Sonntag, 22. Januar 2023

"Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen?" - warum diese Frage immer wieder ein wichtiges Thema im Alltag ist und wieviel Verständnis auch die Nicht-Betroffenen in ihrer Unsicherheit brauchen - Tagebuchnotizen aus meinem Trauerbegleiterleben, Januar 2023

Ein guter Freund berichtet beim gemeinsamen Abendessen von einer jungen Familie, die er gut kennt und deren Kind kurz nach der Geburt gestorben ist. Und von seiner eigenen Hilflosigkeit angesichts dieses Prozesses. Und wie so oft steht die Frage im Raum: Sollten wir den Verlust denn überhaupt ansprechen, macht das die Betroffenen nicht noch trauriger als sie ohnehin schon sind? Das ist eine wichtige Frage, die mit gutem Recht immer wieder aufs Neue besprochen sein will. Für mich ist es außerdem ein neuerliches Anzeichen dafür, wie wichtig es sein kann, dass es "Traueraktivisten" gibt (das Wort prägte eine gute Kollegin), die diese Themen immer wieder in die Gesellschaft tragen und für ein gegenseitiges Verständnis werben. 

Denn das ist so wichtig, finde ich: Verständnis für beide Seiten aufzubringen, eben auch für diejenigen, die nicht akut von dem Trauerfall betroffen sind. Denn wer kann sich schon komplett freisprechen von diesen Unsicherheiten? - Also, ich gewiss nicht. Nicht im Privaten, jedenfalls, so ganz ohne professionelles Setting, trotz all meiner tagtäglichen Beschäftigung mit diesen Themen.

Darin spiegelt sich die Unsicherheit unserer Gesellschaft wieder, wie sich mit allen Themen rund um Tod, Trauer und Sterben souverän umgehen lässt. Einer Gesellschaft, die Tag für Tag zigtausend Fernsehkrimi-Unterhaltungstode aushält, aber bei einem echten Kontakt mit dem Tod immer wieder ganz ratlos davorsteht, weil ihr alle Konventionen abhanden gekommen sind. Und mir wird durch die Frage immer wieder bewusst, wie wichtig doch zwei wesentliche Botschaften und ihr stetiges Wiederholen sind - nämlich diese beiden



1.) Nein, es macht die Menschen nicht trauriger, ganz im Gegenteil. Menschen, die einen solchen Verlust erleiden mussten, sind innenraumgreifend ausgefüllt von diesem Kummer. Und das über einen sehr langen Zeitraum, dazu weiter unten gleich mehr. Den Verlust ins Wort zu bringen, ist das, was hilfreich sein kann: Jede Anerkennung dieses Verlusts und dieses Schmerzes kann eine wichtige Unterstützung für die Betroffenen in ihrem Prozess sein. Es anzusprechen, erstmal ganz sanft und vorsichtig, ist nie verkehrt. Es totzuschweigen schon eher, auch wenn ich gut verstehen kann, wie groß die Unsicherheit bei allen Nicht-Betroffenen ist. Deswegen als Ermutigung: Das Wichtigste (und das Einfachste), was du tun kannst, ist, den Menschen mit ihrem Verlust einfach zuzuhören. Nur zuhören, auch wenn sie sich vielleicht oft wiederholen. Und, nein, du brauchst selbst nichts dazu sagen. Gar nichts, wirklich. Stell Fragen. Das reicht. Ehrlich. Du machst ihnen ein großes Geschenk (und sehr viel mehr machen wir in der Trauerbegleitung auch nicht, ehrlicherweise, nur halt aus einer verinnerlichten Haltung heraus).  

2.) Die Betroffenen haben mit ihrem Trauerfall lebenslänglich. Ein solcher Schmerz bleibt nicht nur über Wochen oder Monate, auch seine Intensität nimmt nicht allzu bald ab. Ein solcher Schmerz bleibt über Jahre, mehrere, viele, von denen die ersten zwei oder drei oft besonders hart sein können. Ich denke da an verwaiste Eltern - Mütter wie Väter -, die mir so etwas gesagt haben wie: "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an mein gestorbenes Kind denke" - auch noch Jahrzehnte nach dem Ereignis. Die Wunde mag irgendwann vernarben, aber die Narbe bleibt dick und fett in der Seele kleben und reißt immer mal wieder auf. In all diesen Jahren brauchen die Hinterbliebenen Freunde, die treu sein können, auch wenn das für die Freunde selbst hart werden kann. Aber das ist es, worum es geht: Es geht ums Aushalten. Das ist so wichtig.

Übrigens, was "Traueraktivisten" angeht, eine Notiz noch dazu:

 



Das Wort gefällt mir immer besser. Geprägt hat es meine Kollegin Iris Willecke. Ich finde es super. Klar, eine gewisse Nähe zu den Themen Klima und Klebstoff ist nicht von der Hand zu weisen. Ebenso wie der Vorwurf, auf eine terroristische Art und Weise etwas brutal in die Gesellschaft zu tragen, das vielen missfällt. Trauerterrorist, das passt genausogut. Trauer ist oft auch Terror. Für die Hinterbliebenen vor allem


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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer - 77 Rituale und Impulse" (Patmos-Verlag)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag)
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Okay, na gut, "Männer trauern anders", aber warum denn eigentlich - wie kommt das und was müssen wir berücksichtigen?

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Ist Trauerbegleitung ein echter Beruf? Kann man von Trauerbegleitung leben? Und wie werde ich überhaupt Trauerbegleiter?  

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie lange darf Trauer dauern? Ist es normal, wenn es jahrelang weh tut? Und ab wann wird trauern krankhaft?

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

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Montag, 16. Januar 2023

Trauer-Fundstücke: "Männer sind oft unsicher und hilfsbedürftiger bei emotionalen Themen", sagt einer, der sich um trauernde Männer kümmert - es gibt immer mehr Angebote für trauernde Männer, darüber freue ich mich - Wandergruppen und Kochgruppe weiter sehr gefragt

Immer mehr Angebote gibt es jetzt in Deutschland, die trauernde Männer in den Blick nehmen und ihnen entgegenkommen. Darüber freue ich mich ganz besonders. Aktuell neu dazugekommen sind Gießen und Bonn. 

So berichtete die Gießener Zeitung in ihrem Lokalteil am 28. 12. 2022 über den Trauerbegleiter Helmut Stanzel. Der 67-Jährige, der 2015 selbst seine Frau verloren hatte, sei eine Besonderheit, weil Männer in der Trauerarbeit generell eine Seltenheit seien. Helmut Stanzel selbst wird mit dem Satz zitiert: "Männer sind oft unsicher und hilfsbedürftiger bei emotionalen Themen". Deswegen bietet der Trauerbegleiter Einzelgespräche speziell für Männer an (Weitere Infos über info@hospiz-verein-giessen.de, hier geht es zur Onlinefassung des Artikels). Es gibt noch ein zweites neues Angebot.



Keine Einzelgespräche, aber eine Wandergruppe für trauernde Männer, darum geht es in einem Artikel aus dem Bonner Generalanzeiger, der mir als Ausschnitt vorliegt. Der Text stammt aus Januar 2023 und berichtet über die Hospizinitiative "unter dem Kreuzberg" bei Bonn. Zitiert wird der Initiator Gerhard Kleefuß mit den Worten: "Männer tun sich oftmals schwer damit, Gefühle zu zeigen, und öffnen sich nur selten anderen gegenüber". Deswegen startet die Initiative am Samstag, 14. Januar 2023, mit einer neuen Wandergruppe (keine Onlinefassung des Artikels auffindbar, Infos über info@hospizinitiative-kreuzberg-bonn.de).  

Sogar das Fernsehen berichtet über Männertrauer

Noch vor einer Woche hatte ich hier bereits auf einen Fernsehbeitrag hingewiesen, der über die vielfältigen Männerangebote des ambulanten Hospizdienstes am Alfried-Krupp-Krankenhaus in Essen im Ruhrgebiet berichtet und ebenfalls zeigt, wie gut diese angenommen sind. Auch hier wird gemeinsam gekocht, gewandert (per Fahrrad) und viel mehr - der Beitrag findet sich noch in der RTL-Mediathek.  


(Foto: Thomas Achenbach)


Es bestätigt sich immer wieder und allerorten: Wandergruppen und Kochgruppen, das sind nach wie vor die Klassiker, die richtig gut angenommen werden, wenn es um Angebote für trauernde Männer geht. All diese Angebote sowie die oben angeführten Zitate sind mir eine wohltuende Bestätigung darin, dass es eben weiterhin eine Generation von Männern gibt, die jenem Bild entsprechen, wie ich es beim Schreiben meines Buches "Männer trauern anders" im Kopf hatte. Auch wenn sich derzeit ganz viel tut in unserer Gesellschaft, auch wenn die jungen Generationen ganz anders ticken, ist es weiterhin wichtig, diese "klassischen Männer der Marke Kriegskinder und Kriegsenkel" nicht aus dem Blick zu verlieren. 

Ein herzliches Danke meinerseits an all die ehrenamtlichen Initiatoren und Helfer


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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer - 77 Rituale und Impulse" (Patmos-Verlag)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag)
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

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Samstag, 7. Januar 2023

Jetzt berichtet sogar RTL über die gemeinsam kochende Männer-Trauergruppe in Essen, bei der ich als eine Art Impulsgeber und Geburtshelfer fungieren durfte... Wie ein erfolgreiches Angebot für Männer in Trauer funktioniert und warum es so gut angenommen wird

Im September 2021 durfte ich als eine Art Geburtshelfer fungieren - ich war nach Essen ins Ruhrgebiet gefahren, um mit einem Vortrag in einer Auftaktveranstaltung ein neues Angebot aus der Taufe zu heben: Eine Trauergruppe nur für Männer. Eine Gruppe, die seither ganz viel gemeinsam unternommen hat und weiterhin unternimmt. Jetzt hat sogar der Fernsehsender RTL über die Trauergruppe und ihre Aktivitäten berichtet.

In dem sehenswerten Beitrag kommt ein um seine Frau trauernder Mann ebenso zu Wort wie der Initiator des Angebots, Harald Genge, der die Männergruppe gemeinsam mit dem Ambulanten Hospizdienst des Alfried-Krupp-Krankenhauses ins Leben gerufen hatte - und mich freundlicherweise zum Auftakt eingeladen hatte. Außerdem ist als Schirmherr und als Leiter der Kochgruppe der Fernsehkoch Patrick Jabs zu sehen - der RTL-Beitrag ist unter diesem Link zu finden. Übrigens trägt die Männergruppe einen Namen, der mir sehr gut gefällt.



Denn es ist gleichzeitig der Titel meines Buches: "Männer trauern anders". Zu den Aktivitäten gehören unter anderem gemeinsame Fahrradfahrten, Anti-Aggressions-Trainings, Fitnessangebote oder Weintastings. Und mehr. Alle Informationen zu Männer trauern anders in Essen gibt es in einem Flyer des Ambulanten Hospizdienstes, der unter diesem Link zu finden ist.

Ein wertvolles Angebot, das gut angenommen ist und das erneut zeigt, wie wichtig es ist, dass Männer in Trauer - zumindest einer bestimmten Generation - anders angesprochen werden als Frauen. Es gibt noch weitere tolle Angebote, dazu in Kürze mehr auf diesem Blog.

Hier der Direktlink zum RTL-Beitrag: Bitte hier klicken.

Und der Direktlink zum Flyer "Männer trauern anders": Bitte hier klicken.


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Neue Serie - Das Trauer-Zitat des Monats - Auftakt und Folge 1 aus dem Januar 2023

Ebenfalls auf diesem Blog: "Er hätte so gerne noch gelebt"... - und was hat er vom Leben gehabt? So erkennst Du, ob Du auf einem guten Lebens-Weg bist 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was bedeutet "Personen auf der Fahrbahn", warum hört man das so oft - eine ganz persönliche These dazu, was dahintersteckt

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie der Suizid der Mama das System einer Familie ins Wanken bringt, eindrucksvoll erzählt in einem sensiblen sehenswerten Film

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

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Sonntag, 1. Januar 2023

Das Trauer-Zitat des Monats - #Januar 2023 - bemerkenswerte Sätze über Trauer, Tod und Sterben aus Literatur, Interviews und Zeitschriften, Teil 1

 


"Menschen, die vor kurzem jemanden verloren haben, zeigen einen bestimmen Ausdruck, wahrscheinlich nur für diejenigen wahrnehmbar, die diesen Ausdruck schon auf ihren eigenen Gesichtern gesehen haben. (...) Es ist ein Ausdruck extremer Verletzlichkeit, Nacktheit, alles ist sichtbar."

Joan Didion, Das Jahr magischen Denkens

(List-Verlag, Berlin, 2008/2017, Seite 84)


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Sonntag, 18. Dezember 2022

Weihnachtssongs für Trauernde gibt es fast gar keine, eine rühmliche Ausnahme möchte ich heute vorstellen - Wenn sich Sehnsucht und Bitterkeit zum Fest die Hände reichen - Weihnachten in Trauer verbringen

Weihnachtslieder gibt es viele. Die meisten wollen ihren Zuhörern ein seliges Wohlfühlgefühl vermitteln. Dass zu Weihnachten aber auch schmerzliche Sehnsucht gehören kann - nach Gestorbenen, zum Beispiel - wird dabei gerne ausgeblendet. Nur eine wohltuende Ausnahme kenne ich: Der Sänger der Indieband Keane, Tom Chaplin, hat für sein fabulöses Weihnachtsalbum aus dem Jahr 2017 ein Lied geschrieben, das bei aller schwebenden Glockennähe von Wehmut umfangen bleibt.

Chaplin richtet sich in seinem Lied an all jene, die wir verloren haben, er spricht sie sogar direkt an und versichert ihnen: Wir werden uns an Euch erinnern, an den Feiertagen, unterm Weihnachtsbaum. Auch in allen anderen Textpassagen schwingt, genauso wie in der gleichsam melancholischen wie leichtfüßigen Musik, immer eine Idee von Abschied mit. "Die Geschichte von Dir und mir / ist ein Kreis, der ungeschlossen bleibt / wer weiß, ob wir uns jemals wiedersehen werden?". Es ist sicher nicht falsch zu sagen: Dieses Lied ist ein vertonter Sehnsuchts- und Abschiedsschmerz, der schon ohne den Text deutlich spürbar wird. 

 

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Geschrieben und aufgenommen in einer Zeit persönlicher Krisen - die Band hatte sich gerade getrennt, nach einer Phase kreativen Dahinsiechens, Tom Chaplin hatte sich seiner Drogensucht gestellt, sein Hund war gestorben -, hält dieses Weihnachtsalbum von Tom Chaplin gekonnt die Balance zwischen Melancholie und Hoffnung, Traurigkeit und Lichterfunkeln. Mit leichter Schlagseite Richtung Traurigkeit. Das macht den Unterschied. 

Zwölf Geschichten von Weihnachten, "Twelve Tales Of Christmas", sind es, und sie spiegeln die Bandbreite des Lebens. Hier wird kein Heile-Welt-Weihnachten heraufbeschworen, hier geht es um Brüche und Sehnsüchte, um Risse und Gebrechlichkeit, hier geht es darum, beide Elemente miteinander zu vereinen: Den Lichterglanz dieser Zeit mit all seiner Schönheit - und die dunkelblaue Seelentiefe der Schwermut, die das Leben ebenfalls mich sich bringen kann. Und damit wird dieses ganz besondere Album zu einer Kostbarkeit, ganz ohne Kitsch. Meistens. In Anmut und Schönheit eingepackt. Immer. Dafür sorgt alleine schon der großartige Popschmelz in Chaplins Stimme.  

Die Lichter in unserem Inneren 

Gleichzeitig zündet Tom Chaplin auch Hoffnungsfunken, textlich wie musikalisch, und umtanzt immer wieder die weihnachtliche Besinnlichkeits-Grundidee: Ja, die Welt scheint verloren, wenn man sich die Nachrichten ansieht, aber es sind immer noch wir Menschen selbst, die unsere eigenen inneren Lichter anzünden und weitertragen können, aller Schwere zum Trotz, singt er sinngemäß in "Turn Your Light On". 

Vier Coverversionen von sorgfältig ausgewählten Songs enthält das Album neben den acht neu geschriebenen Liedern. Joni Mitchells "The River" ist eine der melancholischsten Balladen dieses Weihnachtszyklus - da wünscht sich jemand, er könnte auf einem zugefrorenen Fluss von allem davonskaten, fliehen vor der Traurigkeit, die Trennungen mit sich bringen.  




Allen Menschen, die die Adventszeit auch mit einem schwerer werdenden Herzen verbinden, seien der Song "We'll Remember You This Christmas" und das dazugehörige Album "Twelve Tales Of Christmas" ausdrücklich empfohlen. Ein gutes Weihnachtsalbum für Trauernde. Eines, bei dem man sich verstanden fühlen kann.

Und damit allen Lesern ein gutes Weihnachtsfest, so gut es eben geht, und einen guten Rutsch ins neue Jahr. 

To those we lost along the way
To those we loved, I want to say
From those of us still here today
We remember you this Christmas.

Das Album: Tom Chaplin, "Twelve Tales Of Christmas", Universal


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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer - 77 Rituale und Impulse" (Patmos-Verlag)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag)
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Ist Trauerbegleitung ein echter Beruf? Kann man von Trauerbegleitung leben? Und wie werde ich überhaupt Trauerbegleiter?  

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie lange darf Trauer dauern? Ist es normal, wenn es jahrelang weh tut? Und ab wann wird trauern krankhaft?

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Sonntag, 20. November 2022

Das Meiste, was Menschen zu Trauernden sagen ist nicht wirklich hilfreich - aber "dagegen hilft nur Aufklärung", findet eine engagierte Trauerbegleiterkollegin - ihre Postkarten für Trauernde geben wertvolle Impulse

Auch zu ihrem Buch "Wie aus Trauer Liebe und Dankbarkeit wird" gibt es Postkarten, die der Humboldt-Verlag für Iris Willecke gestaltet hat (Foto: Thomas Achenbach)

Das Trauer-Bullshit-Bingo. Die Hitparade der schlimmsten Trauerfloskeln. Die Ratschläge, die Trauernde erhalten und die sich meistens als Tiefschläge direkt in den Bauch entpuppen, auch wenn sie nicht so gemeint sind. All das, zusammengefasst auf Postkarten, diese Idee finde ich ziemlich großartig. Geschaffen hat sie meine Trauerbegleiterkollegin Iris Willecke aus dem Sauerland. Aber wozu und warum? Lassen wir sie dazu am besten selbst zu Wort kommen. 

Ich hatte Iris ein paar Fragen gestellt und sie hat sie freundlicherweise beantwortet.

Liebe Iris, sag mal, wo lassen sich die Postkarten beziehen - und wie läuft das?

Die Bilddateien stehen kostenlos auf meiner Webseite iris-willecke.de zur Verfügung. Wer lieber fertige Postkarten haben möchte, kann sich diese bei danacards.de bestellen und damit gleichzeitig Gutes tun, denn die gesamten Erlöse fließen in soziale Projekte.

Wie bist Du auf die Idee mit den Postkarten gekommen?

Durch die Arbeit mit Trauernden. Mich macht es immer wieder betroffen, wenn mir Trauernde von Verletzungen durch ihr soziales Umfeld berichten. Und ich kenne wirklich kaum jemanden, der solche Dinge nicht erlebt hat. Die Postkarten sollen einen Beitrag dazu leisten, mehr Trauerwissen zu vermitteln, denn vieles passiert nur aus reinem Unwissen. Wer Trauer nach einem schweren Verlust noch nie selbst erleben musste, der kann sich in der Regle nicht in Trauernde hineinversetzen. Er sagt dann z.B. Dinge, die eigentlich gut gemeint sind und trösten sollen, die den Trauernden dann aber doch nur verletzen. Dagegen hilft nur Aufklärung.



Meine erste Postkarte war allerdings das Trauer Bullshit Bingo und diese Karte hat noch einen etwas anderen Hintergrund. Ich habe mal an einer Fortbildung mit Sabine Dinkel teilgenommen und sie hatte geniale Werbekarten für ihr Buch mit einem Krebs Bullshit Bingo dabei. Ich fand die Idee grandios und hatte sofort im Kopf, dass es so etwas unbedingt auch für die ganzen Floskeln geben muss, mit denen Trauernde konfrontiert werden. Ich konnte dann in Abstimmung mit meinen Facebookfollowern relativ schnell die gängigsten 25 Aussagen ermittelt, die auf die Karte mit drauf sollten und meine Lieblingsgrafikdesignern Tine Schenk hat für die prima Umsetzung des Layouts gesorgt. Die Karte war ursprünglich hauptsächlich für Trauernde gedacht. Sie soll ihnen einen etwas leichteren Umgang mit den Floskeln ermöglichen. Sie ist aber auch super als Gesprächsöffner geeignet und wird von einigen KollegInnen mittlerweile auch für Fortbildungsangebote genutzt.

Du bezeichnest Dich selbst als Traueraktivistin, das macht mich neugierig, wie würdest Du das definieren, was das ist?



Den Begriff habe ich mal bei meiner Kollegin Alexandra Kossowski aus Berlin gelesen. Ich habe kurz darüber nachgedacht und dann befunden, dass er auch auf mich passt, denn ich versuche z.B. seit vielen Jahren auf unterschiedlichsten Wegen mehr Wissen über Trauer und ein größeres Verständnis für die Bedürfnisse von Trauernden zu vermitteln und  verschiedenste Angebote ins Leben zu rufen. Trauernde haben es in unserer Gesellschaft nicht leicht. Sie brauchen Fürsprecher und Unterstützer. Ich bin jemand, der viele Ideen hat und der Dinge lieber anpackt, statt sie totzureden....

...so sagt es Iris Willecke, ihre Postkarten finden sich auf Ihrer Webseite unter dem Link "Downloads". Danke, Iris, für das Antworten auf meine Fragen


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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer - 77 Rituale und Impulse" (Patmos-Verlag)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag)
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Ist Trauerbegleitung ein echter Beruf? Kann man von Trauerbegleitung leben? Und wie werde ich überhaupt Trauerbegleiter?  

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie lange darf Trauer dauern? Ist es normal, wenn es jahrelang weh tut? Und ab wann wird trauern krankhaft?

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Mittwoch, 21. September 2022

Jetzt mal brutal ehrlich: Ein Kind zu bekommen oder in eine Trauer- und Verlustkrise zu geraten, das hat beides erstaunliche Parallelen... – fünf Gründe für eine steile These - was wir aus der Trauer- und Lebensbegleitung für diese Aufgabe lernen können...

Osnabrück - Einer dieser Sätze, mit denen ich neulich abends beim Bier für etwas Verwunderung gesorgt hatte: Ein Kind zu bekommen oder einen Menschen zu verlieren, das ist beides total gut miteinander vergleichbar. Wie bitte? Was anfangs für Kopfschütteln sorgte und von mir selbst auch eher augenzwinkernd gedacht war, entwickelte sich nach einer vertiefenden Diskussion dann doch zu einer allseits anerkannten These. 

Bevor ich fünf Gründe für diese, zugegebenermaßen, steile Behauptung nenne, möchte ich noch eine wichtige Vorbemerkung loswerden: Ich bin jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, seit bereits acht Jahren der Vater einer Tochter und finde das ziemlich großartig. Trotz- und Autonomiephase waren hart, das mit Schlafen, nun ja, ist auch so eine Sache, Home Schooling brauche ich nie wieder in meinem Leben, aber wir haben eine überwiegend großartige Zeit, ich möchte das nicht missen.

Fakt ist aber auch - und da nähern wir uns wieder unserem Thema: Kinder reißen Dich aus Deinem eigenen Zentrum, ob Du willst oder nicht. Kann gut tun. Muss man haben können. Trauer tut das übrigens auch - Dich aus Deinem bisherigen Zentrum reißen. Womit wir wieder beim Thema wären.

Warum es so gut vergleichbar ist, einen Menschen zu verlieren oder einen zu bekommen - fünf Gründe:


(Foto: Hermann Traub/Pixabay.de)

1.) Dein Leben ist grundlegend anders, von einem Tag auf den anderen - nichts ist mehr so, wie es vorher einmal war. Ein Mensch, der vorher da war, verschwindet plötzlich - und mit ihm alles, was an gewohnten Routinen und Ritualen den Alltag geprägt hat. Alles muss sich neu finden - und was die Tage ab jetzt prägt, ist diese große Leere. Oder: Ein Menschlein, das seinen ganz eigenen Rhythmus erst noch finden muss und ein enormes Potenzial an Aufmerksamkeit benötigt, ist von einem Tag auf den anderen plötzlich da. Brüllt die Nächte durch und schläft am Tag, aber gewiss nicht dann, wenn Du eigentlich Deine wenigen Kraftreserven dafür nutzen wolltest, ein paar anstehende Erledigungen zu machen. In beiden Fällen wird Dein Leben binnen weniger Stunden komplett auf den Kopf gestellt. Tod oder Geburt, beide Ereignisse gehören zum Prägendsten, was das Leben mit sich bringen kann, und beiden Ereignissen ist eines gleich: Der Wandel ist radikal, weltenverändernd - und langfristig! Nichts ist mehr wie es einmal war. Und es wird auch nie wieder so sein. Im Guten wie im Schlechten. Von einem Tag auf den anderen mitten hinein in den Ausnahmezustand - den Du zu Deinem neuen Alltag machen musst. 

2.) Du findest Dich in einem totalen Gefühlsstrudel wieder, den Du so noch nie erlebt hast. Grund: Hormone. Sowohl der Verlust eines Menschen als auch die Geburt eines Kindes haben wesentlichen Einfluss auf Deinen Hormonspiegel und auf alle körperlichen Prozesse, die im Inneren ablaufen. Auch auf der chemischen Ebene ist alles aus den Fugen, in beiden Fällen. Und das betrifft beide Eltern, beide Geschlechter, nicht alleine die Mutter. Sondern auch die Väter. Der Schlüssel ist jeweils das Oxytocin, das allgemein als "Kuschelhormon" bezeichnet wird, wobei diese Definition ein bisschen zu sehr nach Wohlfühlfaktor klingt. Die Lust auf Sex geht runter, der Wunsch nach Nähe steigt auf ein Übermaß. Die Natur zwingt die Väter mit diesem Überschuss an Bindungshormon dazu, bei der Familie zu bleiben. Diese Überproduktion von innerer Chemie bringt aber auch etwas Rauschhaftes, Unwirkliches, Seltsames mit sich. Ich erinnere mich noch daran, wie ich in den ersten Monaten nach der Geburt meiner Tochter zu einem mehrtägigen Workshop fahren sollte, was eine erste längere Trennung bedeutete, und wie ich auf dem Weg zum Auto Zeuge davon wurde, wie ein Eichhörnchen überfahren wurde. Ein harmloses, wehrloses Wesen (= wie das Baby), das von einem Autoreifen zu Fleischbrei zermantscht wurde. Beides zusammen, wenige Monate nach der Geburt meines Kindes, hat mich völlig fertiggemacht - und ich hab mich gefragt, was zur Hölle mit mir bitte los ist? Bei Trauer wiederum passiert das Gegenteil, wie Forscher 2015 nachgewiesen haben: Anstatt Oxytocin auszuschütten, das immerhin zu einer gewissen Empathie- und Selbstliebefähigkeit führen könnte, verfällt der Körper auch chemisch gesehen in einen Stresszustand. Trauer setzt eine Menge an CRF frei, das als Stresshormon gilt ("Corticotropin-Releasing-Factor") und das die Ausschüttung von positiven Hormonen verhindert. Wiederum ist es das Oxytocin, das den Schlüssel darstellt. Diesmal, weil es Mangelware geworden ist. Seelische Überforderung und ein Körper voller Stresshormone - innerer Ausnahmezustand von der anderen Seite.


(Foto: Animaparsa/Pixabay.de)

3.) Urlaub ist nicht mehr erholsam - sondern eine Verlagerung Deiner allgemeinen Situation an einen anderen Ort. Wer mit jüngeren Kindern in die Ferien fährt, verlagert seine Ausnahmesituation von daheim an den Urlaubsort. Schlimmer noch: Man nimmt das, was zuhause eher anstrengend sein kann, nicht einfach nur mit, sondern verstärkt es auch noch. Unter anderem, weil die gewohnte Infrastruktur fehlt (Spielzeug, Betreuung, Technik, Freunde, etc.). Aber auch, weil das, was Erwachsene erholsam finden, für Kinder entweder ziemlichen Stress bedeuten kann (ein anderer Ort, ein anderes Bett, lange Autofahrten) oder schlicht ultralangweilig ist (Essen im Restaurant, Ruhe, Schlaf, Bücher lesen, "Nichtstun"). Wer wiederum nach dem Verlust eines Menschen in den Urlaub fährt, der nimmt seinen Kummer und seine Trauer mit an den Ferienort. All das ist mit dem generellen Konzept von Urlaub nicht gut vereinbar, sollten doch Ferienfahrten eigentlich der Regeneration und der Erholung dienen. Erholung durch Abstand, nun ja, das gilt in beiden Fällen vielleicht noch räumlich. Erholung durch Ruhezeiten, nun ja, dafür ist der Seelenaufruhr oft zu groß bzw. das Kind fordert ständig irgendeine Aufmerksamkeit oder einen Programmpunkt. Erholung durch Buchlektüre, nun ja, dafür fehlt es an Konzentrationsfähigkeit, in beiden Fällen. Und jedes "Nichtstun" verliert seine Schönheit, wenn einem dadurch entweder die Einsamkeit wieder schmerzvoll bewusst wird (= Trauer) oder wenn Dich Dein Kind gefühlt alle 45 Sekunden nach irgendetwas fragt (Essen, Aufmerksamkeit, Vorlesen, Erlebnisse, etc.) oder an Dir zieht und zerrt oder auf Dir rumturnt vor lauter Langeweile. In beiden Fällen gilt übrigens: Nach ein paar Jahren kann es besser werden, jedenfalls in kleinen Segmenten und immer schön Stück für Stück. Manches bleibt allerdings. 

4.) Du kannst nicht mehr schlafen. Wer einen Menschen verloren hat, leidet oft an Schlafproblemen. Die Nächte können von inneren Unruhen geprägt sein, die Dich nicht schlafen lassen - oder der Schlaf ist von wirren Träumen durchzogen, die Dich hochschrecken lassen. Es können neue Ängste auftauchen, die sich vor allem nachts bemerkbar machen. Oder die Nacht wirkt wie ein zusätzlicher Verstärker für all die Gefühle, die tagsüber schon so mächtig sind. Und wer ein Kind hat, muss nach dem Trubel der Babyjahre - mit sehr wenig Schlaf darin - damit leben, dass dieses Wesen mit seinem ganz eigenen Biorhythmus ausgestattet ist und diesen per Geburt einfach mitbringt. Oder anders gesagt: Dein Kind hat eine einprogrammierte Wachzeit, die sich irgendwann nach dem Babyalter herausschält und auf die Du keinen Einfluss nehmen kannst, so sehr Du es auch versuchst. Wenn Du Glück hast, ist es eine spätere Aufwachzeit (wobei sich das mit dem "Glück gehabt" ab der Einschulung Deines Kindes wieder relativiert). Wenn Du Pech hast, bekommst Du so eine echte Lerche. Es soll Kinder geben, die sind jede Nacht um drei oder vier Uhr wach. Jede. Über Jahre. Und Du: Bist machtlos. Auch wenn Dir zigtausend Erziehungsratgeber, Schlafratgeber und zahlreiche andere Eltern oder Großeltern etwas anderes einzureden versuchen: Gegen die Aufwachzeit Deines Kindes kommst Du nicht an. Du kannst höchstens versuchen, erzieherisch ein wenig gegenzusteuern ("Eltern niemals vor 7 Uhr wecken"), was eine gewisse Kraftanstrengung bedeutet und nicht immer funktioniert, aber generell möglich ist. Kurzum: Wer einen Menschen verliert oder einen Menschen bekommt, schläft schlecht oder zumindest schlechter bis gar nicht mehr. Das kann Monate andauern oder auch einige Jahre.


(Foto: Gerd Altmann/Pixabay.de)
 

5.) Und schließlich: Viele andere, meist Unbeteiligte, geben Dir ganz viele Ratschläge und glauben vieles besser zu wissen. "Das Leben geht weiter", "Du musst jetzt loslassen", "Gönn Dir doch mal wieder was Schönes" und so weiter. Wer tatsächlich schon einmal in einer Trauersituation gesteckt hat, der wird erlebt haben, dass solche Ratschläge nicht wirklich hilfreich sind - wie eigentlich alle Ratschläge. Nicht umsonst gibt es im Kontext von Therapie und Beratung den gut gepflegten Spruch "Ratschläge sind Schläge". Das gilt genauso für Eltern und Kinder. Weil kein Mensch das tatsächliche Binnenverhältnis einschätzen kann bzw. die dynamischen Prozesse, die zwischen Eltern und Kindern jeweils individuelle Stärken erreichen (und die können sehr dynamisch sein), sind auch hierbei die meisten gut gemeinten Ratschläge schlicht nur eins: Sie sind übergriffig. Weil in Unkenntnis der tatsächlichen Situationen und der jeweiligen Spezifikationen ausgesprochen. Und dennoch fühlen sich ganz viele Menschen berufen, kluge Ratschläge zu geben - und wer kann sich davon schon komplett frei sprechen (also, ich auch nicht immer, zugegeben, obwohl ich schon viel, viel, wirklich viel besser geworden bin!)?

Und, nochmal, weil mir das so wichtig: Kinder zu haben, das ist einerseits etwas sehr Erfüllendes und sehr Bereicherndes - und es kann sehr zu Deiner persönlichen Weiterentwicklung beitragen -, aber das hat wie alles im Leben eben seinen Preis. Und der kann sich zeigen als ein lange andauernder und meistens verkannter Ausnahmezustand, eine nervliche Belastungsprobe, die den gesamten Menschen fordert. So wie Trauer. Ich könnte noch viel mehr dazu schreiben. Aber: Ich muss jetzt ins Bett. Ich bin ganz schön müde...


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de


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