Dienstag, 7. Februar 2023

Wie aus Trauer Liebe und Dankbarkeit wird - warum sich das Buch meiner Kollegin Iris Willecke lohnt und welche Anregungen es für die Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise bereithält - eine Buchempfehlung für Trauernde (Buchtipp für Menschen in einer Krise)

Osnabrück - Erstmal das Wichtigste: Selbst wenn Dir das Schreiben nicht liegt; selbst wenn Du keinen der in diesem Ratgeber genannten Impulse in die Tat umsetzen möchtest, kann Dir dieses Buch in einem akuten Trauerprozess eine gute Hilfe sein. Obwohl der Titel und der Inhalt das nicht vermuten lassen. Aber lass mich erstmal erläutern, worum es hier überhaupt geht: Die Trauerbegleiterin Iris Willecke hat vor einigen Monaten ein Buch veröffentlicht: „Wie aus Trauer Liebe und Dankbarkeit wird“ heißt es - und worum es geht, verrät der Untertitel: "Schreibimpulse für einen bewussten Weg durch die Trauer." Frei nach dem Motto: Schreib es Dir von der Seele, wenn Du nicht drüber sprechen kannst. Es ist dieses bewusste Wahrnehmen, das das Buch auch außerhalb vom Schreiben empfehlenswert macht - aber nicht nur das.

Denn Iris Willecke hat auch zahlreiche Zitate gefunden, die alleine schon einen Schatz an hilfreichen Sätzen und Impulsen darstellen. Außerdem gibt Iris Willecke ihren Lesern immer wieder die Erlaubnis, so sein zu dürfen, wie sie jetzt sind. 

Zum Beispiel, indem sie sie zum bewussten Jammern einlädt, einer meiner Lieblingstipps aus ihrem Buch: "Geben Sie sich zum 'Baden in Selbstmitleid' maximal 15 Minuten Zeit", rät sie. Als Schreibübung kann dieses Jammern beginnen mit dem Satz "Es tut mir so leid für mich, dass"... Um dann den Fokus umzudrehen, indem sie dazu anregt, auch für den gestorbenen Menschen eine Jammerliste anzulegen: "Es tut mir so leid für Dich, das..." Ich glaube, dass das eine kraftvolle Übung sein kann, die gut tun kann. Ein weiterer Lieblingstipp von mir findet sich im Kapitel über Schuldfragen.


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)


Das ist immer wieder ein großes Thema in vielen Trauerprozessen. Denn die Fragen nach der Schuld können sehr quälend werden, viele Menschen sind in ihrem Trauerprozess tage- wie auch nächtelang mit Grübeleien darüber befasst. Iris Willecke bietet hierzu eine Metaebene an, die hilfreich sein kann: Indem man sich vorstellt, ein Staatsanwalt und ein Verteidiger würden über den konkreten "Schuldfall" sprechen - auch wenn sie das in Wahrheit gar nicht dürften, was Iris Willecke unumwunden einräumt -. Nun versucht jeder den anderen zu überzeugen, einerseits von der tatsächlichen Schuld, andererseits von der Nicht-Schuld. Auch das kann, so glaube ich, eine hilfreiche Übung werden. Wenn man sich darauf einlassen kann, versteht sich.

Aber welche Erfahrungen hat Iris Willecke selbst mit solchen Schreibangeboten gemacht, was funktioniert in Trauergruppen besonders gut, was erleben die Betroffenen als hilfreich? Ich hatte die Chance, Iris ein paar Fragen zu ihrem Buch zuschicken zu können, die sie freundlicherweise für mich beantwortet hat:



Hast Du die Schreibübungen auch schon in Begleitungen (Gruppen/Einzel) erproben können?

Iris Willecke: Ich gebe Schreibimpulse gerne Trauernden als Idee für zuhause an die Hand. Manche probieren es aus und berichten mir dann beim nächsten Mal von ihren Erfahrungen, einige bringen ihre Texte sogar mit. Gelegentlich baue ich kurze Schreibeinheiten in meine Trauergruppenabende ein, das ist aber eher die Ausnahme.

Gibt es eine Übung, die besonders gut ankommt?

Iris Willecke: Viele Trauernde freuen sich über die Möglichkeit, Ihren Verstorbenen Briefe und Botschaften schreiben zu können. Einige berichten, dass sie zwar schon ganz am Anfang einen Abschiedsbrief geschrieben und dem Verstorben mitgegeben haben, sie aber nicht von allein auf den Gedanken gekommen wären, dass es nicht bei diesem einen bleiben muss. Die Beziehung zum Verstorbenen darf ja bestehen bleiben und Kommunikation gehört zu einer Beziehung dazu. Dem Verstorbenen etwas zu schreiben ist eine Form der Kommunikation.Manche Trauernde brauchen aber erst eine Art Erlaubnis und Ermutigung dazu, denn sie haben leider die irrige Vorstellung, dass es seltsam und falsch wäre, wenn sie weiterhin die Verbindung zum Verstorben halten. 

Hast Du eine Schreibübung, von der Du sagen würdest, dass es Deine Lieblingsübung ist?



Iris Willecke: Nein, eigentlich nicht. Ich mag aber mittlerweile Elfchen (Gedichte aus 11 Wörtern) sehr, denn ich habe herausgefunden, dass die vorgegebene, feste Struktur vielen den Zugang zum Gedichteschreiben erleichtert. In einer Trauergruppe bekamen die Teilnehmer mal die freiwillige Hausaufgabe, ein Elfchen zum Thema Verbundenheit zu schreiben. Eine der Teilnehmerinnen kam beim nächsten Abend mit nicht nur einem, sondern ganz vielen wunderbaren Kurzgedichten wieder, die sie uns vorgelesen hat und die bei mir Gänsehautmomente erzeugt haben. Für sie war es zu dem Zeitpunkt offenbar genau die richtige Aufgabe gewesen.

Ist in der Zwischenzeit vielleicht sogar eine Übung dazugekommen, die noch nicht ins Buch konnte?

Iris Willecke: Mir fallen in Gesprächen manchmal spontan Schreibthemen und „Übungen“ ein, die ich dann auch direkt vorschlage. Davon ist mir bisher aber keine in bleibender Erinnerung geblieben.

Iris Willecke ist übrigens gelernte Krankenschwester und hat unter anderem in einem Hospiz gearbeitet. Inzwischen ist sie als freiberufliche  Trauerbegleiterin unterwegs und bezeichnet sich selbst als "Traueraktivistin und ,End-Lich-Botschafterin'". Über die von ihr gestalteten speziellen Postkarten für Trauernde habe ich hier bereits ebenso berichtet wie über den von ihr propagierten "Memento Tag in Deutschland".


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de. 

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: Neue Serie - Das Trauer-Zitat des Monats - Auftakt und Folge 1 aus dem Januar 2023

Ebenfalls auf diesem Blog: Eine wichtige Frage: Wie lange kann Trauer dauern? Das Trauer-Zitat des Monats aus dem Februar 2023 

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Mittwoch, 1. Februar 2023

Das Trauer-Zitat des Monats - #Februar2023 - bemerkenswerte Sätze über Trauer, Tod und Sterben aus Literatur, Interviews und Zeitschriften, Teil 2



"Die Leute fragen mich oft: Wie lange werde ich trauern? (...)  Meine Antwort auf die Frage ist: Wie groß war deine Liebe? Denn genau darin liegt die Antwort." 
    

Patrick O'Mealy

Psychotherapeut und verwaister Vater


(zitiert nach: ARD Alpha, "Trauern ist ein Zeichen von Liebe", Yvonne Maier, 2022)


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Das Trauerzitat des Vormonats: Bitte hier klicken

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Sonntag, 22. Januar 2023

"Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen?" - warum diese Frage immer wieder ein wichtiges Thema im Alltag ist und wieviel Verständnis auch die Nicht-Betroffenen in ihrer Unsicherheit brauchen - Tagebuchnotizen aus meinem Trauerbegleiterleben, Januar 2023

Ein guter Freund berichtet beim gemeinsamen Abendessen von einer jungen Familie, die er gut kennt und deren Kind kurz nach der Geburt gestorben ist. Und von seiner eigenen Hilflosigkeit angesichts dieses Prozesses. Und wie so oft steht die Frage im Raum: Sollten wir den Verlust denn überhaupt ansprechen, macht das die Betroffenen nicht noch trauriger als sie ohnehin schon sind? Das ist eine wichtige Frage, die mit gutem Recht immer wieder aufs Neue besprochen sein will. Für mich ist es außerdem ein neuerliches Anzeichen dafür, wie wichtig es sein kann, dass es "Traueraktivisten" gibt (das Wort prägte eine gute Kollegin), die diese Themen immer wieder in die Gesellschaft tragen und für ein gegenseitiges Verständnis werben. 

Denn das ist so wichtig, finde ich: Verständnis für beide Seiten aufzubringen, eben auch für diejenigen, die nicht akut von dem Trauerfall betroffen sind. Denn wer kann sich schon komplett freisprechen von diesen Unsicherheiten? - Also, ich gewiss nicht. Nicht im Privaten, jedenfalls, so ganz ohne professionelles Setting, trotz all meiner tagtäglichen Beschäftigung mit diesen Themen.

Darin spiegelt sich die Unsicherheit unserer Gesellschaft wieder, wie sich mit allen Themen rund um Tod, Trauer und Sterben souverän umgehen lässt. Einer Gesellschaft, die Tag für Tag zigtausend Fernsehkrimi-Unterhaltungstode aushält, aber bei einem echten Kontakt mit dem Tod immer wieder ganz ratlos davorsteht, weil ihr alle Konventionen abhanden gekommen sind. Und mir wird durch die Frage immer wieder bewusst, wie wichtig doch zwei wesentliche Botschaften und ihr stetiges Wiederholen sind - nämlich diese beiden: 



1.) Nein, es macht die Menschen nicht trauriger, ganz im Gegenteil. Menschen, die einen solchen Verlust erleiden mussten, sind innenraumgreifend ausgefüllt von diesem Kummer. Und das über einen sehr langen Zeitraum, dazu weiter unten gleich mehr. Den Verlust ins Wort zu bringen, ist das, was hilfreich sein kann: Jede Anerkennung dieses Verlusts und dieses Schmerzes kann eine wichtige Unterstützung für die Betroffenen in ihrem Prozess sein. Es anzusprechen, erstmal ganz sanft und vorsichtig, ist nie verkehrt. Es totzuschweigen schon eher, auch wenn ich gut verstehen kann, wie groß die Unsicherheit bei allen Nicht-Betroffenen ist. Deswegen als Ermutigung: Das Wichtigste (und das Einfachste), was du tun kannst, ist, den Menschen mit ihrem Verlust einfach zuzuhören. Nur zuhören, auch wenn sie sich vielleicht oft wiederholen. Und, nein, du brauchst selbst nichts dazu sagen. Gar nichts, wirklich. Stell Fragen. Das reicht. Ehrlich. Du machst ihnen ein großes Geschenk (und sehr viel mehr machen wir in der Trauerbegleitung auch nicht, ehrlicherweise, nur halt aus einer verinnerlichten Haltung heraus).  

2.) Die Betroffenen haben mit ihrem Trauerfall lebenslänglich. Ein solcher Schmerz bleibt nicht nur über Wochen oder Monate, auch seine Intensität nimmt nicht allzu bald ab. Ein solcher Schmerz bleibt über Jahre, mehrere, viele, von denen die ersten zwei oder drei oft besonders hart sein können. Ich denke da an verwaiste Eltern - Mütter wie Väter -, die mir so etwas gesagt haben wie: "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an mein gestorbenes Kind denke" - auch noch Jahrzehnte nach dem Ereignis. Die Wunde mag irgendwann vernarben, aber die Narbe bleibt dick und fett in der Seele kleben und reißt immer mal wieder auf. In all diesen Jahren brauchen die Hinterbliebenen Freunde, die treu sein können, auch wenn das für die Freunde selbst hart werden kann. Aber das ist es, worum es geht: Es geht ums Aushalten. Das ist so wichtig.

Übrigens, was "Traueraktivisten" angeht, eine Notiz noch dazu:

 



Das Wort gefällt mir immer besser. Geprägt hat es meine Kollegin Iris Willecke. Ich finde es super. Klar, eine gewisse Nähe zu den Themen Klima und Klebstoff ist nicht von der Hand zu weisen. Ebenso wie der Vorwurf, auf eine terroristische Art und Weise etwas brutal in die Gesellschaft zu tragen, das vielen missfällt. Trauerterrorist, das passt genausogut. Trauer ist oft auch Terror. Für die Hinterbliebenen vor allem



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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

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Sonntag, 1. Januar 2023

Das Trauer-Zitat des Monats - #Januar 2023 - bemerkenswerte Sätze über Trauer, Tod und Sterben aus Literatur, Interviews und Zeitschriften, Teil 1

 


"Menschen, die vor kurzem jemanden verloren haben, zeigen einen bestimmen Ausdruck, wahrscheinlich nur für diejenigen wahrnehmbar, die diesen Ausdruck schon auf ihren eigenen Gesichtern gesehen haben. (...) Es ist ein Ausdruck extremer Verletzlichkeit, Nacktheit, alles ist sichtbar."

Joan Didion, Das Jahr magischen Denkens

(List-Verlag, Berlin, 2008/2017, Seite 84)


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Sonntag, 7. August 2022

"Er hätte so gerne noch gelebt..." - und was hat er vom Leben gehabt? Wie Du erkennen kannst, ob Dein Leben gerade auf den richtigen Bahnen läuft - Impulse und Gedankenanstöße zum "Memento Mori"-Tag (jeweils am 8. August) - Lebenstipps aus der Trauerbegleitung

Osnabrück - Es sind zwei große Todesanzeigen und sie stehen direkt untereinander. Die untere, geschaltet von der Firma, rühmt die Loyalität und Verbindlichkeit des gestorbenen 63-Jährigen, seine stete Treue zum Unternehmen, seine unermüdliche Einsatzbereitschaft. Der oberen der beiden, geschaltet von der Familie, reichen zwei Sätze, um die ganze Tiefe der Bestürzung hineinzulegen: "Er hätte so gerne noch gelebt - wir hätten so gerne noch Zeit mit ihm gehabt". Das Spannungsfeld, dass zwischen diesen beiden Anzeigen liegt, ist gewaltig – und so facettenreich wie das Leben. Und heute, während ich diese Zeilen schreibe, ist der perfekte Tag um sich das bewusst zu machen. Und um sich alle Fragen einmal selbst zu stellen, die damit einhergehen. Angenommen, in wenigen Tagen wäre es Deine eigene Todesanzeige, die in der Zeitung stehen müsste: Ist Dein Leben gerade auf dem richtigen Kurs? Hast Du die richtigen Akzente gesetzt? Könntest Du "gut gehen", auch von heute auf morgen? 

Schreib Dir einen Zettel und lege ihn neben Dein Bett. Und wenn Du morgen früh aufwachst, wenn Du Dich streckst und räkelst, vielleicht noch mit dieser wohligen Mischung aus Geborgenheit und Restmüdigkeit in Dir, wirf einen Blick auf diesen Zettel. Was auf ihm draufstehen sollte? Vier Wörter: "Es ist nicht selbstverständlich." Denn das ist es nicht. Dass Du wachgeworden bist, wieder; dass Du atmest, weiter; dass Du weiterhin weißt, wer Du bist; dass Dein Herz schlägt, weiterhin. Nichts davon ist selbstverständlich. Das ist ebenso eine Binsenweisheit wie die tiefste und wichtigste Wahrheit, die wir verinnerlichen können (und sollten). Vielleicht die einzige Wahrheit, die es braucht: 

Nichts im Leben ist  selbstverständlich. Gar nichts.


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)
 

Ich habe so oft in meiner Tätigkeit als Trauerbegleiter (und ganz generell in meinem Leben als Mensch auf dieser Welt) mit Fällen zu tun gehabt, die das Gegenteil gezeigt haben. Das 10-jährige Mädchen, gestern kerngesund, das morgens tot im Bett lag, keiner weiß warum (bis heute nicht). Der 35-Jährige, der an Heiligabend nachmittags plötzlich einen Herzschlag erlitt, während der Rest der Familie in der Kirche war - auf der Stelle tot. Die Mittzwanzigerin, die plötzlich keinen Handy- oder Mailkontakt mehr zu ihrer Schwester bekam, weil diese - von ihrem eifersüchtigen Freund erdrosselt - tot in einem Fluss lag. Der mittelständische Geschäftsführer, vermutlich Anfang 60, wenn überhaupt, bei dem eine OP schieflief, die als "Routine" bezeichnet worden war. Die Kinder, die im Mutterleib gestorben waren, all die stillen Geburten, bei denen kein Schrei am Ende eine Erlösung bringt. All die vielen, vielen, vielen Suizide. Und, und, und.... 

Oder noch vor kurzem, dieser Fall, von dem ich oben erzähle, der mit den beiden Todesanzeigen. Auch einer, den ich kannte.

Du auch. Erst irgendwann? Morgen früh? In zwei Tagen? Noch nie darüber nachgedacht? Vielleicht wäre es mal an der Zeit. Und zwar: Genau heute, genau jetzt. "Gedanken an den Tod und das Sterben werden in unserer Gesellschaft oft verdrängt. Wir reden zu wenig über unsere Wünsche, Ängste und Sorgen in Hinblick auf das Lebensende", so schreibt es die Initiative "Memento-Tag" in einer Mitteilung. Und deswegen soll jeweils am 8. August eines Jahres allen Menschen ihre Endlichkeit ins Bewusstsein gerufen werden. Oder wie es die Initiatorin Iris Willecke aus dem Sauerland formuliert: "Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, Themen wie Endlichkeit, Tod, Sterben und Trauer wieder etwas mehr ins gesellschaftliche Bewusstein zu holen". Also, nochmal, liebe Leserin, lieber Leser: Auch Du wirst sterben. Jedes Ausamten - nach dem Einatmen - bringt Dich wieder ein klitzekleines Stückchen näher heran an Deinen eigenen Tod. Bist Du auf einem guten Weg? 



So zu leben, dass man jederzeit gut sterben könnte, das ist vermutlich ein Ding der Unmöglichkeit. Der Mann, der oben beschrieben wird, hat sein Leben ganz klaren Prioritäten unterworfen: Das Unternehmen kam zuerst. Aber weil jede Entscheidung für etwas immer eine Entscheidung gegen etwas anderes ist - ganz zwangsläufig -, stecken so viele verschiedene unterschiedliche Wertekonzepte und Lebensentwürfe in dem Spannungsfeld zwischen diesen beiden Todesanzeigen. Und wer kann das schon, in unserem modernen Leben alle seine Prioritäten stets perfekt ausbalanciert zu halten, so dass nichts verloren geht? Wer kann schon allen und allem gerecht werden im Leben? Selbst, wenn wir unser Bestes tun, irgendwas bleibt immer auf der Strecke. Einfach nur, weil wir eben Menschen sind - und keine Übermenschen sein können. 

Und doch bleibt manches Mal, wenn wir von einem Todesfall hören, einem solchen wie oben, so eine leise Irritation zurück - nach dem Schock und dem Entsetzen. So eine leise Unruhe, ein ungutes Gefühl. Die Frage: Ist mein Leben auf dem richtigen Kurs? Aber wie lässt sich das erkennen?

 


Vielleicht am besten durch eine recht radikale Übung, die aus der Persönlichkeitsentwicklung stammt und in Coachings gerne empfohlen wird: Stell Dir vor, Du wärest jetzt gestorben und hättest die Chance, irgendwie bei Deiner eigenen Trauerfeier zugegen sein zu können. Stell Dir vor, es würden ein enger Freund, ein Kollege von der Arbeit und ein entfernter Bekannter etwas über Dich sagen. Was würde wohl in diesen Trauerreden alles über Dich gesagt werden? Und was nicht? Wären es jeweils freundliche Trauerreden? Oder welche, die sich um Lücken und Leerstellen herumwinden müssen? Oder in denen zarte Andeutungen auf etwas verweisen, das gerade schwierig ist? Setz Dich hin und schreib die von anderen gehaltenen Trauerreden auf Dein jetziges Ich. Durch diesen Perspektivwechsel - sich selbst mit anderen Augen sehen in der Radikalität eines Abschieds -, hast Du eine Chance, Dich kritisch zu durchleuchten. Deinen Werten auf die Spur zu kommen.  

Was willst Du einmal hinterlassen? Ist Dein Leben schon geprägt davon? Was ist der rote Faden Deines Lebens? Was ist für Dich wesentlich? Es lohnt sich, gelegentlich darüber nachzudenken.

Jeder Tag ist ein guter Tag dafür. Ein Tag im Jahr ist ein beonders guter Tag dafür: Der 8. 8. - am "Memento-Tag". Dieser soll, der Philosophie des "Memento Mori" folgend (Bedenke, dass Du sterblich bist), die Menschen an ihre eigene Vergänglichkeit erinnern. Also: An ihren eigenen Tod, der ja unweigerlich einmal folgen wird. Vorbild dafür ist der australische "Dying To Know Day", der bereits seit 2013 einmal im Jahr begangen wird. Wobei die Zahl Acht hier als aufrecht stehendes Symbol der Unendlichkeit zu verstehen ist und der Tag nicht nur als Impulsgeber dienen soll für ein Nachdenken über das eigene Leben, sondern auch für allerlei Aktionen in ganz Deutschland (und für diesen Blogbeitrag). 




Im Zenbuddhismus gibt es eine Weisheit, die - sinngemäß - besagt: Wir atmen das Leben ein - und den Tod aus. 

Hast Du bis zum Ende dieses Textes durchgehalten? Wie oft, was glaubst Du, hast Du ein- und ausgeatmet, während Du ihn gelesen hast? Die Medizin geht davon aus, dass ein erwachsener Mensch pro Minute im Durchschnitt 16 Atemzüge nimmt. Sagen wir, Du hast fünf Minuten lang gelesen, macht das 80 Atemzüge. Atmen, das ist vielleicht das Einzige, das wir wirklich jemals besitzen können im Leben. Auch das ist, wie alles, nicht selbstverständlich. Und jeder Atemzug, den wir tun, bringt uns wieder ein Stück näher heran an unseren eigenen Tod. 80 mal näher bist Du jetzt herangerobbt an diesen Augenblick.  

Wir atmen das Leben ein - und den Tod aus. An dieser Stelle brauchen wir noch eine Tonspur zum Text: Den Klang eines Herzfrequenzmessers. Du kennst den, aus Fernsehserien. Er malt Kurven und macht "Piep - piep - piep". Wenn es gut läuft. 

Ein. "Piep... -  piep...  - piep.. ". Und aus.

Ein. "Piep... -  piep...  - piep.. ". 

Aus

Piiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee.........
.
So gerne noch gelebt? 

Zu spät

.... 


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

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Montag, 1. August 2022

Warum ich die Frage nach Trauer als Krankheit inzwischen anders beurteile als noch vor wenigen Jahren - was sich seit Januar 2022 für Ärzte und Trauernde verändert hat - der neue Code, um den es geht, heißt "6B42" (Anhaltende Trauerstörung) - warum Trauernde manchmal als "krank" gelten wollen, salopp formuliert

Osnabrück - Seit Anfang 2022 ist also Realität, was vielen Fachleuten lange Zeit ein Dorn im Auge war, ja, was teilweise sogar mit einem großen Eifer regelrecht verteufelt wurde. Überspitzt formuliert: Trauer ist jetzt offiziell als "Krankheit" anerkannt. Auch ich habe lange Zeit gegen diese Einführung argumentiert - und habe dann immer wieder feststellen müssen, dass viele Menschen meinen Standpunkt gar nicht verstanden haben - oder ihn fundamental anders gesehen haben. Und zwar vor allem Trauernde. Das hat mich nachdenklich gemacht. Inzwischen glaube ich: Vielleicht sollten wir das Thema "Trauer als Krankheit" einmal aus einer anderen Perspektive beleuchten und nochmal drüber nachdenken.

Das Folgende ist mir öfter passiert, wenn es um die Frage nach Trauer als Krankheit ging: Ich habe viel erzählt. Viel argumentiert. Habe gesagt, dass Trauer nicht als Krankheit gesehen werden dürfte, dass es eine ganz natürliche Reaktion ist. Und danach habe ich oft in ratlose Augen geguckt. Denn der Standpunkt der Betroffenen lautete, manches Mal, trotz allem: Wieso darf Trauer denn keine Krankheit sein, wieso darf ich denn bitte nicht wegen Trauer als krank(-geschrieben) gelten - wir fänden das durchaus begrüßenswert? Und wieso nicht sofort, wieso denn erst nach mehreren Monaten? Hmmja... Das hat mich nachdenklich gemacht. Aber gucken wir uns zunächst mal etwas Anderes an: Was hat sich denn überhaupt verändert? Denn um zu verstehen, worum es hier wirklich geht - und was das alles zudem mit Computerspielsucht zu tun hat - müssen wir ein bisschen weiter ausholen...


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Seit dem 1. Januar 2022 gilt in deutschen Arztpraxen ein neues Regelwerk, nämlich der "ICD 11". Dabei handelt es sich um ein Verzeichnis aller Krankheiten, sozusagen. Herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation WHO und in regelmäßigen Abständen überarbeitet, lassen sich in diesem Katalog die international geltenden Klassifikationen aller derzeit bekannter Krankheiten finden, ausgedrückt in Zahlencodes. Mit denen hatte jeder von uns schon einmal zu tun: Denn die Codes, die in der ICD geregelt sind, werden auf den so genannten gelben Schein aufgedruckt. Die Abkürzung ICD steht für "International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems", es handelt sich also um einen weltweit genormten Standard. Jetzt ist eine Neuauflage davon in Kraft getreten.

Ebenfalls neu ist die "Computerspielsucht" 

Hintergrund sind neue oder sich verändernde Krankheitsbilder, die in der Neuauflage mit aufgenommen worden sind. So lassen sich in der ICD-11 beispielsweise die bislang nicht als Krankheit anerkannte "Computerspielsucht" (6C50.0) oder eine "zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung" (6C72) finden, gleichermaßen gibt es jetzt genauere Abstufungen beim Burn-Out-Syndrom. Auch für Trauer gab es bislang keinen eigenen Diagnoseschlüssel, was sich mit der Neueinführung geändert hat.



Wobei es dabei nicht um Trauer allgemein gilt, sondern genauer gesagt um die so genannte verkomplizierte Trauer, die auch als "Anhaltende Trauerstörung" definiert wird (6b42). Wenn ein Arzt diese Diagnose stellt, kann sich ein Betroffener zu einem Psychologen und in eine Therapie überweisen lassen (und leider noch nicht zu einem Trauerbegleiter - weil noch nicht von Krankenkassen anerkennt). Aber: Ab wann hat sich eine Trauer zu einer "verkomplizierten Trauer" gewandelt? Im ICD steht dazu, knapp zusammengefasst: Immer dann, wenn ein Mensch länger als sechs Monate unter sehr heftigen durch die Trauer verursachten Symptomen leidet. Dazu kann gehören: Eine enorme Sehnsucht nach den Verstorbenen, Anzeichen von anhaltenden Konzentrationsschwächen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, etc. Als Leitfaden gilt die Unfähigkeit, wieder in einen geregelten Alltag zurückzukehren. 

 
Sechs Monate sind nicht lang genug


Hier sagen die meisten Fachleute, so auch ich (auch weiterhin): Das ist zu früh. Auch wenn unbestritten ist, dass sich Trauer verkomplizieren kann und dass diese so genannten prolongierte Trauer besser professionell angesehen und besprochen werden sollte, reichen sechs Monate als Zeitraum für eine solide Diagnose nicht aus. Aus zwei Gründen. 




Erstens, weil das wichtige "erste Jahr" nach dem Todesfall noch gar nicht abgelaufen ist. Dabei sind genau diese ersten zwölf Monate nach dem Tod eines Menschen für die Hinterbliebenen von einer besonderen Bedeutung. Sind sie doch gefüllt mit zahlreichen "ersten Malen", für die es jeweils noch keine Lernerfahrungen gibt: das erste Mal Todestag, das erste Mal Geburtstag der verstorbenen Person(en), das erste Mal Weihnachten, etc. Und zweitens, weil sehr viele Trauernde davon berichten, dass sich erst im zweiten Jahr, also nach wenigstens zwölf Monaten (und mehr), erste merkliche Veränderungen bei ihnen eingestellt hätten. Bei manchen mehr, bei manchen weniger. Überhaupt müssen wir an dieser Stelle mit Pauschalisierungen sehr vorsichtig sein. Denn die Grundlage ist immer: Es gibt nicht die eine Trauer, die immer gleich verläuft - Trauer ist ein hochindividueller Prozess. Anders gesagt: Es gibt nur Deine Trauer, Deinen Weg. Jeder muss seinen eigenen gehen. 
  

Menschen wollen die Bestätigung: Ausnahmezustand!


Ein weiterer Grund, warum es soviel Empörung über die Frage nach "Trauer als Krankheit" gegeben hat: Weil die meisten Trauerbegleiter ebenso wie die in der Hospiz- und Palliativszene engagierten Menschen davon überzeugt sind, dass Trauer ein ganz normaler, ganz natürlicher und keinesfalls krankhafter Prozess ist. Schon gar nicht sollte Trauer eine "Störung" gewertet werden. Dieser Meinung hatte ich mich lange vollumfänglich angeschlossen. Aber ich bin damit nicht zu den Menschen durchgedrungen, die mitten in diesen Prozessen stecken. Denn in deren Erleben drehte sich die Argumentation wieder um: Eben weil sie ihre Trauer über weite Strecken als zu stark erlebten, als unaushaltbar, eben weil die Trauer sie in ihrem natürlichen Sein behinderte, erlebten sie das gerade als enorm belastend - und damit durchaus als störend. Gleichzeitig handelt es sich um ein Leiden, das von den Wenigsten wirklich gesehen wird, geschweige denn anerkannt, zumal über einen so langen Zeitraum wie ein Jahr und mehr. Auch das stört. Und genau deswegen wünschen sich die Menschen oft, die Trauer möge bitte ein Siegel bekommen, eine offizielle Legitimation, ein Amtsschreiben, das allen anderen dokumentiert: Jawohl, haben wir geprüft; ist vorhanden; ist sehr belastend, diesen Menschen geht es tatsächlich eher schlecht, Stempel drauf, können wir bestätigen.




Folgen wir einmal dieser Logik, stößt die bislang versuchte Gegenargumentation - nein, Du bist nicht krank, nein, Trauer ist niemals eine Krankheit - unter Umständen in genau das falsche Horn, weil sie den oben beschriebenen Wirkmechanismus wieder entkräften könnte.  Und so gesehen müsste man nochmal ganz neu denken: Warum gibt es keinen ICD-Code für durch Trauer verursachte Erstsymptome, die sofort gelten, wenige Tage nach dem Todestag bzw. dem Auslöser für die Trauer? Warum können sich Menschen nicht binnen der ersten drei Monate offiziell als durch Trauer arbeitsunfähig einordnen lassen? Wäre das nicht der viel richtigere Schritt? Müssten wir alle aus dem Kontext von Trauerbegleitung, Hospiz- und Palliativbewegung, die wir dies bislang so eingeordnet haben, ggf. ebenfalls nochmal neu denken?

WHO, wir haben da vermutlich ein Problem. #ICD12, könnten wir schon mal reden, wir beiden....? Also so ganz unter uns...? 


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

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Mittwoch, 20. Juli 2022

Wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat..... - was das mit Dir machen kann und was Du dann alles fühlen kannst - und darfst (!) - sieben Erlaubnisse und Hinweise rund um das (sehr häufige) Thema Suizid - Gefühle und Trauer nach einem Suizid

Wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat, hinterlässt er meistens ein ganzes System aus Ratlosigkeit und Verzweiflung. Da gibt es die Familie, die Freunde, die Kollegen. Je enger man mit dem Gestorbenen war, je näher man sich war, desto tiefgehender können die inneren Prozesse sein, die sich jetzt in die Seelen dieser Menschen bohren. Was da alles in einem hochkochen kann, dafür fehlt es meistens an Erfahrungen. Also tut man in seiner Ratlosigkeit oft das, was am naheliegendsten zu sein scheint: Zum Beispiel versucht man sich zu verbieten, was einen am meisten erschreckt (Wut, Aggression). Oder man suhlt sich in dem, was alles mit Sch... beginnt (Schuld, Scham). Aber wie soll es gehen - das Umgehen mit dem Suizid eines anderen? Hier sind ein paar Hinweise dazu. Und ein paar, sagen wir, Erlaubnisse. Wie zum Beispiel dieses: Du hast jedes Recht auf Dein Entsetzen, wie hartnäckig es auch sein mag!  

Ende Juli stellen die Vögel langsam ihren Gesang ein. Das ist normal: Es ist Hochsommer, ihre Frühjahrskraft ist erschöpft, der Nachwuchs ist aus dem Nest, sie müssen sich für andere Aufgaben vorbereiten. Der Hochsommer ist aber auch noch etwas anderes: Es ist die Hochphase für Suizide. Zwar hält sich hartnäckig die Annahme, dass sich vor allem in den dunklen Monaten die Menschen das Leben nehmen wollen, aber die Statistiken sprechen eine andere Sprache (wie unter anderem die Zeitung "Die Welt" berichtete). 


Irreal. Abgekapselt. In einer Blase außerhalb der Welt. So beschreiben viele Hinterbliebene ihren emotionalen Zustand nach einem Suizid (alle Fotos: Thomas Achenbach).

Kein Wunder also, dass der Sänger Chester Bennington von der Rockband Linkin Park einen Tag im Hochsommer, nämlich den 20. Juli, als Datum für seinen Suizid wählte (was übrigens mein Geburtstag ist, mehr dazu in einem anderen Blogbeitrag zum Thema Suizid und was wir präventiv tun könnten, siehe hier). Er ist nicht der einzige aus der Welt der Rockmusik, der Jahreskalender ist voll von ihren Suiziden: Keith Emerson von Emerson Lake and Palmer wählte den März als Todestag, Kurt Cobain von Nirvana erschoss sich im April, Chris Cornell von Soundgarden nahm sich Mitte Mai das Leben, und, und, und... (ACHTUNG: Wenn Du Dich selbst gerade einsam fühlst und vielleicht daran denkst, Dir etwas anzutun und diese Gedanken nicht loswirst, dann hier ein wichtiger Hinweis: Es gibt Menschen, die mit Dir darüber sprechen können, die extra dafür qualifiziert sind – Du kannst sie jederzeit anrufen oder anmailen: z.B. bei der Telefonseelsorge unter 0800/1110111 - oder online als Chat oder E-Mail-Beratung über die Online-Telefonseelsorge).

Es geht so vielen anderen ganz genauso

Warum ausgerechnet ich mich jetzt berufen fühle, Dir etwas zum Thema Suizid zu erzählen, Dir sogar "Erlaubnisse" zu geben? Weil ich in meiner Tätigkeit als Trauerbegleiter vor allem mit dem Thema Suizid zu tun hatte. Weil der Suizid sehr, sehr häufig vorkommt. Und weil ich auch schon mit den "Angehörigen um Suizid" habe zusammenarbeiten dürfen (ebenfalls passend zum Thema: "In meinem Mann muss es unvorstellbar dunkel gewesen sein", eine junge Frau berichtet in meinem Podcast vom Suizid ihres Mannes).... 

Die Statistiken sprechen eine klare Spiele

Werfen wir einen Blick auf die Statistiken, ist der Suizid ein total alltägliches Thema. Alle 53 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben - das sind also rund 27 Tote pro Tag. Experten gehen davon aus, dass sich in Deutschland alle fünf Minuten jemand das Leben zu nehmen versucht (viele weitere Zahlen zum Thema Suizid findest Du in einem anderen Artikel auf diesem Blog). Und doch ist die Scham bei den Hinterbliebenen so groß, dass sie sich oft kaum über dieses Thema zu sprechen trauen. Was schade ist, denn es geht so vielen anderen ganz genau so! So vielen anderen! Und wir würden davon viel mehr erfahren, wenn die Menschen einfach drüber reden könnten. Deswegen ist es mir so wichtig, diese sieben Punkte aufzulisten. Sieben Impulse, die Dir vielleicht ein kleines bisschen dabei helfen zu verstehen, was jetzt gerade alles mit Dir (und in Dir) geschehen kann (aber nicht muss) - oder noch geschehen kann.

Hier sind sie:

1. Es ist normal, wenn Du (heftige) Schuldgefühle entwickelst - das geht fast allen so. In meinen Trauergruppen und in der Zusammenarbeit mit AGUS-Gruppen (den "Angehörigen um Suizid") habe ich immer wieder erlebt, dass massive Schuldgefühle eines der größten Themen sein können, mit denen sich die Betroffenen herumplagen. Nach dem Motto: Ich hätte doch etwas tun können. Ich hätte es doch verhindern müssen. All solche und andere Gedanken können so quälend werden, dass sie - wie die ganze Situation an sich - unhaushaltbar werden. Mir ist dann immer wichtig zu vermitteln, dass diese Schuldgefühle meiner Meinung nach eine ganz andere Rolle spielen. Dass es aber genauso wichtig ist, sie nicht einfach so lapidar beiseite zu wischen: In Wahrheit geht es, davon bin ich überzeugt, dabei um Ohnmacht. Wer sich der Idee hingibt, er habe ja noch etwas tun können, muss sich nicht eingestehen, wie hilflos und ohnmächtig er in Wahrheit (gewesen) ist. Wohlgemerkt: Sich schuldig zu fühlen, ist noch etwas kolossal anderes, als tatsächlich an etwas schuld zu sein. Und eine tatsächliche Schuld festzustellen ist eine Aufgabe, die selbst von einem professionellen Gericht nicht so rasch gelöst werden kann, sonst würden die Prozesse alle nicht so lange dauern. Vor allem aber erfüllen Schuldgefühle, so heftig sie auch sein mögen, in Wahrheit die oben bereits genannte Funktion. Das fühlt sich zwar immer noch, ich bitte um Entschuldigung, richtig kacke an - aber eben nicht ganz so lähmend wie eine reine Ohnmacht (die es auch geben kann). Deswegen kommen die Schuldgefühle auch meistens im Konjunktiv daher: "Ich hätte dies und jenes tun können, ich hätte doch noch diese oder jenes probieren sollen, warum habe ich nicht", und so weiter und so weiter. Wenn Deine Schuldgefühle eine überbordende Macht annehmen, unter der Du viele Monate leidest, kann das immer noch normal sein, aber es kann dann eine gute Idee sein, sich professionelle Hilfe zu holen, zum Beispiel bei Trauerbegleitern.  


Das Gefühl, dass alles in Trümmern liegt, das ganze Leben. 


2. Du darfst den gestorbenen Menschen anklagen und beschimpfen, Du musst kein schlechtes Gewissen haben deswegen. Gleichermaßen gilt aber auch: Du darfst eine unstillbare Sehnsucht nach dem gestorbenen Menschen haben. Manchmal hast Du vielleicht sogar beides gleichzeitig. Das geht. Aber wenn es die Wut ist, die gerade überhand nimmt, dann musst Du Dir diese Wut nicht verbieten. Was ein Mensch, der sich das Leben nimmt, anderen Menschen damit antut (plus die vielen anderen Dinge, mit denen dieser Mensch Dich jetzt alleinelässt, Kinder vielleicht, oder Schulden, oder Geheimnisse), ist meistens überfordernd viel. Du hast jedes Recht auf Deine Wut. Wieso auch nicht? Und auf Deine Sehnsucht. Und überhaupt auf alles, was jetzt gerade auf Dich einstürmen mag. Dass Du eine enorme Wut auf diesen Menschen entwickeln kannst, heißt nicht etwa, dass sich deine Zuneigung zu ihm verändern würde, die bleibt genauso unangetastet, wie sie vorher gewesen ist (oder wird sogar noch stärker), es kommen jetzt nur weitere und neue Gefühle zu diesem merkwürdigen Mix dazu. Das gilt es einfach zu akzeptieren und auszuhalten. Oder auch: das auszuleben. Ich kenne Menschen, die sich neben ihr Bett einen Tennisschläger gelegt haben. Damit sie immer dann, wenn die Wut kommt, auf das Bett einprügeln können. Das finde ich eine gute Strategie. Manchen hilft es auch, wenn sie einen Brief an den gestorbenen Menschen schreiben und darin alles rauslassen, was sie gerade fühlen. Diesen Brief kannst Du, wenn Du magst, nachher verbrennen oder vergraben oder an einem versteckten Ort aufbewahren. Und was nach der Wut meistens folgt - auch ganz normal -, ist der Wutkater. Wie bei Alkohol: Wer den Rausch einmal zugelassen hat, im Fall von Alkohol bitte als eine seltene Ausnahme, wird später unter seinen Folgen leiden. Kann trotzdem gut tun.

3. Du darfst Dich selbst als emotional taub erleben. Du hast jedes Recht auf diese Taubheit. Oder auf die Angst davor, jetzt selbst depressiv zu werden. Deine Taubheit kann eine sinnvolle Reaktion sein auf dieses viel zu große Andere, das jetzt auf Dich einstürmt. Im Schockzustand, den eine solche Situation auslösen kann, werden Dein Körper und Deine Seele irgendwie für sich selbst sorgen. Und beide, im Zusammenspiel, haben ein gutes inneres Sensorium dafür, was sie an Dich heranlassen können und was nicht. Es kann sein, dass diese gewaltige Überforderung nur in homöopathischen Dosen zu Dir durchdringt. Das ist in Ordnung so. Das darf so sein. Zu diesen Gefühlen der Taubheit können sich noch allerlei andere, sagen wir, Symptome dazugesellen: Alpträume, Ängste, unwirkliche oder bedrohliche Gedanken. Außerdem können sich körperliche Begleiterscheinungen zeigen: Schüttelfrost oder Kältegefühl, Apettitlosigkeit, das Gefühl von einer auch körperlichen Erstarrung. So geht es vielen anderen auch. In ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Das kann alles dazugehören, muss es nicht. Kann überraschend lange dauern, kann nach kurzer Zeit vorbei sein. Nicht selten ist es so, dass ein Mensch, der in einer so mächtigen Dunkelheit gelebt haben muss wie jemand, der sich das Leben nehmen möchte, auch sein Umfeld in eine jeweils eigene Form der Dunkelheit hineinschickt, zumindest für einen gewissen Zeitraum. Achte gut auf Dich und auf das, was in Deinem Inneren geschieht und such Dir ohne Hemmungen Hilfe, sobald Du das Gefühl hast, es könnte zu dunkel werden in Deinem Inneren (dann hilft Dir ebenfalls die Telefonseelsorge, wie oben schon beschrieben - 0800/1110111).



 

4. Du darfst die Welt nicht mehr verstehen. Unwirklich - das ist ein Wort, das im Kontext von Suizid oft fällt. Alles kommt einem unwirklich vor, nicht real, wie ein böser Traum. Es ist manchmal so, als hätte sich eine große, undurchdringliche Glocke über einen gestülpt und jegliches andere Leben ausgeschlossen. In dieser Glockenwelt zu leben ist so, als ob einen die andere Welt da draußen gar nicht mehr erreicht. Parallel dazu kann es sein, dass die Fragen im Kopf zu rotieren beginnen - und dass dieses Rotieren gar nicht mehr aufhören mag. Der Trauerforscher William Worden hat als eine der größten Aufgaben, vor die uns die Trauer stellt, das "Begreifen" definiert. Aber wie soll man begreifen können (aushalten können), was doch so unbegreiflich ist (unhaushaltbar ist)? Wer soll denn da noch die Welt verstehen können? Es ist okay, wenn Du Dich so fühlst. Vielleicht findest Du einen Ort, wo Du es in Worte fassen kannst, es aussprechen kannst oder es aufschreiben kannst. Das könnte ein guter erster Schritt sein, wenn es ginge. Vieles aufschreiben oder ein Tagebuch führen, das ist auch in anderer Hinsicht eine gute Idee: Denn auch Gedächtnislücken, Erinnerungsausfälle und ein Verlust des Kurzzeitgedächtnisses können zu diesem Prozess dazugehören.

5. Du darfst selbst jetzt nicht mehr weiter wissen. Wie solltest Du denn Antworten haben, wo Dein ganzes Leben aus tausend neuer Fragen besteht? Es ist okay und ganz normal, wenn Dein Leben erstmal im Krisenmodus bleibt. Und wenn dieser Modus eine lange Zeit in Anspruch nimmt. Dein Leben darf jetzt Chaos sein und sich verrückt anfühlen, tatsächlich ist ja genau das geschehen: Alles, was einmal gewesen ist, hat sich verschoben, es ist ver-rückt. Versuche gnädig mit Dir selbst zu sein und Dir Zeit zu geben. Was manche Menschen als hilfreich empfinden, ist, ein Skalen-Tagebuch zu führen, in dem Du Tag für Tag festhalten und beobachten kannst: Wie schlimm ist der innere Schmerz heute auf einer Skala von 1 bis 10, wie schlimm ist meine innere Verwirrung auf einer Skala von 1 bis 10, wie schlimm ist meine innere Taubheit heute auf einer Skala von 1 bis 10, und so weiter. Achte auf die feinen Nuancen und die homöopathischen Veränderungen. Jede kleine Veränderung kann ein wichtiges Immerhin sein für Deinen weiteren Weg. Worauf Du Dich aber einstellen solltest: Dass jede Veränderung zum Guten sich auch wieder ins Schlechte verwandeln kann, rasch und unerwartet. Dieses Auf und Ab, diese Wellenbewegung, ist ganz typisch für einen Trauerprozess. 



6. Du darfst jetzt alles sein, was auf -los endet: Fassungslos, ratlos, machtlos, orientierungslos, antriebslos, mutlos, haltlos, lustlos, ruhelos, hoffnungslos, kopflos, bodenlos, und sogar rücksichtslos, sogar das. Nur nicht wertlos, auch wenn Du Dir manchmal so vorkommst. Das ist das Gemeine daran, wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat: Dass es einem selbst so sehr jedes Selbstvertrauen nehmen kann. Was dann hilfreich sein kann: Sich mit anderen darüber austauschen, beispielsweise bei den Angehörigen um Suizid, die Selbsthilfegruppen betreiben. Erfahren zu dürfen, dass es anderen immerhin genauso geht (und das tut es!), kann gut tun.

7. Du darfst Dich einsam und verlassen fühlen - das geht fast allen so. Wohlgemerkt: Sich verlassen zu fühlen, ist noch etwas kolossal anderes, als tatsächlich verlassen zu sein. Du hast jedes Recht auf dieses Gefühl von Verlassensein. Aber vielleicht gelingt es Dir ja, sich innerhalb einer Gruppe - quasi gemeinsam - einsam zu fühlen, wenn Du eine passende Trauergruppen finden kannst. Deinen Freunden und Deinen Bekannten darfst Du gerne spiegeln, wie gut es Dir tun würde, immer wieder über das Erlebte zu reden (wenn Du das möchtest) und dass sie niemals eine Scheu davor haben sollten, es anzusprechen. Die meisten Menschen sind ängstlich, weil sie glauben, sie könnten damit neue Schmerzen auslösen - mach' Ihnen klar, dass das nicht so ist, wenn Du das Bedürfnis hast, über Dein Erleben zu sprechen.


   

Was Dir ebenfalls alles geschehen kann, wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat: Dass Du Dich als Versager/in in allen Lebensbelangen fühlst. Dass Du alles, was vorher gewesen ist, in Frage stellst. Dass Du das Gefühl hast, alles nicht richtig verstanden zu haben. Dass Du manchmal vielleicht regelrecht besessen bist von der Idee, nach Zeichen zu suchen, die schon vorher auf dieses kommende Ereignis hätten hindeuten können. Dass Du Dich mit allen Fragen quälst, die mit einem W beginnen: Warum gerade ich, warum gerade so, was ist der Sinn dahinter? Und noch vieles mehr. Und genau deswegen, nochmal, das ist mir ganz wichtig: Du bist mit all diesen Symptomen nicht alleine. Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland bis zu 10 000 Menschen das Leben. Zehntausend. Jedes Jahr. Rechnen wir für jeden toten Menschen drei Angehörige und einen guten Freund dazu, mal ganz vorsichtig geschätzt, macht das 400 000 Betroffene jedes Jahr. Das ist eine fette Großstadt voller Betroffene, jedes Jahr aufs Neue.

Ein weiterer ganz wichtiger Aspekt kommt dazu, wenn Du noch Familie hast (Kinder, vor allem): Du kannst - phasenweise oder langfristig - so sehr mit Dir selbst beschäftigt sein, dass Du die Trauer der Anderen nicht selbst mit auffangen kannst. Wer keine eigenen Ressourcen mehr hat, kann für andere Menschen keine Ressourcen aufbauen. Dann ist es Zeit, sich Hilfe ins Familiensystem zu holen, und jede Hilfe sollte dann bei Dir selbst beginnen.  

Jede Trauer macht einsam - man kann zusammen einsam sein


Die Verzweiflung ist hoch bei allen Menschen, die das erlebt haben. Es ist gut, dass es in Deutschland so viele Gruppen der AGUS-Initiativen gibt - es ist hilfreich, sich auszutauschen und dabei zu lernen: Ich bin immer noch einsam und ohnmächtig in meiner Trauer, denn jede Trauer ist ein einsamer Prozess und oft gekoppelt an Verzweiflung. Aber ich kann einsam sein mit anderen zusammen, die genauso einsam sind. Das kann etwas Gutes sein. 

Hier gibt es weitere Hilfe für Dich: Die "Angehörigen um Suizid" (AGUS) haben eine Broschüre verfasst, in der sich viele weitere gute Anregungen finden lassen und die es kostenlos im Internet zum Lesen und Herunterladen gibt. "Symbolhandlungen und Rituale für Hinterbliebene nach einem Suizid" heißt sie und sie ist unter diesem Link zu finden. Auf der AGUS-Website findet sich auch eine Übersicht aller im deutschsprachigen Raum aktiven Selbsthilfegruppen, vielleicht ist auch eine Gruppe in Deiner Nähe mit dabei (hier kannst Du es herausfinden)


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