Montag, 26. Oktober 2020

Was tun, wenn ein Mensch gestorben ist? - Ein Angehöriger ist gerade gestorben, was muss ich denn jetzt machen? - 11 wichtige erste Schritte und To Dos, wenn ein Mensch gestorben ist - was jetzt erstmal wichtig ist (und wie Du diese Prozesse so gestalten kannst, dass sie Dir später in Deiner Trauer eine Hilfe sind) - Was nach einem Todesfall getan werden muss

Osnabrück - Du bist gerade ganz ratlos und vielleicht in Schock, weil ein Mensch gestorben ist und Du nicht weißt, was Du jetzt machen sollst? Du stehst vor dem gestorbenen Menschen und weißt nicht weiter? Okay, das ist schlimm. Und das Schlimmste daran, leider: Trotz des Schocks und des Entsetzens gibt es jetzt erstmal eine Menge zu tun. Hier findest Du eine Liste der elf wichtigsten ersten Schritte. Was ich Dir aus meiner Erfahrung sagen kann, ist: Du wirst jetzt erstmal sehr beschäftigt bleiben. Das hat Vor- und Nachteile gleichermaßen. Aber keine Sorge, es wird noch genug Zeit sein für das Traurigsein und für das Nachspüren nach dem ersten Schock - und es kann dann wichtig sein, dass Du gut hinfühlen kannst und vielleicht Hilfe hast. Aber jetzt ist erstmal Orgakrams angesagt. Leider. Das kann ich Dir nicht ersparen. Also, wollen wir loslegen? Okay. 

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

 1.)  Als Erstes: Der Arzt muss einen Totenschein ausstellen - das nennt sich die "Leichenschau"


Für den Fall, dass der Mensch zuhause gestorben ist und nicht in einem Krankenhaus oder Heim oder Hospiz, muss als Allererstes von einem von Dir dazugeholten Externen der Tod offiziell bestätigt werden. Auch wenn es ganz offensichtlich ist, dass dieser Mensch nun tot ist, braucht Ihr diesen Totenschein. Denn er ist eines von mehreren Dokumenten, die später die Versicherungen, die Ämter und der Bestatter benötigen werden. Am besten wäre es, den Hausarzt zu holen, idealerweise der Hausarzt des gestorbenen Menschen. Du kannst auch einfach die 112 anrufen, das ist das Leichteste, solltest aber unbedingt sagen, dass es nicht um einen Rettungseinsatz geht. Wichtig ist, dass so rasch wie es geht ein Arzt zu Dir kommt und sich den gestorbenen Menschen ansehen kann - wobei Du Dich auf eine gewisse Wartezeit einrichten musst (kann manchmal sogar ein paar Stunden dauern, bis ein Arzt da ist). Der Fachbegriff dafür ist "Leichenschau", klingt ein bisschen gruselig, heißt aber so. Wichtig zu wissen: Diese Leichenschau muss Dir der Arzt in Rechnung stellen, die Kosten übernimmt keine Krankenkasse - und die Kosten für die Leichenschau sind im Januar 2020 in Deutschland nochmal überarbeitet und angepasst worden (siehe auch meinen Beitrag dazu hier).

Was muss ich tun? - Ruf am besten Deinen Hausarzt an oder zur Not auch die 112 (wichtig: unbedingt sagen, dass es sich nicht um einen Notfall handelt) oder den Kinderarzt, falls es sich bei dem gestorbenen Menschen um einen Kind handelt - ist der Mensch im Krankenhaus gestorben oder einem Heim oder Hospiz, kannst Du dort nach dem Totenschein fragen.

Warum ist das so wichtig? - Der Totenschein ist ein offizielles Dokument, das die Ämter, die Versicherungen und andere offizielle Stellen benötigen. Dafür braucht ihr das. 


2.) Was Du jetzt brauchst, sind die wichtigsten amtlichen Dokumente & Unterlagen des gestorbenen Menschen


Als Nächstes steht das Zusammensuchen der wichtigsten Dokumente auf dem Plan. Wichtig ist vor allem zu wissen, ob der gestorbene Mensch irgendwelche Anweisungen oder Wünsche für seinen Todesfall hinterlassen hat, die sich vielleicht in privaten oder persönlichen Dokumenten finden lassen - denn diese Impulse brauchst Du unbedingt vor dem dritten To Do. Hier ist die Liste dessen, was Du jetzt an Dokumenten zusammenstellen solltest - wobei manches davon auch noch nachgereicht werden kann:

- Falls es gibt: Verfügungen für den Todesfall (mit das Wichtigste)
Personalausweis des gestorbenen Menschen
- Geburtsurkunde des gestorbenen Menschen
- Testament
- Krankenkassenkarte 
- Falls es gibt: Organspendeausweis
- Ehe-Urkunde oder Scheidungs-Urkunde 
- Falls der Ehepartner vorab gestorben ist, dessen Sterbeurkunde
- Falls es gibt: Vorsorgevertrag mit Bestatter
- Mit dazulegen solltet Ihr jetzt: Den Totenschein
- Und, schon mal prüfen: Hast Du Vollmachten für Banken etc.?

Was muss ich tun? - Suchen. Und möglichst viele der oben genannten Dokumente zusammenstellen.  

Warum ist das so wichtig? - Weil Du bald eine Sterbeurkunde vom Standesamt beantragen musst und dafür diese Unterlagen brauchst - und weil Du mit Dir einen Bestatter suchen musst, der ebenfalls Unterlagen braucht - und Deine Wunschliste. Denn das ist der nächste ganz wichtige Schritt.



3.) Fertige eine Mindest-Wunsch-Liste für die Bestattung an - die brauchst Du noch bevor Du einen Bestatter suchst


In allen anderen To-Do-Listen zu diesem Thema findet sich an dieser Position die Aufforderung, sich jetzt um einen Bestatter zu kümmern. Ich finde, es braucht noch etwas viel Wichtigeres, das vorab geschehen muss - sich zu überlegen, was man vom Bestatter eigentlich will. Denn es gibt in Deutschland solche und solche Bestatter - und noch viele, die sehr traditionell geprägt sind. Manche werden versuchen, Dir ihr Standardrepertoire an Urnen oder Särgen zu verkaufen, weil darin die für sie größte Gewinnspanne liegt. Aber was, wenn Du diesen Prozess anders gestalten möchtest? Moderne Bestatter orientieren sich an den Trauerbedürfnissen ihrer Kunden. Nicht vergessen: Du bist der Kunde und der Mensch in einer Krise, es geht um Deine Wünsche und, falls es eine Verfügung dieser Art gibt, um die Wünsche des gestorbenen Menschen. Umso hilfreicher und besser ist es deswegen, wenn Du sehr klar sagen kannst, was Deine Wünsche sind und was die Wünsche des gestorbenen Menschen sind.

Ich habe eine kleine Liste erstellt mit möglichen Aktivitäten und Aktionen rund um die Bestattung darin, von denen mir die Menschen in einem Trauerprozess berichtet haben, dass sie ihnen gut getan haben, vielleicht findest Du etwas darin, dass Dich ebenfalls anspricht. Manches davon wird Dir im ersten Moment brutal oder unaushaltbar vorkommen - hier ist wichtig zu wissen, dass es Deine eigene Reise ist, um die es hier geht. Nichts davon ist ein Muss, zu nichts musst Du Dich überwinden, was Du Dir nicht vorstellen kannst. Wichtig ist nur eins: Es ist Eure Trauer, Eure Zukunft, Ihr seid die Kunden und Ihr entscheidet allein, was Euch gut tut (mehr dazu gibt es in meinem Blogbeitrag "Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen und nicht umgekehrt", den kannst Du beim Klick hier finden). 

Fertige also Deine ganz persönliche Liste an, was Deine Wünsche wären, spontan und aus dem Bauch heraus, so wie es Dich jetzt anspricht. Und versuch Dich nicht zu sehr unter Druck zu setzen - Du bist jetzt in einer Ausnahmesituation, in der alles erstmal Überforderung ist. Es ist viel, was jetzt von Dir verlangt wird - viel zu viel, in Wahrheit. Okay, hier ist das, was ich von anderen Menschen gehört habe, dass es ihnen gut getan hat:

- Den Toten erstmal zuhause aufbahren (geht bis zu 72 Stunden mit Kühlmatten)?
- Den Toten für das Aufbahren zuhause aus dem Sterbeort dorthin überführen?
- Alternativ: Den Toten in einem Abschiedsraum beim Bestatter aufbahren?
- Nachbarn, Familie, Freunde zum persönliche Abschiednehmen einladen?
- Den gestorbenen Menschen gemeinsam mit dem Bestatter einkleiden/waschen?
- Den Sarg bemalen als gemeinschaftliche Aktion mit Freunden/Familie?
- Den Sarg eventuell sogar gemeinsam bauen als Gemeinschaftsaktion?
- Wäre es Euch wichtig, dass die Bestattung möglichst ökologisch wertvoll wird? 
- Etwas in den Sarg hineinlegen als Beigabe für diese letzte Reise (da geht viel)?  
- Sich den toten Menschen nochmal gemeinsam ansehen, falls man das kann?
- Den Sarg gemeinsam verschließen vor der Trauerfeier?
- Soll der gestorbene Mensch lieber verbrannt oder klassisch beerdigt werden?
- Soll er auf dem Friedhof oder in einem Wald beigesetzt sein?
- Wollt Ihr eine Zeitungsanzeige schalten und soll darin evtl. ein Foto sein? 
- Auch Urnen gibt es zum Selbst-Gestalten bzw. mit Bastel-Einlage-Option
- Im Falle einer Urnenbestattung: Wer soll die Urne zum Grab tragen dürfen?

Was muss ich tun? - Mach Dir ein paar Gedanken, was Du Dir selbst vorstellen könntest und was nicht, schau Dir die Liste oben an und frag Dich, ob Dich etwas davon anspricht.

Warum ist das so wichtig? - Du hast jetzt die Chance, auch diesen letzten Abschied für alle Beteiligten so zu gestalten, dass er Dir und Euch später, nach einigen Monaten oder Jahren, als hilfreich in Erinnerung bleiben kann - auch wenn alles jetzt gerade eine Überforderung ist und wenn alles hart ist. Deswegen solltest Du Dich auch nicht zu sehr unter Druck setzen, Du bist jetzt in einer Ausnahmesituation. 

Mein Extra-Tipp: Besprich diese Frage mit jemandem, der Dir nah und vertraut ist und der das aushalten kann. Im Sprechen über solche Fragen kommen wir den in uns schon liegenden Antworten oft viel näher (und viel schneller näher) als beim Nachdenken.

4.) Jetzt solltest Du Angehörige informieren, die Wunschliste mit ihnen besprechen, erst dann einen Bestatter suchen


Heutzutage ist oft von den Zugehörigen anstelle der Angehörigen die Rede, warum das so ist, habe ich in einem weiteren Blogbeitrag dargestellt. Sei's drum, die Idee ist immer die: Je enger der Kontakt gewesen ist bzw. je enger der Verwandtschaftsgrad, desto eher sollte die Information erfolgen. Als Erstes müssen also die allernächsten Angehörigen und die engsten Vertrauten des gestorbenen Menschen informiert werden, immer nach dem Motto: Je enger, desto schneller. Vielleicht gibt es eine Telefonliste? Vielleicht hast Du die Kontakte in Deinem Smartphone? Wichtig wäre, dass Du diese Menschen anrufst und ganz persönlich mit Ihnen sprichst (keine Mail). Du musst nicht viel sagen. Es geht nur um die Übermittlung der Information. Es reicht, wenn Du zum Beispiel sowas sagst wie: Ich fasse es selbst noch nicht, aber er oder sie ist gerade gestorben. Punkt. Wenn Ihr das könnt, dürft Ihr danach gemeinsam fassungslos und schockiert sein, manchmal ist es aber so, dass die angerufenen Menschen selbst noch gar nicht so viel sagen können im ersten Augenblick. Was Du jedoch schon mal abklären solltest, wäre Deine Wunschliste für die Bestatter. Wichtig: Du musst nicht gleich in der ersten Nacht alle Menschen informieren, die mit der gestorbenen Person in Kontakt gewesen sind, erstmal zählen wirklich nur jene, die man als engste Verwandte und aller-aller-engste Freunde bezeichnen kann. Ebenfalls wichtig: Vielleicht kannst Du Dir jemanden suchen, der Dir helfen oder Dich begleiten kann - zum Beispiel bei der Suche nach einem Bestatter oder bei Amtsgängen etc.?

Was muss ich tun? - Telefonnummern suchen, den allerengsten Vertrautenkreis und Angehörigenkreis des gestorbenen Menschen anrufen und informieren.

Warum ist das so wichtig? - Es gehört sich einfach so - und jeder, der mit einem Menschen eng zu tun hatte, sollte auch das Recht haben, rechtzeitig von seinem Tod informiert zu werden. 

Mein Extratipp Nr. 1: Such' Dir dabei gleich jemanden, der Dich bei der Suche nach einem Bestatter unterstützen kann und Dich ggf. bei Amtsbesuchen begleitet. 

Mein Extratipp Nr. 2: Mach Dir bei jedem Gespräch, egal mit wem (Angehörige, Bestatter, etc.) so viele Notizen wie es geht, schreib alles mit, was besprochen wird - in Krisensituationen wie dieser leidet oft die Merk- oder die Konzentrationsfähigkeit, so dass Du Dich nicht auf Dein Gedächtnis verlassen kannst! Welcher Angehörige hatte jetzt nochmal diese lustige Geschichte erzählt? Welchen Sonderwunsch für wen wolltest Du mit dem Bestatter besprechen? Wenn Du gerade frisch den Telefonhörer aufgelegt hast, sind diese Informationen noch sehr präsent - aber überschätze das nicht. Dein Gehirn kann derzeit ebenso überfordert sein wie der Rest Deines Systems. Also: Besser alles aufschreiben. 

5.) Sonderurlaub beantragen und Dich mit Deinem Arbeitgeber absprechen; prüfen, was Dein Arbeitgeber alles anbietet


Einen Todesfall managen zu müssen, ist eine enorme Belastung für einen Menschen. Es ist klar, dass man dabei nicht immer parallel arbeitsfähig bleiben kann. Leider sind die gesetzlichen Regelungen in Deutschland sehr schwammig und lassen allerlei Interpretationsspielräume zu (mehr dazu findest Du übrigens auch in meinem Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" im Campus-Verlag). Sehr viele Arbeitgeber haben deswegen ganz eigene Regeln erlassen, was beispielsweise die den Mitarbeitern zustehenden freien Tage angeht. Oder es gibt einen Tarifvertrag, der zur Anwendung kommt. Allerdings kommt es auf das Verhältnis zum gestorbenen Menschen an. In den meisten Fällen gilt: Bei Verwandten ersten Grades wie gestorbenem Ehepartner, Kind oder Elternteil bekommt ein Mensch zwei Tage Sonderurlaub, bei einem Verwandschaftsverhältnis zweiten Grades - wie Großeltern etc. - meistens keinen. Dass das dem tatsächlichen Leben nicht immer gerecht wird, ist klar. Deswegen ist es immer hilfreich: Beim Chef oder in der Personalabteilung nachfragen. Sich erstmal ein paar Tage frei nehmen, falls möglich. Vielleicht lässt sich das über unbezahlten Urlaub regeln. Oder nachfragen, ob das eigene Unternehmen ganz andere Regeln aufgestellt hat - Facebook beispielsweise bietet seinen Mitarbeiter bis zu zwei Wochen Sonderurlaub an in einem solche Fall. 

Falls es gar nicht anders geht: Ja, Du kannst Dich auch wegen eines Trauerfalls "krank"-schreiben lassen. Wobei Trauer in den seltensten Fällen wirklich krank macht. Sehr wohl aber kann die Trauer einen Menschen erstmal arbeitsunfähig machen (mehr dazu findest Du in meinem Blogbeitrag zu diesem Thema, dazu bitte hier klicken).

Was muss ich tun? - In der Personalabteilung des Unternehmens, in dem Du arbeitest, nachfragen, ob es Sonderregelungen für die Zeit nach einem Todesfall gibt, mit Deinem Chef sprechen, was Du jetzt brauchst und klären, ob es Sonderurlaub/unbezahlten Urlaub geben kann.

Warum ist das so wichtig? - Du wirst eine Menge zu tun haben und nicht immer ganz konzentrationsfähig sein, das bringt der Schock und die emotionale Anspannung so mit sich, das ist ganz normal - prüfe Dich selbst, ob Du Dich für arbeitsfähig hältst.


6.) Jetzt musst Du beim Standesamt oder Bürgeramt die Sterbeurkunde beantragen - (mit Totenschein und Ausweis)


Erstmal musst Du herausfinden, zu welchem Amt Du gehen musst. Das sollte über eine rasche Google-Abfrage herauszufinden sein, indem Du den Namen der Stadt, in der der verstorbene Mensch gewohnt hat, und das Stichwort Sterbeurkunde angibst. Meistens ist es das Standesamt, aber eben nicht überall. Bei uns in Deutschland geht halt nichts ohne die entsprechende Bescheinigung. Und die Sterbeurkunde ist neben dem Totenschein eine sehr wichtige Bescheinigung, die Du noch oft gebrauchen wirst. Weil Du noch eine ganze Reihe von Sterbeurkunden im Original vorlegen musst - zum Beispiel bei allerlei Versicherungen -, kann es hilfreich sein, wenn Du Dir gleich mehrere Sterbeurkunden anfertigen lässt. Irgendwas zwischen fünf oder zehn Stück ist eine gute Zahl.




Manchmal übernehmen es auch die Bestatter, sich um die Sterbeurkunde zu kümmern, wenn Du also schon einen guten Bestatter Deiner Wahl gefunden hast, dann solltest Du dort zuerst nachfragen, ob das geschehen kann. 

Aber Achtung, das Amt braucht eine ganze Reihe von zusätzlichen Dokumenten, bevor es Dir die Sterbeurkunden ausfertigen kann. Dabei kommt es darauf an, welchen Familienstand der gestorbene Mensch gehabt hat: 

- Mitbringen musst Du: Totenschein und Ausweis des gestorbenen Menschen
- Deinen eigenen Personalausweis musst Du ebenfalls mitbringen
- Die Geburtsurkunde dann, wenn der gestorbene Mensch nicht verheiratet war
- Die Heiratsurkunde, wenn der gestorbene Mensch verheiratet war
- Bei Geschiedenen braucht es dazu auch noch das Scheidungsurteil
- Bei Verwitweten braucht es die Sterbeurkunde des gestorbenen Partners
- Und im Falle einer Lebenspartnerschaft gibt es auch hierfür eine Partnerschaftsurkunde

Was muss ich tun? - Falls Du schon einen Bestatter gefunden hast, frag dort, ob dieser die Sterbeurkunden mitbesorgen kann. Ansonsten musst Du selbst herausfinden, welches Amt für Sterbeurkunden in Deiner Stadt/deinem Ort zuständig ist und dort hingehen mit den oben genannten Unterlagen dabei.

Warum ist das so wichtig? - Wir leben in Deutschland. Da geht nichts ohne Bescheinigung.



7.) Die Trauerfeier vorbereiten und Dir Gedanken darüber machen, was Dir gut tun würde bei diesem Abschied


Mit der Trauerfeier ist das so eine Sache - meistens ist sie für die Menschen, die sie organisieren müssen, so eine Art "Großes Schwarzes Loch", weil der gestorbene Mensch in der Regel keine Wünsche oder Verfügungen für die Feier hinterlassen hat. In den seltensten Fällen haben sich Menschen vorher darüber unterhalten, wie sie sich ihre eigene Trauerfeier vorstellen würden. Deswegen würde ich Euch zur Gestaltung einer Trauerfeier immer diese drei Leitlinien empfehlen: 

1.) Die Feier darf bzw. sollte den Hinterbliebenen gut tun und ihnen etwas geben 
2.) Zugleich darf bzw. kann der gestorbene Mensch in der Feier sichtbar werden
3.) Optimal ist es also, eine gute Brücke zwischen diesen beiden Polen zu bauen

Schon lange ist die Gestaltung einer Trauerfeier nicht mehr alleine in der Hand kirchlicher Würdenträger, sondern es gibt viele freie Ritualgestalter und freie Trauerredner, die das übernehmen können. Wichtig ist immer die Frage nach Musik: Welche Musik hat der gestorbene Mensch gerne gehört? Außerdem stellt sich die Frage nach der Länge der Trauerfeier. In seinem Buch "The End" beschreibt der moderne Bestatter Eric Wrede aus Berlin das Problem, das den meisten Trauerfeiern nur ein Zeitfensterchen von 20 Minuten zugestanden wird, während die Gäste für die folgende Trauerfeier draußen schon mit den Hufen scharren. Das ist tatsächlich oft ein Problem. Deswegen kann es eine gute Idee sein, gleich zwei Trauerfeier-Zeitfenster hintereinander zu buchen, um mehr Zeit zu gewinnen - was natürlich auch das Doppelte an Raummiete kosten wird.

Wer noch ein paar weitere Impulse und Gedankenanstuppser für die Gestaltung einer Trauerfeier braucht, findet viele Ideen in meinem Blogartikel "27 Ideen zum Thema: Wie gestaltet man eine moderne Trauerfeier?", den Ihr unter diesem Link hier finden könnt....

Was muss ich tun? - Mach Dir Gedanken, was Dir gut tun würde und wie Du die Trauerfeier gestalten möchtest, lass Dich, wenn Du magst, von den Ritual-Ideen und Impulsen meines Beitrags dazu inspirieren - organisiere Trauerredner, Musiker, Orte, was Du magst, hierbei können Dir die Bestatter helfen, sie haben Kontakte und Ideen 

Warum ist das so wichtig? - Die Trauerfeier ist eine gute Möglichkeit, diesen letzten Abschied gut zu gestalten. Das ist natürlich, wie alles im Augenblick, ziemlich überfordernd, kann aber zu einem guten ersten Schritt werden auf dem weiteren Weg. 


8.) Die ersten wichtigen Versicherungen und den Arbeitgeber informieren - zeitnah den Informationspflichten nachkommen


Die wichtigsten Versicherungen, die ganz schnell informiert werden müssen, sind: Lebensversicherungen, Risiko-Lebensversicherungen, Unfallversicherungen und ggf. die Sterbegeldversicherungen. Diese müssen in der Regel innerhalb der ersten 48 Stunden nach dem Todesfall informiert werden, so steht es in den meisten Verträgen drin. Sprich: Wenn Du dieser Informationspflicht nicht nachkommst, kann es unter Umständen sein, dass sich die Versicherer verweigern, Dir das Geld auszuzahlen, um das es jetzt geht. Dass Du gerade ganz andere Sorgen und Gefühle hast, ist vollkommen klar, aber vielen oder sogar den Versicherungen meistens trotzdem eher egal. In der Regel sollte ein Telefonanrunf ausreichen, es ist aber trotzdem mehr als sinnvoll, nach dem Anruf noch rasch eine Mail hinterherzuschicken mit den wesentlichen Informationen darin und mit der Bemerkung "Wie gerade telefonisch besprochen..." - denn dann kannst Du auch nachweisen, dass Du Deiner Informationspflicht wirklich nachgekommen bist.


Genauso wichtig kann es sein, in den ersten 48 Stunden den Arbeitgeber des gestorbenen Menschen zu informieren, falls dieser einem Beruf nachgeht - dort wird der Mensch ja vermutlich vermisst werden, außerdem hat der Arbeitgeber selber wichtige Informationspflichten zu erfüllen, wenn er vom Tod eines seiner Mitarbeiter erfährt.

Wann muss das geschehen? - Idealerweise innerhalb der ersten 48 Stunden nach dem Todesfall, wobei zwei Tage bei manchen Versicherungen die spätmöglichste Meldegrenze sein können, also besser: je eher, desto besser. 

Was muss ich tun? - Such Dir die Versicherungsunterlagen heraus, alles, was Du finden kannst. Vielleicht gibt es sogar schon eine Liste aller bestehenden Versicherungen und der dazugehörigen Informationspflichten? Das wäre hilfreich, ist aber oft nicht der Fall, leider. Ruf die Versicherungen an und informiere sie mündlich, schicke am besten eine kurze Mail hinterher, "wie soeben mündlich besprochen", und drucke sie aus, damit Du in jedem Fall nochmal dokumentieren kannst, dass Du die Informationen rechtzeitig weitergegeben hast 

Warum ist das so wichtig? - Es geht um Geld, das Du bekommst, vielleicht sogar um sehr viel Geld, es geht Ansprüche, die Du hast. 


9.)  Fertige eine Liste an, was später noch alles zu regeln sein wird - Finanzamt, Auto, Handys, Miete, Abos und, und, und...


Mach Dir eine Liste, was sonst noch zu regeln sein wird, aber nicht sofort geschehen muss. Weitere Versicherungen, die über den Tod informiert werden müssen, aber nicht mehr binnen der ersten 48 Stunden, sind beispielsweise: Private Rentenversicherungen, Krankenversicherungen, Hausratsversicherungen, Kfz-Versicherungen, Pflegeversicherungen, Rechtsschutzversicherungen, Wohngebäudeversicherungen, etc. Ein wichtiger Hinweis zu bestehenden Bankkonten: Diese sollten erst später aufgelöst werden, weil ja wegen noch laufender Verträge vermutlich auch noch Abbuchungen von diesen Konten erfolgen könnten. 

Was es sonst noch später zu regeln geben könnte (eine Auswahl):

- Das Auto ggf. abmelden oder es verkaufen. 
- Nachsendeauftrag bei der Post beantragen
- Vereine informieren, in denen der gestorbene Mensch Mitglied war
- Zeitschriftenabos kündigen
- Digitalen Nachlass regeln (Soziale Medien etc.)
- Mietverträge etc. kündigen

Und, ebenfalls ganz wichtig: Innerhalb der ersten drei Monate nach dem Todesfall muss übrigens auch das Finanzamt informiert werden, weil es dann um die Erbschaftssteuer geht, hier hast Du eine Informationspflicht.

Was muss ich tun? - Mach Dir erstmal nur eine Liste, was Du später noch tun musst, aber jetzt nicht sofort tun musst. 


10.) Prüfe ob Du einen Erbschein brauchst oder das Erbe ausschlagen möchtest, dies muss binnen 6 Wochen geschehen


Das mit dem Erbschein ist so eine Sache - es ist leider ein bisschen kompliziert und es kann leider auch sehr teuer werden, weil sich die Kosten des Erbscheins an dem zu erwartenden Erbe orientieren, zu dem dann auch Grundstücke, Häuser, alle Besitztümer gehören können. Aber nicht alle brauchen auch einen Erbschein. Vor allem, wenn die gesetzliche Erbfolge ganz eindeutig ist, braucht es nicht unbedingt einen Erbschein. Wenn es ein Testament gibt, in dem das Erbe geregelt ist, ebenfalls nicht immer, jedenfalls, wenn alle Erben dieses Testament so akzeptieren können. 

Wichtig ist, dass Du, falls Du das 
Erbe ausschlagen möchtest, dies innerhalb von sechs Wochen nach dem Tod des so genannten "Erb-Lassers" tun solltest (ich mache in diesen Wort gerne einen zusätzlichen Kopplungsstich rein, weil ich selbst sonst immer an das Blasswerden, also das Erblassen im Sinne von körperlicher Reaktion denken muss, was zum Trauerprozess angeht). Was den Erbschein selbst angeht, gibt es unterschiedliche Angaben: In manchen Texten heißt es, dieser müsse innerhalb der ersten 14 Tage beantragt werden, deswegen habe ich diesen Punkt mit auf die Liste der elf wichtigsten To Dos nach dem Todesfall genommen - wobei mir manche Bestatter als Reaktion gespiegelt haben, dass das gar nicht in allen Städten und Gemeinden so möglich ist. 

Sollte es jedoch Testament geben, sollte dieses alsbald - am besten in den ersten 14 Tagen - zu der so genannten Nachlasstelle des jeweiligen Amtsgerichts gebracht werden. Das Nachlassgericht ist auch für das Ausstellen des Erbscheins verantwortlich. 

Wann muss das geschehen? - Darüber gibt es unterschiedliche Angaben - wenn Du das Erbe nicht annehmen möchtest, hast Du sechs Wochen, um das zu melden 

Was muss ich tun? - Gibt es ein Testament? Gibt es viel zu vererben? Ist ganz klar, wer der Erbe ist? Solche Fragen musst Du erstmal klären.

Warum ist das so wichtig? - Nun ja, es geht halt ums Erbe. Je nach Familien- und Erbenkonstellation kann das ein empfindliches Thema sein.


11.) Nimm Dir jetzt Zeit, um in Dich hineinzuhorchen und versuch Dich zu sortieren - vielleicht über ein Schreibbuch


So, jetzt bist Du auch mal selbst dran. Vielleicht wirst Du feststellen, dass Du innerlich ganz aufgewühlt und ganz durcheinander bist. Oder Du wirst feststellen, dass Du gar nicht so wirklich fühlen kannst, was in Dir gerade los ist, weil Du Dir taub und stumpf vorkommst. Keine Sorge, beides kann ganz normal sein. Wie überhaupt vieles ganz normal sein kann, von dem Du Dir nie vorher hättest vorstellen können, dass es mal ganz normal sein würde. Manchen Menschen, mit denen ich zu tun hatte, hat es geholfen, sich ein Blankonotizbuch zuzulegen und alles, was in ihrem Inneren los ist, aufzuschreiben, es einfach mal rausfließen zu lassen, ganz ungefiltert, ganz unsortiert, als einen so genannten "Stream Of Consciousness", also einen Bewusstseinsstrom. Bei einem solchen Schreiben geht es nicht etwa darum, lesenswerte Texte zu verfassen, deren spätere Lektüre anregend ist, sondern es geht einfach nur ums Rausschreiben von allem, was gerade in einem toben kann. 


Wichtig ist, dass Du in all dem Trubel, den ein Todesfall mit sich bringt, immer auch mal an Dich selber denkst. Wenn Du das Gefühl hast, dass Du später Hilfe brauchen könntest, kann Dir vielleicht eine Liste von Trauerbegleitern oder Trauerangeboten aus Deiner Region helfen, die es zum Beispiel über die Website des Bundesverbands Trauerbegleitung unter dem Stichwort "Trauerbegleitende finden" geben kann (siehe diesen Link). 

Du bist jetzt auf dem Weg - also auf Deinem eigenen Weg. Der Start ist überfordernd und holprig, vieles kann und wird sicher auch weiterhin überfordernd und holprig bleiben. Das wäre normal. Vieles ist jetzt normal. Vor allem das eine: Dass Du selbst in einer absoluten Ausnahmesituation bist. Wenn Du magst und kannst, dann lass Dich auf diesen Gedanken ein. 






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Montag, 28. September 2020

Warum sagt man Zugehörige statt Angehörige? Was ist der Unterschied zwischen Zugehörigen und Angehörigen? Wie eine gesellschaftliche Entwicklung die Trauer- und Bestattungskultur mitprägt und warum es wichtig ist, darum zu wissen und sie mitzugestalten

Osnabrück - In jüngster Zeit hat es sich immer mehr durchgesetzt, im Falle eines Todes nicht mehr von den "Angehörigen" zu sprechen, sondern von den "Zugehörigen". Vor allem bei Bestattern gehört das Wort inzwischen zum Standardrepertoire. Ich habe mich oft gefragt: Warum eigentlich? Meine Recherche über diese Frage hat mich weiter geführt als gedacht.

Denn es geht bei diesem Thema um etwas sehr Grundsätzliches: Es geht um die Frage nach Lebensentwürfen. Die sehen heute in jüngeren Generationen oft ganz anders aus als noch vor einigen Jahren. Als zugespitzte These formuliert, ließe sich das so zusammenfassen: Früher war mehr Familie. Oder anders gesagt: Heute spielen die Freunde eine noch viel wichtigere Rolle als früher. Und das gilt eben auch für alle Fragen rund um das Lebensende, also die Fragen nach Sterbebegleitung, Trauerfeiern und Beerdigungen. Womit wir genau beim Thema sind.

Angehörig? Oder zugehörig? Das ist hier die Frage (alle Fotos: Thomas Achenbach)

Das Wort "Angehörige" gilt nach wie vor für Familienmitglieder. Je enger miteinander verwandt man ist, desto angehöriger ist man auch. Das Wort "Zugehörige" ist etwas schwammiger, spannt den Bogen aber wesentlich weiter - und genau darauf kommt es an: Als zugehörig erleben sich auch Freunde, die eben nicht direkt verwandt sind. Wohingegen die direkten Verwandten eben auch irgendwie dazugehören, also ebenfalls zugehörig sind und bleiben, sprich: Das Wort schließt sie nicht aus, sondern durchaus mit ein. 

Viele Alternativen zum klassischen Familienmodell 



Auf meiner Suche nach den Zahlen, Daten und Fakten, die zu der oben geäußerten These passen, stoße ich rasch auf Aussagen wie diese: Mehr als ein ­Drittel der Haushalte sind heute Singlehaushalte, jeder fünfte Deutsche lebt allein, jede zweite Familie heutzutage ist eine Ein-Kind-Familie, die Zahl der Alleinerziehenden steigt von Jahr zu Jahr, außerdem kommen zum klassischen Modell von Mutter-Vater-Kind heutzutage immer mehr alternative Versionen dazu: Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien, etc. Ganz abgesehen davon leben wir in der mobilen Moderne, in der Angehörige oft weit entfernt über das ganze Land verstreut wohnen.


Werfe ich einen Blick in mein persönliches Umfeld, werden mir einige Beispiele bewusst: Einer meiner engsten Freunde hier in der Stadt ist auch im Alter von fast 50 Jahren ein alleine wohnender Single, dessen Mutter als einzige noch lebende Verwandte in Süddeutschland wohnt. Ein älteres Ehepaar auf dem Lande, das ich gut kenne und mit dem ich gern zusammenarbeite, diskutiert ebenso offen wie oft über das Gründen von Senioren-Wohngemeinschaften mit Freunden als dem optimalen Altersmodell. Das alles sind zu wenige Erfahrungen, um daraus einen allgemeinen Trend ableiten zu können. Aber wenn sich inzwischen schon die Bestatter angewöhnt haben, ein anderes Wort zu gebrauchen als vorher, wird auch dieser Wandel auf Erfahrungen begründet sein, die sie gemacht haben. 


Eine Überforderung für die Freundschaft?



Aber Freunde in den Tod begleiten? Eine Sterbebegleitung übernehmen? Sich um ihre Trauerfeiern und Beerdigungen kümmern? Ist das nicht alles sehr tragweit, sind die Verantwortungen nicht doch ein bisschen zu groß, als dass ein Freundschaftsmodell sie tragen könnte? Vermutlich geht das nicht ohne eine weitreichende vorherige Abstimmung, am besten eine schriftliche Vereinbarung, eine Art freundschaftlicher Vorsorgevertrag. Zumindest die Soziologin Julia Hahmann - die über Freundschaften ihre Doktorarbeit geschrieben hat und als Expertin für dieses Thema gilt - ist bei diesem Thema jedoch zurückhaltender: "Wenn ich jetzt Freundschaften in ein Umfeld packe, wo sie genau das erfüllen sollen – alltägliche Unterstützungsleistung – dann wird auch noch diese, diese letzte Beziehungsform, die so frei ist von Kosten-Nutzen-Kalkulatorischen Denken ausgehöhlt..." sagte sie einmal dem "Deutschlandfunk Kultur" in einem Feature über Freundschaften in modernen Zeiten (der gesamte Beitrag lässt sich hier finden). 


Bleibt die Frage: Wer kann sich denn überhaupt kümmern, wenn es keine Familie mehr gibt? Sind dann nicht die Freunde ohnehin gefragt, schon aus einer gefühlten moralischen Verpflichtung heraus? Und schon sind wir mittendrin in einem spannenden Thema, dessen Bandbreite zu Diskussionen und Gesprächen einladen sollte. Warum also nicht seine besten Freunde einmal einladen zu einer Art privatem Death Cafè? Und bei Kaffee, Kuchen und freundschaftlichem Zusammensein einmal die ganz großen Fragen des Lebens diskutieren. Ergebnisoffen. Aber zugehörig.


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Sonntag, 13. September 2020

Angehörige beim Sterben begleiten - worauf es ankommt: Die 7 spannendsten Lehren eines "Letzte-Hilfe-Kurses"... Was bei einem "Letzte-Hilfe-Kurs" alles unterrichtet wird und warum das genauso wichtig wie Erste Hilfe - Warum rasselnde Atmung nichts Schlimmes ist und warum Sterbende nichts mehr zu essen und trinken benötigen

Osnabrück - Was hat denn Sterbebegleitung mit Prosecco zu tun? Wie passt das zusammen? Eine Ahnung davon hat mir mein erster Kurs in Letzter Hilfe gegeben. Okay, zugegeben, wegen der Coronakrise gab es diesmal keinen Prosecco - und es war auch sonst alles ein bisschen anders als vorher -, aber lehrreich war es so oder so. Schon seit langem wollte ich einen dieser Kurse absolviert haben, die seit 2015 bundesweit angeboten werden und immer beliebter werden. Eine Zeitlang habe ich sogar selbst versucht, diese Letzte-Hilfe-Kurse in Zusammenarbeit mit anderen Anbietern in die Region Osnabrück zu holen, weil mir das Thema so wichtig ist. Dann war das Hospiz Osnabrück aber schneller und nahm die Kurse für seine neu gegründete Akademie mit ins Programm. Zum Glück. Denn so konnte ich ganz entspannt in meiner eigenen Heimatstadt einen Letzte-Hilfe-Kurs absolvieren, nachdem ich dafür schon beinahe nach Bremen oder Hamburg gefahren wäre. 

Die meisten Menschen wollen am liebsten zuhause bzw. in ihrem vertrauten Umfeld bleiben, wenn es an ihr Sterben geht. Und doch ist die Sterberealität in Deutschland eine ganz andere: Meistens im Krankenhaus, höchstens vielleicht in einem Hospiz, so sterben bei uns die Menschen. Das liegt auch daran, dass heutzutage kaum jemand etwas über das Sterben weiß und sich eine eigene Betreuung daheim kaum zutraut. Das macht Angst. Wie ist das - sterben? Was passiert dann? Früher einmal wurde das Wissen darüber in den Familien weitergegeben, früher einmal gehörte das Sterben daheim einfach dazu (auch natürlich, weil es weniger professionelle Hilfe gab). Wer sich über das Sterben schlau machen möchte, an einem kurzen und kompakten Nachmittag, der kann einen Letzte-Hilfe-Kurs besuchen. Entwickelt von dem deutschen Palliativmediziner Georg Bollig aus Schleswig-Holstein, unterliegen diese Kurse einer strikten Qualitätskontrolle und einem strengen Ausbildungsprinzip - sprich: sie sind in ganz Deutschland überall gleich. 


Nicht gewusst: Die Hand halten ist nicht immer gut


Aufgeteilt sind diese Kurse in vier Module von je etwa 45 Minuten, durchgeführt werden sie immer von zwei Dozentinnen bzw. Dozenten, wobei eine/r davon immer aus der Pflege kommen muss, so lauten die Anforderungen. Und auch für mich, der ich mich fast jeden Tag mit den Themen Tod, Trauer und Sterben beschäftige, gab es viel Neues und viel Spannendes dabei zu entdecken. Hier sind in einer rein subjektiven Auswahl die für mich sieben wichtigsten Erkenntnisse (von vielen Erkenntnissen):


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

1. Einem Sterbenden die Hand zu halten oder zu streicheln, ist oft nicht hilfreich. Sterbenden Menschen kann es unter Umständen gehen wie Menschen mit einer Demenz-Erkrankung: Erstens können Körperteile, die weiter vom eigentlichen Rumpf entfernt liegen, oft gar nicht mehr wahrgenommen werden, also nicht mehr gespürt werden, zweitens kann das Streicheln von Armen oder Händen mit seiner Bewegung eines ständigen Hin und Hers als besonders unruhig erlebt werden. Deswegen kann es besser sein, einen Sterbenden an der Schulter zu berühren und die eigene Hand dort in einem ebenso zärtlichen wie festen Griff ruhen zu lassen. Das bedeutet nicht nur für die Angehörigen ein Umdenken - sondern vor allem für die deutsche Presselandschaft. Denn die benutzt zur Illustration des Themas Sterbebegleitung schon seit Jahrzehnten ein immergleiches Motiv (und meistens übrigens ein- und dasselbe Bild): Eine junge Hand hält eine erkennbar schwache alte Hand.   

2. Auf Palliativstationen geht es nicht ums Sterben: Es geht um Stabilisierung. Viele Krankenhäuser in Deutschland haben inzwischen eine Palliativstation eingerichtet. Und auch wenn die meisten Menschen noch nicht wirklich eine Ahnung davon haben, was dort genau geschieht (also die Menschen außerhalb des Hospiz-/Trauer-Kontextes), so spricht sich immer mehr herum, dass es sich bei Palliativstationen um Sterbestationen handelt. Weil die "irgendwie so funktionieren wie eine Art Hospiz". So ungefähr. Das ist aber nur zum Teil richtig: Zwar ist die Geschichte der Palliativstationen eng gekoppelt an die Hospizbewegung rund um deren Gründerin Cicely Saunders. Und doch heißt es wörtlich in einem Letzte-Hilfe-Kurs: "Das erste Ansinnen einer Palliativstation war immer, die Patienten erstmal zu stabilisieren mit dem Ziel, auch wieder zu entlassen". Eine gute palliative Versorgung ist nämlich nach einer solchen Stabilisierung auch an anderen Orten möglich: Zuhause, zum Beispiel, in Form einer ambulanten Versorgung. Oder eben in einem Hospiz, was den Vorteil hat, dass dort noch weniger Krankenhausatmosphäre herrscht. Bei einer palliativen Versorgung geht es übrigens immer um das Thema Lebensqualität: Das Leiden zu lindern, aber nicht mehr alleine auf Gesundwerdung als oberstes Ziel zu setzen (wenn diese Gesundwerdung mit einer immer eingeschränkteren Lebensqualität einherginge), das steht dabei im Vordergrund. Es geht darum, das Sterben zulassen zu können - und es nicht mit aller Macht verhindern zu wollen.


3. Die größten Beschwerden am Ende des Lebens können eher seelischer Natur sein, weniger körperlicher Natur. Ein fester Bestandteil eines solchen Letzte-Hilfe-Kurses ist die Auflistung der möglichen Leiden, die während eines Sterbeprozesses auftreten können. Betrachtet man diese Liste genau, fällt einem auf: Es sind nur zu etwa 25 Prozent körperliche Beschwerden darauf zu finden. Vor allem aber sind es seelische Beschwerden, die auftreten können. Hätte ich ehrlich gesagt anders eingeschätzt. Es ist das Verdienst der Palliativbewegung, das sie auch diese seelischen Leiden überhaupt mit einbezieht. Auch das geht zurück auf die Hospizikone Cicely Saunders, die dafür den Begriff der „Total Pain“ eingeführt hat. Soll heißen: Gerade bei einem sterbenden Menschen müssen wir alle weiteren schmerzenden Faktoren außerhalb der rein körperlichen mitberücksichtigen. Das könnten z. B. soziale, seelische, aber auch spirituelle Krisen sein, die für innere Schmerzen sorgen können.

4. Ein Sterbender braucht einfach nichts mehr zu essen oder zu trinken. Nix. Einer der wichtigsten Sätze aus einem Letzte-Hilfe-Kurs, der immer wieder gerne zitiert wird (und der gar nicht oft genug zitiert werden kann), lautet: Man stirbt nicht, weil man aufhört zu essen und zu trinken, sondern man hört auf zu essen und zu trinken, weil man stirbt.“ - Denn für sterbende Menschen kann es eine ungeheure Überforderung sein, weiterhin mit Essen und Trinken versorgt zu werden. Das Verarbeiten von Nahrung kostet viel Energie, die nicht mehr da ist. Man könnte es auch anders formulieren: Innerhalb eines Sterbeprozesses entscheidet sich ein Mensch ganz unwillkürlich (und vielleicht ebenso unbewusst wie bewusst) dazu, mit der Aufnahme von Nahrung jedweder Form aufzuhören. Erst stellt der Körper das Essen ein, später auch das Trinken. Man könnte das als "Sterbefasten" bezeichnen. Aber es ist eben total normal. Leider führt genau dieser Punkt immer wieder zu Irritationen und Missverständnissen zwischen Pflegekräften und Angehörigen. Wenn die Angehörigen nachhaltig dazu auffordern, den sterbenden Menschen bitte weiterhin mit Trinken und Essen zu versorgen, kann das zu einem Streitpunkt werden. Und auch die Pflegekräfte z. B. in Seniorenheimen reichen nach meinen persönlichen Erfahrungen oft noch unnötig lange Nahrung und Wasser an, meistens aus eigenen Unsicherheiten heraus (Letzte-Hilfe-Kurse sollte es deswegen unbedingt auch für ein solches Pflegepersonal geben). 



5. Eine rasselnde Atmung ist nichts Schlimmes und gehört zum Sterbeprozess einfach dazu. In den Sterbeprozessen meiner Großeltern, die ich - in Teilen - miterleben konnte, hat mich das immer am meisten erschreckt: Dieses rasselnde Atmen, das viele Sich-Verschlucken und das schlechte Vermögen, etwas abhusten zu können. Das verunsichert und macht ebenso rat- wie hilflos. In einem Letzte-Hilfe-Kurs lernen wir: Erstens gehört diese Rasselatmung, im Volksmund als "Todesröcheln" bezeichnet, unmittelbar dazu, zweitens erleben die Sterbenden selbst sie wohl nicht als belastend. Wohl aber das Abhusten, das nach meiner Erfahrung vor allem nach dem Trinken auftritt, wobei hierfür sicher gilt, was wir im vorherigen Punkt zum Thema Nahrungsaufnahme erfahren haben: Der sterbende Mensch und sein Körper wollen (und können) einfach nichts mehr trinken oder essen.  

6. Die Totenstarre setzt etwa zwei Stunden nach dem Sterben ein, aber sie löst sich auch wieder auf: Es dauert rund zwei Stunden nach Eintritt des Todes, bis die Muskeln eines gestorbenen Menschen steif zu werden beginnen, weil darin biochemische Prozesse ablaufen. Nach weiteren sechs bis acht Stunden ist diese Steifheit des Körpers vollends ausgeprägt. Aber diese auch Leichenstarre genannte Erscheinung ist nichts, das langfristig bleibt: Nach etwa 36 oder 48 Stunden, im Durchschnitt, hat sich das Phänomen von selbst wieder aufgelöst. Erst danach beginnt der Körper mit der eigentlichen Verwesung. Wobei auch das ein sehr, sehr langfristiger Prozess ist - ein Aufbahren eines gestorbenen Menschen kann bis zu drei Tage lang möglich sein und kann, je nach Art des Todesfalls und der Umstände, als ein für die Trauernden guter Einstieg in die Trauerzeit erlebt werden. Übrigens gibt es so etwas wie das "Leichengift" nicht, das ist einer der sich hartnäckig haltenden Mythen rund um den Tod (mehr dazu hier). 


7. Und was ist denn jetzt mit dem Prosecco? Da geht es um die Frage des Lieblingsgetränkes - weniger das Lieblingsgetränk des Sterbenden, als vielmehr das der Kursteilnehmer. Denn normalerweise gehört zu einem Letzte-Hilfe-Kurs auch eine praktische Übung, die die Teilnehmer mit einer wichtigen Methode in Kontakt bringen soll, die bei einem Sterbeprozess immer zur Anwendung kommen sollte: Das Befeuchten der Lippen. Obwohl bei Sterbenden das Bedürfnis nach Nahrung verschwindet, haben sie weiterhin Durstgefühle. Das kann dann wiederum quälend werden, weil es ja nichts mehr gibt bzw. geben sollte, was den Durst löschen kann. Außerdem trocknen sowohl die Lippen als auch die Schleimhäute im Hals bei Sterbenden ein, unter anderem wegen der vielen Atmung durch den Mund. Deswegen gehört eine gute Mundpflege unbedingt zu dem, was Sterbenden eine gute Letzte Hilfe sein kann. Gezeigt wird das im Letzte-Hilfe-Kurs mit Schaumstoff-Stäbchen. Die können in ein Getränk getaucht werden und dann können damit die Lippen bestrichen, also befeuchtet, werden. Das lindert Trockenheit und Durstgefühl und kann den Sterbenden sehr gut tun. In Nicht-Corona-Zeiten wird so etwas im Selbstversuch gezeigt. Jeweils ein Kursteilnehmer bestreicht einem anderen die Lippen. Mit einem Lieblingsgetränk. Auch wenn das Prosecco ist. Ob man Sterbenden unbedingt Prosecco geben sollte, steht nun wiederum auf einem anderen Blatt. Aber Saft zum Beispiel kann es sein. Oder halt Wasser.


Die Letzte Hilfe ist so alt wie das Rote Kreuz


Es gibt noch eine weitere spannende Erkenntnis, die mich fasziniert hat. Aber weil sie nichts Konkretes über den Sterbeprozess aussagt oder darüber, was dann hilfreich ist, habe ich sie an das Ende dieses Artikels gestellt. Sozusagen als meine Erkenntnis Nr. 7.2. Sie lautet: Erste Hilfe hätte es ohne Letzte Hilfe niemals gegeben, bei ihrer Einführung ging es alleine nur um Sterbebegleitung: Der Mensch, der das Rote Kreuz gegründet hat - und damit den ersten professionellen Erste-Hilfe-Dienstleister -, tat dies wegen seiner Erfahrungen als unfreiwilliger Sterbehelfer auf dem Schlachtfeld eines Krieges. So war die Notwendigkeit von Sterbebegleitung in krisenhaften Ausnahmesituationen die ursprüngliche Motivation dafür, das Rote Kreuz zu gründen. Es war der Schweizer Henry Dunant (1828-1910), der im Krieg zwischen Österreich/Sardinien und den Franzosen unter Napoleon dem Dritten die Entscheidungsschlacht von Solferino erlebte (im Jahre 1859). Dort habe er Soldaten erlebt, die ihn anflehten, er möge bitte während ihres Sterbens bei ihnen bleiben - so wird es in seiner Biographie geschildert. Dieser Erfahrungen wegen gründete er später die "Internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung". Als Verein für Sterbebegleitung. Erst später schob sich die Erste Hilfe immer weiter in den Vordergrund.

Montag, 31. August 2020

Warum wir uns mit Trauer noch so schwer tun und was die Themen Kriegsenkel und Kriegskinder damit zu tun haben - und warum es sinnvoll sein kann, die Themen Hospizkultur und Kriegstraumata miteinander zu vereinen - ein Interview mit Sven Rohde (Verein "Kriegsenkel e.V.")

Osnabrück - Dass wir uns als Gesellschaft mit dem Thema Trauer so schwer tun, hat immer noch mit den Ereignissen rund um die beiden Weltkriege zu tun, davon bin ich inzwischen überzeugt. Und je länger ich über das Thema Männer und Trauer spreche und schreibe, je mehr Vorträge rund um mein Buch "Männer trauern anders" ich halte, desto dringlicher schiebt sich das Thema der Kriegskindergeneration und der Kriegsenkelgeneration in den Fokus. So bin ich kürzlich über den Verein Kriegsenkel gestolpert, der deutschlandweit aktiv ist. Anlass genug, einen der Vereinsmitglieder um ein Interview zu bitten - und die Frage zu erörtern: Steht uns als Gesellschaft in Sachen Trauer immer noch die Kriegsfrage im Wege? 

Gestolpert über den Verein war ich wegen dessen Aktivitäten in Minden. Dort hatte sich der Verein Kriegsenkel mit dem dortigen Hospiz zusammengetan und eine sehr erfolgreiche Veranstaltungsserie organisiert. Das hatte mich neugierig gemacht. Der Autor und Coach Sven Rohde erläutert mir im Interview, warum es so sinnvoll sein kann, die Themen Hospizkultur und Kriegsgenerationen in Einklang zu bringen - und warum die heutige Generation der Kriegsenkel, zu der ich ebenfalls gehöre, gerade jetzt soviel Interesse an dem Thema entwickelt....


Sven Rohde vom Verein "Kriegsenkel e. V." (Foto mit freundlicher Genehmigung).

Sven Rohde, eine meiner Kernaussaugen, die ich auf diesem Blog immer wieder bearbeite, lautet: Wir als moderne Gesellschaft können Trauer noch gar nicht „können“, also vor allem nicht richtig zulassen, weil uns immer noch die Kriegserfahrungen der vorhergehenden Generationen im Wege stehen. Das würden Sie als Mitglied des Vereins Kriegsenkel vermutlich unterstreichen, oder?

Sven Rohde: Ja, das ist ganz gewiss so. Seelische Härte und eine Abschottung vor Gefühlen, die ein Funktionieren beeinträchtigen, ist in Kriegszeiten eine wichtige Überlebensstrategie. Das haben die Menschen, die im Krieg Kinder waren, von ihren Eltern gelernt, und sie haben es an ihre Kinder – die sogenannten Kriegsenkel – weitergegeben. Sich der Trauer und der Ohnmacht angesichts des Verlusts zu öffnen, sie bei anderen auszuhalten, muss man dann erst wieder lernen. 

In Minden haben Sie zum Thema Kriegsenkel eine Veranstaltungsreihe mit dem dortigen Hospiz zusammen angeboten und sind quasi überrannt worden. Was kamen da für Menschen und wie erklären Sie sich dieses große Interesse?

Sven Rohde: Es waren ganz einfach Menschen, die zwischen 1955 und 1980 geboren wurden und neugierig waren, was die Prägung ihrer Kindheit mit ihrem aktuellen Leben zu tun hat. Das große Interesse entstand sicher auch, weil der Hospizverein seit vielen Jahren eine wertvolle Arbeit in Minden macht, die in der Öffentlichkeit und der Presse geschätzt wird. Davon hat die Kooperation sehr profitiert.

Warum ausgerechnet die Anbindung an ein Hospiz – wie kam es denn dazu?


Die Schule des Lebens - generationale Weitergabe (Foto: Thomas Achenbach)

Sven Rohde: Ausgangspunkt war eine persönliche Bekanntschaft des Geschäftsführers Helmut Dörmann mit dem Vorsitzenden des Kriegsenkel e.V. Michael Schneider. Aber die Nähe ist durchaus inhaltlich. Am Lebensende drängen belastende Themen an die Oberfläche – und natürlich gehören in Deutschland dazu die Erfahrungen des Krieges und der Nazizeit.

Seit wann gibt es denn einen eigenen Verein zum Thema Kriegsenkel und vor allem: Warum und wozu gibt es ihn?

Sven Rohde: Kriegsenkel e.V. gibt es seit 2010. Der Verein entstand aus einer Gruppe, an der auch die Autorin Sabine Bode teilnahm, die mit ihren Büchern über Kriegskinder und Kriegsenkel Bahnbrechendes für die Wahrnehmung der Problematik geschrieben hat. Über die Jahre hat sich gezeigt, wie stark sich die Prägungen dieser Generation, die viele ja auch als Babyboomer kennen, noch heute auswirken: familiär, beruflich, gesundheitlich. Das in Tagungen, Veröffentlichungen oder eben in Seminaren aufzuarbeiten, ist der Zweck des Vereins. Die Nachfrage bestätigt uns, dass diese Arbeit mehr denn je gebraucht wird.

Seit kurzem gibt es das Thema auch als Dokumentarfilm – Der Krieg in mir -,  der Film tingelt seit März 2020 durch verschiedene Kinos, findet sich jedoch mehr in einzelnen Sondervorstellungen als im laufenden Programm. Haben Sie den Film schon gesehen?

Sven Rohde: Ja, er hatte Vorpremiere auf der Tagung des Kriegsenkel e.V. im vergangenen Herbst. Der Verein hat die Entstehung auch mit inhaltlicher Unterstützung begleitet. Wie so Vieles aktuell wurde die große Resonanz durch die Pandemie abrupt unterbrochen. Was ich sehr schade finde: Der Film ist nicht nur inhaltlich bedeutsam, sondern auch gut erzählt.

Der Regisseur des Films ist 1971 geboren worden und hat nie Kriege oder andere Gewalt persönlich erlebt. Dann ist er plötzlich von Alpträumen voller Kriegserlebnissen geplagt worden, die ihm bizarr real erschienen – das kam ihm so vor, als ob er die Erfahrungen des Großvaters nochmal in Träumen durchleben müsste, obwohl der Opa nie über diese Erlebnisse gesprochen hatte. Das mutet fast wie eine mystische Erfahrung an. Kennen Sie solche Geschichten?

Allgegenwärtig: Die Schatten der Vergangenheit (Foto: Thomas Achenbach)

Sven Rohde: Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Seminaren erzählen immer wieder davon, und das Phänomen ist auch aus der Literatur bekannt. Da Träume ein besonders schwierig zu erforschender Bereich sind, gibt es im Moment keine wissenschaftlich abgesicherte Erklärung. Allein: Wir erleben auch auf diese Weise, dass wir Teil einer Ahnenreihe sind, deren Erfahrungen wir in uns tragen.

Aber hat das nicht eine gewisse Nähe fast schon zur Esoterik – durch Vererbung weitergegebene Traumata in Bild und Ton, wie im Kino? Gibt es sowas wirklich?

Sven Rohde: Ich halte es mit Hans-Peter Dürr, einem Physiker und Träger des Alternativen Nobelpreises. Er sagte: „Wir erleben mehr, als wir begreifen.“ Aber tatsächlich gibt es seit etwa 1995 eine neue Forschungsrichtung der Neurobiologie, die Epigenetik. Sie hat erste Beweise dafür, dass über unser Erbgut auch Erfahrungen an kommende Generationen weitergegeben werden, also auch Traumata. Forschungen wie die der Neurowissenschaftlerin Isabelle Mansuy, Professorin in Zürich, sind hier wegweisend.

Wie es scheint, ist es gerade die Generation der um die 1970 bis 1980 geborenen, die jetzt mit diesen Themen konfrontiert wird, also die eigentlich so wohlbehütete Gummibärchengeneration, der der Autor Florian Illies den Stempel „Generation Golf“ aufgedrückt hatte. Die sind jetzt alle so 40 oder 50. Warum nimmt das Thema ausgerechnet jetzt soviel Fahrt auf?

Die Ahnen prägen uns - ob wir wollen oder nicht (Foto: Thomas Achenbach)

Sven Rohde: Es mag daran liegen, dass die Eltern dieser Generation jetzt hinfällig werden und ihre Kinder in für sie bewährter Weise in Dienst nehmen. Was Sie „wohlbehütet“ nennen, haben viele als erstickend erlebt. „Parentifizierung“ heißt das Phänomen. Es ist in meinen Seminaren allgegenwärtig. Viele dieser alten Menschen haben die Eigenständigkeit ihrer Kinder nie wirklich akzeptiert und nehmen vollkommen selbstverständlich ihre Aufmerksamkeit, Zeit und Betreuung in Anspruch. Das kann zu einer enormen Belastung werden. Zudem erleben viele Kriegsenkel eine Sinnkrise. Sie haben das Gefühl, ihr Leben immer mit angezogener Handbremse gelebt und nie ihr wahres Potenzial entfaltet zu haben. Die Diskussion über Kriegsenkel zeigt ihnen, dass das kein individuelles Versagen ist, sondern die Prägung einer Generation. Das ist ebenso befreiend wie schockierend. Und ein möglicher Punkt der Umkehr.

Angela Merkel hat in ihrer großen Corona-Fernsehansprache die Pandemie als „die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“ bezeichnet – ist das nicht angesichts dieser gerade besprochenen Gemengelage eine fast schon gefährliche Analogie, weil sie damit genau an den psychologischen Stellschrauben für Traumata dreht?

Sven Rohde: Ja und nein. Einerseits hat die Kriegsrhetorik vor allem zu Beginn der Berichterstattung gewiss viele Menschen verunsichert. Das wissen wir auch aus einer Umfrage unter unseren Mitgliedern. Aber zugleich hat diese Generation eben auch eine gut ausgeprägte Krisenkompetenz – von ihren Eltern geerbt, aber auch aufgrund eigener schwieriger Erfahrungen. Das ist mir als Botschaft sehr wichtig: Viele aus unserer Altersgruppe haben in Kindheit und Jugend Dinge erlebt, die wir unseren eigenen Kindern nicht zumuten wollten. Aber auf diese Weise eben auch Kompetenzen und Ressourcen aufgebaut, die uns verlässlich, verantwortungsbewusst und ziemlich resilient machen...


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