Sonntag, 19. Februar 2017

Ruh-Wald, Ruhe-Forst und Friedwald eng nebeneinander: Wie sehr alternative Bestattungsformen im Trend liegen, zeigt die Region Osnabrück - doch was tun mit der neuen Leere auf den Friedhöfen? Beispiele und Ideen...

Bad Essen/Bissendorf/Osnabrück – Wie sehr die alternativen Bestattungsformen als Gegenpol zum klassischen Friedhof im Trend liegen, zeigt die Entwicklung im Landkreis Osnabrück. Hier gibt es inzwischen von allen drei auf diesem Markt tätigen kommerziellen Anbietern jeweils Waldgebiete für die Urnenbestattung in der Natur geben: In Bad Essen hat das Unternehmen Ruhe-Forst im Frühjahr 2017 ein den Bestattungen gewidmetes Waldgebiet eröffnet. In Bramsche-Achmer ist der Friedwald schon länger dabei. Und in Bissendorf-Holte kam im September 2017 die aus Hameln stammende Firma Ruh-Wald mit dazu. Dass alle drei Unternehmen so dicht beieinander vertreten sind, hat Seltenheitswert (nur in der Region Wolfenbüttel/Braunschweig soll es Angaben meiner Blogleser zufolge noch so sein). Die Reihen auf den Friedhöfen werden derweil lichter und lichter - auch rund um meine Angehörigen. Ein Symptom unserer Zeit. 

Meine Mutter hat bald keine Nachbarn mehr. Rund um ihr Grab wird es leer auf dem Heger Friedhof in Osnabrück. Waren an den links und rechts gelegenen Gedenkstätten noch vor kurzem die gelben Schilder mit dem Aufdruck "Angehörige, bitte melden!" zu sehen, die ein letztes Suchen nach verbliebenen Angehörigen vor dem Einebnen eines Grabes dokumentieren, sind dort jetzt nur noch Rasenflächen zu sehen. Und so sehr ich es als zertifzierter Trauerbegleiter und als Mensch der Moderne begrüße, dass heutzutage immer ein individueller und zum gestorbenen Menschen passender Abschied möglich ist, so sehr weiß ich auch, dass es meine Mutter geschmerzt hätte, sähe sie diese Leere rund um sie. Was also ist zu tun?


Viel Resen, viel Fläche - vor gar nicht allzu langer Zeit war hier noch Grab an Grab. Leere Grabreihen aufgenommen auf dem Heger Friedhof Osnabrück im Februar 2017.  (Thomas-Achenbach-Foto)

Nun, zum einen das, was schon getan wird: Was in Osnabrück und andernorts schon längst geschieht, ist das Umwidmen der neu dazugewonnenen Rasenflächen auf den Friedhöfen: Wo bis vor wenigen Jahren noch die Gräber der so genannten Körperbestattung nebeneinander lagen, ist jetzt die Urnenbestattung auf der großen Wiese - ggf. mit einer kleinen Plakette -  freigegeben. Aber wie die vielen neuen Ruhe-Fried-und-sonstigen Wälder zeigen: Das alleine wird nicht reichen. In Bremen ist man da indes schon weiter (nicht nur, aber auch, im Bereich der Friedhofsnutzung ist Bremen vorbildlich modern orientiert).


Obstwiesen statt Gräberreihen - Modell der Zukunft?


Denn im dortigen Ortsteil Blumenthal gibt es das,was einen Friedhof der Zukunft ausmachen könnte. Blumenwiesen statt leerer Grabreihen. Obstbäume auf den Rasenflächen, deren Äpfel zur freien Verfügung stehen (und über deren Giftgehalt gerade eine neue Diskussion ausgebrochen ist - denn vor allem Urnenstaub soll Schwermetalle enthalten, heißt es). Ein Insektenhotel und eine Streuobstwiese für die Bienen. Und, das ist besonders bemerkenswert: 


Bestattungsfelder für sozial Schwache - mit Zierde


Es gibt auch ein Bestattungsfeld für sozial Schwache ohne Verwandten oder Geld. Das Gräberfeld wird geziert durch zwei steinerne Stelen, die einmal zusammengehört haben. Das Auseinanderrupfen der beiden Steinteile wird durch die Bruchkanten an den Seiten sichtbar. Darunter liegen steinerne Scherben. Eine Grabstätte mit hohem Symbolwert - in mehrfacher Hinsicht. Gute Ideen. Sie ließen sich noch weiter fortspinnen - und die Bremer Politiker tun das auch.


Wird diskutiert: Spielplätze auf Friedhöfen anlegen?


Warum nicht beispielsweise mehr Leben auf den Friedhof holen, den Parkcharakter (und zugleich Erholungscharakter) stärker betonen? Ob es unbedingt Spielplätze sein müssen, wie es die Bremer Grünen vorschlagen, muss man diskutieren. Natürlich hat ein Friedhof immer mehr Würde, wenn es dort etwas stiller zugehen kann. Andererseits: Die symbolische Brücke vom Anfang des Lebens zu seinem Ende auch auf diese Weise aufzuzeigen, ist so verkehrt auch nicht. Übrigens, ein kleiner, aber bemerkenswerter Nebenaspekt: 


An den Stellen, wo die Grabreihen schon ganz verschwunden sind, werden oft Felder für die Urnenbestattung eingerichtet, so wie hier im Hintergrund. Leere Grabreihen aufgenommen auf dem Heger Friedhof Osnabrück im Februar 2017.  (Thomas-Achenbach-Foto)

"Asche zu Asche, Staub zu Staub" - auch die ganz klassische Beerdigung auf dem Friedhof - ohne die vorherige Verbrennung des Körpers - arbeitet stets mit dieser Symbolik des ewigen Kreislaufs der Natur. Die gleiche Symbolik also, die auch ein Wald als letzte Ruhestätte vermittelt. Letztlich sind es also sehr ähnliche, wenn nicht gar gleiche Motive, die die Menschen zu der einen oder der anderen Form von Bestattung bringen. In die gleiche Richtung geht auch ein Zitat des für den neuen Ruhe-Forst bei Bad Essen zuständigen Bereichsleiters.


"Das Wunder der Schöpfung" - bitte ohne Pflegeaufwand


„Im Wald erleben wir das Wunder der Schöpfung besonders intensiv: Ehrfürchtig stehen wir vor den vielfältigen Wirkungen des Waldes, er schenkt uns beste Atemluft und reines Trinkwasser“, so wird Rudolf Alteheld von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (die den Ruhe-Forst betreibt) in der Pressemitteilung zitiert. Alteheld, bei der Kammer Leiter des Geschäftsbereichs Forst, bezeichnet den Wald mit seinen zahlreichen Pflanzen- und Tierarten als einen Ort, mit dem sich die menschliche Seele tief verbunden fühlt. Was heute jedoch als der wichtigste Faktor stets mitbedacht werden muss:


Ein Mustergrab im neu eröffneten Ruhe-Forst Schloss Hünnefeld bei Bad Essen: Die Asche der Verstorbenen wird dort in biologisch abbaubaren Urnen in den Waldboden eingebracht.  (Wolfgang-Ehrecke/Landwirtschaftskammer-Pressefoto) 

Sich an einen festen Ort zu binden, der zudem einen Pflegeaufwand (oder einen langfristig zu bezahlenden Gärtner) mit sich bringt, macht vielen Menschen heutzutage eher Angst. Zu ungewiss sind die beruflichen Stationen in diesen Tagen, zu ungewiss sogar die Lebensbindungen. Wer dann für einen langen Zeitraum ein Grab zu pflegen hat in seiner Heimatstadt, aber aus beruflichen oder privaten Gründen mehrere hundert Kilometer entfernt leben muss, sieht sich in einer Zwickmühle. Zumal bizarre Geschichten von fast 100-jährigen Bettlägerigen, die von offiziellen Behörden entweder zur Grabpflege oder einer hohen Bußgeldzahlung aufgefordert werden, nicht dazu beitragen, das Vertrauen in die Institution Friedhof zu stärken (siehe den Bericht der Neuen OZ).


Die Zukunft der Friedhöfe bleibt spannend, aber ungewiss


Kein Wunder also, dass die Wälder als Ruhestätten weiter so sehr im Trend liegen. Denn die Wälder dort werden von Förstern gepflegt. Und wer es am Todestag einmal nicht an den eigentlichen Baum dort schafft, kann sich in jedem anderen Waldstück in Deutschland zumindest symbolisch den verstorbenen Menschen nahefühlen. Es bleibt spannend, was das für unsere Friedhöfe bedeutet. Und in welcher Nachbarschaft meine Mutter wohl bald liegen wird. Neben Obstwiesen? Spielplätzen? Insektenhotels? Im Sommer werde ich mir das Friedhofsprojekt in Bremen-Blumenthal selbst ansehen dürfen. Ich bin gespannt - und werde berichten.


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

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Sonntag, 29. Januar 2017

Tipps für Trauernde und Tipps für den Umgang mit Trauernden: Was soll nach dem Todesfall gefeiert werden - auch der Geburtstag oder "nur noch" der Todestag?

Osnabrück – Wenn der Geburtstag eines Menschen naht, der verstorben ist, wird die Unsicherheit in Familien und Freundeskreisen oft groß - soll der Geburtstag noch gefeiert werden? Oder ist er nicht durch den ebenfalls zu würdigenden Todestag als neuen Gedenktag an die verstorbene Person abgelöst worden? Sollten etwa zwei Gedenktage pro Jahr begangen werden? In mehreren Internetforen wird diese Frage ganz kontrovers diskutiert - oft gibt es Unverständnis, wenn Angehörige auch den Geburtstag noch irgendwie feierlich begehen wollen. Dabei gibt es dafür durchaus gute Gründe. Und es gibt gute Vorbilder. 

Die Weihnachtstage. Der Todestag. Und der Geburtstag. Es sind diese neuralgischen Tage, an denen der Verlustschmerz nochmal stärker wird als er ohnehin schon sein mag, an denen der Schmerz vielleicht in den Bereich des Unaushaltbaren vordringt. Vor allem der Geburtstag des verstorbenen Menschen, der zuvor vielleicht als ein Tag des Fröhlichseins und der Lebensfreude erlebt worden ist, macht besonders deutlich, dass es da jetzt eine Lücke gibt. Dass da keine Lebensfreude mehr ist, weil kein Leben mehr da ist. Es ist durchaus verständlich, dass Menschen nach einem Verlust an solchen Tagen nicht alleine sein wollen und dass sie diese Tage irgendwie begehen oder würdigen wollen - und doch stoßen Trauernde bei einem solchen Vorhaben auf Unverständnis. Das zeigen alleine die Einträge in Onlineforen zu diesem Thema: "Ich bin total perplex - bei uns in der Familie ist sowas nicht üblich", heißt es beispielsweise an einer Stelle bei Eltern.de. Was also tun?


Geburtstage von Verstorbenen feiern oder nicht - das ist eine alte Streitfrage.  (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

Wie immer in solchen Fällen gelten zwei wichtige Grundannahmen. Erstens: Es gibt keine allgemeingültigen Regeln (mehr), und das ist auch gut so. Zweitens: Es zählt das, was den jeweiligen Hinterbliebenen gut tut. Und es sollte so gestaltet sein, dass es ihnen gut tut. Das können sie sogar ein wenig selbst in die Hand nehmen und gestalten, wenn sie genug Energie und Muße dazu haben. Es kommt also immer auf den Einzelfall, auf die einzelnen Menschen, drauf an. Es gibt auch Möglichkeiten, den Geburtstag vom Todestag abzugrenzen und ihm ein neues Gesicht zu geben. Hier ein paar Ideen dazu. 


Kleine Teile, großes Ganzes - ein Erinnerungspuzzle


Wer mag, kann den Geburtstag beispielsweise zu einem bunten Erinnerungstag machen und die Freunde, Verwandte und Bekannte bitten, eine persönliche Erinnerung an die verstorbene Person aufzuschreiben und einzuschicken. Das wird zwar einerseits Schmerzen wecken, darauf sollte man gefasst sein, kann aber andererseits dazu beitragen, dass die Grundidee des Geburtstages - das Fröhliche, Bunte, Lebensbejahende - auch in die Zeit nach einem Todesfall transportiert wird. Eingeklebt in ein  Erinnerungsbuch, wird ein ganzheitlicheres Dokument des Erinnerns aus diesen Puzzlestücken. 


Ein Tag der Stille, ein Tag des Weitergebens


Dies kann dazu beitragen, eine neue Form von Bindung an die Gestorbenen - die nach einem Todesfall nötig und wichtig ist - zu stützen und zu fordern. In Abgrenzung dazu kann der Todestag als ein Tag des Trostes und der Stütze verstanden werden, an dem weniger die gestorbene Person als vielmehr die Unterstützung der Hinterbliebenen die größere Rolle spielt. Eine weitere Idee wäre es, den Todestag als einen Tag der Stille und den Geburtstag als einen Tag des "Weiterlebens" oder "Weitergebens" zu gestalten. 


Musik auflegen, die der Verstorbene mochte


Am Geburtstag beispielsweise die Musik aufzulegen, die den Verstorbenen gefallen hat, kann eine schöne Geste sein, die als hilfreich empfunden wird. Oder an einen Ort fahren, den der Verstorbene gemocht hat (und das Dortsein ohne ihn sowie die Erinnerungen bewusst auszuhalten versuchen). Dies alles trägt die Idee, dass etwas in der Welt bleibt, was den verstorbenen Menschen etwas bedeutet hat. Gemeinsam eine Kerze anzünden, das Licht weiterleuchten lassen, solche und ähnliche Rituale helfen an beiderlei Tagen. Kritisch dürfte allerdings die Frage sein, ob zum Geburtstag auch eingeladen werden sollte. 


Angehörigen nicht zuviel zumuten


Denn wie immer in solchen Fällen gilt auch dies: Angehörige oder Freunde könnten sich alsbald überfordert fühlen. Die Aussicht, jedes Jahr aufs Neue an gleich zwei Tagen - dem Geburtstag und dem Todestag - als Trostspender und Gedenkhelfer verlangt zu sein, wirkt leider rasch abschreckend auf viele. Hier bedarf es eines sanften Herantastens und einer gewissen Feinfühligkeit. Dies ist ein sensibler Bereich, weil Trauernde oft unbewusste Erwartungen an ihre Bekannten und Verwandten in sich tragen können, so dass Enttäuschungen nicht ausbleiben. Doch das muss nicht sein.


Nicht alle auf einmal, sondern nacheinander


Eine hilfreiche Idee könnte sein, nicht jedes Jahr einen immergleichen Stamm von Menschen einzuladen - also alle, die an den Geburtstagen ohnehin dabei waren -, sondern jedes Jahr eine ausgewählte Person aus diesem Kreis. Und auch, wenn eine solche Anmerkung auf dem Blog eines Trauerbegleiters als platte Werbung empfunden werden kann, soll doch angemerkt sein: Natürlich stehen ausgebildete Trauerbegleiter ebenfalls zur Verfügung, einen Geburtstag oder Todestag gemeinsam gestalten zu helfen oder an diesen Tagen da zu sein - auch einfach nur zum Zuhören und Verstehen oder zum gemeinsame Schweigen. Denn das alles muss es geben dürfen an solchen Tagen. 

An einen Ort fahren, den die verstorbene Person mochte, erfordert etwas Mut - aber es kann zu einer guten Erfahrung werden.  (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)





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Sonntag, 18. Dezember 2016

Deutliche Zeichen für eine sich wandelnde Trauerkultur: Warum Unfallkreuze und selbst aufgestellte Wegekreuze eine wichtige Funktion für den Trauerprozess spielen - über wilde Trauerstätten, Teil 2 (Beispiel: Unfallstellen im Osnabrücker Land)

Osnabrück – Der Ort, an dem jemand gestorben ist, spielt für die Hinterbliebenen eine enorm wichtige Rolle. Dies gilt umso mehr für Unfallopfer. Dorthin zu gehen, wo es geschah, ist für die Angehörigen oft ein wichtiges Ritual. Selbst aufgestellte Wegekreuze und wilde Trauerstätten an den Straßenrändern machen das Ereignis für alle sichtbar, auch wenn die Scherben und Splitter längst weggeräumt sind. Diese wilden Trauerstätten sind ein soziologisch und gesellschaftlich hochinteressantes Phänomen – über das es indes wenig an Dokumentations- oder Fosrschungsarbeit gibt. Dabei wäre das tatsächlich mal ein gutes Thema.

Denn diese Unfallkreuze sind für sich betrachtet eine ganz neue Form von Symbol, so hat es die Soziologin Christine Aka formuliert. „Das Kreuz“, schreibt sie; „ist individuell umgedeutet“ – als „überkonfessionell verwendetes Todessymbol“. Weniger christlich zu verstehen als vielmehr als Hinweis darauf, dass hier, an dieser Stelle, der Tod stattgefunden hat – und tatsächlich gibt es kaum eine Unfallstelle ohne Kreuz, wie eine immer wieder aktualisierte Ausstellung das Landkreises Osnabrück zeigt, über die ich kürzlich geschrieben habe


Der Landkreis Osnabrück hat die Ausstellung "Straßenkreuze - gegen das Vergessen" im Programm, die seit zehn Jahren laufend aktualisiert wird. Die eindrucksvollen Fotos zeigen die Wegekreuze aus der Region.   (M.Münch-Landkreis-Osnabrück-Foto)

Die inzwischen in Münster lehrende Volkskundlerin hat zwischen 2000 und 2003 zum Thema Unfallkreuze geforscht und eines der wenigen, wenn nicht gar das einzige Buch zum Thema veröffentlicht („Unfallkreuze – Trauerorte am Straßenrand“ erschien im Waxmann-Verlag), außerdem hat sie einen bemerkenswerten und sehr klugen Zeitschriftenbeitrag geschrieben, aus dem hier zitiert werden wird (Zeitschrift: „Alltag im Rheinland“, herausgegeben vom Landschaftsverband Rheinland, 2010)


So ein Tod bringt "dramatische Anforderungen an die Psyche" 


„Gerade der gewaltsame Tod führt zu dramatischen Anforderungen an die Psyche des einzelnen Trauernden. Individuelle Psychologie, also Gefühle, und gesamtkulturell interpretierbare Phänomene gehen in der Trauer eine komplexe Verbindung ein,“ schreibt Aka in diesem Text. Aber nicht nur im Straßenverkehr, auch an anderen Stellen lassen sich immer mal wieder wilde Trauerstätten außerhalb der Friedhöfe finden – beispielsweise in der Osnabrücker Innenstadt. Und damit wird dieses Phänomen besonders interessant.


Auf 20 Bildtafeln werden in der Ausstellung "Straßenkreuze - gegen das Vergessen" die Unfallstellen vom Landkreis Osnabrück gezeigt - hier fotografiert in den Berufsbildenden Schulen Melle.   (Thomas-Achenbach-Foto) 

Denn es zeigen sich darin neue Formen von Trauerkultur. Das sieht auch Christine Aka so: „Unbestreitbar zeigen die heutigen Unfallkreuze ein Bedürfnis, vielleicht eine Sehnsucht nach neuen Umgangsformen mit Trauer. Solche Trauerhandlungen werden gerne als neue Trauerrituale bezeichnet“. Was sich hier zeigt, ist nach Akas Worten die Folge von zweierlei Entwicklungen: „Der Umgang mit dem Tod ist heute ein individuelles Problem, da es keine konkreten Verhaltensmuster mehr gibt, die einem helfen, „das Richtige zu tun“. Daher würden diese wilden Trauerstätten auch zu einem „Hinweis auf Schmerzzonen, für die kaum eine andere Ausdrucksformen zur Verfügung stehen.“


"Personen auf der Fahrbahn" - unterwegs zur Todesbewältigung?


Diese klugen Beobachtungen machen verstehbar, warum Trauernde gerne an diese Orte zurückkehren, an denen, salopp gesagt, „es geschehen ist.“ Ich bin selbst einmal in einer journalistische Recherche der These nachgegangen, dass die so oft im Verkehrsfunk gehörte Meldung von „Personen auf der Fahrbahn“ in Wahrheit auf Trauernde zurückzuführen ist, die einen Unfallort aufsuchen. Eine These, von der ich nach wie vor überzeugt bin – die ich allerdings derzeit nicht nachweisen kann, weil weder Polizei noch andere Trauerbegleiter noch Seelsorger mir diese Ahnung bestätigen konnten, geschweige denn sie mit Zahlen oder Fakten untermauern konnten. Also bleibt es eine gefühlte Spur, der ich zwar weiter nachgehen werde, für die ich aber andere Aufspürmittel finden muss. Aber zurück zur Wissenschaft.

Ein bis drei Schüler pro Schuljahr werden an den BBS Melle Opfer von Verkehrsunfällen. Dieses Foto zeigt (von links) den Ausstellungs-Macher Manfred Motzek vom Landkreis Osnabrück sowie Edda Kröger, Diplom-Sozialpädagogin an der BBS Melle und den stellvertretenden Schulleiter Claus Dötzer.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Christine Aka schreibt in ihrem klugen Text weiter: „Mir scheint es dabei um eine Art therapeutischer Handlungen zu gehen.“ Und an dieser Stelle wird es besonders interessant, weil sich in den klugen Beobachtungen der Wissenschaftlerin vieles finden lässt, was Trauernde als hilfreich beschreiben. Also nicht allein das Aufsuchen eines Trauerortes, sondern beispielsweise das Gefühl, dem Verstorbenen dort besonders nahe sein zu können. Das gilt für den Besuch am Grab genauso wie für den Besuch der Totenstätte.


Dort sein können, wo die letzten Sekunden stattgefunden haben


Das bestätigen auch Akas Beobachtungen: „Der Ort hat damit fast die Funktion eines mythischen Platzes, an dem dem Verstorbenen real nahe zu kommen meint, näher als beispielsweise auf dem Friedhof, an seinem Grab. Denn an der Stelle des Unfalls erscheinen die letzten Momente eines Lebens den Hinterbliebenen fast konserviert, im Raum anwesend.“ Der Unfallort sei damit auch „ein Ort einer merkwürdigen unspezifischen Transzendzenzgläubigkeit“, die aber mit katholischen Vorstellungen wenig gemein habe.


Klassische Form von Todesbewältigung - inklusive Transzendenz


Denn: „Die unwiderruflich Abwesenden werden imaginär präsent gemacht, sie werden beschenkt, angesprochen, in das Leben integriert“, formuliert es die Wissenschaftlerin: „Hier findet auf allen Ebenen ein symbolischer Austausch zwischen den Lebenden und den Toten statt, eine klassische Form von Todesbewältigung und für jede Art von Umgang mit Transzendenz grundlegend.“ Somit würden diese wilden Trauerstätten die Betrachter auch anregen, über aktuelle Formen des Redens über Trauer und des Zeigens von Trauer nachzudenken. Oder anders formuliert..:


Eine Wegekreuz an einer Unfallstelle in Melle-Neuenkirchen, wo im Juli 2012 ein tragischer Unfall geschah - auch dieses Trauerkreuz findet sich in der Ausstellung über die Unfallstellen des Landkreises Osnabrück.  (M.Münch-/Landkreis-Osnabrück-Foto)


Der Sinn der Trauerstätten ist die Sinnsuche


„Als Indiz für öffentliche Trauer regen Unfallkreuze damit zum Nachdenken über heutige Formen von sinnstiftenden Ritualen und individueller Spiritualität an“, heißt es auf dem Klappentext des zu der Forschungsarbeit gehörenden Buches aus dem Waxmann-Verlag. Oder wie Christine Aka es so in ihrem Zeitschriftentext schreibt: „In einer neuen Art kombiniert, haben diese Bedeutungsaktualisierungen gerade ihren Sinn darin, nach Sinn zu suchen“.


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Sonntag, 4. Dezember 2016

Am 13. 12. 2026 ist es wieder soweit - dann findet weltweit wieder das "World Wide Candle Lighting" statt... Ein Licht für alle, die viel zu früh von dieser Welt gegangen sind, geht einmal um die Welt - so funktioniert das World Wide Candle Lighting für gestorbene Kinder/Sternenkinder

Ein Lichterband umspannt die ganze Welt - das ist die Idee des weltweiten Gedenktages an verstorbene Kinder.  (Thomas-Achenbach-Foto

Osnabrück - Oft sind es die simpelsten Gesten, die uns tief berühren. Bei Trauer ist es das Anzünden einer Kerze. Als ebenso simples wie eindrucksvolles Symbol dafür, dass das Licht des Menschen, der von dieser Welt gehen musste, noch immer in einem leuchtet. Diesen Effekt macht sich eine berührende Aktion zunutze, die immer in der Vorweihnachtszeit stattfindet, einer für Trauernde ganz besonders schwierigen Zeit. Denn für alle Eltern, die ein Kind verlieren mussten, gibt es immer am 2. Sonntag im Dezember das "World Wide Candle Lighting" (in 2026 am Sonntag, 13. 12.). 

Weltweit werden Kerzen in die Fenster gestellt, um der verstorbenen Kinder zu gedenken - aber immer um 19 Uhr der jeweiligen Landeszeit, von Kontinent zu Kontinent. So zieht sich innerhalb von 24 Stunden ein Lichterband um die ganze Welt - und das leuchtet für all die Kinder, die mit ihrem Leben (wie kurz es auch gewesen sein mag) einmal die Welt erhellt haben. Aber es leuchtet auch für alle Eltern, die sich mit ihrer Trauer oft unangemessen alleingelassen fühlen. Und obwohl ich als Papa mit dem großen Glück gesegnet bin, als nicht verwaister Elternteil ein Kind aufziehen zu können, wird auch bei mir eine Solidaritätskerze im Fenster leuchten - für alle Eltern, denen es nicht mehr so geht und mit denen ich im Verlauf des Jahres über solche Erfahrungen gesprochen habe. Denn ein solcher Tag erinnert uns wieder daran, wie wenig selbstverständlich alles ist, was wir als vermeintlich normal hinnehmen - dass wir morgens aufstehen und atmen, beispielsweise. 


(Thomas-Achenbach-Foto)

Eine Gedenkaktion für alle gestorbenen Kinder


Übrigens ist es an diesem Trauertag ganz egal, wie alt das Kind gewesen ist und wann es oder wie es gestorben ist. Denn der Gedenktag wurde von den "Compassionate Friends" ins Leben gerufen, einer aus den USA stammenden Vereinigung von Eltern, die zu Waisen werden mussten. In Deutschland entsteht -  auch wegen vieler an diesem Tag stattfindenden Aktionen in Kliniken und Geburtshäusern - gelegentlich der Eindruck, das "World Wide Candle Lighting" sei vor allem für Sternenkinder, also still geborene Kinder, eingerichtet worden (und selbstverständlich sind auch all diese Kinder integraler und sicherlich besonders schmerzvoller Bestandteil der Gedenktag), aber die Aktion richtet sich grundsätzlich an alle verwaisten Eltern. Um Kinder zu trauern, so formulierte es der Bayerische Rundfunk in einem Beitrag, sei wie "eine Amputation des Herzens." Und Eltern bleiben immer Eltern, ganz egal, ob das Kind 21 Monate oder 21 Jahre alt ist. 


Ein jährlich wiederkehrendes Charity-Projekt zugunsten aller trauernden Eltern, die ein Kind verloren haben, ist die "Aktion Lichtpunkt".  (Thomas-Achenbach-Foto)

Damit das Leben der Angehörigen nicht dunkel bleibt


Besonders schön ist, was der Bundesverband Verwaister Eltern auf seiner Website zum Aktionstag schreibt: "Das Licht steht auch für die Hoffnung, dass die Trauer das Leben der Angehörigen nicht für immer dunkel bleiben läßt. Das Licht schlägt Brücken von einem betroffenen Menschen zum anderen, von einer Familie zur anderen, von einem Haus zum anderen, von einer Stadt zur anderen, von einem Land zum anderen. Es versichert Betroffene der Solidarität untereinander. Es wärmt ein wenig das kalt gewordene Leben und wird sich ausbreiten, wie es ein erster Sonnenstrahl am Morgen tut." Es sind diese Zeilen, die mich ermutigt haben, auch eine Solidaritätskerze in mein Fenster zu stellen.


Ein Lichtpunkt zum Tragen an der Kleidung


Der Gedenktag ist auch der Abschlusstag einer in Deutschland parallel stattfindenden Aktion, die die Künstlerin Stefanie Oeft-Geffarth ins Leben gerufen hat - die Aktion "Lichtpunkt". Dafür hat sie eine weiße Version ihrer eigentlich in schwarz gehaltenen 
Trauernadel entworfen, also einen kleinen weißen Punkt, der als Schmuck getragen werden kann. Das kleine Schmuckstück, das an Blazer oder Sakko oder der Bluse geheftet werden kann, soll eine moderne Interpretation dessen sein, was als „Trauerflor“ bis in die 70er Jahre hinein gang und gäbe war: Wer in Trauer war, der zeigte das auch. In der weißen Version wird daraus der "Lichtpunkt", der die Idee des "World Wide Candlelightings" weiter transportiert. Diese "Lichtpunkte" sind dabei immer ab dem 1. 11. und bis Mitte Dezember erhältlich. 



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Sonntag, 27. November 2016

Da ist sie wieder, diese grässliche Zeit..... - Trauer in der Adventszeit und Weihnachtszeit, wie sich diese Zeit überstehen lässt - Versuch einer Ermutigung in der Adventszeit (fünf kleine Tipps für Trauernde)

Osnabrück - Vom Licht, das in die Welt hineinleuchtet, ist in der Adventszeit oft die Rede. Nicht allein in der Kirche. Und tatsächlich leuchtet es ja allerorten. Wer einen Verlust erlitten hat und in Trauer ist, für den ist diese Zeit indes besonders schwer zu ertragen - auch noch Jahre nach dem Ereignis. Da leuchtet nichts, da wird es schwarz im Herz. Hier ist der Versuch einer Ermutigung für Menschen in Trauer inklusive einiger kleiner Gedankenanregungen, wie Betroffene eventuell besser durch die Weihnachtszeit kommen könnten.

1.) Das Licht uminterpretieren: So wie die Aktion des "World Wide Candle Lighting" - einer Traueraktion für verwaiste Eltern, die sehr bewusst mitten in der Adventszeit stattfindet - einen Leuchtpunkt zum Gedenken an verstorbene Kinder setzt, lässt sich auch das jetzt überall strahlende Licht neu interpretieren, nämlich als das Licht des oder der Verstorbenen, das immer noch leuchtet, also im Inneren, in uns selbst. Wer sich daheim eine Kerze anzündet, mag darin ein Symbol für dieses Leuchten sehen können - und weniger eine stimmungsvolle oder festliche Dekoration zur adventlichen Besinnung.


Hilfe, muss das sein? Für Trauernde ist die Vorweihnachtszeit oft keine besonders schöne Zeit. All das Leuchten und freudige Erwarten um einen herum kann etwas Überforderndes haben.   (Thomas-Achenbach-Foto) 

2.) Versuchen, da durchzugehen und es auszuhalten: Manchmal muss das einfach reichen. Jeden durchlebten Tag als einen Erfolg betrachten, auch, wenn es sicher nicht einfach ist. Klingt schwach, ist aber viel wert. Denn das berichten Trauernde oftmals in dieser Zeit: Dass es manchmal schwer genug fällt, jeden einzigen Tag auszuhalten. Hier kann ein kleines Erfolgstagebuch weiterhelfen. Sätze wie "Wieder einen Tag ausgehalten" oder vielleicht "War heute gar nicht so schlimm wie gestern" oder "...wie zuerst erwartet" zu notieren, kann einem dabei helfen, sich bewusst zu machen, dass manches besser läuft als man es vielleicht denkt. Das setzt einen kleinen Ankerpunkt. Vielleicht gibt es ja sogar hier und da ein paar weitere Erlebnisse, die in den Bereich des Schönen und Aufschreibenswerten fallen. Gesammelt in einem kleinen Erfolgstagebuch kann schnell eine wertvolle Schatzsammlung guter Lebensaugenblicke daraus werden. Kann gut tun.

3.) Die Adventsdekoration auf die Trauerstelle ausweiten: Einen Tannenzweig vom Adventskranz oder vom Weihnachtsbaum abschneiden und ihn an die Trauerstätte legen - auf das Grab, falls vorhanden. Die Verstorbenen und die Trauer also in dieser Form in die Feierlichkeiten zu integrieren. Das kann ein kleines, aber wirkungsvolles Symbol sein.

4.) Ganz bewusst die Trauerstätten aufsuchen: Nun soll die Advents- und Weihnachtszeit ja eigentlich eine Zeit der Familie sein, des Zusammenseins, des Miteinanders. Es ist gerade diese übermäßige Aufladung mit Harmonie und Bedürftigkeit, die diese Tage so schwer macht. Aber auch das lässt sich uminterpretieren: Wenn also die Adventszeit eine Zeit der Familie ist, dann darf sie auch eine Zeit sein, die oft am Grab oder an der Trauerstätte verbracht werden darf. Denn dorthin zu gehen, erleben viele als eine Art "Kontakt halten können", dort haben sie das Gefühl, den Verstorbenen nahe zu sein. Und darum geht es ja in der Weihnachtszeit. Das "nahe sein". Und um Transzendenz. Na also.


Kerzen anzünden als bewusste Geste des Erinnerns und Gedenkens - so lässt sich das Leuchten in der Weihnachtszeit auch für Trauernde (um-) interpretieren.   (Thomas-Achenbach-Foto)

5.) Anderen trotz allem ein frohes Fest wünschen: Vor allem in der Weihnachtszeit wächst bei allen anderen, die nicht in Trauer sind, die Unsicherheit, wie sie mit Menschen umgehen sollen, die einen Verlust zu beklagen haben. Da kann es sein - wenn es schlecht läuft -, dass sogar die Weihnachtskarten ausbleiben, weil es sich für die Absender nicht passend anfühlt, ein "frohes Fest" zu wünschen. Es fällt schwer zu akzeptieren, dass gerade in dieser Zeit, die so mit Nähe und Verbundenheit gefüllt sein soll, das Thema Trauer nicht willkommen zu sein scheint. Und dennoch gilt: Anderen etwas Gutes zu tun, fühlt sich selbst gut an. Wem es gelingt, auch in einer emotionalen Krisensituation - also in Trauer - all seinen Freunden, Nachbarn, Verwandten und Bekannten mit Milde und guten Wünschen zu begegnen, aktiv auf sie zuzugehen und ihnen ein frohes Fest zu wünschen, trägt ebenfalls ein Stückchen Weihnachten in die Welt hinein. Einen Versuch wäre es wert. 


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Samstag, 12. November 2016

Warum Weihnachtsschmuck nicht vor dem Totensonntag anbringen (und warum das weniger mit Religion zu tun hat als man so denkt)? Warum Advents- und Weihnachtslichter generell erst nach dem Totensonntag eingeschaltet werden sollten...

Osnabrück - Wer einen Verlust zu beklagen hat, wer gerade in Trauer ist, der ist sehr empfänglich für allerlei Signale. Viel empfänglicher als andere. Für Sehnsüchte. Und vor allem: für Wehmut. So ist vor allem die Advents- und die Weihnachtszeit für Trauernde eine Phase, die viele von ihnen als besonders schmerzvoll erleben. Weil sie so geprägt war von dem Zusammensein mit anderen Menschen, weil selten im Jahr ein Verlust so präsent wird. Da ist es hilfreich, wenn ihnen das Gefühl vermittelt werden kann, dass die Trauer einfach sein darf, dass sie wahrgenommen wird. Warum nicht durch einen gemeinsamen Gedenktag? Genau deswegen - aus Respekt vor diesen Gefühlen - ist es wichtig und richtig, mit der allzu leuchtenden und offensiven Weihnachtsdekoration bis nach dem Totensonntag zu warten. Wobei der Totensonntag selbst umstrittener ist als manche vielleicht denken... 

Wer das Internet durchforstet, der findet diese Frage oft auf den Ratgeberforen: Warum muss ich bis Totensonntag warten mit meinem Weihnachtsschmuck? Manchmal, wenn auch nicht immer, geht die Frage mit einem Unterton nahe der Empörung einher, so nach dem Motto: Worauf muss ich denn noch alles Rücksicht nehmen? Und, zugegeben, auch mir hat es spätestens mit der Zeitumstellung und der langen, langen Dunkelheit am Abend in den Fingern gejuckt, die ersten Lichterketten aufzuhängen, denn wenn es so nasskalt, fies und düster ist, braucht es so sanftes Licht. Es kann einem so gemütlich die Seele ausleuchten, kann eine neuen Form innerer Wärme mit sich bringen. Aber eben nur: Solange es einem gut geht, solange das Leben gerade ohne Tiefschläge verläuft, solange es sich in einer relativ stabilen Phase befindet. Das wissend, habe ich es also gelassen. Aus Respekt - wie oben erwähnt. Weniger aus religiösen Gründen, vielmehr aus allgemein seelischen. 


Wenn schon ein Lichterleuchten vor der Adventszeit, dann vielleicht besser als Grableuchten?   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)


Dem Gedenken an die Toten einen festen Rahmen zu geben, kann für jeden Trauernden eine hilfreiche Sache sein - wie auch immer dieser Rahmen aussehen mag, wann auch immer er und wie auch immer er organisiert sein mag. Aber einen Tag im Jahr fest installiert zu wissen, an dem ein Trauernder wissen und spüren kann, dass er nicht alleine ist, weil es zumindest diesen einen Tag im Jahr gibt, an dem auch alle anderen ihrer Toten gedenken - diese Idee hat etwas zutiefst Tröstendes und Heilsames. Und so ist allen religiösen und weltlichen Diskussionen zum Trotz ein Totensonntag eine wertvolle Sache. 

Ein preußischer König, der Verluste zu beklagen hatte


Was heute kaum noch einer weiß: der Totensonntag als Institution ist erst von den Preußen eingeführt worden. Friedrich Wilhelm der Dritte war es, der mit der Einführung dieses - kirchlich gesehen: rein evangelischen - Gedenktages tief in die Gestaltung des Kirchenjahres eingriff. Dies vermutlich weniger aus religiösen Gründen als vielmehr aus ganz pragmatischen. Im Kriegsjahr 1813 hatte es auch auf preußischer Seite viele Verluste gegeben in jenen Schlachten, die heute als "Befreiungskriege" (gegen Napoleon) in die Geschichte eingegangen sind. Drei Jahre später ordnete der König das Totengedenken neu. Es muss ihm wohl ein Bedürfnis gewesen sein. Bei den Katholiken ist das traditionell alles etwas anders.

Empfinden nicht nur Gläubige als unpassend: Leuchtender Adventsschmuck noch vor dem Totensonntag.    (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)


Mit dem Volkstrauertag in die "traurigen Tage"


Für sie beginnt das traditionellen Totengedenken alljährlich mit Allerseelen (immer am 2. November), dem Tag nach Allerheiligen. Doch viele Katholiken feiern auch am evangelischen Totensonntag - der in ihrem eigenen Kirchenjahr "Christkönigstag" heißt -  das Totengedenken mit. Zumal dieser Totensonntag alljährlich perfekt eingebettet ist in ebenjene weltliche Woche, die mit dem 1925 erstmals und 1952 erneut eingeführten Volkstrauertag beginnt, der dem Gedenken der in den Weltkriegen gestorbenen Menschen gewidmet ist. So ergibt sich also eine "traurige Woche" (oder auch die "traurigen Tage"), in der ausgiebig getrauert werden darf. Und auch das erleben viele Trauernde als hilfreich: Dass sie eben auch mal trauern dürfen. Bekommen sie doch oft das Gefühl vermittelt, sie dürften es nicht (mehr). 

Und dann: Lichter - das hat auch was Tröstendes


Und wenn dann, am Ende einer Woche voller trauriger Tage, überall die Lichter angehen, dann kann doch auch das eine fast spirituelle, heilsame, vielleicht tröstende Wirkung haben. Wenn auch nicht immer auf Trauernde. Und deswegen: Warten bis nach dem Totensonntag. Aus Respekt. Vor dem Leben...


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Mittwoch, 9. November 2016

Noch mehr Tipps zum Umgang mit Trauernden - "Sei doch bitte wieder normal" geht leider gar nicht - Und lässt sich Trauer wirklich "bewältigen"?

Osnabrück  - Die schwierigste Phase für Angehörige, die einen geliebten Menschen verloren haben, ist nicht etwa die Zeit kurz nach dem Ereignis. Es sind die Monate oder die Jahre lange nach dem Verlust, in denen die Betroffenen sich ganz alleingelassen fühlen. Das kann lange dauern.

Denn kurz nach dem Tod ist die Bereitschaft zu helfen bei Freunden und Verwandten noch groß: Unterstützung geben, da sein, zuhören, das alles ist möglich und wird gerne zugestanden. Aber die Empathie im Todesfall schwindet oft schnell – und schon bald schleicht sich bei vielen dem Trauernden Nahestehenden so etwas wie eine Erwartungshaltung ein, unter der die Betroffenen besonders leiden: „So langsam muss es doch wieder gut sein“, „Allmählich müsste wieder etwas mehr Normalität einkehren“… so empfinden es die Angehörigen und Freunde. 


An den Erwartungen, die bald an sie gerichtet werden, können Menschen in einer Verlustsituation auch mal verzweifeln.  (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)


Auch wenn Gedanken wie diese nicht immer unmittelbar geäußert werden, stehen sie oft störend im Raum. Denn Trauernde befinden sich in einer emotionalen und seelischen Krise – und in einer solchen Situation sind Menschen hochsensibel, nehmen auch kleinste Signale wahr, begreifen viel von dem, was nicht ausgesprochen wird.


Was gebraucht wird: Aushalten können, auch gemeinsam


Es ist den Menschen, die einem Trauernden so begegnen, kein Vorwurf zu machen. Denn tatsächlich ist das Schwierigste im Umgang mit Verlusterfahrungen das (gemeinsame) Aushalten der Ohnmacht und der Schwere, die sich bei Trauer zwangsläufig einstellt. Das zu ertragen ist nicht leicht. Vor allem als Nicht-Betroffener. Was das Aushalten zusätzlich erschwert, ist die Tatsache, dass es so wenig konkrete Hilfsmöglichkeiten gibt. Verständlich, dass sich Freunde und Angehörige im Aktionismus-Modus stets wohler fühlen als im Schweigen. Etwas tun, etwas unternehmen, das fühlt sich eben besser an als ein - vielleicht sogar wohltuendes – Nichtstun. Klar: Für den Rest der Welt geht das Leben einfach weiter wie bisher, bleibt der Alltag turbulent und munter, vielleicht sogar bunt und lebenswert. Wer in diesem Lebensstrudel steckt, kann sich auf Trauernde nur schwer einlassen. Das ist okay so. Denn genau dafür gibt es die Trauerbegleitung


Menschen dort abholen können, wo sie gerade stehen


„Trauerbegleitung ist ein Aushaltenkönnen, mehr ist es auch nicht“. So hatte es die Vorsitzende des Bundesverbands Verwaiste Eltern in Deutschland, Petra Hohn, auf der Messe „Leben und Tod“ im Jahr 2015 bei einem Vortrag formuliert. Und sie trifft es auf den Punkt: Mehr ist es nicht, weniger aber auch nicht. Was kann Trauerbegleitung also? Sie kann Trauernde dort abholen, wo sie gerade stehen. Kann sie so sein lassen, wie sie gerade sind, wenn es den anderen Menschen schwer fällt, das zu tun. Sie kann Trauernde annehmen und aufnehmen, wenn sie sich anderen schon nicht mehr zumuten wollen, weil sie mit ihren Gefühlen nicht nerven wollen. Sie kann die Trauer indes nicht aus der Welt verschwinden lassen, das kann vermutlich nichts. Nicht einmal die Trauerarbeit oder Verarbeitung, falls es so etwas überhaupt gibt. Aber das ist auch gar nicht nötig.


Trauer lässt sich nicht "bewältigen" - das geht gar nicht


Die Therapeutin Monika Müller aus Rheinbach, eine der Expertinnen für Trauer und eine Ikone der Hospizbewegung, hat in einem Vortrag einmal sinngemäß gesagt: Es ist ein Märchen, dass sich Trauer verarbeiten lässt. Wozu auch? Trauer ist ein so naturgegebenes Gefühl wie Freude. „Und in keinem Buch der Welt steht, man solle doch bitte seine Freude einmal verarbeiten und bewältigen“, sagt Müller weiter. Überhaupt, das Wort „bewältigen“ missfällt der „Grande Dame der Trauer“ ganz besonders, denn eytmologisch gesehen heißt es: „Gewaltsam unter Kontrolle bringen“. Was sich aus diesen klugen Sätzen herausfiltern lässt, ist der beste Umgang mit Trauer: Sie sollte durchlebt werden. Oder anders gesagt: „Ins Fließen kommen‘“. 


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