Samstag, 4. Juli 2020

27 gute Rituale für eine moderne Trauerfeier: Wie kann ich eine gute Gedenkfeier für einen gestorbenen Menschen organisieren - was brauche ich dafür? Impulse, Anregungen und Ideen für die Gestaltung von Trauerfeiern, die auch den Angehörigen gut tun können - zahlreiche schöne Rituale für eine Beerdigung

Osnabrück - Was für eine schöne Idee: Aus dem Heimatort des gestorbenen Menschen, aus dem dieser schon lange fortgezogen war, hatte einer der Trauergäste etwas Erde mitgebracht. Heimaterde, sozusagen. Und diese wurde dann ebenfalls in das Grab des Mannes geworfen. Ein schönes Ritual - da muss man aber erstmal drauf kommen. Und das in der gewaltigen Überforderung nach einem Trauerfall? Wer kann das schon? Keine Frage: Eine Trauerfeier organisieren zu müssen, das kann eine herausfordernde Aufgabe sein - meistens stellt die Gedenkfeier für die Menschen, die sie organisieren müssen, so eine Art "Großes Schwarzes Loch" dar, weil der gestorbene Mensch in der Regel keine Wünsche oder Verfügungen für die Feier hinterlassen hat. In den seltensten Fällen haben sich Menschen vorher mal darüber unterhalten, wie sie sich ihre eigene Trauerfeier vorstellen würden. Aber wie könnte das Programm einer Trauerfeier aussehen? Was gäbe es für Ideen für Rituale oder für die konkrete Ausgestaltung? Was muss man alles beachten?  

Ich habe also mal alles zusammengesammelt, was mir zum Thema Trauerfeier so eingefallen ist. Neue und alte Rituale, von denen mir Menschen erzählt haben, weil sie ihnen gut getan hat. Impulse und Ideen und ein paar Gedankenanregungen, die bei der Gestaltung einer Trauerfeier helfen können. Natürlich lässt sich eine solche Aufgabe - also das Gestalten dieser Feier - auch an einen Menschen übertragen, der sich damit auskennt, weil er es professionell macht, also zum Beispiel einen Geistlichen, einen freien Trauerrender oder einen Ritualgestalter. Aber je mehr sich die Angehörigen, die besten Freunde oder einige der Gäste in die Gestaltung mit einbringen können, umso persönlicher wird diese Gedenkfeier - umso besser wird der gestorbene Mensch in dieser Feier sichtbar. Deswegen wäre mein Tipp: Baut Euch am besten eine Feier, wie sie Euch gut tut, als Allererstes. Zu weiteren Leitlinien für eine gute Trauerfeier kommen wir später noch.


Eine Trauerhalle aus Lego zum Spielen? Der niederländische Trauerpädagoge Richard Hattink bietet unter www.funeraltoys.com unter anderem dieses Spielset an , das ich auf der Messe Leben und Tod fotografert habe - die Idee dabei ist, mit Kindern spielerisch über schwierige Ereignisse rund um Beerdigungen und Trauerfeiern ins Gespräch kommen zu können (Alle Fotos Thomas Achenbach).


Viele fragen sich: Muss eine Trauerfeier überhaupt sein? Geht es nicht auch ohne? Hierbei gilt es zu bedenken: Die Trauerfeier ist die letzte Möglichkeit, einen Abschied ganz bewusst zu gestalten. Das kann gut tun, auch bei Familien oder bei Freunden, bei denen nicht alles ganz harmonisch gewesen ist - so ließe sich zum Beispiel, wenn man das möchte, ein Verzeihenritual mit in die Feier einbeziehen. Diese Feier kann zudem ein wichtiger erster Schritt sein für den eigenen Trauerweg, der bei jedem anders sein wird. Und schließlich muss man auch eines sagen: Es gehört sich einfach so, dass eine Trauerfeier gestaltet wird. Ein jedes Leben sollte an seinem Ende eine Würdigung erfahren dürfen, das macht unser Leben hier auf dieser Erde ein bisschen lebenswerter - für uns alle. Bevor wir aber mit dem Leitfaden für eine Trauerfeier beginnen, gilt es, ein paar Vorabfragen zu klären. Nämlich diese:

Vorab: Ein paar Grundsatzfragen, die man sich stellen sollte


- Soll der gestorbene Mensch lieber verbrannt oder klassisch beerdigt werden?
- Bei einer Kremation (dem Verbrennen) kann man evtl. zwei Trauerfeiern organisieren
- Zum Beispiel so: Öffentliche Trauerfeier am Sarg / Urnenbeisetzung im kleinen Kreis   
- Soll der gestorbene Mensch auf dem Friedhof oder in einem Wald beigesetzt sein?
- Soll der Sarg gemeinsam bemalt werden als gemeinschaftliche Aktion?
- Den Sarg eventuell sogar gemeinsam bauen als Gemeinschaftsaktion?
- Den Toten aufbahren, z. B. in einem Abschiedsraum, und Totenwachen organisieren  
- Auch Urnen gibt es übrigens zum Selbst-Gestalten bzw. mit Bastel-Einlage-Option
- Im Falle einer Urnenbestattung: Wer soll die Urne zum Grab tragen dürfen?

Und damit zur eigentlichen Trauerfeier: 

1. Der Ort: Eine Trauerfeier muss nicht auf dem Friedhof stattfinden


Manche Bestatter bieten z. B. eigene Trauerhallen für die Feiern an, die dann oftmals mit moderner Technik ausgestattet sind. Das kann unter Umständen sinnvoll sein, wenn man sich dafür entscheidet, beispielsweise eine Powerpoint-Diaschau oder eine Art Form von digitaler Präsentation einzusetzen. Hierbei geraten die öffentlichen Trauerhallen auf Friedhöfen sehr schnell an ihre Grenzen. Manchmal sind jedoch ganz andere Orte viel passender, um dem gestorbenen Menschen gerecht zu werden. In einem seiner Vorträge erzählte der moderne Bestatter David Roth beispielsweise von einer Trauerfeier, die in einem Pferdestall stattgefunden hatte, weil das gestorbene Mädchen ein absoluter Pferdeliebhaber gewesen war. Dementsprechend gehörten zu den Teilnehmern der Feier dann auch - ein paar Pferde. Das passte viel besser zu dem Mädchen. Oder ein anderes Beispiel: Anstelle einer Trauerfeier für einen alten Mann unternahmen die Trauergäste einfach einen Spaziergang in Stille zu seinem persönlichen Lieblingsort, einen See. Dort ließen sie dann Papierboote ins Wasser. Eine externe Feier muss manchmal vorab durch die Friedhofsverwaltung genehmigt werden, je nachdem, wie und wann die dann folgende Beisetzung geplant ist, aber sie kann manchmal besser zu den gestorbenen Menschen passen als eine ganz klassisch durchgezogene Trauerfeier. 

2. Die Ausrichtung: Kirchlich oder weltlich, mit wieviel Tradition darin?


Schon lange ist die Gestaltung einer Trauerfeier nicht mehr alleine in der Hand kirchlicher Kräfte, sondern es gibt viele freie Ritualgestalter und freie Trauerredner, die das ebenfalls übernehmen können. In der Gestaltung einer Trauerfeier gibt es kaum noch Grenzen, bis auf eine: Die Zeit. In seinem Buch "The End" beschreibt der moderne Bestatter Eric Wrede aus Berlin das Problem, das den meisten Trauerfeiern nur ein Zeitfensterchen von 20 Minuten zugestanden wird, während die Gäste für die folgende Trauerfeier draußen schon mit den Hufen scharren. Das ist tatsächlich oft ein Problem. Deswegen kann es eine gute Idee sein, gleich zwei Trauerfeier-Zeitfenster hintereinander zu buchen, um mehr Zeit zu gewinnen - was natürlich auch das Doppelte an Raummiete kosten wird.


Trauerspielzeug des Niederländers Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach)

Was aber die Inhalte der Feier angeht, so ist vieles möglich und denkbar, man muss sich schon lange nicht mehr an alte Traditionen halten, sondern kann sich eine Feier ausdenken, die modernen Ansprüchen gerecht wird. Meiner Meinung nach kann es hilfreich sein, sich bei der Gestaltung einer Trauerfeier an drei Leitgedanken zu orientieren: 

1.) Die Feier darf bzw. sollte den Hinterbliebenen gut tun und ihnen etwas geben 
2.) Zugleich darf bzw. kann der gestorbene Mensch in der Feier sichtbar werden
3.) Optimal ist es also, eine gute Brücke zwischen diesen beiden Polen zu bauen

Wenn der gestorbene Mensch zu seinen Lebzeiten ein sehr gläubiger Mensch gewesen ist, aber seine besten Freunde oder seine Angehörigen der Kirche eher kritisch gegenüberstehen, lässt sich zum Beispiel überlegen, ob die Trauerfeier sowohl aus kirchlichen als auch aus weltlichen Elementen besteht - damit sie beiden gerecht werden kann. Oftmals wird auch bei rein weltlichen Trauerfeiern zumindest ein "Vater unser" gesprochen, um die eher gläubigeren Gäste mit einzubeziehen. Wichtig ist jedenfalls, dass die Angehörigen sich mit dem Programm wohlfühlen können. Eine weitere Geschichte, die Eric Wrede in seinem Buch "The End" erzählt, ist beispielsweise die von einer eher improvisierten Trauerfeier eines plötzlich verstorbenen Fans von Progressive-Metal-Musik. Da haben dann alle Trauergäste in einem Stuhlkreis zusammengesessen und die teils recht schräge Lieblingsmusik des Verstorbenen gemeinsam angehört. Das war alles. Ist dem Menschen aber gerechter geworden als jede andere Form von Trauerfeier. Moderne Bestatter und Trauerbegleiter empfehlen ganz grundsätzlich, sich nicht an (überholten) Traditionen zu klammern, wenn diese einem selbst nichts bedeuten. Dafür wäre dieser wertvolle Moment zu schade. Warum nicht - zum Beispiel - einen Walzer oder eine Rumba am Ort der Trauerfeier tanzen, wenn der gestorbene Mensch gerne getanzt hat? Weil Tanz und Trauer nicht zusammengehören? Wer sagt das? Ist nicht beides irgendwie - Leben?

3. Rituale mit einplanen - vor und während der Trauerfeier 


Rituale sind wichtig - aus vielfachen Gründen. Zum Beispiel, weil sich mit kleinen Gesten schon ganz viel an Wirkung erreichen lässt. Oder weil sie uns dabei helfen, große und vielleicht irritierende Gefühle in einen Zusammenhang einzubetten. Manche Rituale beziehen alle Teilnehmer einer Feier mit ein und haben, wenn sie nachvollziehbar oder gut erklärt werden, eine die Gäste vereinende Wirkung. An Rituale denken wir oft lange zurück. Wenn wir uns an Trauerfeiern erinnern, sind es meistens die damit verbundenen Rituale, die uns als Erstes wieder einfallen: Das Werfen einer Rose in das offene Grab, beispielsweise. Und es gibt ganz viele gute Ideen für Rituale, die im Kontext einer Trauerfeier eingesetzt werden können. Wobei wir hier zwischen zwei wichtigen Zeiträumen unterscheiden müssen:

1.) Die eher intimeren Momente für die Angehörigen kurz vor der offiziellen Trauerfeier 
2.) Die offizielle und vermutlich von weiteren Gästen besuchte eigentliche Feier

Für beide Komponenten bieten sich jeweils Rituale an, von denen mir Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation erzählt haben und die sie jeweils als hilfreich erlebt haben. 

Hier ist meine persönliche Sammlung an mögliche Ritualen - wobei man dazu eines sagen muss: auch wenn manche dieser Rituale in einer Phase akuter Einschränkungen wegen eines neuerlichen Corona-/Pandemie-Lockdowns nicht umsetzbar sein dürften, wäre dann zu überlegen, ob man beispielsweise die eigentliche Trauerfeier später nachholt, zum Beispiel gekoppelt an einen später stattfindenden "Trösterkaffee" (dazu später mehr). 


1.) Rituale für den Zeitraum kurz vor Beginn der eigentlichen Trauerfeier


  • # 1 - Den Sarg gemeinsam verschließen vor der Trauerfeier, das kann gut tun
  • # 2 - Etwas in den Sarg hineinlegen als Beigabe für diese letzte Reise (da geht viel)  
  • # 3 - Sich den toten Menschen nochmal gemeinsam ansehen, falls man das kann

2.) Rituale für den Inhalt/die Gestaltung der eigentlichen Trauerfeier


  • # 4 - Die Trauergäste bringen jeder eine Blume mit und legen sie in der Halle ab, z. B. vor dem Sarg oder an einer Fotowand oder ähnliches
  • # 5 - Die Trauergäste können Fußabdrücke von sich aus Papier mitbringen, die sie beschriftet haben
  • # 6 - Auf diesen Fußabdrücken notieren sie, welche persönlichen Spuren der Mensch hinterlassen hat
  • # 7 - Die Trauergäste sind zuvor ermuntert worden, ein gemeinsames Foto mit dem Verstorbenen mitzubringen
  • # 8 - Diese Fotos können an einer Wand gesammelt oder in ein Blankobuch eingeklebt werden, vielleicht mit eigenen Erinnerungen ergänzt
  • # 9 - Die Trauergäste bekommen Teelichter, diese dürfen sie anzünden und vorne hinstellen, so kann ein großes leuchtendes Symbol entstehen, z. B. in Herzform
  • # 10 - Ein selbst gestalteter Trauerschal kann über den Sarg gelegt werden, die Gestaltung dieses Schals kann vorab als gemeinsames Ritual angelegt sein
  • # 11 - Lebensmomente des gestorbenen Menschen können als Ausstellung gezeigt werden, diese kann auf dem Fußboden ausgelegt werden/es liegen Fotoalben aus
  • # 12 - Eine Fotowand erinnert an den Menschen, Zettel zum Beschriften liegen bereit, diese können mit eigenen Erinnerungen beschriftet werden (oder guten Wünschen)
  • # 13 - Ein Angehöriger oder enger Freund kann den Lebenslauf des Gestorbenen vorlesen oder wichtige Stationen kurz zusammenfassen
  • # 14 - Freunde oder Angehörige, die das können, führen während der Trauerfeier ein Musikstück auf
  • # 15 - Freunde oder Angehörige lesen während der Trauerfeier ein ausgesuchtes Gedicht oder Textstück vor
  • # 16 - Gegenstände, die zum Leben des gestorbenen Menschen passen, zur Deko verwenden
  • # 17 - Auf einem Monitor kann eine Fotoschau durchlaufen, die sich ständig wiederholt, oder es wird eine Präsentation in die Trauerfeier mit eingebaut
  • # 18 - „Was ich Dir noch sagen wollte“ – Gedanken dazu können auf Papier aufgeschrieben und gesammelt werden, Papier hierfür liegt bei der Feier aus
  • # 19 - Dies können entweder alle Trauergäste tun, die das gerne möchten, oder es kann auf einen Brief der Angehörigen beschränkt werden (der vorgelesen wird?)
  • # 20 - Dieses Papier kann dann während der Feier z. B. in den Sarg gelegt werden oder in einer Feuerschale verbrannt werden
  • # 21 - Gemeinsam Luftballons steigen lassen am Grab oder an dem Ort der Feier, das wird vor allem bei Kindern gern gemacht (In Flughafennähe - genehmigen lassen!)
  • # 22 - Eine "Klagemauer" aufzubauen ist auch eine Idee, bei der sich die Trauergäste beteiligen können, hierfür liegen Zettel zum Ausfüllen bereit, die an diese „Mauer“ (z.B. Pinnwand) angebracht werden können (das geht z. B. auch zuhause)
  • # 23 - Die Trauergäste bekommen eine Tüte Blumensamen mit als Geschenk zum späteren Einpflanzen/an den gestorbenen (An-) Denken
  • # 24 - Ein Tanz am Ort der Trauerfeier, sowas ist wie schon erwähnt auch gut – wenn es passt, zum Beispiel weil der Mensch gern Standard/Latein etc. getanzt hat... 
  • # 25 - Am Ort der Trauerfeier stehen Fingerfarbe und Reinigungstücher bereit, damit jeder der Trauergäste seinen Handabruck auf dem Sarg hinterlassen kann
  • # 26 - Auch schön: Anstatt einer Trauerfeier lässt sich in manchen Gegenden (z. B. in der Nähe von Hannover) ein Trauercafé mit dem Sarg dabei organisieren
  • # 27 - Und schließlich: Bei einer Beerdigung ist es meistens möglich, dass die Angehörigen, wenn sie das möchten, selbst das Grab zuschaufeln - das kann gut tun
Übrigens spricht auch nichts dagegen, den Gästen einer Trauerfeier ein Erinnerungsstück mitzugeben - bewährt dafür haben sich zum Beispiel Trauersteine, die z.B. in eine Hosen- oder Jackentasche passen. Gerne werden dafür glatt geschliffene Steine genommen, das muss aber nicht sein. Die Steine haben erstens eine besondere Symbolik, weil Steine so etwas wie Unvergänglichkeit und Unzerstörbarkeit symbolisieren, zweitens dienen sie als gelegentliche Erinnerung an die Trauerfeier und damit den gestorbenen Menschen. 


Trauerspielzeug des Niederländers Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach)

Und schließlich, falls gewünscht/benötigt: Ein Ritual des Verzeihens 


Als besonderes Ritual ließe sich auch über eine angeleitete Form des Verzeihens nachdenken, von dem ich ebenfalls schon gehört habe. Bei schwierigen Lebensläufen, als problematisch erlebten Lebenssituationen oder allgemein  bei schwierigen Menschen fällt es den Angehörigen oder Freunden manchmal nicht leicht, einen guten Abschied nehmen zu können. Zum Beispiel, weil sie die Würde, die es dafür bräuchte, als durch andere Gefühle überdeckt erleben. Durch Wut, beispielsweise, durch Zorn, durch heftigere Erinnerungen an schwierige Situationen etc. Hierbei kann es hilfreich sein, auch diesen Gefühlen während in der Trauerfeier in Form eines Rituals einen sanften, aber verzeihenden Raum zu geben - immer auf angemessene Art und Weise und mit viel Würde, versteht sich, also nicht durch ein "Nachtreten" oder durch Äußerungen von Hass oder Zorn. 

Geschehen kann dies z. B. durch einen Augenblick der Stille oder durch ein bestimmtes Stück Musik, das hierfür genutzt wird. Der Trauerredner oder Ritualgestalter oder der Geistliche kann das entsprechend moderieren, zum Beispiel durch einen Satz wie diesen: "Während der nächsten Momente wollen wir uns im Verzeihen versuchen, in einem Verzeihen für alles, worüber wir zu Lebzeiten nicht haben sprechen können. Gleichsam wollen wir der Hoffnung nachspüren, dass der gestorbene Mensch in seinem Tod auch uns hat verzeihen können..." (dieser letzte Satz kann passend sein oder auch nicht, das kommt, wie alles, auf die Situation an). 


4. Die Trauerrede: Nichts Schlechtes sagen, aber gern Menschliches


Über Verstorbene soll man nichts Schlechtes sagen, so lautet eine alte Verhaltensregel, die sich sowohl an die Gäste einer Trauerfeier richtet als auch an diejenigen, die die offizelle Trauerrede halten. Aber bevor wir über den Inhalt einer Trauerrede sprechen können, müssen wir uns erst eine andere Frage stellen: Wer soll diese Trauerrede eigentlich halten - und soll es überhaupt eine geben? Denn auch für die Trauerrede gilt: Es ist kein Muss. Nur weil alle anderen diese Tradition pflegen, kann es auch andere Ideen geben - zum Beispiel einfach nur gemeinsames Musikhören. 

Ein Vorteil einer Trauerrede ist natürlich, dass der Fokus noch einmal auf dem Leben des verstorbenen Menschen liegen kann, dass sein Tun, seine Vorlieben und seine Prägungen spürbar und erlebbar werden können. Hier darf es auch gerne menschlich zugehen oder auch mal lustig, falls das passt. Ein guter Leitspruch für eine Trauerrede ist immer: Der gestorbene Mensch steht hier nicht vor Gericht, es muss nicht über ihn geurteilt werden. Selbst wenn es etwas Abgründiges zu erzählen gäbe, darf das gerne ausgeklammert oder allenfalls oberflächlich gestreift werden, weil die meisten Menschen vermutlich eh davon wissen. Bei einem Menschen, der ein Alkoholproblem hatte, kann dann beispielsweise von "der Krankheit" gesprochen werden - die es ja auch ist -, die das Leben manchmal schwer gemacht hat. Das reicht. Spätestens dann sollte aber wieder etwas Gutes folgen. Eine letzte Würde hat jedes Leben verdient - aber das hatten wir ja schon... 


Trauerspielzeug des niederländischen Pädagogen Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach).

Vielleicht noch eine kleine Anmerkung zum "Wer hält die Rede"? Am eindrucksvollsten ist es natürlich immer, wenn direkte Angehörige oder Freunde selbst sich das zutrauen, aber weil es auch eine harte Aufgabe ist, bei der ein gewisses Maß an Professionalität und Erfahrung damit nicht schaden kann, sind freie Redner, Geistliche oder andere hierfür ausgebildete Profis oft eine ebenso gute oder vielleicht auch bessere Wahl.  

5. Die Musik: Auch Mitsingen, nur Anhören, wieviel, was genau?


Was die Auswahl der Musik angeht, gibt es eine zentrale Frage: Soll auch etwas von den Trauergästen mitgesungen werden? Ich selbst bin, da will ich ganz ehrlich sein, kein großer Freund von diesem offiziellen Singenmüssen, ich fühle mich da meist sehr unwohl bei, jedenfalls solange es nicht etwas von Pink Floyd ist (bei "Wish You Were Here" gröhle ich gerne mit, so schief wie es bei mir halt immer der Fall ist). Mir sind ansonsten Feiern viel lieber, bei denen die Musik rein passiv zu erleben ist - aber das ist nur meine bescheidene Meinung. Und es zählt auch hier einzig und allein die Leitfrage, ob es zum gestorbenen Menschen passt oder nicht. Ist beispielsweise ein enthusiastisches Mitglied eines Männergesangvereins gestorben, wäre es vermutlich irritierend, wenn auf seiner Trauerfeier gerade nicht gesungen wird. 

Auch wenn die Trauergäste nicht mitsingen müssen, stellt sich die Frage, ob die Musik von Konserve kommen soll oder live aufgeführt werden soll? Inzwischen gibt es in manchen Städten auch Musiker, die sich unter anderem für Trauerfeiern spezialisiert haben. Oder es gibt unter den Angehörigen oder besten Freunden Musiker, die sich das zutrauen. Für mich wird unvergesslich bleiben, wie mein Vater bei der Trauerfeier meines Onkels, also seines Bruders, den gar nicht so leichten Trauermarsch aus der Götterdämmerung auf dem Klavier gespielt hat. Das hat perfekt zu meinem Onkel gepasst: Er war ein großer Fan des "Rings der Nibelungen" und der Opern von Richard Wagner. 

Wobei es gar nicht immer nur traurige Musik auf einer Trauerfeier geben muss - am besten passt generell die Lieblingsmusik des gestorbenen Menschen. Und das ist der Punkt: Alleine über die Auswahl der Musik können viele Eindrücke über die Persönlichkeit des gestorbenen Menschen vermittelt werden. Deswegen ist Musik in ihrer Wichtigkeit nicht zu unterschätzen. Warum also nicht eine Playlist zusammenstellen mit der Lieblingsmusik des gestorbenen Menschen und diese den Trauergästen ebenfalls zur Verfügung stellen - beim Wie und Womit können die technikverliebten jüngeren Freunde oder Angehörigen, Enkel oder ähnliche, vielleicht gut helfen? Natürlich könnte man auch eine CD brennen, was als Geste etwas Wunderschönes ist, allerdings ist man bei der halb-/professionellen Vervielfältigung von Musik in einem größeren Rahmen nicht mehr ganz im Bereich des Legalen. 

6.) Am besten mit Ablaufplan und konkreten Zuständigkeiten


Es kann hilfreich sein, den Ablauf der Trauerfeier kurz und knapp auf einem Papier zu skizzieren: Wer ist wann an der Reihe, wer wird welchen Teil übernehmen, welches Lied ist wann zu hören, etc.? Wohlgemerkt: eine kurze Ablaufskizze reicht vollkommen aus. Das muss kein Drehbuch werden, in dem genau vermerkt steht, wann jemand von welcher Seite aus auftritt und wieviele Schritte dann zu gehen sind, etc. - das wäre für alle Teilnehmenden eher eine Überforderung. Eine gute Ablaufskizze lässt Luft zum Atmen und Luft für Eventualitäten - wenn beispielsweise der Auftritt von rechts gar nicht möglich sein sollte etc.



Trauerspielzeug des niederländischen Pädagogen Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach)


7.) Nach der Trauerfeier: "Leichenschmaus", "Leidmahl", "Trösterkaffee"?


Im Anschluss an die Trauerfeier zu einem Zusammenkommen einzuladen, bei dem Kaffee, Kuchen, vielleicht eine Suppe oder Butterbrote angeboten werden, gehört zwar zum guten Ton und kann außerdem ein erster guter Schritt sein auf dem eigenen Trauerweg - weil man nochmal alle Menschen versammelt sieht, die nur der gestorbene Mensch so hat zusammenbringen können -, aber auch hier gilt: Wem das zuviel wird, wer es nicht kann, der darf auch darauf verzichten. Wichtig ist die Leitregel: Was wird den Angehörigen und besten Freunden des gestorbenen Menschen gut tun? Diese Form der Zusammenkunft hat übrigens immer unterschiedliche Namen und Ausprägungen. In vielen ländlichen Gebieten war es früher üblich (und ist es noch üblich), auch alkoholische Getränke anzubieten und eine regelrechte Feier aus diesem Ereignis zu machen. Mal spricht man vom "Leichenschmaus", mal vom "Trösterkaffee", mal vom "Leidmahl", mal ganz schlicht vom "Beerdigungskaffee". Das kann eine sehr schöne Einrichtung sein, weil noch einmal Erinnerungen geteilt werden können. Manchmal kommen extra für die Trauerfeiern und die Beerdigungen die Gäste auch von weiter her angereist, so dass es sinnvoll sein kann, ihnen noch ein bisschen was zu essen anzubieten, bevor sie abreisen. 

Wer mag und kann und entsprechende Hilfe dafür hat, kann diese Zusammenkunft gerne zuhause organisieren, in der Nähe von Friedhöfen gibt es meistens darauf spezialisierte Gasthäuser und Cafés.


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Dienstag, 30. Juni 2020

Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Ist es möglich, eine Krankschreibung bei einem Todesfall zu bekommen und wenn ja, wie? Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um das Thema Trauer und Arbeitsunfähigkeit

Osnabrück - Es ist die von den Lesern meines Blogs am meisten gestellte Frage: Kann ich wegen Trauer krankgeschrieben werden? Hierzu gibt es zwei Dinge zu sagen. Erstens: Nein, nicht so wirklich, weil Trauer an sich nicht als Krankheit gilt, sondern als eine im Grunde gesunde Reaktion auf einen eher unnormalen Ausnahmezustand. Aber genauso wichtig ist, zweitens: Na klar kannst Du Dich krankschreiben lassen - du musst noch nicht einmal die neue dafür geschaffene "Verkomplizierte Trauer" dafür in Anspruch nehmen (alle Infos dazu gibt es hier). Weil es unbestreitbar so ist, dass einen die Symptome von Trauer massiv beeinträchtigen können - so massiv, dass man eben nicht mehr arbeitsfähig ist -, braucht sich auch niemand zu schämen, wenn er sich genau das von einem Arzt attestieren lässt. Aber wie genau geht das? Was muss ich beachten? Und was wird mir der Arzt als Diagnose auf den gelben Schein schreiben? Hier die wichtigsten Antworten auf all diese Fragen.

Zuallererst etwas ganz Wichtiges: Auch wenn es sich allgemein eingebürgert hat, von der "Krankschreibung" zu sprechen oder davon, dass man sich "krankschreiben" lässt, so ist das in Wahrheit falsch. Das zeigt schon ein einzelner Blick auf so einen Gelben Schein. Denn dort oben steht "Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung". Also die Bescheinigung, dass jemand nicht arbeitsfähig ist. Aber: Das heißt nicht automatisch, dass jemand auch krank sein muss. Im Fall von Trauer ist das eine ganz wichtige Unterscheidung. Denn es ist natürlich so, dass die durch Trauer ausgelösten Symptome einen Menschen stark beeinträchtigen können, auch wenn Trauer etwas ganz Normales ist und all diese Symptome zu dem Trauerprozess unmittelbar dazugehören können. Das können zum Beispiel sein: 


Wegen Trauer zum Arzt gehen? Warum denn nicht? (Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Konzentrationsschwierigkeiten. Die Unfähigkeit, einen Text lesen zu können. Große innere Unruhe. Eine kaum stillbare und alles überstrahlende Sehnsucht nach den gestorbenen Menschen (auch noch lange nach seinem Tod). Schlafstörungen. Antriebslosigkeit. Appetitlosigkeit. Gedanken, die immer nur um das eine kreisen und nichts anderes zulassen... Das alles und mehr kann dazugehören, in verschiedenen Heftigkeitsstufen. Kurz: Symptome, die einen Alltag/Berufsalltag in ihrer Intensität unmöglich werden lassen. Aber: Das ist alles ganz normal, das geht vielen Menschen so, die jemanden verloren haben.


Trauer macht selten krank - arbeitsunfähig schon eher


Wer mit diesen Symptomen zum Arzt geht, bekommt also eine solche Bescheinigung einer  Arbeitsunfähigkeit, das ist kein Problem und wird von den meisten Hausärzten so umgesetzt - meistens wird dann eine "Anpassungsstörung" oder eine "Akute Belastungsreaktion" als Grund auf dem Gelben Schein angegeben, zwei Sammelbegriffe, unter denen sich viele der leichteren bis mittelschweren psychischen Reaktionen auf eine menschliche Krisensituation zusammenfassen lassen. Das ist nichts, weswegen man sich schämen müsste. Das ist alles: Ganz normal. Von Trauer an sich steht dort allerdings nichts. Denn bislang ist es technisch gesehen nicht möglich, sich alleine wegen Trauer auch medizinisch behandeln zu lassen - geschweige denn sich wegen Trauer alleine krankschreiben zu lassen. Denn Trauer und deren Folgen sind so nicht vorgesehen – jedenfalls nicht im Diagnose-System der Weltgesundheitsorganisation, der ICD ("International Statistical Classification Of Disease and Related Heath Problems"), die bei allen Hausärzten und niedergelassenen Ärzten zum Einsatz kommt



Ab dem 1. Januar 2022 soll sich das übrigens ändern. Denn dann möchte die WHO - die World Health Organisation - in der ab diesem Tag gültig werdenden ICD 11 die "Anhaltende Trauerstörung" als neue Diagnosemöglichkeit einführen, die jedoch erst greift, wenn die Symptome sehr massiv sind und länger als ein halbes Jahr andauern. Derzeit ist diese neue Diagnosedefinition hinter den Kulissen noch in der Diskussion - und durchaus nicht unumstritten. Wohlgemerkt: Die Trauer soll dort explizit Bereich der psychologischen bzw. psychiatrisch zu behandelnden Störungen angesiedelt sein - und genau das ist im Augenblick der Gegenstand von zahlreichen Diskussionen und Empörungen, die ich in einem separaten Beitrag auf diesem Blog zusammengefasst habe (hier klicken).



Aber auch nach dem 1. Januar 2022 wird es so sein, dass die Reaktionen auf einen Verlust im ersten halben Jahr weiterhin als ""Anpassungsstörung" oder als "Akute Belastungsreaktion" beschrieben werden. Was im Fall von Trauer ja auch passt: Denn an eine solche für die menschliche Seele ungewohnte Ausnahmesituation muss man sich erst einmal anzupassen lernen, das ist für uns Menschen schon schwierig genug. Darf man sich als guten Gewissens wegen Trauer "krankschreiben" lassen? Nein, krank nicht. Aber arbeitsunfähig - auf jeden Fall.


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Sonntag, 14. Juni 2020

Wie wir Kindern und Teenagern die Themen Tod und Sterben so erklären können, dass sie auch im späteren Leben ohne Ängste und Unsicherheiten damit umzugehen wissen - Wissens-Experte Ralph Caspers gibt in einem neuen Buch angenehm knackige Tipps und gute Impulse - Die Toten sind gestorben, sie sitzen nicht auf Wolken

Osnabrück - Was Kinder von uns Erwachsenen brauchen, wenn wir ihnen den Tod eines Menschen erklären wollen, íst in Wahrheit ganz wenig. Am besten nur ein ganz kurzer Satz, das reicht. Und das dann erstmal sackenlasssen. Denn worauf wir uns getrost verlassen können, ist das: Wenn die Kinder etwas wissen wollen, dann werden sie uns schon fragen. Aber sie wissen selbst am besten, wann sie wieder mehr Informationen aufnehmen können. Deswegen ist es viel, viel besser, nur zu sagen: Die Oma ist gestorben. Anstatt die Kinder ungefragt mit einem Konglomerat an Informationsbrocken zu überfrachten, die alle gar nicht zusammenpassen wollen: Die Oma ist gestorben, deswegen werden wir sie jetzt in der Erde verbuddeln, aber dann ist die Oma auch im Himmel und guckt von einer Wolke auf uns runter, trotzdem siehst Du sie niemals wieder... Häh?? Wie jetzt? Sich ganz kurz zu halten, auch wenn es schwerfällt, das ist nur einer von vielen Tipps, die der bekannte TV-Moderator Ralph Caspers in seinem neuen Buch gesammelt hat. Ein wertvolles Buch mit vielen guten Hinweisen und Impulsen, nur an wenigen Stellen ein bisschen arg zugespitzt.

"Wenn Papa jetzt tot ist, muss er dann sterben?" - Schon der Titel seines neuen Buches ist original Ralph Caspers. Ein bisschen augenzwinkernd und ironisch, gleichsam aber seine Zielgruppe ganz ernstnehmend. Und den Autoren - den kennt jedes Kind. Sei es aus der "Sendung mit der Maus", aus dem Kika, aus der Sendung "Wissen macht Aah" oder einem anderen Fernsehformat. Immer ein bisschen nerdig, immer ein bisschen witzig, ein guter Typ. Was nur die wenigsten wissen: Ralph Caspers hat im Alter von 15 Jahren seinen Vater verloren. Und er war dann vermutlich mit all den Erfahrungen konfrontiert, denen er jetzt mit seinem Buch entgegentritt: Vor allem die Hilflosigkeit und eigentlich gut gemeinte Ungeschicktheit der Erwachsenen. Die sind es auch, die die wahre Zielgruppe des Buches sind, auch wenn manche der Passagen sich genausogut als Vorlesestoff für wissbegierige Kinder eignen. Denn Ralph Caspers ist halt einer, der selbst komplexe Sachverhalte wie einen Verwesungsprozess so erklären kann, dass sich echte Aha-Effekte einstellen.


Den kennt man!  Ralph Caspers moderiert unter anderem die TV-Sendung "Quarks" (Foto: WDR-Presse/Linda Meiers, mit freundlicher Genehmigung)

Das gelingt ihm im ersten Teil seines Buches wirklich gut. In angenehm kurzen, angenehm verdichteten, dabei aber wunderbar simplen Informationshappen arbeitet sich Caspers in munterem Plauderton durch alles, was Kinder (und Erwachsene) zum Thema Tod, Trauer und Sterben so wissen sollten und wissen wollen. Für alle Fragen, mit denen neugierige Kinder ihre überforderten Eltern löchern, gibt es gute Antworten. Darf ich etwas in den Sarg mit hineinlegen (Antwort: Ja, so ziemlich alles, das kann bei der Trauerverarbeitung sogar ein wohltuender Prozess sein). Darf ich auch lachen, wenn ich in Trauer bin (Antwort: Ja, natürlich, Du darfst alles tun, was Dir gut tut). Aber auch tiefergehende Fragen wie: Was kann ich gegen das Vergessen meiner Erinnerungen tun?  Wie schnell muss der Tote abgeholt werden? Was ist, wenn ich mich vor dem Tod noch mit der gestorbenen Person gestritten habe? Und, und, und...  Dabei hat das Buch gleich mehrere Zielgruppen im Blick.


(Dieses und alle folgenden Fotos: Thomas Achenbach)

Immer mal wieder wendet sich Ralph Caspers direkt an die Eltern und beantwortet einige ihrer drängendsten Fragen: Darf ich mich von meinem Kind trösten lassen? Darf ich vor meinem Kind auch weinen? Hier räumt Ralph Caspers mit dem Trugbild auf, dass die Eltern immer die "Starken" sein müssen bzw. dass Starksein eben nichts damit zu tun, sich nicht von Tod und Trauer berührt zu zeigen. Für trauernde Eltern kann es sehr wohltuend und hilfreich sein, wenn sie diese Erlaubnis bekommen. Und die vielleicht allerwichtigste im Buch behandelte Frage lautet: Wieviel Wahrheit vertragen Kinder? Antwort, zusammengefasst: Eine Menge! Vielleicht sogar mehr als die Erwachsenen, manchmal. Das wäre jedenfalls meine ganz persönliche These.


Bittere Pillen zu schlucken - das Thema hat Tiefenwirkung


Eine These, die nicht überall auf Wohlwollen stößt, dessen bin ich mir bewusst. Denn was das Thema Kinder und der Tod angeht, habe ich selbst schon manche bittere Pille schlucken müssen und hier auch schon kontrovers diskutierte Blogbeiträge veröffentlicht ("Bitte nehmt die Kinder mit...." - siehe hier). Was für mich total selbstverständlich wäre, nämlich den Kindern im Falle eines gestorbenen Angehörigen einen möglichst unverkrampften Umgang mit dem Tod anzubieten, indem man sie zum Beispiel fragt, ob sie den toten Körper vielleicht noch einmal sehen möchten, begleitet durch einen Erwachsenen, zum Beispiel, das war für manche meiner allerbesten Freunde fast ein Affront und eine Zumutung. Wie brutal, wie gemein, sowas könne man doch nicht machen... Wäre fast zum Streit gekommen. Mit einem wertvollen Lerneffekt für mich. 



Nämlich diesem: In Sachen Kinder und der Tod niemals die Tiefensprengkraft des Themas unterschätzen. Viele Eltern haben da offenbar eine große Scheu - oder Angst. Was das alles mit Ralph Caspers neuem Buch zu tun  hat? Nun, eine ganze Menge, wie die ersten Amazon-Leserrezensionen des Buches deutlich machen. Denn das Buch erhält dort viel Kritik, vor allem wird seine "Härte" gegenüber den Kindern und sein vermeintlich zu geringer Anteil an "christlichem Glauben" bemängelt. Unverständlicherweise, wie ich finde. Denn, hey Leute, bitte nicht vergessen: Ralph Caspers hat das alles doch selbst erlebt! Also wer, wenn nicht einer wie er, dürfte seine Erfahrungswerte mit der Welt auch in der Form teilen, dass er sagt: Wie ihr damit umgegangen seid, das hat mir nicht gut getan - und deswegen sage ich Euch jetzt mal, was mir stattdessen gut getan hätte. 



Denn genauso ließe sich das Buch ebenfalls lesen. Wobei seine persönliche Geschichte hier allenfalls in kurzen Erwähnungen am Rande thematisiert wird. Die Marke Ralph Caspers ist halt eine Erklärmarke, kein Betroffenheitsprodukt. Diesem Anspruch wird auch "Wenn Papa tot ist..." in all seinen Teilen gerecht. In seinem Mittelteil geht das Buch der Frage nach, welche Besonderheiten jeweils ein spezieller Todesfall mit sich bringen kann und was dann hilfreich sein könnte - dabei werden wie bei einer mathematischen Gleichung alle nur erdenklichen Konstellationen durchgespielt. Gestorben ist (bitte einsetzen): Mutter, Vater, Geschwisterkind, Oma, Opa, Tante, Nachbar, Freund der Familie, Haustier, Schulfreund, Spielfreund, Cousine, Cousin.... you name it. Das von der Trauer betroffene Kind ist (einsetzen): Baby, Kindergartenkind, Grundschulkind, Teenager, in der Pubertät... Das Buch guckt mit großem Verständnis auf all diese erdenklichen Situationen und bietet Erklärungen an. Was wir bei Teenagern zum Beispiel oft erleben, das scheinbar unberührte Weitermachen mit dem Alltag von vor dem Todefall, ist ebenso ganz normal wie das Grundschulkind, das übergangsweise wieder mit dem Bettnässen anfängt. Und vieles mehr.



Aber warum fällt es uns Eltern bloß so schwer, sich auf dieses Thema und seine Besonderheiten einzulassen? Warum erzählen wir unseren Kindern lieber solche Fantasiegeschichten, von denen wir doch genau wissen, dass sie einer realistischen Prüfung durch Kinderfragen niemals standhalten werden? Denn warum sollte man die Oma auf der Wolke nicht besuchen dürfen? Es gibt doch Hubschrauber und Flugzeuge! Warum müssen wir die Oma überhaupt verbuddeln? Wie soll sie denn von unter der Erde nach da oben auf die Wolke gelangen? Nicht wenige Eltern dürften sich angesichts all dieser und weiterer Fragen in einem Wurzelgeflecht mystischer Erläuterungsversuche verfangen haben, die am Ende weitaus esoterischer geworden sind als man sich das anfangs vorgestellt hatte. Und warum tun wir so etwas? Vielleicht, weil uns der Tod selbst soviel Angst macht? Weil wir unseren Kindern die schreckliche Wahrheit "ersparen" wollen, dass wir alle einmal sterben wollen. Alle. Mama, Papa, die Geschwister, die Freunde, die Haustiere, manche sogar nach einem gar nicht mal soooo langen Leben, gemeinerweise? Aber was genau ersparen wir unseren Kindern eigentlich damit, wenn wir ihnen das vorenthalten? Was, wenn nicht die Chance darauf, eines Tages einen wirklich guten Umgang mit dem Tod pflegen zu können - und nicht in diese schwerfällige Hilflosigkeit zu verfallen, die unseren elterlichen Umgang mit dem Thema auszeichnet?



Genau an dieser Leerstelle möchte Ralph Caspers ansetzen. Das ist gut so. Es gibt jedoch zwei Passagen, mit denen ich nicht so ganz einverstanden bin. Wenn es zum Beispiel um die in einem Trauerprozess immer mal wieder auftauchenden Schuldfragen geht, steht dort im ersten Teil des Buches nur ein sehr kurzer Absatz, der es im Wesentlichen bei einem "Nein, natürlich bist Du nicht schuld" belässt. Das ist natürlich richtig, allerdings geht es bei Schuldgefühlen ja oft um etwas ganz anderes - nämlich um die eigentlich wohltuende Illusion, der enormen Ohnmacht dem Ereignis des Todes gegenüber doch noch etwas entgegensetzen zu können. Deswegen wird in der Qualifizierung zum Tauerbegleiter grundsätzlich empfohlen, Schuldgefühle nicht einfach so vom Tisch zu wischen. Zwar gibt es weiter hinten im dritten Teil des Buches einen vertiefenden Abschnitt zum Thema Schuld, der all diesen Erkenntnissen gerechter wird - aber dass ein so großes Thema in zwei verschiedenen Sektionen etwas unterschiedlich behandelt wird, gehört zu den Schwachstellen des Buches, was mein zweiter Kritikpunkt wäre. 


Aktueller Stand der Forschung: Gibt es Trauerphasen?


An anderen Stellen wiederum gibt es einen eindrucksvollen Einblick in viel aktuelles Wissen, zum Beispiel was die verschiedenen Trauerphasen angeht, bei denen ich zwar die Ideen des Dualen Prozessmodells vermisst habe, die ich kürzlich hier vorgestellt habe - mich aber andererseits gefreut habe, dass die Traueraufgaben nach William Worden dort auftauchen (ebenfalls schon hier vorgestellt). Kurzum: Es ist ein wertvolles Buch, das viel sinnvolle Hilfe anbieten kann. Von mir gibt es eine Rundum-Kauf-und-Lese-Empfehlung dafür. Und die Oma darf dann auch runter von der Wolke - weil es niemals grausam ist, den Kindern die Wahrheit anzubieten. Solange man es kindgerecht tut. Danke, Ralph Caspers!


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Dienstag, 9. Juni 2020

Denn wir sind auf dem Weg in die Sterbegesellschaft: Warum es so wichtig ist, als moderne Gesellschaft noch viel mehr und viel öfter über die Themen Tod, Trauer und Sterben sprechen zu können - Eine Studie hat herausgefunden, wie wir sterben wollen - warum es Zeit wird, in Deutschland eine neue "Sorgekultur" zu etablieren

Berlin - Wir brauchen in unserer Gesellschaft noch viel mehr Austausch über die Themen Tod, Trauer und Sterben und neue Gesprächsräume dafür. Raus aus der Nische und rein ins pralle Leben, das ist eine der Empfehlungen einer neuen Studie, die im Frühjahr 2020 veröffentlicht worden ist und die nachdenklich macht. Denn was die Studie ganz klar aufzeigt: Wir sind auf dem Weg in ein großes Sterbe-Zeitalter. Schon in der nahen, aber vor allem in der mittelfristigen Zukunft wird das Sterben in Deutschland und Europa massiv zunehmen. Oder anders formuliert: Beerdigungen werden die Regel werden, Geburten dagegen die Ausnahme. Schuld ist der demografische Wandel, der die Alters- und Bevölkerungsstruktur massiv durcheinanderwirbeln wird. 

Perspektivwechsel. Beginnen wir unsere Reise zu den Endfragen des Lebens einfach mal dort, wo sein Beginn noch so nahe ist: In den Kindergärten. "Fragen Sie mal in Kindergärten nach Bilderbüchern über den Tod... Denn es gibt großartige Bilderbücher über das Thema - und fast jeder Kindergarten hat die auch. Und dann fragen Sie mal: Wo stehen die denn? Dann kriegen sie sowas zu hören wie: Ja, die sind in der Kiste dahinten, wenn es mal schwierig wird, dann holen wir die auch raus. So erfahren Kinder aber nicht, dass der Tod auch Normalität ist, und damit wird es sofort zu diesem schwierigen, großen Thema - und da müssen wir von weg!" Es war der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Heiner Melching, der in einer offiziellen Youtube-Pressekonferenz über die neue Studie diese Worte sagte. 

Über den Tod sprechen? Ach nee, lieber nicht...   (Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Über Youtube hatte die Konferenz ausgestrahlt werden müssen, weil die lange geplante Vorstellung der Studie plötzlich mitten in die erste Lockdown-/Corona- und Angstphase hineingeraten war. Was vermutlich einer der Gründe dafür ist, dass die vorgestellte Studie bislang noch nicht die große mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit bekommen hat, die sie meiner Meinung nach verdient hätte. Deswegen ist genau jetzt ein guter Zeitpunkt, um noch einmal darauf hinzuweisen und die Studie noch einmal genauer vorzustellen, jetzt, wo sich gerade alles ein bisschen beruhigt hat und die Menschen wieder Kapazitäten haben für andere Themen als Corona. 


Realität 2035: Eine Geburt macht vier Beerdigungen



Vor allem, was das Sterben und den Tod angeht, sollten wir auf den demografischen Wandel noch besser vorbereitet sein. Das ist eine der Kernthesen der Studie mit dem Titel „Auf ein Sterbenswort – wie die alternde Gesellschaft dem Tod begegnen will, die das „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“ u. a. in Kooperation mit dem Allensbacher Institut für Demoskopie durchgeführt hat. "Das, was jetzt noch normal ist, wird sich alleine schon demografisch bedingt verändern", so fasst Doris Kreinhöfer von der die Studie ebenfalls begleitenden Körber-Stiftung in einer Video-Pressekonferenz zusammen, worum es geht (abrufbar über Youtube, Links dazu am Ende dieses Artikels). „In einigen Landkreisen dürften im Jahr 2035 auf eine Geburt über vier Beerdigungen kommen – heute liegt das Verhältnis bei eins zu zwei“, heißt es in der Studie. Und: "Die Alterung fordert somit unseren Umgang mit dem Sterben heraus". Passend dazu hat sich die Körber-Stiftung dieses Themas angenommen, denn diese Stiftung hat sich der Erforschung des gesellschaftlichen Wandels verschrieben.


Und der wird kommen, was das Thema Sterben angeht. Aktuell bilden die über 80-Jährigen noch rund sechs Prozent der Bevölkerung. Doch schon bald wird unsere Gesellschaft immer älter werden – und zudem immer zerfaserter: Immer mehr junge Menschen verlassen die Dörfer und versuchen sich in den Großstädten. Ein von Angehörigen begleitetes Sterben werde alleine dadurch erschwert. Doch bleibt das Sterben in Begleitung weiterhin einer der größten Wünsche der Menschen für das Ende ihres Lebens, auch das zeigt die Studie recht eindeutig.


Die Sterberealität wird durch Corona noch brutaler


In Umfragen und Leitfadeninterviews haben die Autoren herausgefunden, dass die Menschen „schmerzfrei, nah am Gewohnten, selbstbestimmt, sozial eingebunden und gut versorgt sterben“ möchten. Dieses Idealbild hätten Frauen wie Männer, Junge wie Alte, Arme wie Reiche, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, heißt es. Doch spätestens die Coronakrise hat uns klargemacht, wie sehr diesese Idealbild mit der Realität des Sterbens unvereinbar (geworden) ist - und es vielleicht schon vorher war. Rund 50 Prozent der Deutschen sind bereits vor Ausbruch der Krise im Krankenhaus gestorben (ca. 43 Prozent, so benennt es die Studie), durch das Coronavirus könnten sich diese Zahlen erhöht haben. Aber was viel schlimmer ist: Das Sterben ist dadurch oftmals zu einem einsamen Akt geworden, der auf Isolierstationen ohne Besuchsmöglichkeiten stattfinden muss. Auch ohne Coronakrise sahen schon 73 Prozent der für die Studie Befragten einen einsamen Tod zu sterben als weit verbreitetes Problem an. 



Umso wichtiger wird es da für jeden Einzelnen, sich schon frühzeitig mit seinem eigenen Sterben auseinanderzusetzen und sich zu fragen, wo die persönlichen Grenzen lägen, empfehlen die Autoren der Studie (Adrián Carrasco Heiermann, Tanja Kiziak und Catherina Hinz): „Ohne Auseinandersetzung kann der Einzelne nicht zu eigenen Vorstellungen und Wünschen kommen, ohne Auseinandersetzung wissen seine Nächsten nicht, wie und wo er sterben möchte, ohne Auseinandersetzung wissen wir nicht, welche Strukturen wir benötigen, um gutes Sterben zu ermöglichen“, schreiben sie. Immerhin drei von vier Menschen sähen es als einen Missstand an, dass das Thema Sterben häufig verdrängt wird, schreiben die Macher der Studie weiterhin.


Handlungsempfehlungen und gute Vorschläge


Dementsprechend haben die Autoren der Studie ein paar Handlungsempfehlungen formuliert, die ich hier gerne auszugsweise veröffentlichen und denen ich mich gerne mit vollem Herzen anschließen möchte:



1.) Es wird immer wichtiger, Informationen über das Sterben vermitteln: Viele Angehörige oder Freunde sind unsicher, wie sie einen Sterbenden begleiten sollen. Das ist einer der am meisten genannten Missstände. Das ist insofern spannend, als dass die Studie ebenfalls aufzeigen kann, dass es eine durchaus hohe Bereitschaft zur Hilfe oder gar Begleitung gibt, vor allem unter jenen Menschen, die schon einmal mit dem Sterben eines Menschen konfrontiert waren. 


2.) Es muss mehr Veranstaltungen über das Sterben geben, diese müssen niedrigschwellig und leicht zugänglich sein - und es muss gar nichts Großes sein. Schon eine Bücherei könne einen Abend über das Sterben anbieten. Weil aber 23 Prozent der Befragten angegeben hatten, dasss sie persönlich Angst vor dem Tod haben, ist es umso wichtig, dass die Veranstaltungen sehr einladend und niedrigschwellig angeboten werden. In die Einladung hineinzuschreiben, dass auch stille Teilnehmer genauso herzlich willkommen sind und dass sich nicht jeder aktiv beteiligen müsse, könnte eine gute Idee sein, sagten die Autoren der Studie bei ihrer Youtube-Pressekonferenz. Und es böten sich viele Anknüpfungspunkte an: "Die Themenfülle ist groß, es geht bei gutem Sterben um mehr als nur Patientenverfügungen", sagte Tanja Kizik als stellvertretende Direktorin des Berlin-Instituts dazu in ihrer Vorstellung der Studienergebnisse.


3.) Wir brauchen einen neuen Vereinbarkeitsbegriff im Kontext des Sterbens: 
Gemeint ist damit die Vereinbarkeit von Sterbebegleitung und Arbeitsleben, also eine Ausweitung der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zum Kontext des Sterbens. Und weil die familiäre Begleitung zunehmend schwieriger werden dürfte, alleine schon wegen weit entfernt wohnender Angehöriger, ist auch über die gesellschaftliche Ausweitung von Sterbebegleitung auf Nachbarschaften und Freundeskreise nachzudenken. Auf diesem Weg könnte sich auch das entwickeln, was zu etablieren den Autoren der Studie zufolge unsere neue gesellschaftliche Aufgabe werden wird: Eine neue "Sorgekultur" zu entwickeln.

Und hier noch, wie versprochen, die Linksammlung der in diesem Artikel benutzten Informationen und Fakten:

1.) Die Studie zum Herunterladen: Die Studie lässt sich herunterladen oder bestellen über diese Internetseite (bitte hier klicken)

2.) Die Online-Pressekonferenz, in der die Studie vorgestellt wird, lässt sich über Youtube finden und dort ansehen (bitte hier klicken)

Dienstag, 2. Juni 2020

Warum Trauernde immer auf zwei ganz verschiedenen Beinen stehen und sich schlichtweg innerlich zerrissen fühlen müssen - so funktioniert das "Duale Prozessmodell der Trauer" - und warum die Forscher später selbst wieder Abstand von ihrem Modell genommen haben (Trauerphasen verstehen, Trauerverläufe kennenlernen) - Serie: Wie Trauernde ihre Gefühle erleben, Teil 3 von 3

Osnabrück - Ich erinnere mich an einen verwaisten Vater, der seine junge Tochter früh verloren hatte. Auch noch zwei bis drei Jahre nach diesem Verlust brannte die Trauer wie Säure in ihm und machte ihm das Leben schwer bis (manchmal) unaushaltbar. Doch gleichzeitig nahm der Mann auch wieder an Aktivitäten teil, die ihm etwas bedeuteten. So begann er wieder mit dem Mitspielen in einer Laientheatergruppe. Trotz allem. Das Beispiel zeigt uns: Es gibt immer beide Pole in diesen Menschen, die einen anderen Angehörigen verloren haben. Und trotz aller neuen Lebensorientierung und aller Neugestaltung: Es geht oft nicht ohne den Schmerz. Niemals das eine ohne das andere. Willkommen in der Welt des Dualen Prozessmodells.

Es gibt viele Modelle, die in Worte oder in Phasen zu fassen versuchen, was wir allgemein als den Trauerweg kennen. Die meisten Menschen haben irgendwann schon einmal etwas von den Modellen der Psychologinnen Elisabeth Kübler-Ross oder Verena Kast gehört, die verschiedene Phasen wie Zorn, Nicht-Wahrhaben-wollen, Verhandeln und ähnliches beschreiben. Doch gibt es inzwischen eine ganze Reihe von neuen Ideen, die oftmals dem tatsächlichen Trauergeschehen viel näherkommen. Zu den wohl wichtigsten Modellen neuerer Art gehört eines, das inzwischen in der Trauerliteratur fast schon als ein neuer Standard gehandelt wird. 


Auf einer Seite des durch seinen Trauerprozess innerlich zerrissenen Menschen ist immer der Schmerz, es geht nicht ohne ihn  (Foto/Zeichnung: Thomas Achenbach).

Es stammt aus den Niederlanden - und tatsächlich kommen die damit vermittelten Ideen den tatsächlichen Lebenswelten von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise am nächsten. Dieses „Duale Prozessmodell der Trauerbewältigung“, das die niederländischen Forscher Dr. Margaret Stroebe und Dr. Henk Schut von der Universität in Utrecht 1999 vorgelegt haben, beschreibt die Trauer mehr als einen steten Wandel von einer neuen Lebensorientierung und Lebensgestaltung auf der einen Seite des Pendels zu einer starken inneren Schmerzbezogenheit, Verlustorientierung und Inneneinkehr auf der anderen Seite des Pendels – nur dass dieses Pendel eben ständig in Bewegung ist und mal von der einen, mal von der anderen emotionalen Seite angezogen wird - beziehungsweise dass es immer beide Pole sind, die parallel im Menschen existieren. Siehe das Beispiel oben. Allerdings haben beide Forscher irgendwann eingesehen, dass ihr Modell nicht ganz vollständig ist - und dieses letzte wichtige Detail wird leider allzu oft nicht berücksichtigt, wenn es um das Duale Prozessmodell ist.


Auf der anderen Seite des im Trauerprozess innerlich zerrissenen Menschen ist die Orientierung hin zu einem neuen Leben und einer neuen Gestaltung des Lebens, bewusst oder unbewusst (Foto/Zeichnung: Thomas Achenbach).

Denn im Jahr 2016 haben Margaret Stroebe und Henk Schut noch einmal neue Überlegungen zum Dualen Prozessmodell vorgelegt und haben das Modell nochmal ein wenig nachgeschärft. Beide hatten in den zurückliegenden 17 Jahren die Erfahrung gemacht, dass ihrem Modell eins fehlt: Nämlich die kolossale Überforderung, die Trauer oft für die Betroffenen bedeutet. Und an dieser Stelle kippt die Gleichung - denn je größer die Überforderung für die Betroffenen, desto geringer die neue Lebensorientierung. Wobei auch klar ist, dass nichts in Stein gemeißelt bleibt in einem Trauerprozess und dass die Kräfteverhältnisse immer wieder aufs Neue austariert werden. Noch kürzlich hatte ich am Rande meiner Vorträge über Männer und Trauer mit solchen Fällen zu tun.


Aber erst wenn beide Teile aneinandergefügt werden, ergibt sich das passende Gesamtbild der Situation (Foto/Zeichnung: Thomas Achenbach).

Da gab es beispielsweise denn Mann, der vier ganze Jahre nach dem Verlust seines Sohnes scheinbar gar nicht zu trauern schien - bzw. die Trauer überhaupt nicht an sich rankommen lassen konnte. So dass seine Frau schon ganz verzweifelt war und erste Gedanken an eine Trennung aufgekommen waren. Doch irgendwann war auch in diesem Mann etwas in Fluss gekommen und er hatte sich langsam und in kleinen Schritten mit seiner Trauer beschäftigen können. Beides ist okay so, beides darf so sein - wenn die Überforderung zu groß ist, dann ist es eine probate Taktik, sich dem erstmal nicht zu stellen. Und wenn es dann eines Tages geht, kommt auch das Duale Prozessmodell wieder mit ins Spiel. Dann heißt es: Es gibt keine neue Lebensorientierung ohne den Schmerz, niemals das eine ohne das andere. 





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