Sonntag, 7. August 2022

"Er hätte so gerne noch gelebt..." - und was hat er vom Leben gehabt? Wie Du erkennen kannst, ob Dein Leben gerade auf den richtigen Bahnen läuft - Impulse und Gedankenanstöße zum "Memento Mori"-Tag (jeweils am 8. August) - Lebenstipps aus der Trauerbegleitung

Osnabrück - Es sind zwei große Todesanzeigen und sie stehen direkt untereinander. Die untere, geschaltet von der Firma, rühmt die Loyalität und Verbindlichkeit des gestorbenen 63-Jährigen, seine stete Treue zum Unternehmen, seine unermüdliche Einsatzbereitschaft. Der oberen der beiden, geschaltet von der Familie, reichen zwei Sätze, um die ganze Tiefe der Bestürzung hineinzulegen: "Er hätte so gerne noch gelebt - wir hätten so gerne noch Zeit mit ihm gehabt". Das Spannungsfeld, dass zwischen diesen beiden Anzeigen liegt, ist gewaltig – und so facettenreich wie das Leben. Und heute, während ich diese Zeilen schreibe, ist der perfekte Tag um sich das bewusst zu machen. Und um sich alle Fragen einmal selbst zu stellen, die damit einhergehen. Angenommen, in wenigen Tagen wäre es Deine eigene Todesanzeige, die in der Zeitung stehen müsste: Ist Dein Leben gerade auf dem richtigen Kurs? Hast Du die richtigen Akzente gesetzt? Könntest Du "gut gehen", auch von heute auf morgen? 

Schreib Dir einen Zettel und lege ihn neben Dein Bett. Und wenn Du morgen früh aufwachst, wenn Du Dich streckst und räkelst, vielleicht noch mit dieser wohligen Mischung aus Geborgenheit und Restmüdigkeit in Dir, wirf einen Blick auf diesen Zettel. Was auf ihm draufstehen sollte? Vier Wörter: "Es ist nicht selbstverständlich." Denn das ist es nicht. Dass Du wachgeworden bist, wieder; dass Du atmest, weiter; dass Du weiterhin weißt, wer Du bist; dass Dein Herz schlägt, weiterhin. Nichts davon ist selbstverständlich. Das ist ebenso eine Binsenweisheit wie die tiefste und wichtigste Wahrheit, die wir verinnerlichen können (und sollten). Vielleicht die einzige Wahrheit, die es braucht: 

Nichts im Leben ist  selbstverständlich. Gar nichts.


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)
 

Ich habe so oft in meiner Tätigkeit als Trauerbegleiter (und ganz generell in meinem Leben als Mensch auf dieser Welt) mit Fällen zu tun gehabt, die das Gegenteil gezeigt haben. Das 10-jährige Mädchen, gestern kerngesund, das morgens tot im Bett lag, keiner weiß warum (bis heute nicht). Der 35-Jährige, der an Heiligabend nachmittags plötzlich einen Herzschlag erlitt, während der Rest der Familie in der Kirche war - auf der Stelle tot. Die Mittzwanzigerin, die plötzlich keinen Handy- oder Mailkontakt mehr zu ihrer Schwester bekam, weil diese - von ihrem eifersüchtigen Freund erdrosselt - tot in einem Fluss lag. Der mittelständische Geschäftsführer, vermutlich Anfang 60, wenn überhaupt, bei dem eine OP schieflief, die als "Routine" bezeichnet worden war. Die Kinder, die im Mutterleib gestorben waren, all die stillen Geburten, bei denen kein Schrei am Ende eine Erlösung bringt. All die vielen, vielen, vielen SuizideUnd, und, und.... 

Oder noch vor kurzem, dieser Fall, von dem ich oben erzähle, der mit den beiden Todesanzeigen. Auch einer, den ich kannte.

Du auch. Erst irgendwann? Morgen früh? In zwei Tagen? Noch nie darüber nachgedacht? Vielleicht wäre es mal an der Zeit. Und zwar: Genau heute, genau jetzt. "Gedanken an den Tod und das Sterben werden in unserer Gesellschaft oft verdrängt. Wir reden zu wenig über unsere Wünsche, Ängste und Sorgen in Hinblick auf das Lebensende", so schreibt es die Initiative "Memento-Tag" in einer Mitteilung. Und deswegen soll jeweils am 8. August eines Jahres allen Menschen ihre Endlichkeit ins Bewusstsein gerufen werden. Oder wie es die Initiatorin Iris Willecke aus dem Sauerland formuliert: "Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, Themen wie Endlichkeit, Tod, Sterben und Trauer wieder etwas mehr ins gesellschaftliche Bewusstein zu holen". Also, nochmal, liebe Leserin, lieber Leser: Auch Du wirst sterben. Jedes Ausamten - nach dem Einatmen - bringt Dich wieder ein klitzekleines Stückchen näher heran an Deinen eigenen Tod. Bist Du auf einem guten Weg? 



So zu leben, dass man jederzeit gut sterben könnte, das ist vermutlich ein Ding der Unmöglichkeit. Der Mann, der oben beschrieben wird, hat sein Leben ganz klaren Prioritäten unterworfen: Das Unternehmen kam zuerst. Aber weil jede Entscheidung für etwas immer eine Entscheidung gegen etwas anderes ist - ganz zwangsläufig -, stecken so viele verschiedene unterschiedliche Wertekonzepte und Lebensentwürfe in dem Spannungsfeld zwischen diesen beiden Todesanzeigen. Und wer kann das schon, in unserem modernen Leben alle seine Prioritäten stets perfekt ausbalanciert zu halten, so dass nichts verloren geht? Wer kann schon allen und allem gerecht werden im Leben? Selbst, wenn wir unser Bestes tun, irgendwas bleibt immer auf der Strecke. Einfach nur, weil wir eben Menschen sind - und keine Übermenschen sein können. 

Und doch bleibt manches Mal, wenn wir von einem Todesfall hören, einem solchen wie oben, so eine leise Irritation zurück - nach dem Schock und dem Entsetzen. So eine leise Unruhe, ein ungutes Gefühl. Die Frage: Ist mein Leben auf dem richtigen Kurs? Aber wie lässt sich das erkennen?

 


Vielleicht am besten durch eine recht radikale Übung, die aus der Persönlichkeitsentwicklung stammt und in Coachings gerne empfohlen wird: Stell Dir vor, Du wärest jetzt gestorben und hättest die Chance, irgendwie bei Deiner eigenen Trauerfeier zugegen sein zu können. Stell Dir vor, es würden ein enger Freund, ein Kollege von der Arbeit und ein entfernter Bekannter etwas über Dich sagen. Was würde wohl in diesen Trauerreden alles über Dich gesagt werden? Und was nicht? Wären es jeweils freundliche Trauerreden? Oder welche, die sich um Lücken und Leerstellen herumwinden müssen? Oder in denen zarte Andeutungen auf etwas verweisen, das gerade schwierig ist? Setz Dich hin und schreib die von anderen gehaltenen Trauerreden auf Dein jetziges Ich. Durch diesen Perspektivwechsel - sich selbst mit anderen Augen sehen in der Radikalität eines Abschieds -, hast Du eine Chance, Dich kritisch zu durchleuchten. Deinen Werten auf die Spur zu kommen.  

Was willst Du einmal hinterlassen? Ist Dein Leben schon geprägt davon? Was ist der rote Faden Deines Lebens? Was ist für Dich wesentlich? Es lohnt sich, gelegentlich darüber nachzudenken.

Jeder Tag ist ein guter Tag dafür. Ein Tag im Jahr ist ein beonders guter Tag dafür: Der 8. 8. - am "Memento-Tag". Dieser soll, der Philosophie des "Memento Mori" folgend (Bedenke, dass Du sterblich bist), die Menschen an ihre eigene Vergänglichkeit erinnern. Also: An ihren eigenen Tod, der ja unweigerlich einmal folgen wird. Vorbild dafür ist der australische "Dying To Know Day", der bereits seit 2013 einmal im Jahr begangen wird. Wobei die Zahl Acht hier als aufrecht stehendes Symbol der Unendlichkeit zu verstehen ist und der Tag nicht nur als Impulsgeber dienen soll für ein Nachdenken über das eigene Leben, sondern auch für allerlei Aktionen in ganz Deutschland (und für diesen Blogbeitrag). 




Im Zenbuddhismus gibt es eine Weisheit, die - sinngemäß - besagt: Wir atmen das Leben ein - und den Tod aus. 

Hast Du bis zum Ende dieses Textes durchgehalten? Wie oft, was glaubst Du, hast Du ein- und ausgeatmet, während Du ihn gelesen hast? Die Medizin geht davon aus, dass ein erwachsener Mensch pro Minute im Durchschnitt 16 Atemzüge nimmt. Sagen wir, Du hast fünf Minuten lang gelesen, macht das 80 Atemzüge. Atmen, das ist vielleicht das Einzige, das wir wirklich jemals besitzen können im Leben. Auch das ist, wie alles, nicht selbstverständlich. Und jeder Atemzug, den wir tun, bringt uns wieder ein Stück näher heran an unseren eigenen Tod. 80 mal näher bist Du jetzt herangerobbt an diesen Augenblick.  

Wir atmen das Leben ein - und den Tod aus. An dieser Stelle brauchen wir noch eine Tonspur zum Text: Den Klang eines Herzfrequenzmessers. Du kennst den, aus Fernsehserien. Er malt Kurven und macht "Piep - piep - piep". Wenn es gut läuft. 

Ein. "Piep... -  piep...  - piep.. ". Und aus.

Ein. "Piep... -  piep...  - piep.. ". 

Aus

Piiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee.........
.
So gerne noch gelebt? 

Zu spät

.... 


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Montag, 1. August 2022

Warum ich die Frage nach Trauer als Krankheit inzwischen anders beurteile als noch vor wenigen Jahren - was sich seit Januar 2022 für Ärzte und Trauernde verändert hat - der neue Code, um den es geht, heißt "6B42" (Anhaltende Trauerstörung) - warum Trauernde manchmal als "krank" gelten wollen, salopp formuliert

Osnabrück - Seit Anfang 2022 ist also Realität, was vielen Fachleuten lange Zeit ein Dorn im Auge war, ja, was teilweise sogar mit einem großen Eifer regelrecht verteufelt wurde. Überspitzt formuliert: Trauer ist jetzt offiziell als "Krankheit" anerkannt. Auch ich habe lange Zeit gegen diese Einführung argumentiert - und habe dann immer wieder feststellen müssen, dass viele Menschen meinen Standpunkt gar nicht verstanden haben - oder ihn fundamental anders gesehen haben. Und zwar vor allem Trauernde. Das hat mich nachdenklich gemacht. Inzwischen glaube ich: Vielleicht sollten wir das Thema "Trauer als Krankheit" einmal aus einer anderen Perspektive beleuchten und nochmal drüber nachdenken.

Das Folgende ist mir öfter passiert, wenn es um die Frage nach Trauer als Krankheit ging: Ich habe viel erzählt. Viel argumentiert. Habe gesagt, dass Trauer nicht als Krankheit gesehen werden dürfte, dass es eine ganz natürliche Reaktion ist. Und danach habe ich oft in ratlose Augen geguckt. Denn der Standpunkt der Betroffenen lautete, manches Mal, trotz allem: Wieso darf Trauer denn keine Krankheit sein, wieso darf ich denn bitte nicht wegen Trauer als krank(-geschrieben) gelten - wir fänden das durchaus begrüßenswert? Und wieso nicht sofort, wieso denn erst nach mehreren Monaten? Hmmja... Das hat mich nachdenklich gemacht. Aber gucken wir uns zunächst mal etwas Anderes an: Was hat sich denn überhaupt verändert? Denn um zu verstehen, worum es hier wirklich geht - und was das alles zudem mit Computerspielsucht zu tun hat - müssen wir ein bisschen weiter ausholen...


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Seit dem 1. Januar 2022 gilt in deutschen Arztpraxen ein neues Regelwerk, nämlich der "ICD 11". Dabei handelt es sich um ein Verzeichnis aller Krankheiten, sozusagen. Herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation WHO und in regelmäßigen Abständen überarbeitet, lassen sich in diesem Katalog die international geltenden Klassifikationen aller derzeit bekannter Krankheiten finden, ausgedrückt in Zahlencodes. Mit denen hatte jeder von uns schon einmal zu tun: Denn die Codes, die in der ICD geregelt sind, werden auf den so genannten gelben Schein aufgedruckt. Die Abkürzung ICD steht für "International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems", es handelt sich also um einen weltweit genormten Standard. Jetzt ist eine Neuauflage davon in Kraft getreten.

Ebenfalls neu ist die "Computerspielsucht" 

Hintergrund sind neue oder sich verändernde Krankheitsbilder, die in der Neuauflage mit aufgenommen worden sind. So lassen sich in der ICD-11 beispielsweise die bislang nicht als Krankheit anerkannte "Computerspielsucht" (6C50.0) oder eine "zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung" (6C72) finden, gleichermaßen gibt es jetzt genauere Abstufungen beim Burn-Out-Syndrom. Auch für Trauer gab es bislang keinen eigenen Diagnoseschlüssel, was sich mit der Neueinführung geändert hat.



Wobei es dabei nicht um Trauer allgemein gilt, sondern genauer gesagt um die so genannte verkomplizierte Trauer, die auch als "Anhaltende Trauerstörung" definiert wird (6b42). Wenn ein Arzt diese Diagnose stellt, kann sich ein Betroffener zu einem Psychologen und in eine Therapie überweisen lassen (und leider noch nicht zu einem Trauerbegleiter - weil noch nicht von Krankenkassen anerkennt). Aber: Ab wann hat sich eine Trauer zu einer "verkomplizierten Trauer" gewandelt? Im ICD steht dazu, knapp zusammengefasst: Immer dann, wenn ein Mensch länger als sechs Monate unter sehr heftigen durch die Trauer verursachten Symptomen leidet. Dazu kann gehören: Eine enorme Sehnsucht nach den Verstorbenen, Anzeichen von anhaltenden Konzentrationsschwächen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, etc. Als Leitfaden gilt die Unfähigkeit, wieder in einen geregelten Alltag zurückzukehren. 

 
Sechs Monate sind nicht lang genug


Hier sagen die meisten Fachleute, so auch ich (auch weiterhin): Das ist zu früh. Auch wenn unbestritten ist, dass sich Trauer verkomplizieren kann und dass diese so genannten prolongierte Trauer besser professionell angesehen und besprochen werden sollte, reichen sechs Monate als Zeitraum für eine solide Diagnose nicht aus. Aus zwei Gründen. 




Erstens, weil das wichtige "erste Jahr" nach dem Todesfall noch gar nicht abgelaufen ist. Dabei sind genau diese ersten zwölf Monate nach dem Tod eines Menschen für die Hinterbliebenen von einer besonderen Bedeutung. Sind sie doch gefüllt mit zahlreichen "ersten Malen", für die es jeweils noch keine Lernerfahrungen gibt: das erste Mal Todestag, das erste Mal Geburtstag der verstorbenen Person(en), das erste Mal Weihnachten, etc. Und zweitens, weil sehr viele Trauernde davon berichten, dass sich erst im zweiten Jahr, also nach wenigstens zwölf Monaten (und mehr), erste merkliche Veränderungen bei ihnen eingestellt hätten. Bei manchen mehr, bei manchen weniger. Überhaupt müssen wir an dieser Stelle mit Pauschalisierungen sehr vorsichtig sein. Denn die Grundlage ist immer: Es gibt nicht die eine Trauer, die immer gleich verläuft - Trauer ist ein hochindividueller Prozess. Anders gesagt: Es gibt nur Deine Trauer, Deinen Weg. Jeder muss seinen eigenen gehen. 
  

Menschen wollen die Bestätigung: Ausnahmezustand!


Ein weiterer Grund, warum es soviel Empörung über die Frage nach "Trauer als Krankheit" gegeben hat: Weil die meisten Trauerbegleiter ebenso wie die in der Hospiz- und Palliativszene engagierten Menschen davon überzeugt sind, dass Trauer ein ganz normaler, ganz natürlicher und keinesfalls krankhafter Prozess ist. Schon gar nicht sollte Trauer eine "Störung" gewertet werden. Dieser Meinung hatte ich mich lange vollumfänglich angeschlossen. Aber ich bin damit nicht zu den Menschen durchgedrungen, die mitten in diesen Prozessen stecken. Denn in deren Erleben drehte sich die Argumentation wieder um: Eben weil sie ihre Trauer über weite Strecken als zu stark erlebten, als unaushaltbar, eben weil die Trauer sie in ihrem natürlichen Sein behinderte, erlebten sie das gerade als enorm belastend - und damit durchaus als störend. Gleichzeitig handelt es sich um ein Leiden, das von den Wenigsten wirklich gesehen wird, geschweige denn anerkannt, zumal über einen so langen Zeitraum wie ein Jahr und mehr. Auch das stört. Und genau deswegen wünschen sich die Menschen oft, die Trauer möge bitte ein Siegel bekommen, eine offizielle Legitimation, ein Amtsschreiben, das allen anderen dokumentiert: Jawohl, haben wir geprüft; ist vorhanden; ist sehr belastend, diesen Menschen geht es tatsächlich eher schlecht, Stempel drauf, können wir bestätigen.




Folgen wir einmal dieser Logik, stößt die bislang versuchte Gegenargumentation - nein, Du bist nicht krank, nein, Trauer ist niemals eine Krankheit - unter Umständen in genau das falsche Horn, weil sie den oben beschriebenen Wirkmechanismus wieder entkräften könnte.  Und so gesehen müsste man nochmal ganz neu denken: Warum gibt es keinen ICD-Code für durch Trauer verursachte Erstsymptome, die sofort gelten, wenige Tage nach dem Todestag bzw. dem Auslöser für die Trauer? Warum können sich Menschen nicht binnen der ersten drei Monate offiziell als durch Trauer arbeitsunfähig einordnen lassen? Wäre das nicht der viel richtigere Schritt? Müssten wir alle aus dem Kontext von Trauerbegleitung, Hospiz- und Palliativbewegung, die wir dies bislang so eingeordnet haben, ggf. ebenfalls nochmal neu denken?

WHO, wir haben da vermutlich ein Problem. #ICD12, könnten wir schon mal reden, wir beiden....? Also so ganz unter uns...? 


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

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Mittwoch, 20. Juli 2022

Wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat..... - was das mit Dir machen kann und was Du dann alles fühlen kannst - und darfst (!) - sieben Erlaubnisse und Hinweise rund um das (sehr häufige) Thema Suizid - Gefühle und Trauer nach einem Suizid

Wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat, hinterlässt er meistens ein ganzes System aus Ratlosigkeit und Verzweiflung. Da gibt es die Familie, die Freunde, die Kollegen. Je enger man mit dem Gestorbenen war, je näher man sich war, desto tiefgehender können die inneren Prozesse sein, die sich jetzt in die Seelen dieser Menschen bohren. Was da alles in einem hochkochen kann, dafür fehlt es meistens an Erfahrungen. Also tut man in seiner Ratlosigkeit oft das, was am naheliegendsten zu sein scheint: Zum Beispiel versucht man sich zu verbieten, was einen am meisten erschreckt (Wut, Aggression). Oder man suhlt sich in dem, was alles mit Sch... beginnt (Schuld, Scham). Aber wie soll es gehen - das Umgehen mit dem Suizid eines anderen? Hier sind ein paar Hinweise dazu. Und ein paar, sagen wir, Erlaubnisse. Wie zum Beispiel dieses: Du hast jedes Recht auf Dein Entsetzen, wie hartnäckig es auch sein mag!  

Ende Juli stellen die Vögel langsam ihren Gesang ein. Das ist normal: Es ist Hochsommer, ihre Frühjahrskraft ist erschöpft, der Nachwuchs ist aus dem Nest, sie müssen sich für andere Aufgaben vorbereiten. Der Hochsommer ist aber auch noch etwas anderes: Es ist die Hochphase für Suizide. Zwar hält sich hartnäckig die Annahme, dass sich vor allem in den dunklen Monaten die Menschen das Leben nehmen wollen, aber die Statistiken sprechen eine andere Sprache (wie unter anderem die Zeitung "Die Welt" berichtete). 


Irreal. Abgekapselt. In einer Blase außerhalb der Welt. So beschreiben viele Hinterbliebene ihren emotionalen Zustand nach einem Suizid (alle Fotos: Thomas Achenbach).

Kein Wunder also, dass der Sänger Chester Bennington von der Rockband Linkin Park einen Tag im Hochsommer, nämlich den 20. Juli, als Datum für seinen Suizid wählte (was übrigens mein Geburtstag ist, mehr dazu in einem anderen Blogbeitrag zum Thema Suizid und was wir präventiv tun könnten, siehe hier). Er ist nicht der einzige aus der Welt der Rockmusik, der Jahreskalender ist voll von ihren Suiziden: Keith Emerson von Emerson Lake and Palmer wählte den März als Todestag, Kurt Cobain von Nirvana erschoss sich im April, Chris Cornell von Soundgarden nahm sich Mitte Mai das Leben, und, und, und... (ACHTUNG: Wenn Du Dich selbst gerade einsam fühlst und vielleicht daran denkst, Dir etwas anzutun und diese Gedanken nicht loswirst, dann hier ein wichtiger Hinweis: Es gibt Menschen, die mit Dir darüber sprechen können, die extra dafür qualifiziert sind – Du kannst sie jederzeit anrufen oder anmailenz.B. bei der Telefonseelsorge unter 0800/1110111 - oder online als Chat oder E-Mail-Beratung über die Online-Telefonseelsorge).

Es geht so vielen anderen ganz genauso

Warum ausgerechnet ich mich jetzt berufen fühle, Dir etwas zum Thema Suizid zu erzählen, Dir sogar "Erlaubnisse" zu geben? Weil ich in meiner Tätigkeit als Trauerbegleiter vor allem mit dem Thema Suizid zu tun hatte. Weil der Suizid sehr, sehr häufig vorkommt. Und weil ich auch schon mit den "Angehörigen um Suizid" habe zusammenarbeiten dürfen (ebenfalls passend zum Thema: "In meinem Mann muss es unvorstellbar dunkel gewesen sein", eine junge Frau berichtet in meinem Podcast vom Suizid ihres Mannes)...

Die Statistiken sprechen eine klare Spiele

Werfen wir einen Blick auf die Statistiken, ist der Suizid ein total alltägliches Thema. Alle 53 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben - das sind also rund 27 Tote pro Tag. Experten gehen davon aus, dass sich in Deutschland alle fünf Minuten jemand das Leben zu nehmen versucht (viele weitere Zahlen zum Thema Suizid findest Du in einem anderen Artikel auf diesem Blog). Und doch ist die Scham bei den Hinterbliebenen so groß, dass sie sich oft kaum über dieses Thema zu sprechen trauen. Was schade ist, denn es geht so vielen anderen ganz genau so! So vielen anderen! Und wir würden davon viel mehr erfahren, wenn die Menschen einfach drüber reden könnten. Deswegen ist es mir so wichtig, diese sieben Punkte aufzulisten. Sieben Impulse, die Dir vielleicht ein kleines bisschen dabei helfen zu verstehen, was jetzt gerade alles mit Dir (und in Dir) geschehen kann (aber nicht muss) - oder noch geschehen kann.

Hier sind sie:

1. Es ist normal, wenn Du (heftige) Schuldgefühle entwickelst - das geht fast allen so. In meinen Trauergruppen und in der Zusammenarbeit mit AGUS-Gruppen (den "Angehörigen um Suizid") habe ich immer wieder erlebt, dass massive Schuldgefühle eines der größten Themen sein können, mit denen sich die Betroffenen herumplagen. Nach dem Motto: Ich hätte doch etwas tun können. Ich hätte es doch verhindern müssen. All solche und andere Gedanken können so quälend werden, dass sie - wie die ganze Situation an sich - unhaushaltbar werden. Mir ist dann immer wichtig zu vermitteln, dass diese Schuldgefühle meiner Meinung nach eine ganz andere Rolle spielen. Dass es aber genauso wichtig ist, sie nicht einfach so lapidar beiseite zu wischen: In Wahrheit geht es, davon bin ich überzeugt, dabei um Ohnmacht. Wer sich der Idee hingibt, er habe ja noch etwas tun können, muss sich nicht eingestehen, wie hilflos und ohnmächtig er in Wahrheit (gewesen) ist. Wohlgemerkt: Sich schuldig zu fühlen, ist noch etwas kolossal anderes, als tatsächlich an etwas schuld zu sein. Und eine tatsächliche Schuld festzustellen ist eine Aufgabe, die selbst von einem professionellen Gericht nicht so rasch gelöst werden kann, sonst würden die Prozesse alle nicht so lange dauern. Vor allem aber erfüllen Schuldgefühle, so heftig sie auch sein mögen, in Wahrheit die oben bereits genannte Funktion. Das fühlt sich zwar immer noch, ich bitte um Entschuldigung, richtig kacke an - aber eben nicht ganz so lähmend wie eine reine Ohnmacht (die es auch geben kann). Deswegen kommen die Schuldgefühle auch meistens im Konjunktiv daher: "Ich hätte dies und jenes tun können, ich hätte doch noch diese oder jenes probieren sollen, warum habe ich nicht", und so weiter und so weiter. Wenn Deine Schuldgefühle eine überbordende Macht annehmen, unter der Du viele Monate leidest, kann das immer noch normal sein, aber es kann dann eine gute Idee sein, sich professionelle Hilfe zu holen, zum Beispiel bei Trauerbegleitern.  


Das Gefühl, dass alles in Trümmern liegt, das ganze Leben. 


2. Du darfst den gestorbenen Menschen anklagen und beschimpfen, Du musst kein schlechtes Gewissen haben deswegen. Gleichermaßen gilt aber auch: Du darfst eine unstillbare Sehnsucht nach dem gestorbenen Menschen haben. Manchmal hast Du vielleicht sogar beides gleichzeitig. Das geht. Aber wenn es die Wut ist, die gerade überhand nimmt, dann musst Du Dir diese Wut nicht verbieten. Was ein Mensch, der sich das Leben nimmt, anderen Menschen damit antut (plus die vielen anderen Dinge, mit denen dieser Mensch Dich jetzt alleinelässt, Kinder vielleicht, oder Schulden, oder Geheimnisse), ist meistens überfordernd viel. Du hast jedes Recht auf Deine Wut. Wieso auch nicht? Und auf Deine Sehnsucht. Und überhaupt auf alles, was jetzt gerade auf Dich einstürmen mag. Dass Du eine enorme Wut auf diesen Menschen entwickeln kannst, heißt nicht etwa, dass sich deine Zuneigung zu ihm verändern würde, die bleibt genauso unangetastet, wie sie vorher gewesen ist (oder wird sogar noch stärker), es kommen jetzt nur weitere und neue Gefühle zu diesem merkwürdigen Mix dazu. Das gilt es einfach zu akzeptieren und auszuhalten. Oder auch: das auszuleben. Ich kenne Menschen, die sich neben ihr Bett einen Tennisschläger gelegt haben. Damit sie immer dann, wenn die Wut kommt, auf das Bett einprügeln können. Das finde ich eine gute Strategie. Manchen hilft es auch, wenn sie einen Brief an den gestorbenen Menschen schreiben und darin alles rauslassen, was sie gerade fühlen. Diesen Brief kannst Du, wenn Du magst, nachher verbrennen oder vergraben oder an einem versteckten Ort aufbewahren. Und was nach der Wut meistens folgt - auch ganz normal -, ist der Wutkater. Wie bei Alkohol: Wer den Rausch einmal zugelassen hat, im Fall von Alkohol bitte als eine seltene Ausnahme, wird später unter seinen Folgen leiden. Kann trotzdem gut tun.

3. Du darfst Dich selbst als emotional taub erleben. Du hast jedes Recht auf diese Taubheit. Oder auf die Angst davor, jetzt selbst depressiv zu werden. Deine Taubheit kann eine sinnvolle Reaktion sein auf dieses viel zu große Andere, das jetzt auf Dich einstürmt. Im Schockzustand, den eine solche Situation auslösen kann, werden Dein Körper und Deine Seele irgendwie für sich selbst sorgen. Und beide, im Zusammenspiel, haben ein gutes inneres Sensorium dafür, was sie an Dich heranlassen können und was nicht. Es kann sein, dass diese gewaltige Überforderung nur in homöopathischen Dosen zu Dir durchdringt. Das ist in Ordnung so. Das darf so sein. Zu diesen Gefühlen der Taubheit können sich noch allerlei andere, sagen wir, Symptome dazugesellen: Alpträume, Ängste, unwirkliche oder bedrohliche Gedanken. Außerdem können sich körperliche Begleiterscheinungen zeigen: Schüttelfrost oder Kältegefühl, Apettitlosigkeit, das Gefühl von einer auch körperlichen Erstarrung. So geht es vielen anderen auch. In ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Das kann alles dazugehören, muss es nicht. Kann überraschend lange dauern, kann nach kurzer Zeit vorbei sein. Nicht selten ist es so, dass ein Mensch, der in einer so mächtigen Dunkelheit gelebt haben muss wie jemand, der sich das Leben nehmen möchte, auch sein Umfeld in eine jeweils eigene Form der Dunkelheit hineinschickt, zumindest für einen gewissen Zeitraum. Achte gut auf Dich und auf das, was in Deinem Inneren geschieht und such Dir ohne Hemmungen Hilfe, sobald Du das Gefühl hast, es könnte zu dunkel werden in Deinem Inneren (dann hilft Dir ebenfalls die Telefonseelsorge, wie oben schon beschrieben - 0800/1110111).



 

4. Du darfst die Welt nicht mehr verstehen. Unwirklich - das ist ein Wort, das im Kontext von Suizid oft fällt. Alles kommt einem unwirklich vor, nicht real, wie ein böser Traum. Es ist manchmal so, als hätte sich eine große, undurchdringliche Glocke über einen gestülpt und jegliches andere Leben ausgeschlossen. In dieser Glockenwelt zu leben ist so, als ob einen die andere Welt da draußen gar nicht mehr erreicht. Parallel dazu kann es sein, dass die Fragen im Kopf zu rotieren beginnen - und dass dieses Rotieren gar nicht mehr aufhören mag. Der Trauerforscher William Worden hat als eine der größten Aufgaben, vor die uns die Trauer stellt, das "Begreifen" definiert. Aber wie soll man begreifen können (aushalten können), was doch so unbegreiflich ist (unhaushaltbar ist)? Wer soll denn da noch die Welt verstehen können? Es ist okay, wenn Du Dich so fühlst. Vielleicht findest Du einen Ort, wo Du es in Worte fassen kannst, es aussprechen kannst oder es aufschreiben kannst. Das könnte ein guter erster Schritt sein, wenn es ginge. Vieles aufschreiben oder ein Tagebuch führen, das ist auch in anderer Hinsicht eine gute Idee: Denn auch Gedächtnislücken, Erinnerungsausfälle und ein Verlust des Kurzzeitgedächtnisses können zu diesem Prozess dazugehören.

5. Du darfst selbst jetzt nicht mehr weiter wissen. Wie solltest Du denn Antworten haben, wo Dein ganzes Leben aus tausend neuer Fragen besteht? Es ist okay und ganz normal, wenn Dein Leben erstmal im Krisenmodus bleibt. Und wenn dieser Modus eine lange Zeit in Anspruch nimmt. Dein Leben darf jetzt Chaos sein und sich verrückt anfühlen, tatsächlich ist ja genau das geschehen: Alles, was einmal gewesen ist, hat sich verschoben, es ist ver-rückt. Versuche gnädig mit Dir selbst zu sein und Dir Zeit zu geben. Was manche Menschen als hilfreich empfinden, ist, ein Skalen-Tagebuch zu führen, in dem Du Tag für Tag festhalten und beobachten kannst: Wie schlimm ist der innere Schmerz heute auf einer Skala von 1 bis 10, wie schlimm ist meine innere Verwirrung auf einer Skala von 1 bis 10, wie schlimm ist meine innere Taubheit heute auf einer Skala von 1 bis 10, und so weiter. Achte auf die feinen Nuancen und die homöopathischen Veränderungen. Jede kleine Veränderung kann ein wichtiges Immerhin sein für Deinen weiteren Weg. Worauf Du Dich aber einstellen solltest: Dass jede Veränderung zum Guten sich auch wieder ins Schlechte verwandeln kann, rasch und unerwartet. Dieses Auf und Ab, diese Wellenbewegung, ist ganz typisch für einen Trauerprozess. 



6. Du darfst jetzt alles sein, was auf -los endet: Fassungslos, ratlos, machtlos, orientierungslos, antriebslos, mutlos, haltlos, lustlos, ruhelos, hoffnungslos, kopflos, bodenlos, und sogar rücksichtslos, sogar das. Nur nicht wertlos, auch wenn Du Dir manchmal so vorkommst. Das ist das Gemeine daran, wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat: Dass es einem selbst so sehr jedes Selbstvertrauen nehmen kann. Was dann hilfreich sein kann: Sich mit anderen darüber austauschen, beispielsweise bei den Angehörigen um Suizid, die Selbsthilfegruppen betreiben. Erfahren zu dürfen, dass es anderen immerhin genauso geht (und das tut es!), kann gut tun.

7. Du darfst Dich einsam und verlassen fühlen - das geht fast allen so. Wohlgemerkt: Sich verlassen zu fühlen, ist noch etwas kolossal anderes, als tatsächlich verlassen zu sein. Du hast jedes Recht auf dieses Gefühl von Verlassensein. Aber vielleicht gelingt es Dir ja, sich innerhalb einer Gruppe - quasi gemeinsam - einsam zu fühlen, wenn Du eine passende Trauergruppen finden kannst. Deinen Freunden und Deinen Bekannten darfst Du gerne spiegeln, wie gut es Dir tun würde, immer wieder über das Erlebte zu reden (wenn Du das möchtest) und dass sie niemals eine Scheu davor haben sollten, es anzusprechen. Die meisten Menschen sind ängstlich, weil sie glauben, sie könnten damit neue Schmerzen auslösen - mach' Ihnen klar, dass das nicht so ist, wenn Du das Bedürfnis hast, über Dein Erleben zu sprechen.


   

Was Dir ebenfalls alles geschehen kann, wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat: Dass Du Dich als Versager/in in allen Lebensbelangen fühlst. Dass Du alles, was vorher gewesen ist, in Frage stellst. Dass Du das Gefühl hast, alles nicht richtig verstanden zu haben. Dass Du manchmal vielleicht regelrecht besessen bist von der Idee, nach Zeichen zu suchen, die schon vorher auf dieses kommende Ereignis hätten hindeuten können. Dass Du Dich mit allen Fragen quälst, die mit einem W beginnen: Warum gerade ich, warum gerade so, was ist der Sinn dahinter? Und noch vieles mehr. Und genau deswegen, nochmal, das ist mir ganz wichtig: Du bist mit all diesen Symptomen nicht alleine. Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland bis zu 10 000 Menschen das Leben. Zehntausend. Jedes Jahr. Rechnen wir für jeden toten Menschen drei Angehörige und einen guten Freund dazu, mal ganz vorsichtig geschätzt, macht das 400 000 Betroffene jedes Jahr. Das ist eine fette Großstadt voller Betroffene, jedes Jahr aufs Neue.

Ein weiterer ganz wichtiger Aspekt kommt dazu, wenn Du noch Familie hast (Kinder, vor allem): Du kannst - phasenweise oder langfristig - so sehr mit Dir selbst beschäftigt sein, dass Du die Trauer der Anderen nicht selbst mit auffangen kannst. Wer keine eigenen Ressourcen mehr hat, kann für andere Menschen keine Ressourcen aufbauen. Dann ist es Zeit, sich Hilfe ins Familiensystem zu holen, und jede Hilfe sollte dann bei Dir selbst beginnen.  

Jede Trauer macht einsam - man kann zusammen einsam sein


Die Verzweiflung ist hoch bei allen Menschen, die das erlebt haben. Es ist gut, dass es in Deutschland so viele Gruppen der AGUS-Initiativen gibt - es ist hilfreich, sich auszutauschen und dabei zu lernen: Ich bin immer noch einsam und ohnmächtig in meiner Trauer, denn jede Trauer ist ein einsamer Prozess und oft gekoppelt an Verzweiflung. Aber ich kann einsam sein mit anderen zusammen, die genauso einsam sind. Das kann etwas Gutes sein. 

Hier gibt es weitere Hilfe für Dich: Die "Angehörigen um Suizid" (AGUS) haben eine Broschüre verfasst, in der sich viele weitere gute Anregungen finden lassen und die es kostenlos im Internet zum Lesen und Herunterladen gibt. "Symbolhandlungen und Rituale für Hinterbliebene nach einem Suizid" heißt sie und sie ist unter diesem Link zu finden. Auf der AGUS-Website findet sich auch eine Übersicht aller im deutschsprachigen Raum aktiven Selbsthilfegruppen, vielleicht ist auch eine Gruppe in Deiner Nähe mit dabei (hier kannst Du es herausfinden)


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

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Mittwoch, 23. März 2022

Von der Trauerbegleitung fürs Leben lernen... wie sich Lebenskrisen aller Art bezähmen lassen - Auch seelische Muskeln lassen sich trainieren und immer mehr stärken.... Tipps und Impulse für ein gelingendes Leben

Wie kommen wir gut durch die Krisenzeiten unseres Lebens? Was hilft, wenn Seele und Geist (und vielleicht auch der Körper) einen der Tiefpunkte des Lebens zu durchschreiten haben? Gibt es vielleicht gute Strategien zur allgemeinen Lebenshilfe, die die Trauerbegleitung anbieten kann? Oder anders gefragt: Lässt sich aus der Trauerbegleitung etwas fürs Leben allgemein lernen? Für die Trauerbeilage der Neuen Osnabrücker Zeitung durfte ich zwei exklusive Artikel schreiben, deren ungekürzte Originalfassungen ich jetzt auch auf meinen Blog anbieten darf. Hier ist die zweite davon - und es geht darin nicht allein um Trauer:

"Du kennst Dich doch mit sowas aus". Einer dieser Sätze, mit dem sich jemand, der sich auf Trauerbegleitung spezialisiert hat, gelegentlich konfrontiert sieht. Ein Satz, der oft, aber durchaus nicht immer, im Kontext von Tod, Trauer und Sterben gesagt wird. Sondern manchmal einfach nur, weil jemand in einer Lebenskrise ganz anderer Natur steckt. Es steht die Vermutung im Raum: Wer Erfahrungen mit Trauer hat, wer Menschen in einer solchen Ausnahmesituation begleitet, der kann auch bei anderen Krisen helfen. Aber ist das wirklich so? Nun, tatsächlich lassen sich aus der Trauerbegleitung heraus ein paar Impulse ableiten, was bei Krisen allgemein hilfreich sein kann. Immer unter der Prämisse: Trauer selbst ist ein Land, das seine ganz eigenen Regeln hat.   

Hier sind zuerst einmal fünf Impulse für die Betroffenen selbst:  

- 1. Wo Ohnmacht ist, hilft Selbstwirksamkeit: Rein psychologisch gesehen wird Selbstwirksamkeit definiert als die Gewissheit, eine Situation selbst meistern zu können. Was in Krisensituationen schon etwas ziemlich Großes sein kann, je nachdem, wie groß die Ohnmacht bzw. die Hilflosigkeit ist, der man sich ausgesetzt fühlt. Aber dieses ganz Große beginnt meist im ganz Kleinen. Schon kleinste Handlungen können zeigen, dass die Ohnmacht zwar noch da ist, aber nicht mehr die alles beherrschende Übermacht über die Psyche hat - wie zum Beispiel das Staubsaugen (ja, sogar das Staubsaugen). Auf dieses Wirkprinzip setzt unter anderem die Notfallseelsorge. Der dahinterliegende Gedanke lässt sich in den Alltag transportieren. Wer beispielsweise in ein Fitnessstudio geht und dort seine Hanteln schwingt, der trainiert seinen Muskel - immerhin etwas, das funktioniert, auch wenn Seele und Psyche ansonsten am Boden liegen. Der frisch verwitwete Mann, der anfängt, sich selbst Reis zu kochen und ein paar ganz simple Haushaltstricks ganz neu zu lernen, erlebt sich als ein klein wenig (selbst-) wirksamer als vorher. Was für ihn schon mal ein klitzekleines Erfolgserlebnis ist, aller Ohnmacht zum Trotz. Darum geht es: Auf einer ganz kleinen Ebene wieder ein Gefühl von eigener Handlungsmöglichkeit erfahren zu können. 


Hindernisse, Ohnmächte - Lebenskrisen.... (alle Fotos: Thomas Achenbach).

- 2. Seine eigenen Überforderungen einzugestehen, kann einen weiterbringen - weiter jedenfalls als das überall omnipräsente "Alles gut"... - Bloß keine Schwächen zeigen, bloß nicht zeigen, dass man eigentlich nicht weiterweiß, sich bloß nicht blamieren. Noch viel zu oft erleben wir im Arbeitsalltag, aber auch im persönlichen Alltag, wie Menschen einem vermitteln, es sei alles in Ordnung. Auch wenn man sich ganz leise fragt, ob das wirklich so ist - bzw. ob es wirklich so sein kann. Der Kollege, der gerade in Arbeit ertrinkt, sagt: Alles gut. Der Nachbar, dessen Frau ihn verlassen hat: Alles gut. Der plötzlich alleinerziehende verwitwete Vater, den wir beim Abholen an der Schule treffen: Alles gut. Aber: Wenn wirklich immer alles gut wäre - wie unmenschlich wäre denn das, bitte? Und dennoch: Wer traut sich schon, anderen Menschen - aber auch sich selbst gegenüber - einzugestehen; nein, es ist gerade eben nicht alles gut? Ich stecke gerade in einer Krise. Genau das ist der innere Schalter, den umzulegen so hilfreich sein kann. Wer sich - und anderen - seine Überforderungen eingestehen mag, der nimmt eine andere Haltung ein: Ich bin gerade in einer Krise. Ich kann das akzeptieren. Das bedeutet nicht, dass ich es begrüße oder toll finde; es bedeutet auch nicht, dass ich resigniere. Akzeptanz heißt nicht, aufgeben oder sich überfahren lassen. Akzeptanz heißt nur, sich nicht immer gegen das anzustemmen, was gerade ist. Denn wie es im Coaching so schön heißt: "Whatever you resist, will persist" - sprich: das, wogegen Du Dich am meisten stemmst, wird alleine durch Deine Anstrengungen nur noch größer und größer. Wenn ich aber aufhöre, zu sagen, "Ich will das nicht", wenn ich stattdessen sage (und fühle): "Okay, Krise, Du bist da, ich sehe Dich, ich spüre Dich", dann stoppe ich dieses Wachstum. Immerhin das.


Meine beiden Artikel aus dem aktuellen Trauerratgeber der Neuen OZ.

- 3. Konsequente Selbstfürsorge ist das, was zählt. Wer in einer Krise steckt, vielleicht einer richtigen Lebenskrise, der hat sich zunächst einmal um sich selbst zu kümmern. Ohne natürlich die allerwichtigsten Pflichten zu vernachlässigen, der Hund, wenn es einen gibt, muss immer noch sein Fresschen bekommen (die Familie übrigens auch) - aber dennoch mit einer freundlichen Haltung sich selbst gegenüber. Jetzt bin ich mal dran, diesen Gedanken darf es geben. Denn ich habe mich jetzt um mich selbst zu sorgen, das darf eine Haltung sein. "Nur wer selbst gut begleitet ist, kann andere begleiten", heißt ein Lehrspruch aus der Trauerbegleiterqualifizierung. Das ist natürlich eine Haltung, die ein gewisses Ausprobieren, aber auch ein Sich-dran-gewöhnen erforderlich machen kann. Vor allem sehr verantwortungsbewussten Menschen fällt es unsagbar schwer, sich selbst mal nach vorne zu stellen. Diesen Schalter umzulegen, ist tatsächlich etwas, das man von Donald Trump lernen kann (jawohl, sogar von Trump): Ich zuerst (Me first)! Wenigstens in der Krise darf das sein. Und auch für Selbstfürsorge gilt: Sie muss gar nichts ganz Großes sein, sondern ist oft etwas sehr, sehr Kleines. Oder anders gesagt: Etwas, das im ganz Kleinen beginnt. Der Irrglaube, dem viele Menschen erliegen, ist: Weil die durch die Krise ausgelösten Gefühle so groß sind, müsste der Gegenpol dazu - also das, was hilft -, ebenfalls etwas wirklich Großes sein. 



- 4. Leid will (mit-) geteilt und verstanden werden. Es ist gar nicht soviel, was wir in der Trauerbegleitung anbieten - aber dann doch mehr als andere geben können. Wir schaffen einen Raum, in dem das Leiden einfach "sein" darf. Einen Raum, in dem wir uns angucken können, was im Inneren gerade los ist, es ins Wort bringen und besprechen können. Einen Raum, den die Menschen in einer Krise meistens kaum irgendwoanders finden, vor allem in einer Trauer- und Verlustkrise, weil das Umfeld, die Freunde, die Verwandten, damit kaum umzugehen wissen. Wenn Leiden mitgeteilt werden kann, wenn es auf Verständnis beim Gegenüber stößt, dann bekommt es einen anderen Anstrich. Weil es ernstgenommen wird, weil es sein darf, weil es fließen darf, hat es eine größere Chance darauf, sich irgendwann - aber das braucht Zeit - auch zu verändern. 



- 5. Es geht ums Aushaltenkönnen. Warum die Akzeptanz, von der oben schon die Rede gewesen ist, so wichtig ist, zeigt sich am Faktor des Aushaltenkönnens. Wenn wir es schaffen, zu akzeptieren, dass wir gerade eben in einer Krise stecken - einer Verlustkrise, einer Lebenskrise oder auch der Midlife-Krise -, ändert sich die gesamte Fragestellung, die damit einhergeht. Ging es vorher vor allem darum, alles möglichst weit weg zu schieben, es bloß nicht an uns ranzulassen, stehen wir mit der Akzeptanz plötzlich mittendrin im Krisengeschehen. Und fragen uns: Kann ich das aushalten? Aber dieses Aushaltenkönnen ist nichts, das sich passiv an uns ereignet, es ist ein Muskel, der sich trainieren lässt. Und wie jeder Muskel, der nicht trainiert ist, beginnt es mit einigen eher schlappen und zaghaften Mini-Bewegungen. Aus denen langsam mehr werden kann. Was habe ich heute alles ausgehalten, wieviel Schmerz und Irritation, wieviel Sorgen und Ängste? Sich das abends vor dem Schlafengehen bewusst zu machen, verändert die Perspektive. Langsam verschiebt sich der Fokus weg vom passiven Überrolltsein hinein in eine auch aktiv die Krise angehende Haltung. Ich mag Dich nicht, Krise, aber Du gehst vermutlich so bald nicht wieder weg, na gut, aber dann kann ich immerhin jeden Tag weiter an Dir wachsen. Im modernen Businessdeutsch formuliert: Das ist der "Spirit" oder auch der "Mindset", der aus der Krise tatsächlich eine Chance werden lässt. In der Trauerbegleitung ist das - auch gemeinsame - Aushaltenkönnen oder zumindest das Versuchen des gemeinsamen Aushaltens eine der Zutaten, um die es geht. 

- Schon bevor die Krise ausbricht: Das Alleineseinkönnen trainieren, eine der vielleicht wichtigsten Fähigkeiten überhaupt. Ein weiteres wichtiges Thema, das für die eigene Krisenfähigkeit, aber auch für ein gelingendes Leben allgemein eine große Rolle spielt, ist das Alleineseinkönnen. Auch das lässt sich trainieren. Wie - und warum es so sinnvoll ist -, das füllt einen kleinen Vortrag, den es als "Impuls-Cast" in meinem Podcast zu hören gibt - unter diesem Link.

Und hier noch eine Anregung für Menschen, die den Betroffenen gerne helfen wollen:

- Du kannst nicht trösten, nicht beraten, höchstens zuhören. Ratschläge sind Schläge, lautet die alte Weisheit. Wer tröstet, der beschwichtigt allzu oft nur, anstatt die Dinge so sein lassen zu können, wie sie sind. Bei Eltern junger Kinder ist das oft zu beobachten: Ist doch gar nicht so schlimm, sagen sie. Oder: Das tut gar nicht so weh. Das mag zwar tröstend gemeint sein, ist aber in Wahrheit eine Frechheit, weil es dem Gegenüber all sein eigenes Erleben aberkennt, den Schmerz, das Entsetzen. Was sich nämlich in Wahrheit hinter einem solchen Satz versteckt, ist eine Aufforderung: Stell Dich bitte nicht so an. Viel hilfreicher für Menschen in einer Krise ist es indes, wenn Sie erfahren dürfen, dass Ihnen zugehört wird. Und dass Ihre Gefühle so sein dürfen, wie sie sind. Dass sie das so haben dürfen, dass sie auch damit verstanden werden. Um beim Beispiel junger Eltern zu bleiben: Sie könnten ihr Kind fragen, wo genau es denn so weh tut. Sie könnten fragen, ob vielleicht auch der Schreck eine Rolle spielt (vielleicht, weil es gestürzt ist). Damit helfen sie ihrem Gegenüber, dass er sein Inneres genauer ansehen und seinen Facettenreichtum erkennen kann. Die grundsätzliche Haltung sollte sein: Ich glaube Dir, dass Du gerade leidest. Ich kann Dein Leiden wahrnehmen. Und wer sich unsicher ist, wie sich eine solche Haltung in ein gutes Gespräch ummünzen lässt, dem hilft ein ganz einfacher Trick: Einfach Fragen stellen. Am besten Fragen, die mit einem W beginnen. Wie fühlt sich das an? Wie hat es sich entwickelt? Wann tut es am meisten weh? Wie schläfst Du gerade? Und ähnliches.


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Donnerstag, 3. März 2022

Wie lange darf Trauer dauern? Wie lange darf es so weh tun, ohne dass es krankhaft wird? Ist es normal, jahrelang zu trauern? - Hier die ungekürzte Originalversion eines Zeitungsartikels, den ich exklusiv für die Trauerbeilage der Neuen Osnabrücker Zeitung schreiben durfte

Osnabrück – Wie lange darf Trauer denn dauern? Hat dieses Leiden nicht auch mal ein Ende? Oder wird es wengstens irgendwann milder? Solche Fragen stehen oft im Raum, wenn sich Menschen mit Gefühlen konfrontiert sehen, die sie noch nie gehabt haben und die überraschend hartnäckig sein können. Für die Trauerbeilage der Neuen Osnabrücker Zeitung durfte ich jetzt zwei exklusive Artikel schreiben, deren ungekürzte Originalfassungen ich nun auch auf meinen Blog anbieten darf. Hier ist die erste davon.  

Es gibt in unserer Gesellschaft diese große Lücke, die kaum jemand als eine solche erkennt. Ich nenne sie die Verständnislücke. In meinen Vorträgen male ich sie auf Flipcharts auf. Mit ganz viel Rot. Man könnte auch das Bild eines Grabens bemühen: Auf der einen Seite stehen Menschen, die jemanden verloren haben, meistens durch den Tod. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die diese Erfahrung noch nicht haben machen müssen. Und je länger  - nach einem Todesfall - die Zeit voranschreitet, desto größer wird das Unverständnis zwischen diesen beiden Fraktionen. Das ist menschlich. Das ist nachvollziehbar. Es ist für die Betroffenen dennoch schmerzvoll - zusätzlich schmerzvoll.


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

„Jetzt ist es aber langsam mal gut“ oder „Ihr hattet doch eine so schöne Zeit“ oder auch „Werd‘ mal langsam wieder normal“ bekommen diese Menschen auf der einen Seite oft zu hören. Gut gemeinte Ratschläge, die genausogut Schläge in die Magengrube sein könnten. Das verunsichert und gibt den Menschen das Gefühl nicht ganz normal zu sein – mit einer Trauer, die scheinbar viel zu heftig ausgewuchert zu sein scheint, weil sie sich kaum verändert. Dass sie so lange jedenfalls nicht dauern sollte, ist auf der gegenüberliegenden Seite des Grabens oft allgemeiner Tenor. Manchmal schon nach sechs Monaten. Meistens nach einem Jahr. Spätestens.

Manche fragen sich: Ist das noch normal?

Bei den Menschen mit den Verlusterfahrungen kann sich so rasch ein Gefühl des Unverstandenseins breitmachen. Kommen sie dann in eine Trauerbegleitung oder zu einem Trauerseminar, dann geht es unter anderem darum, die Verunsicherung aufzufangen. „Bin ich eigentlich noch normal, wenn ich so lange um jemanden trauere?“ - eine oft besprochene Frage in einem solchen Setting. Genauso wie die Frage: Wie lange darf Trauer denn überhaupt dauern, wird Trauer nicht irgendwann ungesund, wenn sie überhandnimmt, führt sie nicht zwangsläufig in eine Depression?

Meine beiden Artikel aus dem aktuellen Trauerratgeber der Neuen OZ.

"Eines habe ich bei ihrem Vortrag begriffen: Ich bin ein Lehrling im ersten Lehrjahr, was meine eigene Trauer angeht". So formulierte es einer der Zuhörer, die mich bei einem meiner ersten Präsenzvorträge nach den pandemischen Lockdowns erlebte. Eine weise gewählte Formulierung. Denn die Lehrlingszeit in Deutschland dauert in der Regel mehrere Jahre. Wenigstens drei. Je nach Zusatzqualifizierungen auch mal mehr. Das auszuhalten, eine solche Zeit, das ist eine der Aufgaben, vor die uns die Trauer stellen kann. 

Es geht um Erlaubnis: Ja, Du darfst so sein!

Zu den Aufgaben eines Trauerbegleiters kann es manchmal gehören, den Menschen allerlei Erlaubnisse zu geben, die sich selbst nicht zu geben trauen. Zum Beispiel die Erlaubnis, dass sie genauso sein dürfen, wie sie jetzt gerade eben sind – innerlich zerbrochen oder zerrissen, hin- und hergewühlt, verunsichert, mal wütend, mal ohnmächtig, mal laut, mal leise, mal voller Tränen, mal eben nicht (und dann vielleicht verzweifelt, weil die Tränen ausbleiben, oder vielleicht auch erleichtert, weil das so ist - Trauer ist oft voller Ambivalenzen). 



Oder auch die Erlaubnis, Dinge zu tun, von denen sich kein Mensch vorher jemals hätte vorstellen können, dass er so etwas vermeintlich Verrücktes einmal tun würde: Mit den toten Menschen zu reden; sich ihre Kleidung anzuziehen; mit einem Picknickkorb ans Grab zu gehen um den Tag dort zu verbringen… Alles gesund? Na klar! Wer das Gefühl hat, dass es ihm damit einen kurzen Moment lang besser geht, der ist doch schon weit gekommen, oder? 

Na also.

So etwas kann es geben. Oder auch nicht. Jede Trauer ist anders, zeigt sich anders, geht mal tiefer, mal weniger tief, jede Trauer ist ein hochindividueller Prozess. Nur eine Sache ist immer gleich: Das erste Jahr nach dem Todesfall spielt eine wichtige Rolle. Denn dieses erste Jahr ist vollgestopft von „Ersten Malen“, für die es keine Erfahrungswerte gibt: Das erste Mal Todestag, was tun? Das erste Mal Geburtstag des gestorbenen Menschen, was tun? Das erste Mal Ostern, Weihnachten, Namenstag, was auch immer. Jeder dieser Tage bringt beides mit sich: Eine große Überforderung - aber auch eine Chance zur Gestaltung.


Es gibt diese große Lücke, die Verständnislücke. In meinen Vorträgen male ich sie auf, mit ganz viel Rot - so wie hier bei einem Vortrag in Oldenburg (Forum St. Peter/Screenshot:Achenbach).


Ist dieser Zyklus einmal durchlaufen, sind die Betroffenen um viele Erfahrungen reicher. Was den Schmerz aber nicht mindern muss, der bleibt oft. Noch ein Jahr. Und noch eins, vielleicht… Und, und, und… Und genau an dieser Stelle beginnt oft das Missverstehen. "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an mein gestorbenes Kind denke", sagt eine Mutter, die vor mehr als 20 Jahren ihre kleine Tochter bei einem Unfall verloren hat. Und einer der Männer, die ich in meinem Buch "Männer trauern anders" mit ihrer Trauergeschichte zitiere, sagt: "Die Wunde mag über die Jahre vernarbt sein, aber die Narbe ist noch immer da - manchmal bricht sie auf." Beide sind sie keine Ausnahmen.  

Ein Mythos: Wer zu lange trauer, wird depressiv 

Fakt ist: Trauer darf so lange dauern, wie sie eben dauert. Auch dafür gibt es jederzeit Erlaubnis. Dass sie zwangsläufig in eine Depression führt, wenn sie nicht von alleine weggeht, ist ein Mythos, der sich hartnäckig hält, obwohl er schon oft als nicht korrekt benannt worden ist durch Wissenschaft und Experten. Denn eine Depression, eine klinische jedenfalls, ist wie eine innerliche Nullinie, ohne irgendeinen Impuls. Der totale Stillstand im Inneren, kein Antrieb für gar nichts, nicht mal dazu, das Bett zu verlassen. Ja, Trauer kann manchmal so sein, einen Tag lang oder länger, aber dann ist da auch wieder viel Aufruhr und Verzweiflung und jede Menge Gefühl. Also gerade keine Nulllinie. Alles gesund also? Ein jahrelanges Trauern? 


Ja, auch das. Auch wenn es schmerzvoll ist – oder vielleicht: gerade weil es schmerzvoll ist: solange die Trauer einen nicht über mehrere Jahre innerlich komplett lähmt, ist sie ein ganz normaler, vollkommen gesunder Prozess. Und auf keinen Fall eine Krankheit. Man kann sich das vorstellen wie ein physikalisches Gesetz. Die Kraft, die es vorher schon gegeben hat – Liebe, meistens – ist immer noch vorhanden, in der gleichen Intensität wie immer, wenigstens. Nur ihr Zustand hat sich verändert. Vom Plus- in den Minuspol. Aber kraftvoll genug, um lange weiterzuwirken. Und länger. Und länger. Alles normal. Die Gesetze des Lebens, eben



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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

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Dienstag, 16. November 2021

Mein dritter Mutmacherbrief an Trauernde: Ein paar Zeilen für Dich, falls Du Dich manchmal fragst, ob Du eigentlich verrückt geworden bist in Deiner Trauer - und ob Du noch richtig bei Verstand bist, weil Du komische Dinge tust...

Lieber mir unbekannter Mensch,

(oder vielleicht kennen wir uns auch schon persönlich, dann ist ja umso besser...): Hast Du Dich in jüngster Zeit immer mal wieder gefragt, ob Du noch richtig bei Verstand bist, weil Du in Deiner Trauer auf einmal Dinge tust, die Dir vorher mehr als merkwürdig vorgekommen wären? Also zum Beispiel sowas wie: Mit den Toten zu sprechen. Sich vorwiegend dort aufzuhalten, wo der gestorbene Mensch sich gerne aufgehalten hat. Die Nähe zu dem gestorbenen Menschen zu suchen, zum Beispiel am Grab oder an einem anderen markanten Ort. Die Gegenstände zu befühlen, die von dem gestorbenen Menschen geblieben sind. Sich von diesen Gegenständen, oder auch von der Kleidung des gestorbenen Menschen, einfach nicht trennen zu können. Sich zum Schlafen in das Bett des gestorbenen Menschen zu legen. Die Präsenz eines gestorbenen Menschen zu spüren, auch wenn Du vorher niemals an sowas geglaubt hättest. Manchmal das Gefühl zu haben, dass die Toten Dir irgendwie auf Deine Fragen antworten. Und, und, und... Ich könnte hier noch eine ganze Reihe von Beispielen auflisten, von denen mir Menschen während einer Trauerbegleitung erzählt haben. Aber darum geht es nicht. Der Punkt ist der: 

Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation tun so etwas, tun ganz vieles, was sie sich niemals hätten vorstellen können. Und trotzdem tut es ihnen gut. Dir vielleicht auch? Klar, Du kommst Dir vielleicht komisch dabei vor, jedenfalls ein Teil von Dir, während ein anderer Teil von Dir sich wirklich gut dabei fühlt. Da entsteht vielleicht so eine Art Bruch in Dir drin? Naja, da siehst Du mal wieder, aus wievielen verschiedenen Facetten unser Innenleben zusammengesetzt sein kann. Durchaus auch aus Facetten, die so gar nicht zusammenzupassen scheinen. Das ist wie bei einem Puzzle mit ganz vielen Teilen: Das eine Teilchen ist ganz weit links oben, das andere ist ganz unten rechts, betrachtest Du die Teile einzeln, bleiben sie unverständlich, aber erst im Gesamtbild macht es Sinn, dass es beide Teile gibt. 

Ist Dir schon einmal aufgefallen, was die Menschen einen fragen, wenn man Dinge tut, die sie nicht verstehen? Sie fragen: Bist Du noch ganz bei Trost? Siehst Du, darauf gibt es eine ganz klare Antwort: Nein, Du bist nicht bei Trost. Du hast einen Menschen verloren und bist in Trauer - und wer in Trauer ist, der bleibt meistens ungetröstet. Oft und viel und ganz lange, immer ungetröstet. Daran lässt sich leider nichts ändern, das gehört dazu. Also bist Du nicht bei Trost und kannst es gar nicht sein. Also darfst Du auch Dinge tun, die scheinbar, aber auch wirklich nur scheinbar, merkwürdig sind. 

In meinen Vorträgen benutze ich gerne die Formulierung: Menschen in einer Verlustkrise sind innenraumgreifend von ihrer Trauer ausgefüllt. Ihre Trauer ist für sie das alles beherrschende Thema, da ist oft kein Raum mehr für irgendwas anderes. Das kann andere Menschen schnell mal nerven, aber es ist nun einmal so, auch daran lässt sich nichts ändern. Vielleicht hast Du selbst oft das Gefühl, auf der Stelle zu treten, das Gefühl, dass sich nichts tut, dass es scheinbar gar nicht weitergeht. Ich kann Dich nur dazu ermutigen, dass Du mit Dir selbst am geduldigsten sein darfst. Es ist Deine Krise! Nimm Dir die Zeit, die sie von Dir verlangt. Vielleicht wird Dir manchmal einfach alles zuviel. Selbst Kleinigkeiten können Dich dann kolossal überfordern. Die Spülmaschine müsste vielleicht mal ausgeräumt werden - darf einem für sowas die Kraft fehlen? Ist das noch normal?

Ja, ich glaube, das ist es, jedenfalls zu Beginn. Und immer mal wieder zwischendurch auch. Und vielleicht hast Du dann rasch ein schlechtes Gewissen, weil Du nicht so richtig "funktionierst". Weil es Dir vielleicht auch schwer fällt, Deine Arbeit zu tun. Ich möchte Dich gerne ermutigen: Du darfst jetzt wirklich egoistisch sein. Du darfst nur auf Dich selbst hören und auf Dich selbst aufpassen. Du darfst sehr feinfühlig auf Dein Innenleben achten. Ganz viele Menschen, die in einer seelischen Krise feststecken, können in ihrem Inneren durchaus erspüren, was ihnen jetzt gut täte und was nicht - sie trauen sich bloß nicht immer, das dann auch in die Tat umzusetzen. Aber nochmal: Das alles, was sich da jetzt gerade in Deinem Inneren tut, gehört zu Dir. Es sind Facetten Deines Lebens, Facetten Deiner Krise. Facetten Deines Seins. Es sind Puzzlestücke, die zum Gesamtbild dazugehören. Das ganze Bild zu sehen, fällt uns Menschen immer schwer, unser ganzes Leben lang  - aber es fällt uns umso schwerer, je tiefer wir gerade in einer Krise stecken. Da hocken wir mit einzelnen Puzzleteilen, auf die wir ständig starren müssen, weil sie so wichtig geworden sind, und haben gar keinen Blick mehr für die anderen Teile. Selbst wenn sie noch da sind. 

Das ist okay so, das darf so sein. Nach vielen Gesprächen, die ich mit Menschen in diesen Situationen geführt habe, glaube ich eines sagen zu dürfen: Je mehr wir uns trauen, unsere Krisengefühle wirklich ausleben zu können, desto besser es ist oft für uns. Also sprich mit Deinen Toten, wenn Dir danach ist. Viele Trauernde sprechen mit ihren Toten. Oder nutze die Gegenstände, die noch dageblieben sind, wenn Du das Gefühl hast, dass es Dir gut tut. Versuch einfach das zu machen, was Dir gut tut. 

Herzliche Grüße, Thomas.