicht über ein Schreibbuch


So, jetzt bist Du auch mal selbst dran. Vielleicht wirst Du feststellen, dass Du innerlich ganz aufgewühlt und ganz durcheinander bist. Oder Du wirst feststellen, dass Du gar nicht so wirklich fühlen kannst, was in Dir gerade los ist, weil Du Dir taub und stumpf vorkommst. Keine Sorge, beides kann ganz normal sein. Wie überhaupt vieles ganz normal sein kann, von dem Du Dir nie vorher hättest vorstellen können, dass es mal ganz normal sein würde. Manchen Menschen, mit denen ich zu tun hatte, hat es geholfen, sich ein Blankonotizbuch zuzulegen und alles, was in ihrem Inneren los ist, aufzuschreiben, es einfach mal rausfließen zu lassen, ganz ungefiltert, ganz unsortiert, als einen so genannten "Stream Of Consciousness", also einen Bewusstseinsstrom. Bei einem solchen Schreiben geht es nicht etwa darum, lesenswerte Texte zu verfassen, deren spätere Lektüre anregend ist, sondern es geht einfach nur ums Rausschreiben von allem, was gerade in einem toben kann. 


Wichtig ist, dass Du in all dem Trubel, den ein Todesfall mit sich bringt, immer auch mal an Dich selber denkst. Wenn Du das Gefühl hast, dass Du später Hilfe brauchen könntest, kann Dir vielleicht eine Liste von Trauerbegleitern oder Trauerangeboten aus Deiner Region helfen, die es zum Beispiel über die Website des Bundesverbands Trauerbegleitung unter dem Stichwort "Trauerbegleitende finden" geben kann (siehe diesen Link). 

Du bist jetzt auf dem Weg - also auf Deinem eigenen Weg. Der Start ist überfordernd und holprig, vieles kann und wird sicher auch weiterhin überfordernd und holprig bleiben. Das wäre normal. Vieles ist jetzt normal. Vor allem das eine: Dass Du selbst in einer absoluten Ausnahmesituation bist. Wenn Du magst und kannst, dann lass Dich auf diesen Gedanken ein. 






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