Mittwoch, 23. März 2022

Von der Trauerbegleitung fürs Leben lernen... wie sich Lebenskrisen aller Art bezähmen lassen - Auch seelische Muskeln lassen sich trainieren und immer mehr stärken.... Tipps und Impulse für ein gelingendes Leben

Wie kommen wir gut durch die Krisenzeiten unseres Lebens? Was hilft, wenn Seele und Geist (und vielleicht auch der Körper) einen der Tiefpunkte des Lebens zu durchschreiten haben? Gibt es vielleicht gute Strategien zur allgemeinen Lebenshilfe, die die Trauerbegleitung anbieten kann? Oder anders gefragt: Lässt sich aus der Trauerbegleitung etwas fürs Leben allgemein lernen? Für die Trauerbeilage der Neuen Osnabrücker Zeitung durfte ich zwei exklusive Artikel schreiben, deren ungekürzte Originalfassungen ich jetzt auch auf meinen Blog anbieten darf. Hier ist die zweite davon - und es geht darin nicht allein um Trauer:

"Du kennst Dich doch mit sowas aus". Einer dieser Sätze, mit dem sich jemand, der sich auf Trauerbegleitung spezialisiert hat, gelegentlich konfrontiert sieht. Ein Satz, der oft, aber durchaus nicht immer, im Kontext von Tod, Trauer und Sterben gesagt wird. Sondern manchmal einfach nur, weil jemand in einer Lebenskrise ganz anderer Natur steckt. Es steht die Vermutung im Raum: Wer Erfahrungen mit Trauer hat, wer Menschen in einer solchen Ausnahmesituation begleitet, der kann auch bei anderen Krisen helfen. Aber ist das wirklich so? Nun, tatsächlich lassen sich aus der Trauerbegleitung heraus ein paar Impulse ableiten, was bei Krisen allgemein hilfreich sein kann. Immer unter der Prämisse: Trauer selbst ist ein Land, das seine ganz eigenen Regeln hat.   

Hier sind zuerst einmal fünf Impulse für die Betroffenen selbst:  

- 1. Wo Ohnmacht ist, hilft Selbstwirksamkeit: Rein psychologisch gesehen wird Selbstwirksamkeit definiert als die Gewissheit, eine Situation selbst meistern zu können. Was in Krisensituationen schon etwas ziemlich Großes sein kann, je nachdem, wie groß die Ohnmacht bzw. die Hilflosigkeit ist, der man sich ausgesetzt fühlt. Aber dieses ganz Große beginnt meist im ganz Kleinen. Schon kleinste Handlungen können zeigen, dass die Ohnmacht zwar noch da ist, aber nicht mehr die alles beherrschende Übermacht über die Psyche hat - wie zum Beispiel das Staubsaugen (ja, sogar das Staubsaugen). Auf dieses Wirkprinzip setzt unter anderem die Notfallseelsorge. Der dahinterliegende Gedanke lässt sich in den Alltag transportieren. Wer beispielsweise in ein Fitnessstudio geht und dort seine Hanteln schwingt, der trainiert seinen Muskel - immerhin etwas, das funktioniert, auch wenn Seele und Psyche ansonsten am Boden liegen. Der frisch verwitwete Mann, der anfängt, sich selbst Reis zu kochen und ein paar ganz simple Haushaltstricks ganz neu zu lernen, erlebt sich als ein klein wenig (selbst-) wirksamer als vorher. Was für ihn schon mal ein klitzekleines Erfolgserlebnis ist, aller Ohnmacht zum Trotz. Darum geht es: Auf einer ganz kleinen Ebene wieder ein Gefühl von eigener Handlungsmöglichkeit erfahren zu können. 


Hindernisse, Ohnmächte - Lebenskrisen.... (alle Fotos: Thomas Achenbach).

- 2. Seine eigenen Überforderungen einzugestehen, kann einen weiterbringen - weiter jedenfalls als das überall omnipräsente "Alles gut"... - Bloß keine Schwächen zeigen, bloß nicht zeigen, dass man eigentlich nicht weiterweiß, sich bloß nicht blamieren. Noch viel zu oft erleben wir im Arbeitsalltag, aber auch im persönlichen Alltag, wie Menschen einem vermitteln, es sei alles in Ordnung. Auch wenn man sich ganz leise fragt, ob das wirklich so ist - bzw. ob es wirklich so sein kann. Der Kollege, der gerade in Arbeit ertrinkt, sagt: Alles gut. Der Nachbar, dessen Frau ihn verlassen hat: Alles gut. Der plötzlich alleinerziehende verwitwete Vater, den wir beim Abholen an der Schule treffen: Alles gut. Aber: Wenn wirklich immer alles gut wäre - wie unmenschlich wäre denn das, bitte? Und dennoch: Wer traut sich schon, anderen Menschen - aber auch sich selbst gegenüber - einzugestehen; nein, es ist gerade eben nicht alles gut? Ich stecke gerade in einer Krise. Genau das ist der innere Schalter, den umzulegen so hilfreich sein kann. Wer sich - und anderen - seine Überforderungen eingestehen mag, der nimmt eine andere Haltung ein: Ich bin gerade in einer Krise. Ich kann das akzeptieren. Das bedeutet nicht, dass ich es begrüße oder toll finde; es bedeutet auch nicht, dass ich resigniere. Akzeptanz heißt nicht, aufgeben oder sich überfahren lassen. Akzeptanz heißt nur, sich nicht immer gegen das anzustemmen, was gerade ist. Denn wie es im Coaching so schön heißt: "Whatever you resist, will persist" - sprich: das, wogegen Du Dich am meisten stemmst, wird alleine durch Deine Anstrengungen nur noch größer und größer. Wenn ich aber aufhöre, zu sagen, "Ich will das nicht", wenn ich stattdessen sage (und fühle): "Okay, Krise, Du bist da, ich sehe Dich, ich spüre Dich", dann stoppe ich dieses Wachstum. Immerhin das.


Meine beiden Artikel aus dem aktuellen Trauerratgeber der Neuen OZ.

- 3. Konsequente Selbstfürsorge ist das, was zählt. Wer in einer Krise steckt, vielleicht einer richtigen Lebenskrise, der hat sich zunächst einmal um sich selbst zu kümmern. Ohne natürlich die allerwichtigsten Pflichten zu vernachlässigen, der Hund, wenn es einen gibt, muss immer noch sein Fresschen bekommen (die Familie übrigens auch) - aber dennoch mit einer freundlichen Haltung sich selbst gegenüber. Jetzt bin ich mal dran, diesen Gedanken darf es geben. Denn ich habe mich jetzt um mich selbst zu sorgen, das darf eine Haltung sein. "Nur wer selbst gut begleitet ist, kann andere begleiten", heißt ein Lehrspruch aus der Trauerbegleiterqualifizierung. Das ist natürlich eine Haltung, die ein gewisses Ausprobieren, aber auch ein Sich-dran-gewöhnen erforderlich machen kann. Vor allem sehr verantwortungsbewussten Menschen fällt es unsagbar schwer, sich selbst mal nach vorne zu stellen. Diesen Schalter umzulegen, ist tatsächlich etwas, das man von Donald Trump lernen kann (jawohl, sogar von Trump): Ich zuerst (Me first)! Wenigstens in der Krise darf das sein. Und auch für Selbstfürsorge gilt: Sie muss gar nichts ganz Großes sein, sondern ist oft etwas sehr, sehr Kleines. Oder anders gesagt: Etwas, das im ganz Kleinen beginnt. Der Irrglaube, dem viele Menschen erliegen, ist: Weil die durch die Krise ausgelösten Gefühle so groß sind, müsste der Gegenpol dazu - also das, was hilft -, ebenfalls etwas wirklich Großes sein. 



- 4. Leid will (mit-) geteilt und verstanden werden. Es ist gar nicht soviel, was wir in der Trauerbegleitung anbieten - aber dann doch mehr als andere geben können. Wir schaffen einen Raum, in dem das Leiden einfach "sein" darf. Einen Raum, in dem wir uns angucken können, was im Inneren gerade los ist, es ins Wort bringen und besprechen können. Einen Raum, den die Menschen in einer Krise meistens kaum irgendwoanders finden, vor allem in einer Trauer- und Verlustkrise, weil das Umfeld, die Freunde, die Verwandten, damit kaum umzugehen wissen. Wenn Leiden mitgeteilt werden kann, wenn es auf Verständnis beim Gegenüber stößt, dann bekommt es einen anderen Anstrich. Weil es ernstgenommen wird, weil es sein darf, weil es fließen darf, hat es eine größere Chance darauf, sich irgendwann - aber das braucht Zeit - auch zu verändern. 



- 5. Es geht ums Aushaltenkönnen. Warum die Akzeptanz, von der oben schon die Rede gewesen ist, so wichtig ist, zeigt sich am Faktor des Aushaltenkönnens. Wenn wir es schaffen, zu akzeptieren, dass wir gerade eben in einer Krise stecken - einer Verlustkrise, einer Lebenskrise oder auch der Midlife-Krise -, ändert sich die gesamte Fragestellung, die damit einhergeht. Ging es vorher vor allem darum, alles möglichst weit weg zu schieben, es bloß nicht an uns ranzulassen, stehen wir mit der Akzeptanz plötzlich mittendrin im Krisengeschehen. Und fragen uns: Kann ich das aushalten? Aber dieses Aushaltenkönnen ist nichts, das sich passiv an uns ereignet, es ist ein Muskel, der sich trainieren lässt. Und wie jeder Muskel, der nicht trainiert ist, beginnt es mit einigen eher schlappen und zaghaften Mini-Bewegungen. Aus denen langsam mehr werden kann. Was habe ich heute alles ausgehalten, wieviel Schmerz und Irritation, wieviel Sorgen und Ängste? Sich das abends vor dem Schlafengehen bewusst zu machen, verändert die Perspektive. Langsam verschiebt sich der Fokus weg vom passiven Überrolltsein hinein in eine auch aktiv die Krise angehende Haltung. Ich mag Dich nicht, Krise, aber Du gehst vermutlich so bald nicht wieder weg, na gut, aber dann kann ich immerhin jeden Tag weiter an Dir wachsen. Im modernen Businessdeutsch formuliert: Das ist der "Spirit" oder auch der "Mindset", der aus der Krise tatsächlich eine Chance werden lässt. In der Trauerbegleitung ist das - auch gemeinsame - Aushaltenkönnen oder zumindest das Versuchen des gemeinsamen Aushaltens eine der Zutaten, um die es geht. 

- Schon bevor die Krise ausbricht: Das Alleineseinkönnen trainieren, eine der vielleicht wichtigsten Fähigkeiten überhaupt. Ein weiteres wichtiges Thema, das für die eigene Krisenfähigkeit, aber auch für ein gelingendes Leben allgemein eine große Rolle spielt, ist das Alleineseinkönnen. Auch das lässt sich trainieren. Wie - und warum es so sinnvoll ist -, das füllt einen kleinen Vortrag, den es als "Impuls-Cast" in meinem Podcast zu hören gibt - unter diesem Link.

Und hier noch eine Anregung für Menschen, die den Betroffenen gerne helfen wollen:

- Du kannst nicht trösten, nicht beraten, höchstens zuhören. Ratschläge sind Schläge, lautet die alte Weisheit. Wer tröstet, der beschwichtigt allzu oft nur, anstatt die Dinge so sein lassen zu können, wie sie sind. Bei Eltern junger Kinder ist das oft zu beobachten: Ist doch gar nicht so schlimm, sagen sie. Oder: Das tut gar nicht so weh. Das mag zwar tröstend gemeint sein, ist aber in Wahrheit eine Frechheit, weil es dem Gegenüber all sein eigenes Erleben aberkennt, den Schmerz, das Entsetzen. Was sich nämlich in Wahrheit hinter einem solchen Satz versteckt, ist eine Aufforderung: Stell Dich bitte nicht so an. Viel hilfreicher für Menschen in einer Krise ist es indes, wenn Sie erfahren dürfen, dass Ihnen zugehört wird. Und dass Ihre Gefühle so sein dürfen, wie sie sind. Dass sie das so haben dürfen, dass sie auch damit verstanden werden. Um beim Beispiel junger Eltern zu bleiben: Sie könnten ihr Kind fragen, wo genau es denn so weh tut. Sie könnten fragen, ob vielleicht auch der Schreck eine Rolle spielt (vielleicht, weil es gestürzt ist). Damit helfen sie ihrem Gegenüber, dass er sein Inneres genauer ansehen und seinen Facettenreichtum erkennen kann. Die grundsätzliche Haltung sollte sein: Ich glaube Dir, dass Du gerade leidest. Ich kann Dein Leiden wahrnehmen. Und wer sich unsicher ist, wie sich eine solche Haltung in ein gutes Gespräch ummünzen lässt, dem hilft ein ganz einfacher Trick: Einfach Fragen stellen. Am besten Fragen, die mit einem W beginnen. Wie fühlt sich das an? Wie hat es sich entwickelt? Wann tut es am meisten weh? Wie schläfst Du gerade? Und ähnliches.


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Donnerstag, 3. März 2022

Wie lange darf Trauer dauern? Wie lange darf es so weh tun, ohne dass es krankhaft wird? Ist es normal, jahrelang zu trauern? - Hier die ungekürzte Originalversion eines Zeitungsartikels, den ich exklusiv für die Trauerbeilage der Neuen Osnabrücker Zeitung schreiben durfte

Osnabrück – Wie lange darf Trauer denn dauern? Hat dieses Leiden nicht auch mal ein Ende? Oder wird es wengstens irgendwann milder? Solche Fragen stehen oft im Raum, wenn sich Menschen mit Gefühlen konfrontiert sehen, die sie noch nie gehabt haben und die überraschend hartnäckig sein können. Für die Trauerbeilage der Neuen Osnabrücker Zeitung durfte ich jetzt zwei exklusive Artikel schreiben, deren ungekürzte Originalfassungen ich nun auch auf meinen Blog anbieten darf. Hier ist die erste davon.  

Es gibt in unserer Gesellschaft diese große Lücke, die kaum jemand als eine solche erkennt. Ich nenne sie die Verständnislücke. In meinen Vorträgen male ich sie auf Flipcharts auf. Mit ganz viel Rot. Man könnte auch das Bild eines Grabens bemühen: Auf der einen Seite stehen Menschen, die jemanden verloren haben, meistens durch den Tod. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die diese Erfahrung noch nicht haben machen müssen. Und je länger  - nach einem Todesfall - die Zeit voranschreitet, desto größer wird das Unverständnis zwischen diesen beiden Fraktionen. Das ist menschlich. Das ist nachvollziehbar. Es ist für die Betroffenen dennoch schmerzvoll - zusätzlich schmerzvoll.


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

„Jetzt ist es aber langsam mal gut“ oder „Ihr hattet doch eine so schöne Zeit“ oder auch „Werd‘ mal langsam wieder normal“ bekommen diese Menschen auf der einen Seite oft zu hören. Gut gemeinte Ratschläge, die genausogut Schläge in die Magengrube sein könnten. Das verunsichert und gibt den Menschen das Gefühl nicht ganz normal zu sein – mit einer Trauer, die scheinbar viel zu heftig ausgewuchert zu sein scheint, weil sie sich kaum verändert. Dass sie so lange jedenfalls nicht dauern sollte, ist auf der gegenüberliegenden Seite des Grabens oft allgemeiner Tenor. Manchmal schon nach sechs Monaten. Meistens nach einem Jahr. Spätestens.

Manche fragen sich: Ist das noch normal?

Bei den Menschen mit den Verlusterfahrungen kann sich so rasch ein Gefühl des Unverstandenseins breitmachen. Kommen sie dann in eine Trauerbegleitung oder zu einem Trauerseminar, dann geht es unter anderem darum, die Verunsicherung aufzufangen. „Bin ich eigentlich noch normal, wenn ich so lange um jemanden trauere?“ - eine oft besprochene Frage in einem solchen Setting. Genauso wie die Frage: Wie lange darf Trauer denn überhaupt dauern, wird Trauer nicht irgendwann ungesund, wenn sie überhandnimmt, führt sie nicht zwangsläufig in eine Depression?

Meine beiden Artikel aus dem aktuellen Trauerratgeber der Neuen OZ.

"Eines habe ich bei ihrem Vortrag begriffen: Ich bin ein Lehrling im ersten Lehrjahr, was meine eigene Trauer angeht". So formulierte es einer der Zuhörer, die mich bei einem meiner ersten Präsenzvorträge nach den pandemischen Lockdowns erlebte. Eine weise gewählte Formulierung. Denn die Lehrlingszeit in Deutschland dauert in der Regel mehrere Jahre. Wenigstens drei. Je nach Zusatzqualifizierungen auch mal mehr. Das auszuhalten, eine solche Zeit, das ist eine der Aufgaben, vor die uns die Trauer stellen kann. 

Es geht um Erlaubnis: Ja, Du darfst so sein!

Zu den Aufgaben eines Trauerbegleiters kann es manchmal gehören, den Menschen allerlei Erlaubnisse zu geben, die sich selbst nicht zu geben trauen. Zum Beispiel die Erlaubnis, dass sie genauso sein dürfen, wie sie jetzt gerade eben sind – innerlich zerbrochen oder zerrissen, hin- und hergewühlt, verunsichert, mal wütend, mal ohnmächtig, mal laut, mal leise, mal voller Tränen, mal eben nicht (und dann vielleicht verzweifelt, weil die Tränen ausbleiben, oder vielleicht auch erleichtert, weil das so ist - Trauer ist oft voller Ambivalenzen). 



Oder auch die Erlaubnis, Dinge zu tun, von denen sich kein Mensch vorher jemals hätte vorstellen können, dass er so etwas vermeintlich Verrücktes einmal tun würde: Mit den toten Menschen zu reden; sich ihre Kleidung anzuziehen; mit einem Picknickkorb ans Grab zu gehen um den Tag dort zu verbringen… Alles gesund? Na klar! Wer das Gefühl hat, dass es ihm damit einen kurzen Moment lang besser geht, der ist doch schon weit gekommen, oder? 

Na also.

So etwas kann es geben. Oder auch nicht. Jede Trauer ist anders, zeigt sich anders, geht mal tiefer, mal weniger tief, jede Trauer ist ein hochindividueller Prozess. Nur eine Sache ist immer gleich: Das erste Jahr nach dem Todesfall spielt eine wichtige Rolle. Denn dieses erste Jahr ist vollgestopft von „Ersten Malen“, für die es keine Erfahrungswerte gibt: Das erste Mal Todestag, was tun? Das erste Mal Geburtstag des gestorbenen Menschen, was tun? Das erste Mal Ostern, Weihnachten, Namenstag, was auch immer. Jeder dieser Tage bringt beides mit sich: Eine große Überforderung - aber auch eine Chance zur Gestaltung.


Es gibt diese große Lücke, die Verständnislücke. In meinen Vorträgen male ich sie auf, mit ganz viel Rot - so wie hier bei einem Vortrag in Oldenburg (Forum St. Peter/Screenshot:Achenbach).


Ist dieser Zyklus einmal durchlaufen, sind die Betroffenen um viele Erfahrungen reicher. Was den Schmerz aber nicht mindern muss, der bleibt oft. Noch ein Jahr. Und noch eins, vielleicht… Und, und, und… Und genau an dieser Stelle beginnt oft das Missverstehen. "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an mein gestorbenes Kind denke", sagt eine Mutter, die vor mehr als 20 Jahren ihre kleine Tochter bei einem Unfall verloren hat. Und einer der Männer, die ich in meinem Buch "Männer trauern anders" mit ihrer Trauergeschichte zitiere, sagt: "Die Wunde mag über die Jahre vernarbt sein, aber die Narbe ist noch immer da - manchmal bricht sie auf." Beide sind sie keine Ausnahmen.  

Ein Mythos: Wer zu lange trauer, wird depressiv 

Fakt ist: Trauer darf so lange dauern, wie sie eben dauert. Auch dafür gibt es jederzeit Erlaubnis. Dass sie zwangsläufig in eine Depression führt, wenn sie nicht von alleine weggeht, ist ein Mythos, der sich hartnäckig hält, obwohl er schon oft als nicht korrekt benannt worden ist durch Wissenschaft und Experten. Denn eine Depression, eine klinische jedenfalls, ist wie eine innerliche Nullinie, ohne irgendeinen Impuls. Der totale Stillstand im Inneren, kein Antrieb für gar nichts, nicht mal dazu, das Bett zu verlassen. Ja, Trauer kann manchmal so sein, einen Tag lang oder länger, aber dann ist da auch wieder viel Aufruhr und Verzweiflung und jede Menge Gefühl. Also gerade keine Nulllinie. Alles gesund also? Ein jahrelanges Trauern? 


Ja, auch das. Auch wenn es schmerzvoll ist – oder vielleicht: gerade weil es schmerzvoll ist: solange die Trauer einen nicht über mehrere Jahre innerlich komplett lähmt, ist sie ein ganz normaler, vollkommen gesunder Prozess. Und auf keinen Fall eine Krankheit. Man kann sich das vorstellen wie ein physikalisches Gesetz. Die Kraft, die es vorher schon gegeben hat – Liebe, meistens – ist immer noch vorhanden, in der gleichen Intensität wie immer, wenigstens. Nur ihr Zustand hat sich verändert. Vom Plus- in den Minuspol. Aber kraftvoll genug, um lange weiterzuwirken. Und länger. Und länger. Alles normal. Die Gesetze des Lebens, eben



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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Dienstag, 16. November 2021

Mein dritter Mutmacherbrief an Trauernde: Ein paar Zeilen für Dich, falls Du Dich manchmal fragst, ob Du eigentlich verrückt geworden bist in Deiner Trauer - und ob Du noch richtig bei Verstand bist, weil Du komische Dinge tust...

Lieber mir unbekannter Mensch,

(oder vielleicht kennen wir uns auch schon persönlich, dann ist ja umso besser...): Hast Du Dich in jüngster Zeit immer mal wieder gefragt, ob Du noch richtig bei Verstand bist, weil Du in Deiner Trauer auf einmal Dinge tust, die Dir vorher mehr als merkwürdig vorgekommen wären? Also zum Beispiel sowas wie: Mit den Toten zu sprechen. Sich vorwiegend dort aufzuhalten, wo der gestorbene Mensch sich gerne aufgehalten hat. Die Nähe zu dem gestorbenen Menschen zu suchen, zum Beispiel am Grab oder an einem anderen markanten Ort. Die Gegenstände zu befühlen, die von dem gestorbenen Menschen geblieben sind. Sich von diesen Gegenständen, oder auch von der Kleidung des gestorbenen Menschen, einfach nicht trennen zu können. Sich zum Schlafen in das Bett des gestorbenen Menschen zu legen. Die Präsenz eines gestorbenen Menschen zu spüren, auch wenn Du vorher niemals an sowas geglaubt hättest. Manchmal das Gefühl zu haben, dass die Toten Dir irgendwie auf Deine Fragen antworten. Und, und, und... Ich könnte hier noch eine ganze Reihe von Beispielen auflisten, von denen mir Menschen während einer Trauerbegleitung erzählt haben. Aber darum geht es nicht. Der Punkt ist der: 

Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation tun so etwas, tun ganz vieles, was sie sich niemals hätten vorstellen können. Und trotzdem tut es ihnen gut. Dir vielleicht auch? Klar, Du kommst Dir vielleicht komisch dabei vor, jedenfalls ein Teil von Dir, während ein anderer Teil von Dir sich wirklich gut dabei fühlt. Da entsteht vielleicht so eine Art Bruch in Dir drin? Naja, da siehst Du mal wieder, aus wievielen verschiedenen Facetten unser Innenleben zusammengesetzt sein kann. Durchaus auch aus Facetten, die so gar nicht zusammenzupassen scheinen. Das ist wie bei einem Puzzle mit ganz vielen Teilen: Das eine Teilchen ist ganz weit links oben, das andere ist ganz unten rechts, betrachtest Du die Teile einzeln, bleiben sie unverständlich, aber erst im Gesamtbild macht es Sinn, dass es beide Teile gibt. 

Ist Dir schon einmal aufgefallen, was die Menschen einen fragen, wenn man Dinge tut, die sie nicht verstehen? Sie fragen: Bist Du noch ganz bei Trost? Siehst Du, darauf gibt es eine ganz klare Antwort: Nein, Du bist nicht bei Trost. Du hast einen Menschen verloren und bist in Trauer - und wer in Trauer ist, der bleibt meistens ungetröstet. Oft und viel und ganz lange, immer ungetröstet. Daran lässt sich leider nichts ändern, das gehört dazu. Also bist Du nicht bei Trost und kannst es gar nicht sein. Also darfst Du auch Dinge tun, die scheinbar, aber auch wirklich nur scheinbar, merkwürdig sind. 

In meinen Vorträgen benutze ich gerne die Formulierung: Menschen in einer Verlustkrise sind innenraumgreifend von ihrer Trauer ausgefüllt. Ihre Trauer ist für sie das alles beherrschende Thema, da ist oft kein Raum mehr für irgendwas anderes. Das kann andere Menschen schnell mal nerven, aber es ist nun einmal so, auch daran lässt sich nichts ändern. Vielleicht hast Du selbst oft das Gefühl, auf der Stelle zu treten, das Gefühl, dass sich nichts tut, dass es scheinbar gar nicht weitergeht. Ich kann Dich nur dazu ermutigen, dass Du mit Dir selbst am geduldigsten sein darfst. Es ist Deine Krise! Nimm Dir die Zeit, die sie von Dir verlangt. Vielleicht wird Dir manchmal einfach alles zuviel. Selbst Kleinigkeiten können Dich dann kolossal überfordern. Die Spülmaschine müsste vielleicht mal ausgeräumt werden - darf einem für sowas die Kraft fehlen? Ist das noch normal?

Ja, ich glaube, das ist es, jedenfalls zu Beginn. Und immer mal wieder zwischendurch auch. Und vielleicht hast Du dann rasch ein schlechtes Gewissen, weil Du nicht so richtig "funktionierst". Weil es Dir vielleicht auch schwer fällt, Deine Arbeit zu tun. Ich möchte Dich gerne ermutigen: Du darfst jetzt wirklich egoistisch sein. Du darfst nur auf Dich selbst hören und auf Dich selbst aufpassen. Du darfst sehr feinfühlig auf Dein Innenleben achten. Ganz viele Menschen, die in einer seelischen Krise feststecken, können in ihrem Inneren durchaus erspüren, was ihnen jetzt gut täte und was nicht - sie trauen sich bloß nicht immer, das dann auch in die Tat umzusetzen. Aber nochmal: Das alles, was sich da jetzt gerade in Deinem Inneren tut, gehört zu Dir. Es sind Facetten Deines Lebens, Facetten Deiner Krise. Facetten Deines Seins. Es sind Puzzlestücke, die zum Gesamtbild dazugehören. Das ganze Bild zu sehen, fällt uns Menschen immer schwer, unser ganzes Leben lang  - aber es fällt uns umso schwerer, je tiefer wir gerade in einer Krise stecken. Da hocken wir mit einzelnen Puzzleteilen, auf die wir ständig starren müssen, weil sie so wichtig geworden sind, und haben gar keinen Blick mehr für die anderen Teile. Selbst wenn sie noch da sind. 

Das ist okay so, das darf so sein. Nach vielen Gesprächen, die ich mit Menschen in diesen Situationen geführt habe, glaube ich eines sagen zu dürfen: Je mehr wir uns trauen, unsere Krisengefühle wirklich ausleben zu können, desto besser es ist oft für uns. Also sprich mit Deinen Toten, wenn Dir danach ist. Viele Trauernde sprechen mit ihren Toten. Oder nutze die Gegenstände, die noch dageblieben sind, wenn Du das Gefühl hast, dass es Dir gut tut. Versuch einfach das zu machen, was Dir gut tut. 

Herzliche Grüße, Thomas.

Montag, 6. September 2021

Was bedeutet "Personen auf der Fahrbahn" im Radio? Warum hört man das so oft im Verkehrsfunk? Ich habe eine ganz persönliche These zu dieser Frage - und sie hat mit den Themen Trauer und Unfalltod zu tun...

Osnabrück - Im Verkehrsfunk ist diese Warnung oft zu hören: "Fahren Sie bitte vorsichtig, es sind Personen auf der Fahrbahn..." Aber warum eigentlich? Was machen diese Personen denn da? Wer einigermaßen bei Verstand ist, der würde doch nicht zu Fuß auf eine Autobahn gehen, oder? Oder auf eine Landstraße ohne Seitenstreifen? Mich hat das schon immer stutzig gemacht - und inzwischen habe ich eine ganz persönliche These entwickelt, was da los sein könnte. Eine These, für die ich bislang keine offizielle Bestätigung bekommen konnte (trotz einiger Rechercheanfragen) und die deswegen meine ganz persönliche These bleiben wird. Und sie hat, wen würde es wundern, mit Trauer zu tun. Und mit Unfalltoten.

Ich habe Polizisten befragt. Rettungskräfte. Und Notfallseelsorger. Aber keiner konnte mir eine wirklich schlüssige Antwort auf die Frage geben, warum so oft Personen auf einer Fahrbahn anzutreffen sein sollten. Denn wer in gewisser Regelmäßigkeit den Verkehrsfunk hört, dem wird auffallen, dass diese Meldung nicht unbedingt Seltenheitswert besitzt. Zu den Vermutungen, die die Sicherheitskräfte äußern, gehören diese: Es könnten Unfallfahrer sein, deren Fahrzeuge liegengeblieben sind. Es könnten stark alkoholisierte Menschen sein, die sich verirrt haben. Manches Mal sollen sich auch Radfahrer auf die Autobahnen begeben, weil sie sich in den Auffahrten vertan haben - oder weil sie leichtsinnigerweise ihren Übermut ausleben müssen. Aber keiner der von mir befragten hat jene Vermutung geäußert, die ich persönlich für die schlüssigste halte: Es könnten Angehörige sein, die einen Unfallort aufsuchen wollen. Weil sie in diesem Unfall einen Menschen verloren haben und diesem nun nahe sein wollen. Dass dieses Bedürfnis innerhalb eines Trauerprozesses enorm groß werden kann, dafür gibt es zahlreiche Belege. 


(Foto: Pixabay.de, User: Monsterkoi, Pixabay-Lizenz)

Diese zeigen sich in Form der zahlreichen am Straßenrand stehenden Trauerstätten - kleine Kreuze, kleine Gedenkorte, privat eingerichtet, meistens von den Behörden geduldet, an den Rändern von Landstraßen oder auch in Innenstädten, zeugen seit einigen Jahren von der besonderen Wirkmacht, die der Ort eines Todes auf Menschen haben kann. Dorthin zu gehen, wo es geschah, an diesen Ort eines Übergangs, kann für die Angehörigen ein wichtiges und wohltuendes Ritual darstellen. Eines, das viele Bedürfnisse erfüllt, die sich innnerhalb eines Trauerprozesses einstellen können - auch wenn das besonders schwer vorstellbar ist für alle anderen Menschen, die einen solchen Prozess noch nicht erleben mussten. Und gerade bei einem gewaltsamen Tod, der mit einer unvorhersehbaren Plötzlichkeit ein Leben beendet hat, stehen die Hinterbliebenen vor einer besonders schwierigen Aufgabe: Dem Begreifen dessen, was da geschehen ist.

Ein Ort des Übergangs und der Transzendenz

Auch für diesen Prozess kann es enorm hilfreich sein, sich an den Ort zu begeben, an dem es geschehen ist und ebendort zu versuchen, einer Form von Verständnis für das an sich ganz Unbegreifliche näherzukommen. Außerdem ist es ein Ort, an dem der innere Schmerz den Raum bekommen kann, den er im normalen Alltag nicht immer bekommt. So kommen dem Ort des Todes gleich mehrere Funktionen zu, die innerhalb eines Trauerprozesses von Bedeutung sein können: Dort hinzugehen, um sich durch seine Trauer durchzufühlen; oder um sich den Gestorbenen nahezufühlen, andererseits; oder dort hinzugehen, um sich im Begreifen dessen zu versuchen, was dort geschehen sein könnte. Und schließlich atemt der Ort des Todes für manche Menschen auch eine Form von Transzendenz. Als sei etwas fühlbares Seelisches des gestorbenen Menschen für immer dort verhaftet geblieben, so kommt es manchen vor. Leider gibt es zu diesem Thema keinerlei aussagekräftige Forschung - wohl aber zum Thema der wilden Trauerstätten an den Straßenrändern. 


(Foto: Pixabay.de, User: Free-Photos, Pixabay-Lizenz)

Damit hat sich nämlich die Soziologin Christine Aka intensiv beschäftigt. Die inzwischen in Münster lehrende Volkskundlerin hat zwischen 2000 und 2003 zum Thema Unfallkreuze geforscht und eines der wenigen, wenn nicht gar das einzige Buch zum Thema veröffentlicht („Unfallkreuze – Trauerorte am Straßenrand“ erschien im Waxmann-Verlag), außerdem hat sie im Jahre 2010 einen bemerkenswerten und sehr klugen Zeitschriftenbeitrag über das Thema für die Zeitschrift: „Alltag im Rheinland“ geschrieben, die vom Landschaftsverband Rheinland herausgegeben wird. Und auch sie geht in ihren Texten auf den Ort des Todes mit seinen mythischen Funktionen ein: „Gerade der gewaltsame Tod führt zu dramatischen Anforderungen an die Psyche des einzelnen Trauernden. Individuelle Psychologie, also Gefühle, und gesamtkulturell interpretierbare Phänomene gehen in der Trauer eine komplexe Verbindung ein,“ schreibt Aka in diesem Text. Daher würden diese wilden Trauerstätten zu einem „Hinweis auf Schmerzzonen, für die kaum eine andere Ausdrucksformen zur Verfügung stehen. Diese klugen Beobachtungen machen verstehbar, warum Trauernde gerne an diese Orte zurückkehren, an denen, salopp gesagt, „es geschehen ist.“ 



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Donnerstag, 24. Juni 2021

Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen gerne selbst für schuldig erklären - "Hätte ich doch...." - Trauer und Schuld und warum es so wichtig ist, diese Gedanken nicht einfach vom Tisch zu wischen

Osnabrück - "Ich bin schuld am Tod des geliebten Menschen. Es ist meine Schuld. Hätte ich mich anders verhalten, wäre das alles nicht passiert..." Wer den Tod eines anderen Menschen erleben musste, der fühlt sich oft - irgendwie - selbst verantwortlich dafür. Oder er sucht nach Umständen oder andere Menschen, die daran schuld sein können, Ärzte, zum Beispiel. Ganz egal, wie realistisch oder unrealistisch diese Annahme ist: Schuldgefühle (oder Schuldzuweisungen) können in einem Trauerprozess enorm quälend werden - und sie können eine solche Übermacht bekommen, dass sie alles andere überlagern. Manchmal nur phasenweise, manchmal scheinbar dauerhaft, als Gedankenschleifen, die nicht stoppen wollen. Aber warum ist das so? Welche psychologischen Prozesse wirken da an uns Menschen? Und warum ist es alles andere als hilfreich, wenn die Mitmenschen einem Trauernden dann sagen: Natürlich bist Du nicht schuld? Du kannst ja gar nicht schuld sein... 

"Hätte ich doch..." Das ist zuweilen einer der am meisten gesagten Sätze in einer Trauergruppe oder bei einer Einzelbegleitung. Zum Beispiel, wenn sich jemand das Leben genommen hat: Hätte ich doch gemerkt, wie traurig dieser Mensch gewesen ist. Oder wenn ein Mensch an Krebs gestorben ist: Hätte ich ihn oder sie doch eher dazu überredet, zum Arzt zu gehen. Oder wenn ein Baby im Mutterleib gestorben ist: Hätte ich mich doch gesünder verhalten. Und, und, und... Es spielt keine Rolle, wie die Todesumstände genau waren und ob die Trauernden wirklich hätten Einfluss darauf nehmen können. Trauer kann sich in ganz vielen Facetten zeigen. Schuld ist eine davon. Schuld gehört dazu. Schuld erfüllt eine Funktion. Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie (nicht Logopädie), hat gesagt: "Wenn wir einem Menschen seine Schuld nehmen, dann nehmen wir ihm auch seine Würde."


(Foto: Thomas Achenbach)


Wie groß das Thema Schuld in einem Trauerprozess werden kann, zeigt sich alleine daran, dass die Trauerbegleiterin Chris Paul ein ganzes dickes Buch alleine nur darüber geschrieben hat: "Schuld Macht Sinn", ist der mehrdeutige Titel dieses Werkes, das inzwischen - berechtigterweise - zum elementaren Bestandteil einer Qualifizierung zum Trauerbegleiter gehört. Der Titel lässt sich zum einen lesen als eine Aneinanderreihung von drei wuchtigen Hauptwörtern. Er lässt sich aber auch lesen wie ein zusammenhängender Satz: Schuld macht Sinn. Dabei handelt es sich zwar um einen dieser modernen Amerikanismen, die sich trotz grammatikalischer Unkorrektheit ins Deutsche geschmuggelt haben ("It makes sense" im Amerikanischen, im Deutschen ginge streng genommen nur: Es hat Sinn oder es ist sinnvoll), trifft aber genau ins Schwarze.

Schuld erfüllt eine wichtige Funktion

Es folgt oft einer tiefsitzenden, inneren Logik, wenn Menschen in einem Trauerprozess Schuldgefühle entwickeln. Und deswegen ist es so enorm wichtig, dass wir den Menschen ihre Schuldgefühle nicht einfach wegreden, diese Aussagen nicht einfach vom Tisch wischen und sagen: Kann ja gar nicht sein. Denn tatsächlich gibt es einen tieferen psychologischen Sinn dafür, dass Menschen sich in einem Trauerprozess mit Schuldfragen herumquälen. Bloß welchen? 

Hier sind sieben Antworten auf diese Frage:


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)


1.) Schuld schenkt Erleichterung. Klingt erstmal bizarr, ist aber so. Weil die Schuldfragen von der Ohnmacht ablenken, die eine Trauersituation fast immer mit sich bringt. Schuld gibt uns das Gefühl, dass die Situation vielleicht doch kontrollierbar gewesen wäre. Über Schuld können wir uns selbst ein Gefühl von Macht und Kompetenz zurückholen, wo es sonst nichts anders gibt als Hilflosigkeit. Und Hilflosigkeit oder Ohnmacht sind die am allerschwersten zu ertragenden Zustände, derer sich ein Mensch ausgesetzt sehen kann. Sie sind eigentlich unaushaltbar. Um sie aushalten zu können, braucht es Techniken, Methoden, Tricks - und da bietet sich die Schuldfrage schnell an.   

2.) Schuldgefühle geben Schutz. Wenn der Schmerz noch viel zu groß ist, um sich dort hindurchzufühlen, ist die Suche nach der Schuld ein hilfreicher Prozess, weil ich mich damit ablenken kann. Die Suche nach der Schuld hat eine Richtung, eine Dynamik, und diese Richtung führt hinaus aus meinem Körper und aus meiner zerschundenen Seele, zurück in die Welt. Und wer sich wieder in der Welt bewegen kann, der muss sich nicht länger mit den Scherben im Inneren auseinandersetzen. Deswegen können Schuldgefühle eine Art von Selbstschutz sein, wenn Menschen sehr gut erspüren, dass sie den inneren Schmerzen (noch) nicht gewachsen sind.

3.) Schuldfragen geben uns Halt. Schuldgefühle liefern eine Erklärung, wo es sonst keine geben kann. Da ist ein Mensch gestorben, ist einfach nicht mehr da - das ist eine Situation der größtmöglichen Überforderung. Für die meisten Menschen ist die Konfrontation mit dem Tod etwas Ungelerntes, Ungewohntes und ebenso Ungeheuerliches. Außerdem ist der Tod etwas ungemein Komplexes. Also suchen wir bewusst oder unbewusst nach Mustern, nach Einfachheit, nach Verstehbarkeit. Vielleicht sogar nach einem Sinn hinter all diesem Geschehen. Es greift letztlich derselbe Wirkmechanismus wie bei Verschwörungstheorien. Komplexeste Sachverhalte runterbrechen auf eine simple Geschichte und jemandem die Schuld dafür geben, das fühlt sich eben einfach besser an als: Die Situation ist nicht auszuhalten, so wie sie ist. Wir wünschen uns etwas, woran wir uns wieder festhalten können. Anstatt weiter ins Bodenlose zu taumeln. 



4.) Schuld hält die Verbindung aufrecht. Zu den größten Ängsten von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise gehört die Sorge, die Erinnerungen an den gestorbenen Menschen zu verlieren, die Verbindung zu dem Menschen zu verlieren. Dahinter steckt die Angst, die Gefühle zu diesem Menschen - also meistens, aber durchaus nicht immer: die Liebe - könnten sich verändern (was sie übrigens auch tun, wenn auch, bei gesunden Trauerprozessen, im Positiven). Wir haben dem Menschen, der gestorben ist, im Leben stets etwas Gutes tun wollen, nun ist der Mensch fort und wir können dies nicht mehr. Vielleicht bleiben jetzt Dinge ungesagt, die noch hätten gesagt werden sollen, vielleicht bleibt etwas Unerledigtes zwischen diesen beiden Menschen, das nicht mehr erledigt werden kann. Wir wünschen uns aber weiterhin ein festes Band, das uns an diesen Menschen festbindet. Also klammern wir uns in unserer Verzweiflung an alles, was in irgendeiner Weise diese Verbindung fixieren kann - und wenn dies eben die Schuldfragen sind, weil sie sich gerade anbieten, dann ist das eben so. 

5.) Schuld kommt direkt aus der Kindheit. "Da bist du selbst schuld dran, siehst Du, das kommt davon". Ein Erziehungssatz direkt aus der Hölle der schwarzen Pädagogik. Wie oft ich mir vorgenommen habe, diesen Satz gegenüber meiner Tochter niemals zu verwenden. Und wie oft das nicht funktioniert hat, weil der eigene Frust, die eigene Wut viel zu groß gewesen sind. Aber auch umgekehrt funktioniert dieser Mechanismus: Sensible Kinder achten schnell auf die Gefühle von Mama und Papa - und vor allem, wenn sie diese Gefühle nicht richtig einschätzen können, glauben sie rasch: Ich bin schuld. So pflanzen wir unseren Kindern bewusst oder unbewusst von Beginn an ein: Jemand oder etwas ist schuld. Das gehört zum Leben so dazu. Und je mehr wir aufwachsen, desto stärker verfestigt sich diese Überzeugung. Etwas ist schiefgegangen - also tritt jemand zurück und übernimmt die Verantwortung. Ein Unfall ist geschehen und die Frage steht im Raum: Wer ist denn schuld? Es muss auf dieser Welt einfach jemanden oder etwas geben, dass schuld ist. Diese Grundüberzeugung ist von Anfang an etwas Urmenschliches. Dann tritt der Tod in unser Leben. Und wir erleben unsere Situation als ungerecht, wir empfinden eine Art von Empörung darüber, dass wir so leiden müssen. Also sind wir auf der Suche nach unserem Recht, um wieder Recht sprechen oder eine neue Balance herstellen zu können. Es muss doch jemand schuld sein. Oder etwas. Muss doch einfach. Oder?



6.) Für Schuld kann es Erlösung geben (oder Strafe). Wenn die Christen das Vaterunser beten, heißt es darin: "Vergib uns unsere Schuld..." - Vergebung für die Schuld, dieser kirchengeprägte Wirkungsprozess ist immer auch gekoppelt an die Idee von Erlösung. Oder wenigstens Erleichterung. Und auch, wenn die Kirchen und ihre Riten in unserer modernen Welt immer mehr an Einfluss verlieren, haben sich viele religiöse Überzeugungen als Tradition so stark festgesetzt, dass sie unsere inneren Wertekanon noch sehr stark prägen. Wer sich also zu seiner Schuld bekennen kann, der hat eine Chance, dass er dafür (von einer höheren Macht) die Vergebung erlangen kann, das scheint ein Wirkprinzip zu sein, das offenbar noch immer funktioniert. Und wer in einem starken Leidensprozess gefangen ist, mitten in einem menschlichen Krisengeschehen wie es die Trauer ist, der klammert sich gerne an jeden Strohhalm, den er kriegen kann. Also: Erlösung vom Leiden möglich machen, indem man sich als Schuldigen bekennt. Warum nicht? Das hat schon 2000 Jahre lang gut funktioniert. Andersherum tut es Menschen, die sich zu ihrer Schuld bekennen, oft gut, wenn sie eine Strafe erhalten. Dann wird das Leiden durch den Tod zur "gerechten" Strafe für die "eigene Schuld" interpretiert.  

7.) Schuldfragen folgen alten Muster. Wenn wir uns selbst für (vermeintliche) Fehler verantwortlich machen, kann das ein schon lange vorher erlerntes Muster sein, das uns bereits unser ganzes Leben lang begleitet hat. Wer als Mensch dazu neigt, auch außerhalb des Kontextes von Trauer oft Fehler bei sich zu suchen (und erfolgreich zu finden), hat einen enormn hohen und letztlich unerfüllbaren Anspruch an sich selbst und an die Welt, in der er lebt. Wer zum Perfektionismus neigt, lebt näher an Schuldfragen als andere. Wer sich selbst viele Regeln auferlegt hat, bewusst oder unbewusst, und wer besonders folgsam leben will, der wird sich zwangsläufig, gefühlt, "schuldiger" machen müssen als Menschen, die hier innerlich flexibler bleiben können. So sind manche Schuldgefühle Ausdruck von überzogenen Erwartungen, die ich an mich selbst habe. 

Was lässt sich auf einer gefühlte Schuld antworten?

Bleibt bloß noch die Frage: Was können wir einem Menschen sagen, wenn dieser sich schuldig fühlt - oder wenn er anderen die Schuld gibt? Wie kann man Menschen erreichen, die sich so scheinbar unlogische und für Außenstehende oft nur schwer nachvollziehbare Gedanken machen? Es kann hilfreich sein, den Menschen zu spiegeln: Wenn es für Dich und Deinen eigenen Prozess jetzt gerade wichtig ist, diese Schuldgefühle zu haben, dann kann ich mir gut vorstellen, dass diese Gefühle gerade eine Funktion erfüllen können. Andererseits, so ließe sich ergänzen, frage ich mich manchmal, was Schuld überhaupt ist?



Denn Schuldgefühle sind ja alleine per Definition keine tatsächliche Schuld. Und eine juristische Schuld, die vor Gericht festgestellt wird, ist wiederum eine andere Form von Schuld als eine selbstgefühlte. Es stellt sich also die Frage, ob es so etwas wie Schuld überhaupt gibt, objektiv gesehen - und vor allem: Wer darüber zu entscheiden hat. Wenn sich Dein Gesprächspartner auf eine solche Diskussion über Schuld einlassen kann, könnt Ihr ein anderes Level erreichen, auf dem ein anderes Nachdenken über diese Prozesse möglich sein kann (ebenfalls passend zum Thema: Warum es besser "Schuldgedanken" heißen sollte..., eine junge Frau berichtet vom Suizid ihres Mannes).   

So unsinnig es klingen mag: Es kann für den eigenen Weg sinnvoll sein, Schuldgefühle zu haben, ohne eine Schuld zu haben, jedenfalls für einen gewissen Zeitraum. Es kann andererseits auch sein, dass diese Schuldgefühle eine krankhafte Übersteigerung erfahren und gar nicht mehr weichen wollen. Wenn sich dieser Zustand dauerhaft verfestigt, könnte das der Ausdruck einer verkomplizierten Trauer sein, über die derzeit viel diskutiert wird


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Donnerstag, 17. Juni 2021

Mein zweiter Mutmacherbrief an Trauernde: Ein paar Zeilen für Dich, über die manchmal merkwürdigen, manchmal schlimmen Gedanken, die Du vielleicht hast - wenn Du vor Dir selbst erschrickst


Lieber mir unbekannter Mensch, 


(oder vielleicht kennen wir uns auch schon persönlich, dann ist ja umso besser...): Vielleicht kennst Du das auch? Du hast einen Menschen verloren, der Dir wichtig war, und hast jetzt manchmal ganz merkwürdige Gedanken, vor denen Du selbst richtig erschrickst? Oder die Dich zumindest zum Staunen bringen, weil Du nie gedacht hast, dass Du solche Gedanken haben kannst? Zum Beispiel wenn Dir jemand erzählt, dass ein anderer Mensch, den Du vielleicht entfernt kennst, an Krebs erkrankt ist - und Du fragst Dich dann: Hätte dieser Erkrankte nicht sterben können? Und nicht der Mensch, den ich verloren habe? 


Vielleicht gehst Du manchmal irgendwohin, wo andere Menschen sind, in einen Park, in ein Café, irgendwas, und würdest am liebsten all die anderen Menschen verfluchen, die Du dort siehst? Weil sie so fröhlich lachen, weil sie so unbeschwert rüberkommen, weil ihre Leben so unversehrt zu sein scheinen, während Dein Leben mit dieser neuen Tragik vollgesogen ist, die Du so gerne loswerden möchtest? Kennst Du das auch? Und falls ja, hast Du Dich jemals getraut, diese Gedanken jemanden anderem mitzuteilen? 

Wenn es nicht Menschen gäbe, die mir davon berichtet hätten, dass es ihnen so gegangen ist, dann könnte ich nicht ruhigen Gewissens schreiben, dass solche Prozesse etwas ganz Normales sind. Also: Normal im Kontext eines Trauerprozesses. Denn das ist eben manchmal eine kolossale Ausnahmesituation. Bei manchen Menschen war es ganz oft so. Bei anderen nur manchmal. Wieder bei anderen hat es sich abgewechselt: Mal waren sie sehr intensiv mit solchen Gedanken konfrontiert, mal weniger. Und auch das ist alles: Ganz normal. Ehrlich. Es geht ja in Wahrheit gar nicht darum, dass Du anderen Menschen etwas wirklich Schlechtes wünschen würdest, oder? Es geht doch vor allem darum, dass Du nicht mehr so krass leiden möchtest. Und dass es Dich genauso wütend wie traurig macht, wenn Du das Gefühl haben musst, dass nur Du so leiden musst und alle anderen eben nicht. Da kann einem schon mal die Hutschnur platzen. 

 
Dir ist etwas widerfahren, dass Dir sehr, sehr wehgetan hat, dass Dich einmal komplett durchgeschüttelt hat, von oben bis unten, bis auf den Grund Deiner Seele, und dass Dich jetzt in eine Gefühlssituation gebracht hast, die Du vielleicht als sehr belastend erlebst. Oder als irgendwie unnormal. Aber warum solltest Du jetzt auch normale Gefühle haben, wenn Dir der Tod eines anderen Menschen gerade so sehr zu schaffen macht? Ist nicht der Tod eines anderen Menschen eine so unnormale Situation - jedenfalls für Dich! -, dass es völlig okay ist, wenn man dadurch auch in unnormale Prozesse hineingerät? Der Psychiater Viktor Frankl hat das sinngemäß in einem Satz zusammengefasst, in dem er sagt (ich zitiere aus dem Gedächtnis): In einer unnormalen Situation ist jede unnormale Reaktion etwas ganz Normales.

Das finde ich so treffend, dass ich diesen Satz oft und gerne zitierte (und wer mich kennt, der hat ihn sicher schon einmal von mir gehört) - weil er auch auf den Trauerprozess so exakt zutrifft. 

Es gibt ein Davor und ein Danach, das ist ein Satz, der im Zusammenhang mit Trauer oft zu hören ist. Die meisten Menschen, die einen solchen Trauerfall erlebt haben, von dem sie so richtig durchgeschüttelt worden sind, erleben ihr Leben als in diese zwei Teile aufgeteilt: Das Davor. Und das Danach. Das irgendwie anders ist. Überfordernd und herausfordernd und gemein und durchzogen von Gefühlen, die Du nicht mehr haben möchtest. Das kann ich gut verstehen. 


Ich habe vorhin einmal die Formulierung benutzt, dass Dein Leben jetzt vielleicht mit Tragik "vollgesogen" ist. Darin steckt das Bild eines Schwammes, der schon soviel Wasser aufgenommen hat, dass er ganz schwer und schlapp geworden ist. Nur ein ganz kleiner Stuppser reicht jetzt aus und aus dem Schwamm schwappt eine kleine Fontäne raus. So ist das vielleicht auch in Deinem Leben: Du bist bis oben vollgesogen mit Trauer, bis zum Rand gefüllt damit - und wenn dann einer kommt und Dir etwas erzählt von "den anderen", dann schwappt so eine Fontäne aus Dir raus. Und je nachdem, wie es Dir gerade allgemein so geht, ist diese Fontäne auch mal ein gemeiner Gedanke. Aber immerhin ist er rausgeschossen. Also bist Du dieses kleine bisschen an Zuviel schon mal losgeworden. Ist doch auch was. Auch wenn da noch ganz schön viel an Zuviel in Dir drinsteckt. 

Oft ist die Rede davon, dass wir Menschen versuchen sollten, eine tiefe Freundschaft mit uns selbst zu schließen. Eine Freundschaft, die von soviel Aktzeptanz und Geduld und Hinwendung geprägt ist wie die allerbeste Freundschaft, die man sich vorstellen kann. Das ist eine kolossal schwierige Aufgabe - mir selbst ist es nach über 45 Jahren Lebenserfahrung noch nicht wirklich gelungen, so tief und intensiv mit mir selbst befreundet zu sein (dafür habe ich noch immer viel zu viele Macken, die immer wieder ausbrechen), aber darum soll es hier jetzt nicht gehen. Nur darum: Eben weil Du jetzt in einer Ausnahmesituation steckst und weil diese Situation noch eine ganze Weile so bleiben kann, kann ich Dich nur ermuntern, dass Du Dir selbst vieles durchgehen lässt, was Du Dir sonst vielleicht untersagt hättest. Das ist okay, gräm Dich nicht deswegen. Dafür bist Du einfach zu vollgesogen. 

Feuchte Schwämme saugen übrigens viel besser als ganz trockene. Und vielleicht bist Du auch schon mal ganz überrascht gewesen, wieviel mehr an Wasser so ein Schwamm so aufnehmen kann als zuvor gedacht. Du vielleicht auch?

Herzliche Grüße, Thomas.


Donnerstag, 10. Juni 2021

Wie führe ich ein gutes Trauergespräch, was hilft? Wie die Spiegeltechnik nach Carl Rogers uns dabei helfen kann, Menschen in Krisensituationen gut zu begleiten - eine Gesprächstechnik, die mit Business-Zielen nichts zu tun hat - wie die klientenzentrierte Gesprächsführung in der Trauerbegleitung angewandt wird, eine Mini-Einführung in das Arbeiten mit Emapthie, Echtheit und Wertschätzung

Osnabrück – Es gibt eine Gesprächstechnik, die Menschen in Krisen sehr gut helfen kann, solange sie gut und richtig angewandt wird - die aber einen unguten Beigeschmack bekommen kann, wenn sie in den falschen Kontext gestellt wird. Es geht um die so genannte Spiegeltechnik, die der Therapeut und Psychologe Carl Ransom Rogers entwickelt hat. Er nannte seine Methode die "klientenzentrierte Gesprächstherapie". Und in begleitenden Gesprächen zum Beispiel mit Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise kann sie tatsächlich viel bringen - wird sie jedoch zu einer rein zweckorientierten Business-Taktik aus der Trickkiste degradiert, wie ich es ebenfalls bereits erleben musste, dann verpufft ihre Wirkung. Es erfordert etwas Anderes als Übung, um diese Methode gut anzuwenden.

Denn das Wichtigste an dieser Technik ist nicht etwa das Ergebnis, sondern die grundsätzliche Haltung, aus der heraus der Gesprächsführende mit seinem Klienten spricht. Deswegen es ein Trugschluss, aus der Carl-Rogers-Methode eine optimale Praxis für Verkaufsgespräche abzuleiten, wie es manche Coaches und Motivations-Gurus leider tun. Gedacht ist die Spiegeltechnik nämlich als ein psychologischer Wirkmechanismus, der deswegen so effizient sein kann, weil er davon ausgeht, dass alle Antworten auf die mitgebrachten Fragen längst im Inneren des Klienten schlummern. Die Methode baut darauf, dass Menschen im Grunde selber am besten wissen, wie sie ihre Probleme lösen könnten – oder was ihnen gut täte in einer seelischen Krise. Die Kräfte, die sie mobilisieren müssten, sind vielleicht gerade verborgen oder nicht spürbar. Aber sie sind da, unter dieser ersten Schicht. Die Frage ist nur, wie sie freigelegt werden könnten. 

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Im Kontext von Trauer bedeutet das für die Begleitenden: Sie sollten versuchen, daran zu glauben, dass die Trauernden ihren eigenen Weg finden werden, einen Weg "zurück in ein neues/anderes Leben", auch wenn es gerade nicht den Anschein macht. Carl Rogers hat dafür den Begriff des "Werdewillens" benutzt. Der Psychologe geht davon aus, dass jeder Mensch von sich aus wieder "heile" werden will und dass er das auch aus eigener Kraft schaffen kann - so wie ein Kind, das nach der Geburt ganz von sich aus und ohne Anstoß von außen all das erreichen möchte, was die Welt ihm an Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten anbietet. Der Vergleich mit Kindern bietet sich gerade im Kontext von Trauer besonders gut an.

Sich einfühlen und mitschwingen


Denn nicht wenige Trauernde fühlen sich angesichts der Kräfte, die an ihnen wirken, wieder in einen Kindheitszustand zurückversetzt. Das professionelle Ziel eines begleitenden Gesprächs ist dann das Sich-Einfühlen-können in den Klienten, das tatsächliche Mitschwingen-können auf seiner Wellenlänge, so dass sich der Klient vor allem verstanden fühlt


Es geht darum, konsequent in der Welt des Gesprächspartners zu bleiben und nichts Eigenes hineinzumischen, das ist die hohe Kunst eines solchen Gesprächs. Rogers zerlegt die Bausteine für diese Gesprächsmethode in drei wesentliche Grundbestandteile: Empathie, Wertschätzung und die Authentizität des Zuhörenden. Was genau bedeutet das?

Empathie, Echtheit, Wertschätzung - wie geht das?


Wer schon einmal ein Gespräch bei einem gut ausgebildeten Therapeuten, Berater oder Trauerbegleiter erlebt hat, der wird diese Methode kennen: Es geht darum, tatsächlich zu verstehen, was den Betroffenen beschäftigt. Um hier sehr feinfühlig werden zu können, wird das zuvor vom Klienten Gesagte nochmal vom Begleiter in eigenen Worten zurückgegeben. Also: Gespiegelt. 
Durch das eigene Formulieren wird dabei versucht gänzlich die Gedanken- und Gefühlswelt zu verstehen, diese vollständig respektierend, aber nicht bewertend. Das ist das Wichtige. Anders als manchernorts gelehrt und ausgeführt ist es nicht zwingend nötig, die genauen Worte des Klienten eins zu eins zu wiederholen.


Dieses direkte Eingehen auf den Klienten, das Bleiben in seiner Welt, beschreibt Carl Rogers als personzentrierte Haltung - und damit als ersten Schritt auf einem Weg, der zwar gemeinsam gegangen wird, vorerst, dessen Ziel aber das Alleine-Gehen-können des Klienten ist. Der zweite Schritt ist das Arbeiten mit dem, was Carl Rogers die "Aktualisierungstendenz" nennt: Also der Willen des Menschen, in einer Krisensituation die nötigen Kräfte zum Weiterkommen selbst zu entwickeln. Und hier kommen jetzt die drei Komponenten der Empathie, Wertschätzung und Authentizität ins Spiel.

Aktives Zuhören heißt, sich selbst rauszulassen


Echtheit meint, dass der Begleitende mit sich selbst im Reinen ist und bei sich selbst sein kann. Es geht darum, dem Anderen nicht etwas vorzuspielen, in eine Rolle zu gehen, sondern, salopp formuliert, einfach man selbst zu sein. Das hört sich leicht an, ist es aber nicht immer. Denn es bedeutet nicht, dass man seine eigenen Gefühle auch aussprechen sollte (eher im Gegenteil). Es geht hier mehr um die Frage der eigenen Standfestigkeit. Empathie meint das aktive Sich-einfühlen in die Welt des Anderen. Das Verstehen-wollen. Das aktive Zuhören. Es geht um Anteilnahme - und um die Akzeptanz dessen, was der Klient fühlt und sagt. Was als Wertschätzung beschrieben wird, meint eine positive Zuwendung dem Klienten gegenüber –und zwar, wie Rogers es sagt, eine bedingungslose Zuwendung. Was wiederum nicht heißt, daß der Begleitende allem unbedingt zustimmen muss. Eigene Überzeugungen haben hier keinen Raum, ebensowenig wie eigene Werte.


In Fachkreisen unter Trauerbegleitern wird oft über das Spiegeln gesprochen, teils auch heftig darüber diskutiert. In einem Punkt besteht Einigkeit: Es geht eben nicht um ein „Spiegeln an sich“, also um ein reines Nachplap­pern dessen, was der Klient gesagt hat, es geht darum, den Inhalt zu durchdringen. An dieser Stelle beginnen schon vielfache Fehlinterpretationen der Rogers-Methode. Das tatsächliche Verstehenwollen muss immer im Vordergrund stehen. Die damit verbundenen Trainingseinheiten haben allerdings auch gezeigt, dass es so einfach, wie es klingt, eben doch nicht ist. Sondern eine Trainingssache. Jeder, der mag, kann es ja mal in seinem Alltag probieren. Aber Vorsicht! Denn wer so etwas sagt wie „Ich weiß GENAU, wie sich das anfühlt“, hat sich schon wieder auf eine andere Straße begeben – er ist nicht mehr beim Gegenüber. Das geschieht übrigens schneller als man denkt. Aber es hilft nicht. Der Mensch, der Hilfe braucht, ist der eigene Experte für sein Leben, seine Gefühle, er braucht nicht Steuerung von außen, sondern Bedingungen, die seine eigene Steuerung (wieder) erleichtern


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