Donnerstag, 24. Juni 2021

Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen gerne selbst für schuldig erklären - "Hätte ich doch...." - Trauer und Schuld und warum es so wichtig ist, diese Gedanken nicht einfach vom Tisch zu wischen

Osnabrück - "Ich bin schuld am Tod des geliebten Menschen. Es ist meine Schuld. Hätte ich mich anders verhalten, wäre das alles nicht passiert..." Wer den Tod eines anderen Menschen erleben musste, der fühlt sich oft - irgendwie - selbst verantwortlich dafür. Oder er sucht nach Umständen oder andere Menschen, die daran schuld sein können, Ärzte, zum Beispiel. Ganz egal, wie realistisch oder unrealistisch diese Annahme ist: Schuldgefühle (oder Schuldzuweisungen) können in einem Trauerprozess enorm quälend werden - und sie können eine solche Übermacht bekommen, dass sie alles andere überlagern. Manchmal nur phasenweise, manchmal scheinbar dauerhaft, als Gedankenschleifen, die nicht stoppen wollen. Aber warum ist das so? Welche psychologischen Prozesse wirken da an uns Menschen? Und warum ist es alles andere als hilfreich, wenn die Mitmenschen einem Trauernden dann sagen: Natürlich bist Du nicht schuld? Du kannst ja gar nicht schuld sein... 

"Hätte ich doch..." Das ist zuweilen einer der am meisten gesagten Sätze in einer Trauergruppe oder bei einer Einzelbegleitung. Zum Beispiel, wenn sich jemand das Leben genommen hat: Hätte ich doch gemerkt, wie traurig dieser Mensch gewesen ist. Oder wenn ein Mensch an Krebs gestorben ist: Hätte ich ihn oder sie doch eher dazu überredet, zum Arzt zu gehen. Oder wenn ein Baby im Mutterleib gestorben ist: Hätte ich mich doch gesünder verhalten. Und, und, und... Es spielt keine Rolle, wie die Todesumstände genau waren und ob die Trauernden wirklich hätten Einfluss darauf nehmen können. Trauer kann sich in ganz vielen Facetten zeigen. Schuld ist eine davon. Schuld gehört dazu. Schuld erfüllt eine Funktion. Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie (nicht Logopädie), hat gesagt: "Wenn wir einem Menschen seine Schuld nehmen, dann nehmen wir ihm auch seine Würde."


(Foto: Thomas Achenbach)


Wie groß das Thema Schuld in einem Trauerprozess werden kann, zeigt sich alleine daran, dass die Trauerbegleiterin Chris Paul ein ganzes dickes Buch alleine nur darüber geschrieben hat: "Schuld Macht Sinn", ist der mehrdeutige Titel dieses Werkes, das inzwischen - berechtigterweise - zum elementaren Bestandteil einer Qualifizierung zum Trauerbegleiter gehört. Der Titel lässt sich zum einen lesen als eine Aneinanderreihung von drei wuchtigen Hauptwörtern. Er lässt sich aber auch lesen wie ein zusammenhängender Satz: Schuld macht Sinn. Dabei handelt es sich zwar um einen dieser modernen Amerikanismen, die sich trotz grammatikalischer Unkorrektheit ins Deutsche geschmuggelt haben ("It makes sense" im Amerikanischen, im Deutschen ginge streng genommen nur: Es hat Sinn oder es ist sinnvoll), trifft aber genau ins Schwarze.

Schuld erfüllt eine wichtige Funktion

Es folgt oft einer tiefsitzenden, inneren Logik, wenn Menschen in einem Trauerprozess Schuldgefühle entwickeln. Und deswegen ist es so enorm wichtig, dass wir den Menschen ihre Schuldgefühle nicht einfach wegreden, diese Aussagen nicht einfach vom Tisch wischen und sagen: Kann ja gar nicht sein. Denn tatsächlich gibt es einen tieferen psychologischen Sinn dafür, dass Menschen sich in einem Trauerprozess mit Schuldfragen herumquälen. Bloß welchen? 

Hier sind sieben Antworten auf diese Frage:


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)


1.) Schuld schenkt Erleichterung. Klingt erstmal bizarr, ist aber so. Weil die Schuldfragen von der Ohnmacht ablenken, die eine Trauersituation fast immer mit sich bringt. Schuld gibt uns das Gefühl, dass die Situation vielleicht doch kontrollierbar gewesen wäre. Über Schuld können wir uns selbst ein Gefühl von Macht und Kompetenz zurückholen, wo es sonst nichts anders gibt als Hilflosigkeit. Und Hilflosigkeit oder Ohnmacht sind die am allerschwersten zu ertragenden Zustände, derer sich ein Mensch ausgesetzt sehen kann. Sie sind eigentlich unaushaltbar. Um sie aushalten zu können, braucht es Techniken, Methoden, Tricks - und da bietet sich die Schuldfrage schnell an.   

2.) Schuldgefühle geben Schutz. Wenn der Schmerz noch viel zu groß ist, um sich dort hindurchzufühlen, ist die Suche nach der Schuld ein hilfreicher Prozess, weil ich mich damit ablenken kann. Die Suche nach der Schuld hat eine Richtung, eine Dynamik, und diese Richtung führt hinaus aus meinem Körper und aus meiner zerschundenen Seele, zurück in die Welt. Und wer sich wieder in der Welt bewegen kann, der muss sich nicht länger mit den Scherben im Inneren auseinandersetzen. Deswegen können Schuldgefühle eine Art von Selbstschutz sein, wenn Menschen sehr gut erspüren, dass sie den inneren Schmerzen (noch) nicht gewachsen sind.

3.) Schuldfragen geben uns Halt. Schuldgefühle liefern eine Erklärung, wo es sonst keine geben kann. Da ist ein Mensch gestorben, ist einfach nicht mehr da - das ist eine Situation der größtmöglichen Überforderung. Für die meisten Menschen ist die Konfrontation mit dem Tod etwas Ungelerntes, Ungewohntes und ebenso Ungeheuerliches. Außerdem ist der Tod etwas ungemein Komplexes. Also suchen wir bewusst oder unbewusst nach Mustern, nach Einfachheit, nach Verstehbarkeit. Vielleicht sogar nach einem Sinn hinter all diesem Geschehen. Es greift letztlich derselbe Wirkmechanismus wie bei Verschwörungstheorien. Komplexeste Sachverhalte runterbrechen auf eine simple Geschichte und jemandem die Schuld dafür geben, das fühlt sich eben einfach besser an als: Die Situation ist nicht auszuhalten, so wie sie ist. Wir wünschen uns etwas, woran wir uns wieder festhalten können. Anstatt weiter ins Bodenlose zu taumeln. 



4.) Schuld hält die Verbindung aufrecht. Zu den größten Ängsten von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise gehört die Sorge, die Erinnerungen an den gestorbenen Menschen zu verlieren, die Verbindung zu dem Menschen zu verlieren. Dahinter steckt die Angst, die Gefühle zu diesem Menschen - also meistens, aber durchaus nicht immer: die Liebe - könnten sich verändern (was sie übrigens auch tun, wenn auch, bei gesunden Trauerprozessen, im Positiven). Wir haben dem Menschen, der gestorben ist, im Leben stets etwas Gutes tun wollen, nun ist der Mensch fort und wir können dies nicht mehr. Vielleicht bleiben jetzt Dinge ungesagt, die noch hätten gesagt werden sollen, vielleicht bleibt etwas Unerledigtes zwischen diesen beiden Menschen, das nicht mehr erledigt werden kann. Wir wünschen uns aber weiterhin ein festes Band, das uns an diesen Menschen festbindet. Also klammern wir uns in unserer Verzweiflung an alles, was in irgendeiner Weise diese Verbindung fixieren kann - und wenn dies eben die Schuldfragen sind, weil sie sich gerade anbieten, dann ist das eben so. 

5.) Schuld kommt direkt aus der Kindheit. "Da bist du selbst schuld dran, siehst Du, das kommt davon". Ein Erziehungssatz direkt aus der Hölle der schwarzen Pädagogik. Wie oft ich mir vorgenommen habe, diesen Satz gegenüber meiner Tochter niemals zu verwenden. Und wie oft das nicht funktioniert hat, weil der eigene Frust, die eigene Wut viel zu groß gewesen sind. Aber auch umgekehrt funktioniert dieser Mechanismus: Sensible Kinder achten schnell auf die Gefühle von Mama und Papa - und vor allem, wenn sie diese Gefühle nicht richtig einschätzen können, glauben sie rasch: Ich bin schuld. So pflanzen wir unseren Kindern bewusst oder unbewusst von Beginn an ein: Jemand oder etwas ist schuld. Das gehört zum Leben so dazu. Und je mehr wir aufwachsen, desto stärker verfestigt sich diese Überzeugung. Etwas ist schiefgegangen - also tritt jemand zurück und übernimmt die Verantwortung. Ein Unfall ist geschehen und die Frage steht im Raum: Wer ist denn schuld? Es muss auf dieser Welt einfach jemanden oder etwas geben, dass schuld ist. Diese Grundüberzeugung ist von Anfang an etwas Urmenschliches. Dann tritt der Tod in unser Leben. Und wir erleben unsere Situation als ungerecht, wir empfinden eine Art von Empörung darüber, dass wir so leiden müssen. Also sind wir auf der Suche nach unserem Recht, um wieder Recht sprechen oder eine neue Balance herstellen zu können. Es muss doch jemand schuld sein. Oder etwas. Muss doch einfach. Oder?



6.) Für Schuld kann es Erlösung geben (oder Strafe). Wenn die Christen das Vaterunser beten, heißt es darin: "Vergib uns unsere Schuld..." - Vergebung für die Schuld, dieser kirchengeprägte Wirkungsprozess ist immer auch gekoppelt an die Idee von Erlösung. Oder wenigstens Erleichterung. Und auch, wenn die Kirchen und ihre Riten in unserer modernen Welt immer mehr an Einfluss verlieren, haben sich viele religiöse Überzeugungen als Tradition so stark festgesetzt, dass sie unsere inneren Wertekanon noch sehr stark prägen. Wer sich also zu seiner Schuld bekennen kann, der hat eine Chance, dass er dafür (von einer höheren Macht) die Vergebung erlangen kann, das scheint ein Wirkprinzip zu sein, das offenbar noch immer funktioniert. Und wer in einem starken Leidensprozess gefangen ist, mitten in einem menschlichen Krisengeschehen wie es die Trauer ist, der klammert sich gerne an jeden Strohhalm, den er kriegen kann. Also: Erlösung vom Leiden möglich machen, indem man sich als Schuldigen bekennt. Warum nicht? Das hat schon 2000 Jahre lang gut funktioniert. Andersherum tut es Menschen, die sich zu ihrer Schuld bekennen, oft gut, wenn sie eine Strafe erhalten. Dann wird das Leiden durch den Tod zur "gerechten" Strafe für die "eigene Schuld" interpretiert.  

7.) Schuldfragen folgen alten Muster. Wenn wir uns selbst für (vermeintliche) Fehler verantwortlich machen, kann das ein schon lange vorher erlerntes Muster sein, das uns bereits unser ganzes Leben lang begleitet hat. Wer als Mensch dazu neigt, auch außerhalb des Kontextes von Trauer oft Fehler bei sich zu suchen (und erfolgreich zu finden), hat einen enormn hohen und letztlich unerfüllbaren Anspruch an sich selbst und an die Welt, in der er lebt. Wer zum Perfektionismus neigt, lebt näher an Schuldfragen als andere. Wer sich selbst viele Regeln auferlegt hat, bewusst oder unbewusst, und wer besonders folgsam leben will, der wird sich zwangsläufig, gefühlt, "schuldiger" machen müssen als Menschen, die hier innerlich flexibler bleiben können. So sind manche Schuldgefühle Ausdruck von überzogenen Erwartungen, die ich an mich selbst habe. 

Was lässt sich auf einer gefühlte Schuld antworten?

Bleibt bloß noch die Frage: Was können wir einem Menschen sagen, wenn dieser sich schuldig fühlt - oder wenn er anderen die Schuld gibt? Wie kann man Menschen erreichen, die sich so scheinbar unlogische und für Außenstehende oft nur schwer nachvollziehbare Gedanken machen? Es kann hilfreich sein, den Menschen zu spiegeln: Wenn es für Dich und Deinen eigenen Prozess jetzt gerade wichtig ist, diese Schuldgefühle zu haben, dann kann ich mir gut vorstellen, dass diese Gefühle gerade eine Funktion erfüllen können. Andererseits, so ließe sich ergänzen, frage ich mich manchmal, was Schuld überhaupt ist?



Denn Schuldgefühle sind ja alleine per Definition keine tatsächliche Schuld. Und eine juristische Schuld, die vor Gericht festgestellt wird, ist wiederum eine andere Form von Schuld als eine selbstgefühlte. Es stellt sich also die Frage, ob es so etwas wie Schuld überhaupt gibt, objektiv gesehen - und vor allem: Wer darüber zu entscheiden hat. Wenn sich Dein Gesprächspartner auf eine solche Diskussion über Schuld einlassen kann, könnt Ihr ein anderes Level erreichen, auf dem ein anderes Nachdenken über diese Prozesse möglich sein kann (ebenfalls passend zum Thema: Warum es besser "Schuldgedanken" heißen sollte..., eine junge Frau berichtet vom Suizid ihres Mannes).   

So unsinnig es klingen mag: Es kann für den eigenen Weg sinnvoll sein, Schuldgefühle zu haben, ohne eine Schuld zu haben, jedenfalls für einen gewissen Zeitraum. Es kann andererseits auch sein, dass diese Schuldgefühle eine krankhafte Übersteigerung erfahren und gar nicht mehr weichen wollen. Wenn sich dieser Zustand dauerhaft verfestigt, könnte das der Ausdruck einer verkomplizierten Trauer sein, über die derzeit viel diskutiert wird


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Donnerstag, 17. Juni 2021

Mein zweiter Mutmacherbrief an Trauernde: Ein paar Zeilen für Dich, über die manchmal merkwürdigen, manchmal schlimmen Gedanken, die Du vielleicht hast - wenn Du vor Dir selbst erschrickst


Lieber mir unbekannter Mensch, 


(oder vielleicht kennen wir uns auch schon persönlich, dann ist ja umso besser...): Vielleicht kennst Du das auch? Du hast einen Menschen verloren, der Dir wichtig war, und hast jetzt manchmal ganz merkwürdige Gedanken, vor denen Du selbst richtig erschrickst? Oder die Dich zumindest zum Staunen bringen, weil Du nie gedacht hast, dass Du solche Gedanken haben kannst? Zum Beispiel wenn Dir jemand erzählt, dass ein anderer Mensch, den Du vielleicht entfernt kennst, an Krebs erkrankt ist - und Du fragst Dich dann: Hätte dieser Erkrankte nicht sterben können? Und nicht der Mensch, den ich verloren habe? 


Vielleicht gehst Du manchmal irgendwohin, wo andere Menschen sind, in einen Park, in ein Café, irgendwas, und würdest am liebsten all die anderen Menschen verfluchen, die Du dort siehst? Weil sie so fröhlich lachen, weil sie so unbeschwert rüberkommen, weil ihre Leben so unversehrt zu sein scheinen, während Dein Leben mit dieser neuen Tragik vollgesogen ist, die Du so gerne loswerden möchtest? Kennst Du das auch? Und falls ja, hast Du Dich jemals getraut, diese Gedanken jemanden anderem mitzuteilen? 

Wenn es nicht Menschen gäbe, die mir davon berichtet hätten, dass es ihnen so gegangen ist, dann könnte ich nicht ruhigen Gewissens schreiben, dass solche Prozesse etwas ganz Normales sind. Also: Normal im Kontext eines Trauerprozesses. Denn das ist eben manchmal eine kolossale Ausnahmesituation. Bei manchen Menschen war es ganz oft so. Bei anderen nur manchmal. Wieder bei anderen hat es sich abgewechselt: Mal waren sie sehr intensiv mit solchen Gedanken konfrontiert, mal weniger. Und auch das ist alles: Ganz normal. Ehrlich. Es geht ja in Wahrheit gar nicht darum, dass Du anderen Menschen etwas wirklich Schlechtes wünschen würdest, oder? Es geht doch vor allem darum, dass Du nicht mehr so krass leiden möchtest. Und dass es Dich genauso wütend wie traurig macht, wenn Du das Gefühl haben musst, dass nur Du so leiden musst und alle anderen eben nicht. Da kann einem schon mal die Hutschnur platzen. 

 
Dir ist etwas widerfahren, dass Dir sehr, sehr wehgetan hat, dass Dich einmal komplett durchgeschüttelt hat, von oben bis unten, bis auf den Grund Deiner Seele, und dass Dich jetzt in eine Gefühlssituation gebracht hast, die Du vielleicht als sehr belastend erlebst. Oder als irgendwie unnormal. Aber warum solltest Du jetzt auch normale Gefühle haben, wenn Dir der Tod eines anderen Menschen gerade so sehr zu schaffen macht? Ist nicht der Tod eines anderen Menschen eine so unnormale Situation - jedenfalls für Dich! -, dass es völlig okay ist, wenn man dadurch auch in unnormale Prozesse hineingerät? Der Psychiater Viktor Frankl hat das sinngemäß in einem Satz zusammengefasst, in dem er sagt (ich zitiere aus dem Gedächtnis): In einer unnormalen Situation ist jede unnormale Reaktion etwas ganz Normales.

Das finde ich so treffend, dass ich diesen Satz oft und gerne zitierte (und wer mich kennt, der hat ihn sicher schon einmal von mir gehört) - weil er auch auf den Trauerprozess so exakt zutrifft. 

Es gibt ein Davor und ein Danach, das ist ein Satz, der im Zusammenhang mit Trauer oft zu hören ist. Die meisten Menschen, die einen solchen Trauerfall erlebt haben, von dem sie so richtig durchgeschüttelt worden sind, erleben ihr Leben als in diese zwei Teile aufgeteilt: Das Davor. Und das Danach. Das irgendwie anders ist. Überfordernd und herausfordernd und gemein und durchzogen von Gefühlen, die Du nicht mehr haben möchtest. Das kann ich gut verstehen. 


Ich habe vorhin einmal die Formulierung benutzt, dass Dein Leben jetzt vielleicht mit Tragik "vollgesogen" ist. Darin steckt das Bild eines Schwammes, der schon soviel Wasser aufgenommen hat, dass er ganz schwer und schlapp geworden ist. Nur ein ganz kleiner Stuppser reicht jetzt aus und aus dem Schwamm schwappt eine kleine Fontäne raus. So ist das vielleicht auch in Deinem Leben: Du bist bis oben vollgesogen mit Trauer, bis zum Rand gefüllt damit - und wenn dann einer kommt und Dir etwas erzählt von "den anderen", dann schwappt so eine Fontäne aus Dir raus. Und je nachdem, wie es Dir gerade allgemein so geht, ist diese Fontäne auch mal ein gemeiner Gedanke. Aber immerhin ist er rausgeschossen. Also bist Du dieses kleine bisschen an Zuviel schon mal losgeworden. Ist doch auch was. Auch wenn da noch ganz schön viel an Zuviel in Dir drinsteckt. 

Oft ist die Rede davon, dass wir Menschen versuchen sollten, eine tiefe Freundschaft mit uns selbst zu schließen. Eine Freundschaft, die von soviel Aktzeptanz und Geduld und Hinwendung geprägt ist wie die allerbeste Freundschaft, die man sich vorstellen kann. Das ist eine kolossal schwierige Aufgabe - mir selbst ist es nach über 45 Jahren Lebenserfahrung noch nicht wirklich gelungen, so tief und intensiv mit mir selbst befreundet zu sein (dafür habe ich noch immer viel zu viele Macken, die immer wieder ausbrechen), aber darum soll es hier jetzt nicht gehen. Nur darum: Eben weil Du jetzt in einer Ausnahmesituation steckst und weil diese Situation noch eine ganze Weile so bleiben kann, kann ich Dich nur ermuntern, dass Du Dir selbst vieles durchgehen lässt, was Du Dir sonst vielleicht untersagt hättest. Das ist okay, gräm Dich nicht deswegen. Dafür bist Du einfach zu vollgesogen. 

Feuchte Schwämme saugen übrigens viel besser als ganz trockene. Und vielleicht bist Du auch schon mal ganz überrascht gewesen, wieviel mehr an Wasser so ein Schwamm so aufnehmen kann als zuvor gedacht. Du vielleicht auch?

Herzliche Grüße, Thomas.


Donnerstag, 10. Juni 2021

Wie führe ich ein gutes Trauergespräch, was hilft? Wie die Spiegeltechnik nach Carl Rogers uns dabei helfen kann, Menschen in Krisensituationen gut zu begleiten - eine Gesprächstechnik, die mit Business-Zielen nichts zu tun hat - wie die klientenzentrierte Gesprächsführung in der Trauerbegleitung angewandt wird, eine Mini-Einführung in das Arbeiten mit Emapthie, Echtheit und Wertschätzung

Osnabrück – Es gibt eine Gesprächstechnik, die Menschen in Krisen sehr gut helfen kann, solange sie gut und richtig angewandt wird - die aber einen unguten Beigeschmack bekommen kann, wenn sie in den falschen Kontext gestellt wird. Es geht um die so genannte Spiegeltechnik, die der Therapeut und Psychologe Carl Ransom Rogers entwickelt hat. Er nannte seine Methode die "klientenzentrierte Gesprächstherapie". Und in begleitenden Gesprächen zum Beispiel mit Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise kann sie tatsächlich viel bringen - wird sie jedoch zu einer rein zweckorientierten Business-Taktik aus der Trickkiste degradiert, wie ich es ebenfalls bereits erleben musste, dann verpufft ihre Wirkung. Es erfordert etwas Anderes als Übung, um diese Methode gut anzuwenden.

Denn das Wichtigste an dieser Technik ist nicht etwa das Ergebnis, sondern die grundsätzliche Haltung, aus der heraus der Gesprächsführende mit seinem Klienten spricht. Deswegen es ein Trugschluss, aus der Carl-Rogers-Methode eine optimale Praxis für Verkaufsgespräche abzuleiten, wie es manche Coaches und Motivations-Gurus leider tun. Gedacht ist die Spiegeltechnik nämlich als ein psychologischer Wirkmechanismus, der deswegen so effizient sein kann, weil er davon ausgeht, dass alle Antworten auf die mitgebrachten Fragen längst im Inneren des Klienten schlummern. Die Methode baut darauf, dass Menschen im Grunde selber am besten wissen, wie sie ihre Probleme lösen könnten – oder was ihnen gut täte in einer seelischen Krise. Die Kräfte, die sie mobilisieren müssten, sind vielleicht gerade verborgen oder nicht spürbar. Aber sie sind da, unter dieser ersten Schicht. Die Frage ist nur, wie sie freigelegt werden könnten. 

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Im Kontext von Trauer bedeutet das für die Begleitenden: Sie sollten versuchen, daran zu glauben, dass die Trauernden ihren eigenen Weg finden werden, einen Weg "zurück in ein neues/anderes Leben", auch wenn es gerade nicht den Anschein macht. Carl Rogers hat dafür den Begriff des "Werdewillens" benutzt. Der Psychologe geht davon aus, dass jeder Mensch von sich aus wieder "heile" werden will und dass er das auch aus eigener Kraft schaffen kann - so wie ein Kind, das nach der Geburt ganz von sich aus und ohne Anstoß von außen all das erreichen möchte, was die Welt ihm an Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten anbietet. Der Vergleich mit Kindern bietet sich gerade im Kontext von Trauer besonders gut an.

Sich einfühlen und mitschwingen


Denn nicht wenige Trauernde fühlen sich angesichts der Kräfte, die an ihnen wirken, wieder in einen Kindheitszustand zurückversetzt. Das professionelle Ziel eines begleitenden Gesprächs ist dann das Sich-Einfühlen-können in den Klienten, das tatsächliche Mitschwingen-können auf seiner Wellenlänge, so dass sich der Klient vor allem verstanden fühlt


Es geht darum, konsequent in der Welt des Gesprächspartners zu bleiben und nichts Eigenes hineinzumischen, das ist die hohe Kunst eines solchen Gesprächs. Rogers zerlegt die Bausteine für diese Gesprächsmethode in drei wesentliche Grundbestandteile: Empathie, Wertschätzung und die Authentizität des Zuhörenden. Was genau bedeutet das?

Empathie, Echtheit, Wertschätzung - wie geht das?


Wer schon einmal ein Gespräch bei einem gut ausgebildeten Therapeuten, Berater oder Trauerbegleiter erlebt hat, der wird diese Methode kennen: Es geht darum, tatsächlich zu verstehen, was den Betroffenen beschäftigt. Um hier sehr feinfühlig werden zu können, wird das zuvor vom Klienten Gesagte nochmal vom Begleiter in eigenen Worten zurückgegeben. Also: Gespiegelt. 
Durch das eigene Formulieren wird dabei versucht gänzlich die Gedanken- und Gefühlswelt zu verstehen, diese vollständig respektierend, aber nicht bewertend. Das ist das Wichtige. Anders als manchernorts gelehrt und ausgeführt ist es nicht zwingend nötig, die genauen Worte des Klienten eins zu eins zu wiederholen.


Dieses direkte Eingehen auf den Klienten, das Bleiben in seiner Welt, beschreibt Carl Rogers als personzentrierte Haltung - und damit als ersten Schritt auf einem Weg, der zwar gemeinsam gegangen wird, vorerst, dessen Ziel aber das Alleine-Gehen-können des Klienten ist. Der zweite Schritt ist das Arbeiten mit dem, was Carl Rogers die "Aktualisierungstendenz" nennt: Also der Willen des Menschen, in einer Krisensituation die nötigen Kräfte zum Weiterkommen selbst zu entwickeln. Und hier kommen jetzt die drei Komponenten der Empathie, Wertschätzung und Authentizität ins Spiel.

Aktives Zuhören heißt, sich selbst rauszulassen


Echtheit meint, dass der Begleitende mit sich selbst im Reinen ist und bei sich selbst sein kann. Es geht darum, dem Anderen nicht etwas vorzuspielen, in eine Rolle zu gehen, sondern, salopp formuliert, einfach man selbst zu sein. Das hört sich leicht an, ist es aber nicht immer. Denn es bedeutet nicht, dass man seine eigenen Gefühle auch aussprechen sollte (eher im Gegenteil). Es geht hier mehr um die Frage der eigenen Standfestigkeit. Empathie meint das aktive Sich-einfühlen in die Welt des Anderen. Das Verstehen-wollen. Das aktive Zuhören. Es geht um Anteilnahme - und um die Akzeptanz dessen, was der Klient fühlt und sagt. Was als Wertschätzung beschrieben wird, meint eine positive Zuwendung dem Klienten gegenüber –und zwar, wie Rogers es sagt, eine bedingungslose Zuwendung. Was wiederum nicht heißt, daß der Begleitende allem unbedingt zustimmen muss. Eigene Überzeugungen haben hier keinen Raum, ebensowenig wie eigene Werte.


In Fachkreisen unter Trauerbegleitern wird oft über das Spiegeln gesprochen, teils auch heftig darüber diskutiert. In einem Punkt besteht Einigkeit: Es geht eben nicht um ein „Spiegeln an sich“, also um ein reines Nachplap­pern dessen, was der Klient gesagt hat, es geht darum, den Inhalt zu durchdringen. An dieser Stelle beginnen schon vielfache Fehlinterpretationen der Rogers-Methode. Das tatsächliche Verstehenwollen muss immer im Vordergrund stehen. Die damit verbundenen Trainingseinheiten haben allerdings auch gezeigt, dass es so einfach, wie es klingt, eben doch nicht ist. Sondern eine Trainingssache. Jeder, der mag, kann es ja mal in seinem Alltag probieren. Aber Vorsicht! Denn wer so etwas sagt wie „Ich weiß GENAU, wie sich das anfühlt“, hat sich schon wieder auf eine andere Straße begeben – er ist nicht mehr beim Gegenüber. Das geschieht übrigens schneller als man denkt. Aber es hilft nicht. Der Mensch, der Hilfe braucht, ist der eigene Experte für sein Leben, seine Gefühle, er braucht nicht Steuerung von außen, sondern Bedingungen, die seine eigene Steuerung (wieder) erleichtern


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Donnerstag, 6. Mai 2021

Sieben Gründe, warum ich Trauerbegleitungen gerne in Form eines Spaziergangs anbiete - warum ein Spaziergang zu zweit nicht nur in Corona-Zeiten eine gut geeignete Methode für eine Einzelbegleitung von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise ist

Osnabrück - Warum fragen wir einen Menschen eigentlich: "Wie geht es Dir?" - Klare Sache: Weil sich darin das Wort "gehen" versteckt. Denn die Frage danach, wie es uns geht, stammt vom Wort "ergehen", aus dem dann wiederum das "Wohlergehen" entwachsen ist. Deswegen lautet die Vergangenheitsform dieser Frage auch: Wie ist es Dir ergangenIn der Trauerbegleitung können wir uns die Idee vom Gehen als Ausdruck der eigenen Befindlichkeit zunutze machen - indem wir tatsächlich gemeinsam gehen. Dabei lässt sich so manches erleben, was in den gemeinsame Prozess eingebunden werden kann.  

Ein Tag im Februar. Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Ein umgestürzter Baum liegt quer über dem Waldweg und hindert uns am Weiterkommen. Sich an der Krone des gestürzten Baumes entlangzutasten, ist zwar möglich, aber der Boden an dieser Stelle ist vom Schnee der vergangenen Tage morastig geworden. Wir versuchen es dennoch. Es schmatzt und sumpft, während wir uns mit vorsichtigen Schritten vorantasten. Mit Matschspritzern auf der Hose und verdreckten Schuhen setzen wir den Weg fort - und haben auch gleich ein gutes Stichwort für die Fortsetzung unseres Gesprächs gefunden. Was es wohl alles noch zu überwinden gilt im Prozess des Trauerns, ist das Thema, das den Rest dieser Einzelbegleitung prägt. Einer Einzelbegleitung, die als Spaziergang im Wald stattfindet. Einerseits, weil die Coronapandemie ein Sitzen im Innern nicht möglich macht. Andererseits, weil ein Spaziergang sowieso ein optimales Setting für eine Trauerbegleitung darstellt. Warum das so ist?

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Zum Beispiel, weil nicht ich es war, der bei oben geschilderter Begleitung das Thema des weiteren Gesprächs prägte. Es war die Klientin, mit der ich unterwegs war. Und das Überwinden des Hindernisses war es gewesen, was den Impuls dafür gesetzt hatte. Das ist einer der Vorteile vom Draußensein während einer Trauerbegleitung (und vom gemeinsamen Gehen): Es ist viel zu sehen, zu erleben und zu bewältigen, was sich als Stichwortgeber für so ein Gespräch gut nutzen lässt. Ich hatte immer schon meine Einzelbegleitungen als Spaziergänge anbieten wollen und mich in Vorträgen für diese Form von Trauerbegleitung ausgesprochen, aber es war zugegebenermaßen erst die Coronapandemie, die mich dann wirklich dazu gebracht hat, das auch in die Tat umzusetzen. Mit ermutigenden Erfahrungen. Hier sind sieben Gründe, warum ein Spaziergang eine optimale Form für eine Trauerbegleitung sein kann: 

1.) Draußen sind wir dem Wetter und den Verhältnissen ausgesetzt. Ob es nun regnet oder stürmt, ob eine viel zu heiße Sommersonne auf uns niederknallt oder sich das Wetter von seiner unentschiedenen Seite zeigt: Wir müssen es aushalten, wie es ist. Genauso ist es in der Lebenssituation, in der sich die Menschen nach einem Verlust gerade befinden. Bei der oben geschilderten Spaziergangsbegleitung hat es zwischendurch geregnet und es war durchaus ungemütlich. Also optimale Bedingungen für eine Einzelbegleitung im Freien.

 

2.) Das Schweigen ist nicht so bedrückend wie im Inneren eines Raumes. Während einer Einzelbegleitung kann es immer mal wieder zu Momenten des Schweigens kommen. Eine der Aufgaben eines Trauerbegleiters (und natürlich auch einer Trauerbegleiterin) ist es, hinzuspüren, wann das Schweigen angebracht sein kann. Meistens sind das die Momente, in denen sich im Inneren des zu begleitenden Menschen gerade etwas tut, das jetzt seinen Raum braucht. Ein solches Schweigen erfüllt einen Zweck und kann eine sinnvolle Sache sein, aber natürlich ist es auch - auch für die Klienten - etwas Ungelerntes und Ungewohntes. Und manchen ist es ein wenig peinlich. Vor allem Männern. Hier hilft das Draußensein ungemein: Es gibt Geräusche, Vogelgezwitscher, das Rauschen von Bäumen, es gibt etwas zu sehen, vielleicht kommen einem sowieso gerade andere Spaziergänger entgegen... Also kann sich das Schweigen wirkungsvoll entfalten, ohne dass es als so unangenehm erlebt wird wie im Innern eines Raumes, in dem eine solche Stille auch mal als dröhnend erlebt wird.  

3.) Alles, was es zu sehen gibt, liefert Impulse und Stichworte für den gemeinsamen Prozess. Vor allem in einem Wald ist das oft zu sehen: Wie sich aus den Stümpfen von umgestürzten und abgesägten Bäumen neue Zweige - oder sogar ganz neue Stämme - nach oben recken. Wie sich Bodendecker überall ausbreiten, weil die Natur, anders als der Gartenfachbau und die Landwirte, keine unbedeckten Böden kennt. Wie jede freie Fläche, auf der Wachstum möglich ist, mit der Möglichkeit von Wachstum ausgekleidet wird. Und wie das Verwesen, also sozusagen der Tod, ist immer die elementare Grundlage von allem ist, auf dem das Neue entsteht. Ohne abgefallene Blätter kann kein neuer Boden entstehen, ohne sich aneinander kaputtreibende Steine gäbe es keinen Sand. Gleichermaßen erleben wir in der Natur auch die Ohnmacht, die Zerstörung, die von außen übergestülpte Brutalität: Von Borkenkäfern und Hitzewellen dahingeraffte Kiefern und Fichten, ausgetrocknete Bäche, die früher immer Wasser getragen haben. Das sind kraftvolle Bilder von Wirkungsmechanismen, die sich auf unser Leben übertragen lassen. Sich das bewusst zu machen und es auf sich wirken zu lassen, kann für zusätzliche Impulse sorgen, vielleicht sogar den Raum eröffnen für einen Hauch von Spiritualität, je nachdem, wie der zu begleitende Mensch gestrickt ist. Das ist natürlich das Wichtige daran: Es kann alles ins Wort gebracht werden, was sich anbietet, aber nur, wenn es zu diesem Menschen wirklich zu passen scheint - und zur aktuellen Situation. Ansonsten ist es einfach nur da, um einen herum, und wird vielleicht auf anderen Ebenen wahrgenommen - und wenn nicht, dann ist das auch gut so, wie es ist.


4.) Man muss sich nicht ständig in die Augen sehen. Aus Gruppentreffen kennen wir das: Jemand erzählt der Gruppe etwas, vielleicht etwas Intimes, und der Blick des Sprechers verhaftet sich an irgendeinem Punkt irgendwo, der ihm Halt gibt. Vielleicht eine Kerze, die in der Mitte des Raumes steht. Vielleicht ein Bild an der Wand. Je stärker ihr Inneres zum Ausdruck kommt, desto schwieriger wird es für Menschen oft mit dem Augenkontakt zu anderen Menschen. Das gilt insbesondere für eine Trauerbegleitung - und insbesondere für Männer, mit denen ich ja meist mehr zu tun habe als mit Frauen. Da ist das gemeinsame Gehen genau die richtige Lösung, denn alleine durch das Nebeneinander ist das Sich-in-die-Augen-sehen-müssen meist gar nicht möglich. Auch das wird dann nicht als so unangenehm erlebt. 

 5.) Durch sich ergebende kleine Kunstpausen können sich die Klienten besser nochmal innerlich sammeln und es ergibt sich mehr Abwechslung. Es muss gar nicht der oben erwähnte Moment des längeren Schweigens, weil In-sich-Gehens, sein: Während eines Spaziergangs ergeben sich auch sonst viele kleine Kunstpausen. Sei es, weil gerade ein Hund samt Frauchen oder Herrchen überholt, sei es, weil Jogger, Radfahrer oder andere Spaziergänger entgegenkommen, immer mal wieder ist eine kleine Pause im Gespräch nötig. Dadurch ist eine Begleitung im Freien grundsätzlich immer etwas abgehackter und zerstückelter als ein Gespräch im Inneren - aber das muss nichts Schlechtes sein, im Gegenteil, es hat seine ganz eigenen Qualitäten. Die kleinen Kunstpausen machen es möglich, seinen Gedanken mehr nachzuhängen als in einem Gespräch. Und sie sorgen zudem für eine gewisse Abwechslung. Auch das ist ganz hilfreich für so einen Prozess, bei dem wir immer mal wieder auch in seelischen Notlagen verharren. 

6.) Der zu begleitende Mensch kann seine Lieblingsstrecke wählen, diese kann z. B. auch über einen Friedhof führen - vielleicht sogar den Friedhof, auf dem der gestorbene Mensch liegt, um den es geht. Diese Möglichkeit des Mit-Entscheiden-könnens kann etwas sehr Entlastendes haben: Da muss ich als Klient nicht in irgendein Büro fahren, das ich nicht kenne, oder in einen Gruppenraum, den ich nicht kenne, was ja beides auch wiederum als etwas Unangenehmes erlebt werden kann. Stattdessen kann ich mich, wenn ich möchte, auf ein mir vertrautes Terrain begeben für diesen mir vielleicht sehr unvertrauten Prozess. Das kann zusätzliche Sicherheiten geben. Dieses Terrain ist aber wiederum nicht mein eigentliches Zuhause, was auch wichtig ist - wenn ich es vermeiden kann, eine Trauerbegleitung bei jemandem daheim stattfinden zu lassen, halte ich das immer für die bessere Wahl. Denn dass sich jemand aufmachen muss für diesen Prozess, gehört mit dazu. Das ist sozusagen der erste wichtige Schritt, der für den Prozess an sich von einer gewissen Bedeutung ist. 


7.) Das Gehen macht mehr mit einem, als man im ersten Augenblick so denkt: Das Gleichgewicht von Körper und Seele ist stabiler beim Gehen als beim Sitzen. Was sich innerlich unbeweglich anfühlt, kann durch das Gehen zusätzlich in Bewegung gebracht werden. Ganz abgesehen davon dringt selbst durch düster Regenwolken noch soviel UV-Licht, dass ein Spaziergang im Freien immer aufhellender für die verdüsterte Seele ist als ein Aufenthalt im Inneren. Und die Symbolik des Gehens vermittelt uns das Gefühl, selbst auf einem Weg zu sein, was ja auch der tatsächlichen Lebenssituation entspricht, in der sich die Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise befinden. 

Und, ganz abgesehen von allem oben Genannten: Ich gehe einfach saugerne spazieren. Es tut einem immer gut. Lust drauf, einmal mitzukommen? 



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Freitag, 12. März 2021

Mein erster Mutmacherbrief an Trauernde: Ein paar Zeilen für Dich, über Deinen Schmerz und die Frage, wie lange er noch so unaushaltbar bleiben wird - und ob das wirklich sein muss, dass der Tod so weh tut - ehrlich: alles normal! (Trauer - wann wird es besser?)


Lieber mir unbekannter Mensch,


(oder vielleicht kennen wir uns auch schon persönlich, dann ist es ja umso besser...): Du hast also einen Dir lieben Menschen verloren und bist vielleicht überwältigt davon, wie weh das tun kann - und dass es Dich so nachhaltig beschäftigt. Und so lange! Viel, viel länger als Du jemals gedacht hättest? Wie lange erlebst Du es schon so, dass Du Deinen Schmerz manchmal ganz unaushaltbar findest? Ein paar Wochen? Ein paar Monate? Oder sind es schon ein paar Jahre? Bei vielen Menschen, mit denen ich gesprochen habe, waren es tatsächlich Jahre. Aber das muss nicht heißen, dass das so sein muss. Für Trauer gilt immer: Es gibt nur Deinen eigenen Weg. Kein anderer kann Deinen Trauerweg gehen und Du musst ihn ganz selbst finden. Das Dumme ist halt, dass es keine Straßenschilder gibt. 

Du fragst Dich vielleicht manchmal, ob dieser Schmerz in Dir drin jemals aufhören wird. Manchmal, in Deinen dunkelsten Augenblicken, fragst Du Dich vielleicht sogar, ob Du Dir etwas Extremes antun musst, um den Schmerz in Dir irgendwie zu besänftigen (meine Idee dazu wäre übrigens, dass Du das nicht tun musst). Auch das haben mir Menschen schon so geschildert. 

Ich kann Dir aus meiner Erfahrung mit Menschen in Trauer- und Verlustsituationen nur eines dazu sagen: Keine Sorge, das ist alles ganz normal. Du bist ganz normal. Was Du erlebst, ist eine total normale Reaktion auf eine Situation, die für Dich eben nicht normal ist. Wer hat schon wirklich Erfahrung mit dem Tod - und mit Trauer? Sogar ich, der ich mich fast jeden Tag mit diesem Thema beschäftige, bin immer mal wieder ratlos angesichts der Macht, die der Tod über uns hat. Ganz egal, wie der Tod in Dein Leben hineingegrätscht ist: Er ist immer brutal und gemein. Das macht uns wütend und zornig und aggressiv. Weil wir dem Tod gegenüber immer ohnmächtig sind. Gegen diese Kraft haben wir nichts entgegensetzen. Das hat nichts damit zu tun, dass wir zu schwach sind. Das hat damit zu tun, dass wir eben Menschen sind.   

Nach allem, was mir die Menschen von ihren eigenen Trauersituationen erzählt haben, kann ich Dir eine gute und eine schlechte Nachricht anbieten. 


Die schlechte Nachricht ist: Der Schmerz wird vielleicht niemals ganz weggehen (aber vielleicht möchtest Du das auch gar nicht - hast Du Dich das schon mal gefragt?). Die gute Nachricht ist: Es kann durchaus sein, dass er sich mit den Jahren verwandeln wird und dass er nicht mehr ganz so quälend sein wird. Das jedenfalls ist es, was mir die Menschen oft berichtet haben. Übrigens waren das vor allem Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Die haben mir alle fast übereinstimmend gesagt: Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an mein gestorbenes Kind denke. Aber die Wunde blutet auch nicht mehr so stark wie schon mal. Manchmal ist die Wunde vernarbt. Manchmal bricht die Narbe auch wieder auf. Aber insgesamt tut es nicht mehr so weh wie am Anfang, auch wenn es (viele) Jahre gedauert hat, bis es soweit gekommen ist. 

Aber wie kann es einem gelingen, den Schmerz zu besänftigen? Geht das überhaupt? Vielleicht haben die Menschen um Dich herum Dir vieles gesagt, was Dich aufmuntern sollte, was Dir aber nicht weitergeholfen hat. So etwas wie: Die Zeit heilt alle Wunden. Oder: Kopf hoch, das wird schon wieder. Oder: Du musst auf die positiven Seiten des Lebens blicken. Oder: Lies doch mal ein gutes Buch, das bringt Dich wieder auf andere Gedanken. Und dann hast Du vielleicht festgestellt, dass Dir zum Lesen immer wieder die Konzentration fehlt, dass schon viel Zeit verstrichen ist und es nicht viel besser geworden ist oder dass der Blick auf die positiven Seiten des Lebens Dich irgendwie noch trauriger gemacht hat. Du möchtest nicht undankbar sein, aber all diese guten Tipps haben Dir nicht wirklich geholfen. Aber was dann, fragst Du Dich vielleicht? Was hilft?


Aus meiner Erfahrung mit Trauergruppen und mit vielen Einzelgesprächen kann ich Dir nur eines sagen: Viele Menschen finden es hilfreich, wenn sie ihre Trauer einfach mitteilen können. Und wenn dies in einem Umfeld geschehen kann, wo diese Gefühle nicht kommentiert oder bewertet werden. Das kann zum Beispiel in einer Trauerbegleitung geschehen, in einer Trauergruppe, bei richtig guten Freunden, die so etwas können, oder auch in kreativer Form. Manche Trauernde haben einen eigenen Blog gestartet, um ihre Gefühle zu äußern - und das hat ihnen manchmal erstaunliche Wege in ein anderes Leben geöffnet.

Aber die vielleicht wichtigste Botschaft die ich Dir noch mitgeben möchte, lieber mir unbekannter Mensch (oder vielleicht kennen wir uns auch schon und Du liest diese Zeilen dennoch, das ist mir genauso lieb): Es darf sich für Dich jetzt so anfühlen, wie es sich anfühlt. Auch wenn Du dieses ganze Chaos manchmal am liebsten auf der Stelle loswerden möchtest. Ich kann Dich nur ermutigen, zu versuchen, es auszuhalten und es vielleicht sogar auszuleben. Genau deswegen habe ich meinen Blog "Trauer ist Leben" genannt: Weil Trauer ausgelebt werden möchte - und weil manche Menschen eine gelebte Trauer als hilfreich erlebt haben.

Ich wünsche Dir, dass Du Deinen Weg findest. Alles Gute dafür. 

Herzliche Grüße, Thomas


Mittwoch, 3. Februar 2021

Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellen kann und welche Aufgaben das sind - ein Trauermodell, das mal etwas anderes funktioniert als andere - Eine Mini-Einführung in das Modell der Traueraufgaben nach William Worden

Osnabrück - Ein Trauermodell, das ich gerne benutze bei Gruppentreffen und in meinen Büchern, kommt aus Amerika und geht von einem ganz anderen Ansatz aus als andere Modelle. Nachdem ich vor einigen Monaten auf diesem Blog bereits das "Duale Prozessmodell der Trauer" vorgestellt hatte, was auf sehr viel Interesse gestoßen war (der Link findet sich am Ende des Artikels), möchte ich heute das Augenmerkt auf dieses andere Trauermodell legen, das mir sehr am Herzen liegt. Es geht davon aus, dass die Trauer uns Menschen vor Aufgaben stellt. Et voilá: So funktioniert das Modell der Traueraufgaben nach William Worden.

Wer in Trauer ist, der erlebt oft ein großes Durcheinander verschiedenster Prozesse. Manchmal sogar innerhalb eines Tages. Wut und Aggression tauchen ebenso in Schüben auf wie Phasen großer Ohnmacht und Hilflosigkeit. Das alles verläuft mehr in parallelen Wellenbewegungen. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Verlaufsmodellen und Phasenmodellen, die den Verlauf eines Trauerwegs in verschiedene Stadien einzuordnen versuchen. 
Eines der mich am meisten Überzeugendsten ist dabei das des Trauerforschers Dr. William J. Worden, der sein Modell als "Die Aufgaben der Trauer" (The Tasks Of Mourning) beschreibt. Es ist ein Modell, das meiner Meinung nach die tatsächlichen Gefühlsspiralen und das Hin und Her im Inneren von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise perfekt abzubilden versteht. Und so funktioniert es.


(Foto: Pixabay.com/Tumisu, Cc-0-Lizenz)

Was mir an diesem Modell so gut gefällt, ist alleine schon die Umkehrung der Verhältnisse: Wenn uns die Trauer vor Aufgaben stellt, dann ist es nicht nur ein passives Ereignis, das sich an uns abarbeitet. Sondern wir haben etwas zu tun: Wir müssen Aufgaben lösen. Das finde ich überzeugend. Die "Aufgaben der Trauer" sind eben nicht ein zu erduldendes Durchleben von sich irgendwie einstellenden Verläufen, sondern ein aktives Gestalten und (Mit-) Steuern eines Entwicklungsprozesses. William J Worden ist übrigens eigentlich ein Psychologe, der sich im Laufe seiner Karriere dem Verlauf der Trauer gewidmet hat. Sein Buch "Beratung und Therapie in Trauerfällen" (englisch: Grief counseling and grief therapy) erschien erstmals 1982 und ist für mehrere Neuauflagen von Worden selbst stets aktualisiert und überarbeitet worden. 

William J. Worden sagt, es gibt vier wichtige Aufgaben innerhalb eines Trauerprozesses, denen er jeweils einen bestimmten Namen gegeben hat bzw. eine bestimmte Funktion zugeordnet hat. 

Aufgabe Nr. 1 in der Trauer - nach William Worden: 
Das Begreifen. Das ist leichter gesagt als getan. Grob gesagt geht es darum, die Tragweite des Verlusts zu akzeptieren, diesen als neue Realität anerkennen zu lernen. Der oder die Gestorbene ist tot, wird nicht wiederkehren, das muss erstmal verinnerlicht werden. Oft geht das nur in ganz kleinen Stücken oder ganz kleinen Schritten, oft berichten Trauernde, dass der Verstand dort weiter ist als das Herz es jemals sein könnte. 

(Pixabay.com/Congerdesign, Deutschland, Cc-0-Lizenz)

Aufgabe Nr. 2 in der Trauer - nach William Worden: Die Gefühle und die Schmerzen zu durchleben. Es geht darum, alle Schmerzen und die Verzweiflung zulassen, sie auszuleben, wahrzunehmen, nicht wegzudrücken. Das ist oft besonders schwer, weil dieser Prozess erstens sehr viel länger dauern kann als gedacht und weil zweitens das Umfeld von Trauernden oft ungeduldig wird. Meistens steht dem eine Erwartungshaltung entgegen, die besagt: Komm, sei doch mal wieder normal. Aber normal ist nun einmal gar nichts in einem Trauerprozess, also in einem Prozess, der ja nun gerade das Unnormale aufzuarbeiten wünscht. Laut Worden ist es in Ordnung, all das zuzulassen, was da ist, ja, es sozusagen zu durchschreiten: Ein Gelähmtsein oder eine um sich schlagende Verzweiflung. Eine Niedergeschlagenheit oder eine wachsende Aggression. Die Sehnsucht und das Den-Tod-beklagen. Gehört alles dazu. 

Aufgabe Nr. 3 in der Trauer - nach William Worden: Neuorientierung und das Suchen nach neuer Stabilität. Trauer ist wie ein Mobile aus dem ein Teil herausgeschnitten worden ist. Das ganze System ist in Unordnung geraten, alles, was vorher im Gleichgewicht gewesen ist, gerät in ganz unerwartete Bewegungen. Das System selbst muss sich erst wieder neu orientieren, muss sich neue Stabilitäten suchen, fast alle Komponenten dieses Systems müssen sich neu zusammenfinden. Das braucht Zeit und Geduld - und es ist eine der Aufgaben, vor denen Menschen in einer Verlustkrise oft stehen. Hobbies, die man gepflegt hat, machen keine Freude mehr. Dafür tut es einem plötzlich gut, stundenlange Spaziergänge zu machen oder mit seinen Toten am Grab oder sonstwo einen Dialog zu führen. Menschen, die einem früher gut getan haben, wenden sich plötzlich von einem ab, andere tauchen auf, die hilfreich sein. Das ganze Leben muss sich neu ordnen - und der in einer Verlustkrise steckende Mensch sieht sich vor der Aufgabe, diese Sortierungen vorzunehmen bzw. sorgsam drauf zu achten, was gerade mit ihm geschieht. Darum geht es. 

(Pixabay.com/Tomasz Mikolajcyk, Polen, Cc-0-Lizenz

Aufgabe Nr. 4 in der Trauer - nach William Worden: Der oder dem Toten einen neuen Platz zuweisen. Es geht in einem Trauerprozess eben nicht, wie es Außenstehende einem oft empfehlen, um ein "Loslassen", aber eben auch nicht um ein krampfhaftes "Festhalten". Stattdessen ist es hilfreich, dem Verstorbenen einen gefühlsmäßigen (oder auch tatsächlichen) Platz zu geben, einen Ort, wo man weiß, dass man ihn oder sie finden kann. Dass so etwas funktionieren kann, spiegeln mir die Menschen, die ihre eigenen Verlusterfahrungen schonn vor vielen Jahren gemacht haben, so hart sie auch gewesen sein mögen (verlorene Kinder, beispielsweise): Dass die Trauer niemals so ganz aufhört, dass aber der Schmerz in Intensität verliert, dass das Leben wieder einen neuen Mittelpunkt und eine neue Balance finden kann, auch wenn es keinen Tag gibt, an dem man nicht an den oder die Verstorbenen gedacht hat. Weil die Toten auch im Leben der Hinterbliebenen ihren neuen Platz gefunden haben. Was das bedeuten kann, macht der britische Autor Julian Barnes in einem Satz deutlich: "Das können diejenigen, die den Wendekreis des Leids noch nicht überschritten, oft nicht verstehen - wenn jemand tot ist, dann heißt das zwar, dass er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, dass es ihn nicht mehr gibt." Und darum geht es bei dieser Aufgabe.


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Mittwoch, 20. Januar 2021

Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns in seelischen Krisen gut selbst helfen können, was uns bei inneren Krisen helfen kann - Tipps und Impulse aus der Trauerbegleitung

Osnabrück - Irgendwann in der Coronazeit, irgendwann im zweiten oder dritten Lockdown, hatte ich einen Durchhänger. Zuerst war da nur eine unbändige Wut, ein paar Tage lang, doch dann gesellte sich die Melancholie dazu und überlagerte alles. Immer lähmender das Gefühl der Ohnmacht wegen des Eingesperrtseins im Dauer-"Home"-Zustand, ohne Aussicht auf Veränderungen, das kratzte an meiner Motivation und an der Lebensfreude. Die Akkus waren leer, die inneren Ressourcen aufgebraucht. Der Blues klopfte an die Tür - und mit ihm die Frage, ob in all dieser lähmenden Müdigkeit nicht auch mal der Lebens-Wert verloren geht. Dann habe ich etwas getan, was ich lange nicht mehr gemacht hatte: Ich habe fotografiert - und geschrieben. Nicht etwa, weil mir das Ergebnis wichtig war. Sondern das Tun. Ich hatte mich an das erinnert, was ich in Vorträgen und Trauerbegleitungen gerne anderen Menschen erzähle. Die Sache mit der Selbstwirksamkeit.

Wenn ich über Trauer und Hilflosigkeit spreche, erzähle ich gerne eine Geschichte, die sich auch in meinem Buch "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" finden lässt. Es ist die Geschichte des Witwers, der kurz nach dem Tod seiner Frau damit anfängt, Buddelschiffe zu basteln. Was seine Freunde und Verwandte sehr befremdet. Wieso ein Mann, der eigentlich in Trauer sein sollte, nun plötzlich ein so merkwürdiges Hobby wie das Basteln von Buddelschiffen pflegt, noch dazu mit großem Enthusiasmus und dem Hingegebensein an das Tun, können sie nicht wirklich verstehen. Kopfschüttelnd erklären sie den Mann für vorübergehend nicht ganz bei Verstand. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Denn der psychologische Mechanismus, der sich hier zeigt, ist im Grunde sehr einfach zu entschlüsseln: 

Drinnensein. Rausgucken. Krise. (Alle Fotos: Thomas Achenbach). 

Um dem unerträglichen Gefühl der Ohnmacht entgegenzuwirken, suchen wir uns eine Tätigkeit, in der wir uns als wirksam erleben können. Da reicht schon eine ganz kleine Tätigkeit - es geht nicht darum, ein Haus zu bauen. Vielmehr geht es darum, einen ganz kleinen Bereich seines eigenen Lebens wieder als kontrollierbar erleben zu können. Es geht darum, all der Ohnmacht, der wir uns ausgeliefert sehen, etwas entgegenzustellen. Es geht darum, dass wir uns selbst wieder als ein klitzekleines bisschen wirkmächtig erleben können, auch nur im Kleinen - es geht genau um diese Selbst-Wirksam-Keit. Es kann hilfreich sein, dieses Wort in all diese einzelnen Bestandteile zu zerteilen. Wir selbst schaffen es, dass wir uns als wirksam erleben. Man könnte auch sagen: Wir ziehen uns mit den Haaren ein kleines Stück hinaus aus dem Sumpf. Also dem emotionalen Gefühlssumpf, in dem wir gerade feststecken. Jedenfalls für einen kurzen, wohltuenden Augenblick.

Sogar Staubsaugen hilft gegen die Düsternis


Notfallseelsorger arbeiten nach genau diesem Prinzip: Beim Überbringen einer Todesnachricht achten sie mit sehr feinen Antennen auf alles, was der Empfänger dieser Botschaft so tut. Was sie dabei alles Bizarres erleben, war schon öfter Gegenstand von Vorträgen auf der Messe "Leben und Tod". So kann es zum Beispiel geschehen, dass eine Frau, die vor einigen Minuten vom Tod ihres Sohnes erfahren hat, plötzlich mit dem Staubsaugen beginnt. Eine Reaktion, die für Außenstehende zunächst einmal genauso befremdlich wirkt wie das Basteln von Buddelschiffen nach dem Tod der Ehefrau - doch zeigt sich hier wieder das psychologische Wirkprinzip der Selbstwirksamkeit. Wer staubsaugt, der reinigt seine Wohnung. Wer staubsaugt, der kann etwas tun. Etwas, das einen erkennbaren Nutzen bringt. Wer etwas tun kann, was auch immer, der muss nicht gelähmt von der Ohnmacht auf dem Boden liegenbleiben, wenigstens einen wertvollen Moment lang. Geschieht also so etwas nach dem Überbringen einer Todesnachricht, weiß der Seelsorger, dass seine Aufgabe nun erledigt ist. Die Menschen wieder ein kleines Stück aus dem Schattenreich des Überfahrenseins hinauszuführen, die der erste Schock oft bedeutet, ist eine der wesentlichen Aufgaben in der Notfallseelsorge. Und jeder, der sich gerade jetzt in einer - wie auch immer gearteten - seelischen Notlage befindet, kann es selbst ausprobieren.


Also: Er (also der Mensch) kann etwas tun, das etwas bewirkt. Etwas ganz Kleines. Irgendwas. Staubsaugen. Die Wohnung putzen. Ein Bild malen. Etwas basteln. Etwas schreiben. Lego bauen. Ein Puzzle legen. Was auch immer. Hauptsache, es tut einem gut im Moment des Tuns, weil es als aktiv erlebt wird. Das ist gerade in der aktuellen Coronakrise besonders wichtig. Denn vermutlich haben viele Menschen, so wie ich, gerade die Nase voll vom ewigen Home-Alles: Home-Office. Home-Schooling. Home-Cooking. Home-Sleeping. Home-Cocooning. Home-Reading. Home-Drinking. Home-Netflixing. Home-Hocking. Home, Home, Home, so schön es dort auch ist, auf Dauer ist es einfach zuviel des Guten. Darf einem das so sehr auf die Nerven gehen? Streng genommen: Nein. Schon gar nicht, wenn man den unverschämten Luxus erleben darf, ein ganzes Haus in exponierter Lage bewohnen zu dürfen. So wie wir.

Kollektive Ohnmacht, und alle werkeln daheim


Aber selbst in einem komfortablen Einfamilienhaus wie unserem kann es ein zu enges Miteinandersein geben, dessen Reibungen nichts darüber aussagen, ob man sich in Wahrheit gern hat oder nicht. Selbst Menschen, die sich ungemein liebhaben, brauchen ihr Eigenes und ihre Einsamkeiten, um ihre Beziehungen zueinander frisch zu halten. Schwierig, wenn alle so eng beieinander hocken. Wohltuend, wenn jeder zumindest seinen eigenen Hobbies nachgehen kann, soweit das im Inneren eines Hauses möglich ist. Wohltuend, wenn jeder bemüht ist, ganz für sich sein eigenes Tätigkeitsfeld für seine Selbstwirksamkeit zu finden. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht - es ist wichtig zu betonen, dass dies kein Allheilmittel ist! 


Und doch darf die Wirksamkeit dieses Tuns nicht unterschätzt werden. Das zeigen alleine schon die Erfahrungen aus dem ersten Lockdown im März 2020. Schon damals haben wir erleben können, wie eine ganze Gesellschaft vom Drang nach Selbstwirksamkeit erfasst worden ist - das erste Mal überhaupt für längere Zeit an ihr Zuhause gebunden, fingen die Menschen an, wie besessen etwas zu reparieren und auszumisten, den Garten oder den Balkon zu pflegen, ihr Daheim zu gestalten. Ein ganzes Land stemmte sich gegen diese neue Ohnmacht, die das Coronavirus mitgebracht hatte. Und ich habe wieder erfahren dürfen, dass es das Fotografieren ist, das mir am meisten hilft. Und das Schreiben. Und so ist also an den Tagen meiner persönlichen größten Trübnis dieser kleine Beitrag entstanden, der meiner Melancholie Raum geben und mich durch dieses Tun wieder aus dieser Stimmung herausheben sollte. Hat geklappt. 

Letztlich ein Mechanismus, der auch in einer Trauerbegleitung als Wirkprinzip sichtbar werden kann


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