Dienstag, 24. Oktober 2017

Bitte nehmt immer auch die Kinder mit - ans Sterbebett, ins Krankenhaus, ins Hospiz... überall dorthin, wo sie sehen und begreifen können - was wir aus dem Roman "Sieben Minuten nach Mitternacht" Wichtiges fürs Leben und Sterben lernen können

Osnabrück (eb) - Keine Sorge: Zum Lesen dieses Blogbeitrags sind keine fundierten Kenntnisse des Buches "Sieben Minuten nach Mitternacht"nötig. Eigentlich reicht für unseren Kontext diese kurze Zusammenfassung: In dem Roman geht es um den 13-jährigen Jungen Conor, dessen Mutter unheilbar an Krebs erkrankt ist und ins Krankenhaus muss. Der Vater hat die Familie schon vor längerer Zeit verlassen, Conor schmeißt erst alleine den Haushalt und lebt später bei der Großmutter. Die ihn aber meist zuhause lässt und ihre Zeit im Krankenhaus verbringt. Denn keiner - weder Vater, noch Großmutter, noch die Mutter selbst - traut sich, dem Jungen die Wahrheit zu sagen: Dass die Mutter sicher sterben wird. Bald sogar. Wie sich alles um diesen Kardinalfehler windet und welche psychologischen Folgen das haben kann, stellt das Buch als berührende Monstergeschichte heraus - und daraus lässt sich eine Menge lernen. Kurz gesagt: Keine falsch verstandene Schonung. Nehmt die Kinder mit.

"Nicht dabei sein, macht die Sache nicht besser". In diesen simplen Worten fasst die Familientrauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper zusammen, worum es geht. Sie erzählt auf ihrer Facebookseite die bewegende Geschichte - eine echte Geschichte, anders als die von Conor - vom fünfjährigen Konrad, der mit dem ganz plötzlichen Herzinfarkt und nahenden Tod seiner Mutter konfrontiert ist. Und wie er dann mit seinem Papa in das Krankenzimmer geht und sich von der Krankenschwester genau alle Schläuche erklären lässt. Aber darf man Kindern sowas zumuten? Ist das nicht grausam?


(Foto: Thomas Achenbach)

Nun ja, was wäre denn die Alternative? Dass die Kinder zuhause sitzen und nicht miterleben können, was los ist? Und dann stehen sie plötzlich vor so einem Holzding und verstehen die Welt nicht mehr...? Klar, keiner versteht die Welt, wenn es um den Tod geht. Aber was für die Erwachsenen gilt, ist für die Kinder genauso wichtig. Vielleicht noch wichtiger:


Wir Menschen müssen begreifen lernen - auch die Kleinen


Wenn wir begreifen wollen, müssen wir erleben können. Den toten Körper zu sehen und anzufassen, das können sich viele kaum vorstellen (ging mir genauso und ich habe es auch nicht getan - aber immerhin war ich dabei, mit im Raum, als meine Mutter starb). Dabei sein zu dürfen, wenn der Tod eintritt, das kann manchmal auch ein Geschenk sein, es kommt immer auf die jeweilige Situation drauf an. Und manche Eltern, die ihren Kinder sowas zugemutet haben, berichten von ganz überraschenden und erstaunlich guten Erfahrungen, die sie damit gemacht haben. Wobei mir ganz, ganz wichtig ist, dass wir die Kinder nicht einfach dorthin zwingen, ans Sterbebett oder zu der gestorbenen Person - sondern sie selbst fragen, ob sie sich das vorstellen könnten und ob sie dorthin möchten. Das kann hilfreich sein für sie, wenn die Faktoren stimmen. 

Inzwischen ist "Sieben Minuten nach Mitternacht" auch verfilmt worden - eigentlich total unnötig, denn das Buch alleine weckt starke innere Bilder in einem. Aus Zeitgründen habe ich mir den Roman im Hörbuchformat vorlesen lassen. Das war eine wertvolle Erfahrung.    (Thomas-Achenbach-Foto)


Hilfreicher jedenfalls als irgendwo anders sitzen zu müssen und nicht genau zu wissen, was jetzt da eigentlich vorgeht, wo die Erwachsenen immer so ernst und mit so düsteren Mienen immer hingehen. Siehe da, wer seine Kinder mitgenommen hat, der berichtet später oft: Sie konnten ganz gut damit umgehen. Die Kinder haben ihre eigenen Schutzmechanismen. Natürlich wird so eine Situation für sie ihre eigenen Überforderungen mit sich bringen. Natürlich wird es nicht leicht, für keinen, der dabei ist. Aber: "Nicht dabei sein, macht die Sache nicht besser".


Man möchte die Eltern anbrüllen: Sagt es ihm, verdammt!


Auch Conor in der Geschichte entwickelt seine Schutzmechanismen. Sehr realistisch schildert das Buch, wie der Junge in der Schule plötzlich gemieden wird. Als ob der Krebs seiner Mutter etwas Ansteckendes oder Anrüchiges hätte - oder als ob er selbst plötzlich unsichbar wäre. Diese gigantischen Unsicherheiten, die mit dem Tod einhergehen - sie wirken auch im echten Leben oft leider so. Doch wie sich am Ende zeigen wird: Ganz tief im hintersten Winkel seines Herzens hat Conor gewusst, was geschehen wird. Bis dahin ist viel geschehen, es hat Wut und Zerstörung gegeben und sonst vieles, was Trauer mit sich bringt. Aber so richtig gesagt, was Sache ist, hat es ihm bis kurz vor Schluss eigentlich keiner. Der Junge hat viel alleine zuhause gesessen und sich ein ebenso beängstigendes wie freundliches Monster als seine persönliche Hilfe geholt - das vielleicht sogar echt ist, an dieser Stelle lässt das Buch in wohltuendem Mystizismus alles offen. Aber der Leser hat bis dahin längst in vielen Passagen innerlich aufgestöhnt...


Kinder können mehr aushalten und verstehen, als manche denken - sie in eine falsch verstandene Schonungszone zu stecken, ist oft schlimmer als sie mitzunehmen und der Wahrheit auszusetzen.   (Pixabay.de-Foto/Creative-Common-0-Lizenz)

Denn er hat schon oft die erwachsenen Figuren vor seinem geistigen Auge förmlich angeschrien: Jetzt sagt es ihm! Sagt es ihm! Nehmt ihn mit, verdammt nochmal! Lasst ihn dabei sein! Denn: Nicht dabei sein, macht es nicht besser.... 


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Dienstag, 22. August 2017

Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was bei modernen Trauerfeiern alles möglich ist, möglich sein sollte und wie gut es Trauernden tun kann - Impulse für ein lebendiges Gedenken in der modernen Welt

Osnabrück - Darf man auf einer Trauerfeier auch tanzen? Ist es möglich, die Trauerrede auch als Audiodatei zugeschickt bekommen zu können? Auf der Messe "Leben und Tod 2017", die bereits im Mai in Bremen stattfand, gab es viele Impulse für eine moderne Trauerfeier, die dem zu bestattenden Menschen auch gerecht wird. Und auch hier zeigte sich, dass heutzutage viel mehr möglich ist als man so denkt....

Schon vor kurzem habe ich über die Vorträge der beiden modernen Bestatter Barabara Rolf aus Stuttgart oder David Roth aus Bergisch-Gladbach berichtet, die auf der Messe Leben und Tod 2017 ein glühendes Plädoyer für eine moderne und individuelle Bestattungs- und Trauerkultur gehalten haben über reichhaltige Erfahrungen verfügen. Am Schönsten waren diese beiden Vorträge immer dann, wenn beide Bestatter eine selbst erlebte Geschichte erzählten. Zum Beispiel diese hier:


Ein melancholischer Tango auf einer Trauerfeier - das wäre doch der perfekte Tanz mit all seiner Lebensnähe und gleichzeitigen Düsternis...  (Pixabay.de-Foto/Creative-Commons-0-Lizenz)

In der Einladung zur Trauerfeier für seine verstorbene Frau hatte der Witwer geschrieben: "Es ist mir nicht wichtig, was ihr anhabt, aber wenn ihr einen Tipp wollt: Sie liebte Gelb." Also trugen nahezu alle Gäste, selbst die am schwärzesten angezogenen, irgendwo etwas Gelbes, ein Bändchen, eine Brosche, eine Mütze, irgendwas. Sichtbar und schön bunt und überhaupt nicht getragen. Denn geht es nicht bei der Trauerfeier genau darum - einen Übergang vom bunten Leben zu schaffen in etwas Unbekanntes, von dem wir gar nicht genau wissen, ob es nicht auch bunt sein könnte?


Bestatter müssen offen sein - und technisch versiert


Wie sehr die moderne Technik Einzug hält, wurde mir bei einem Gespräch mit der Theologin und Trauerrednerin Birgit Janetzky aus Heuweiler bei Freiburg klar (ebenfalls Expertin für digitalen Nachlass), mit der ich mich auf der Messe zum Kennenlernen verabredet hatte. Sie berichtete, dass es durchaus Anfragen gäbe, eine gehaltene Trauerrede aufzuzeichnen und als Audiodatei an die Angehörigen zu verschicken. Aber auch Janetzky räumte ein, was andere Zuhörer der Vorträge sagten: Dass es auf die Offenheit und Ausstattung der Bestatter ankommt und dass diese Branche derzeit noch eher konservativ unterwegs ist. Barbara Rolfs Credo dazu: "Die Kunden müssen die Bestattungsbranche ändern" - aber dazu müssten sie umfassend über ihre Rechte aufgeklärt sein (mehr dazu in meinen Blogbeitrag).


Jeder bringt ein Licht mit - für das riesige Bodenherz


Weitere Impulse aus den Vorträgen: Tanzen auf der Trauerfeier ist möglich (das hat mich übrigens als leidenschaftlicher Standard- und Lateintänzer besonders gefreut  - und auch wenn ich den argentinischen Tango trotz mehrfacher Versuche nach wie vor besonders schwierig finde, wäre das doch mit all seiner melancholischen Eleganz und gleichzeitigen Lebensnähe ein total passender Tanz für eine stilvolle Trauerfeier.... - Einschub Ende.) Oder das: Ein riesiges Lichterherz, auf dem Boden, und jeder Gast konnte, wenn er wollte, eine Kerze in einem Glas anzünden und dort mit hineinstellen. Was ein sehr schönes Bild gewesen sein muss, denn das Herz soll wirklich riesig gewesen sein, wie Barbara Rolf berichtete. Und noch in einem weiteren Vortrag auf der Messe habe ich ein zu alledem hervorragendes Zitat aufgeschnappt.

Möglichst bunt und lebensnah - so darf auch der Tod sein. Es muss nicht immer getragen und majestätisch zugehen.   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-0-Lizenz) 

So sagte die Familienbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper: "Zu schreiben, bitte weint doch nicht an meinem Grab ist genauso schwachsinnig wie in einer Geburtstanzeige zu schreiben: Bitte freut Euch nicht, das kann halt mal passieren..." Kurzum: Auch auf einer guten Trauerfeier ist alles gestattet, was Leben ist. Bunte Farben, Tänze und Musik, Tränen und Gefühle, Abschied und Freude, Technik und Symbolik. Sogar Tango. Und warum auch nicht?


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Dienstag, 15. August 2017

"Sterben" von Corey Taylor - ein Buchtipp für alle Menschen, nicht alleine für die tatsächlich Sterbenden (eine Besprechung und eine Auseinandersetzung)

Osnabrück - Darf einen ein Buch über etwas so Existenzielles wie das Sterben beglücken? Darf es entzücken? Wenn es so feingeschliffene Gedanken, so wertvolle Formulierungen und so scheinbar banale, aber wesentliche Erkenntnisse enthält wie dieses, darf es das. Jedoch ist "Sterben" von der australischen Autorin Corey Taylor im Wesentlichen eine Familiengeschichte - keine Reise durch Sterbeprozesse. Das muss wissen, wer sich drauf einlassen will. Lernen lässt sich aber dennoch eine Menge.

In nur wenigen Wochen verfasste die australische Schriftstellerin Cory Taylor 2015 dieses Buch, das - wie glücklich für sie - noch kurz vor ihrem Tod erschien. Ihr Krankheitsprozess ist beim Schreiben schon weit fortgeschritten, ihre Lebenswelt ist auf zwei Zimmer zusammengeschrumpft: Das Schlafzimmer mit dem Bett darin und das Wohnzimmer mit ihrem Computer. Mehr Wege schafft sie nicht. Dort sitzt sie und schreibt - erzählt aus ihrem Leben, verbindet kurze Anekdoten und Zusammenhänge. Aber immer wieder, meistens dann, wenn der Leser es gar nicht erwartet, begibt sie sich in kurzen Glücksmomenten auf eine philosophische Metaebene, reflektiert über den Prozess des Sterbens an sich und darüber, wie alles zusammenhängt. Dies geschieht in nur wenigen Zeilen mit wenigen Worten. Aber die haben es in sich. Und auch das Durchlesen der Familiengeschichten ist unbedingt lohnend - weil sich das bemerkenswerte Ende des Buches sonst nicht vollends verstehen lässt. Corey Taylor hat indes eine Form gefunden, ihr eigenes Ende zu beschreiben, die den Leser gerade wegen ihrer artifiziellen Distanzierung berührt und bewegt. 

Lesenswert - oder hörenswert: "Sterben" von Corey Taylor ist ein bemerkenswertes Buch bzw. Hörbuch.   (Thomas-Achenbach-Foto)

»Wenn wir selbst an unser Ende gelangen, können wir auf einen solch lebhaften Rückblick und eine solch klare Vorausschau nur hoffen.« Das sagte der britische Autor Julian Barnes über dieses Buch. Barnes, der selbst seine Frau verloren und der seinem eigenen Leidensprozess in dem auf diesem Blog bereits vorgestellten Werk "Lebensstufen" eine lesenswerte Dokumentation gewidmet hat. Corey Taylor ist weder gläubig noch christlich. Auch ihr Sterbeprozess hat daran nichts geändert, obwohl sie Fragen dieser Art durchaus innerlich diskutiert. Was ihre Gedanken so lesenswert macht, ist die unbedingt dankbare und anerkennende Art und Weise, wie sie ihr Leben reflektiert - und auch solche Fragen wie "Hätte ich ein anderes Leben führen können/sollen/müssen" dabei nicht außer Acht lässt. Aus dieser Art und Weise, sein Leben zu reflektieren, lässt sich viel lernen.


Auch das ist Sterben: Stöbern in der eigenen Biograhpie


Denn das Durchstöbern der eigenen Biographie am Ende des Lebens, das Suchen nach Spuren und Wegen, vor allem aber die Suche nach der eigenen Identität ist etwas, das uns Halt geben kann. Den Stift (oder den Laptop) nehmen und losschreiben, sich fragen, wo man eigentlich herkommt und was einen eigentlich ausmacht - das ist die Reise, auf die sich Corey Tayler begeben hat. Um am Ende zu erstaunlichen Erkenntnissen zu gelangen: "All unsere Erfahrungen existieren gleichzeitig, sind uns ins Fleisch eingebrannt", schreibt sie. So ist sie immer beides: Das kleine Mädchen und die sterbende Frau. Und daran ist nichts Neues, denn: "Wir sterben schon von dem Augenblick an, in dem wir geboren werden, soviel weiß ich jetzt". Immer mal wieder taucht Corey Taylor mit ihren Lesern in diese überraschende Tiefe ein, aber nur als kurze Stippvisite. Denn im Grunde ist "Sterben" ein Buch über eine nicht besonders heile und nicht besonders stabile Familie. Oder anders gesagt:


Schon beim Hören von "Sterben" von Corey Tayler habe ich gemerkt, dass ich ein paar der geäußerten Gedanken unterstreichen möchte. Weil mich das Hörbuch so fesselte, habe ich das gedruckte Buch noch dazugekauft.   (Thomas-Achenbach-Foto) 

Eine Geschichte über eine Herkunft. Gleichzeitig ist es der Versuch, der Ohnmacht ein kleines Schnippchen zu schlagen, wenigstens einen kleinen Teil an Kontrolle auch nach dem Sterben zu behalten: "Erzähle Deine Geschichte selbst, oder jemand anderes wird das tun". Das ist das Motto. Nun, es ist ihr gelungen. Übrigens gibt es "Sterben" auch als von der Schauspielerin Marlen Diekhoff eindrucksvoll gelesenes Hörbuch, das ich sehr empfehlen kann und das mir manche Autofahrt zur Arbeit und zurück zu einem Weg in etwas Tieferes hat werden lassen (weil mich das Hörbuch so fesselte, habe ich mir das gedruckte Buch ebenfalls noch nachgekauft). Denn die zum Zeitpunkt der Aufnahme immerhin auch schon 78 Jahre alte Marlen Diekhoff ist mit ihrer reifen und irgendwie nach Altersweisheit klingenden Stimme die perfekte Besetzung für diese Textzeilen. Noch eine Randbemerkung: Sich in seinem eigenen Sterbeprozess schreibend mit seinem eigenen Leben auseinanderzusetzen, kann etwas sehr Hilfreiches sein. Nicht umsonst gibt es derzeit mehrere Menschen, die dabei ihre Hilfe anbieten. Auch insofern setzt "Sterben" einen wertvollen Impuls.


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

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Dienstag, 20. Juni 2017

Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen... Was alles möglich ist, wenn Menschen das wollen: Urnen und Särge bemalen, Särge selber schließen, Körper überführen, Kinder aktiv dabei sein lassen - ein Plädoyer für moderne Bestattungen und eine zeitgemäße Ritual- und Bestattungskultur - moderne Rituale für Trauerfeiern

Osnabrück/Bremen – Einen Sarg für ein gestorbenes Schulkind als gemeinsame Aktion mit all ihren Freunden bemalen – ist das erlaubt? Einen Toten zur Aufbahrung nach Hause holen ,auch wenn der Sterbeort ein ganz anderer gewesen ist – ist das okay und machbar? Eine Flasche Kölsch mit in den Sarg legen, weil es das Lieblingsgetränk des Toten war – ist das nicht verboten? Den Sarg für seine Lieben selbst bauen, wenn man das kann, weil man Tischler ist – darf man sowas? Lavendel aus der Provence holen und auf den Sarg legen – geht das? Geht es nach modernen Bestattern wie Barabara Rolf aus Stuttgart oder David Roth aus Bergisch-Gladbach, dann sind all diese und noch viel mehr Ideen nicht nur möglich, sondern essentiell und wichtig. Die Kunden, sagen sie, müssen die Bestatterbranche bewegen und beraten, nicht andersrum. 

Auf der Messe Leben und Tod 2017 hielten beide Bestatter ein glühendes Plädoyer für eine moderne und individuelle Bestattungs- und Trauerkultur. Beide verfügen über ein reichhaltiges Repertoire an Erfahrungen und über Geschichten. Wie zum Beispiel diese: Als in einer Familie die Frage diskutiert wird, wer nach der Trauerfeier die Urne zum Grabplatz tragen darf, meldet sich der neunjährige Enkel - denn gestorben ist seine Oma. Beim Vater herrscht Entsetzen - und er fragt, "was dann eigentlich immer gefragt wird", wie Barbara Rolf es sagte: „Und was, wenn er sie fallenlässt?“. Woraufhin die Mutter ganz lakonisch sagt: “Dann hebt er sie eben wieder auf.“ Also trägt der Neunjährige die Überreste seiner toten Oma und ist stolz wie Bolle. Gleichzeitig ist er als Kind fest mit eingebunden in einen Prozess, einen Übergang - das ist wichtig für Menschen.

Macht sich für einen radikalen Wandel in der Bestattungsbranche stark: Barbara Rolf aus Stuttgart. Ihr Motto: Alles muss möglich sein.   (Franziska-Molina-Fotografie-Foto)

Wenn Barbara Rolf Geschichten wie diese erzählt, hängt eine Mischung aus Rührung und Revolution in der Luft. So ungewohnt sind solche Dinge noch in Deutschland im Jahre 2017. Viele Bestatter sagen an so einer Stelle, das sei nicht möglich. Das ginge nicht. Barbara Rolf sagt dazu: "Dann suchen Sie solange, bis sie einen finden, der es möglich macht." Bestatter sind ohnehin eine eher konservative Branche kommentiert ein Gast und Zuhörer, der es wissen muss – er ist mit einer Bestatterin verheiratet.

Das Wichtigste: In Sachen Bestattung alle Rechte kennen


Was das Thema angeht, hat Barbara Rolf ein klares Credo: „Die Kunden müssen die Branche bewegen“, sagt sie. Deswegen setzt sie auf: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Die Menschen darüber zu informieren, was alles möglich ist in Sachen Trauerfeier, Aufbahrung, Beerdigung. Und das ist viel mehr als man so denkt, wird einem bei ihrem Vortrag klar. Wobei sie zugibt, es als Quereinsteiger in die Branche viel leichter zu haben als manche Bestatterkollegen, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten dabei sind: „Mir fehlt dieser Schock des Neuen, den viele Kollegen haben - ich kenne Bestatttungskultur halt nur so."

Neues Credo: Trauernde sollten alles mitgestalten können


Trauernde sollten am besten alles, was passiert, mitgestalten und mitgehen können, wenn sie das wollen sagt Rolf. Dieses "selbst aktiv werden" kann Begreifen helfen, das ist enorm wichtig für den Trauerprozess, sagt sie. Tatsächlich ist das eine Botschaft, die auch in der Trauerbegleitung eine Rolle spielt: Den Körper des Toten wahrnehmen können, ihn sehen zu können, vielleicht sogar an eine Aufbahrung zuhause denken - wie es früher Standard war -, das alles kann enorm wichtig für den emotionalen Prozess sein. Weil der Tod uns Menschen einfach überfordert, weil keiner weiß, was das eigentlich ist, müssen wir uns einem Begreifen erst vorsichig annähern. Auch darum geht es in der Trauer. Barbara Rolf kann ihre Kollegen nur ermutigen, jeden Weg mitzugehen, der gewünscht wird. So sagt sie auch in ihrem Vortrag:


Kinder mit einbeziehen in den Prozess - ja oder nein? Auch dazu haben Barbara Rolf und David Roth eine klare Haltung.   (Pixabay.de-Foto/Creative-Commons-0-Lizenz)

"Wir dürfen als Begleiter sehr mutig sein". Denn auf das Eine habe sie zu vertrauen gelernt: "Der Trauernde kennt seine Kraft, der kann das gut einschätzen. Ich habe immer die Erfahrung gemacht, dass man sich darauf verlassen kann."

Kann sehr hilfreich sein: Gemeinsames Einkleiden des Toten


Was also gibt es alles an modernen Möglichkeiten rund umd die Bestattung und die Trauerfeier? Zum Beispiel das gemeinsame Einkleiden des Toten mit der Familie. "Das kann sogar lustig sein", sagt Barbara Rolf. Als sie einmal mit 14-jährigen Zwillingen den gestorbenen Vater im Sarg anzog, sagte einer der Söhne: "Wenn Papa alt geworden wäre, hätten wir das ja irgendwann auch so gemacht." Auch das Ritual des Sargschließens kann von der Familie absolviert werden. Seit Rolf einmal erlebt hat, wie eine Familie selbst die Schrauben reindrehen wollte - als letzten Akt des Abschieds -, bietet sie den Trauernden gerne an, dies selbst zu übernehmen.


Gemeinsam die Verstorbene aus der Pathologie geholt


"Die Überführung des Toten nach Hause ist immer möglich, auch, wenn der Sterbeort ein ganz anderer gewesen ist", sagt Rolf. Auch die Fahrt selbst muss nicht exklusiv den Bestattern vorbehalten sein. Ein alter Herr ist mit Barbara Rolf einmal mit in die Pathologie gefahren, den Leichnam seiner Frau abholen, wie sie berichtet. Er hatte gesagt "Wir haben alles zusammen gemacht, also machen wir auch das zusammen, außerdem bin ich neugierig drauf wie es da aussieht." Wobei dieser Teil eher für Ernüchterung sorgte. Denn eine Pathologie, sagt Barbara Rolf, sieht nun einmal so aus, wie man sie sich vorstellt. DIe Klinikleitung war dementsprechend nicht begeistert. Das dürfe man doch nicht zeigen, hatte es geheißen. Worauf die kesse Bestatterin berechtigterweise antwortet: Wenn Sie ein Problem mit ihren Räumen für die Toten haben, liegt das an den Räumen.

Aufbahrung geht überall - auch oben im Hochhaus


Wohin der Leichnam zur Aufbahrung überführt wird, ist dabei übrigens ganz egal. „Ich kann das alles auch auf 16 Quadratmetern im 16. Stock eines Hochhauses machen“, sagt dazu David Roth aus Bergisch-Gladbach. Und die Länge der Aufbahrung? Auch da ist fast alles möglich, sagt Roth – und zwar ohne Verwesungsgeruch oder Ekelfaktoren. "Und seien es drei Wochen", sagt Roth. Wobei: Gesetzlich gesehen ist das eben nicht möglich. Maximal 36 Stunden Aufbahrung sind möglich, so schreiben es die meisten Bestattungsgesetzte (das sind Landesgesetze) vor. Ausnahmen sind Bayern, da gibt es gar keine Frist, und Brandenburg, da gilt eine 24-Stunden-Frist.


"Pietät heißt nur, dass mir andere etwas vorschreiben"


Sowohl David Roth als auch Barbara Rolf sind sich jedoch einig, dass sie zumindest diesen Gesetzestext flexibel auslegen müssen: "Wenn etwas aus Liebe gewünscht wird und wenn es machbar ist", sagt Roth, müsse man zumindest eine Fristverlängerung beantragen (was möglich ist) - oder das Gesetz eben Gesetz sein lassen. Und wenn es andere stört, Nachbarn, Familie, Freunde, weil dann vielleicht getuschelt wird? Dann ist das eben so. „Ich bin kein Freund von dem Begriff Pietät“, sagt David Roth dazu, „weil Pietät nur bedeutet, dass uns Dritte vorschreiben, was richtig ist."

Auch die Kinder mit einbeziehen? Alte Frage, neue Antwort


Weitere Impulse aus den Vorträgen der beiden: Nicht alleine Särge, auch Urnen lassen sich selbst gestalten. Oder: Die eigene Grabstätte gestalten, z.B. noch, wenn der Sterbeprozess einsetzt, auch das ist möglich. Und die alte Frage: Dürfen die Kinder zu den Toten? Klare Antwort von Barbara Rolf: Lasst dass die Kinder einfach selbst entscheiden. "Ich habe diese Erfahrung gemacht: Als ein kleiner Junge seinen Papa, der bei einem Unfall gestorben war, im Sarg sehen konnte, war er plötzlich ganz froh", berichtet Rolf. Denn er hatte sich in seinem eigenen Kopfkino und seiner inneren Geschichtenwelt eingebildet, der Vater habe bei dem Unfall seinen Kopf verloren – als er dann sah, dass der Kopf noch obendrauf saß, war er richtig erleichtert. Gefragt, warum er sich denn so freue, den toten Papa zu sehen, sagte er: Weil der seinen Kopf noch hat.

Der Bestatter und Trauerbegleiter David Roth bei seinem Vortrag auf der Messe Leben und Tod 2017.  (Thomas-Achenbach-Foto)

Kinder hätten sowieso viel seltener Berührungsängste beim Thema Tod, hat David Roth beobachtet. Er hat schon Enkel gesehen, die sich beim toten Opa am liebsten auf die Knie gesetzt hätten. Im Kontakt sein können mit dem Tod. Das ist wichtig für uns Menschen - auch für unseren weiteren Weg. Wir dürfen da sehr mutig sein. Wir alle



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Sonntag, 11. Juni 2017

Seit 2022 kannst Du wegen Trauer krankgeschrieben werden (oder zum Psychologen überwiesen)... Und was steht auf dem Krankenschein? Warum die Diskussion rund um die "Anhaltende Trauerstörung" so heftig geführt wird und was die Hintergründe sind (ICD 11, WHO)

Osnabrück - Kann ich mich wegen Trauer krankschreiben lassen? Nein, bislang ist das noch nicht möglich. Ab 2022 soll sich das ändern, das plant jedenfalls die Weltgesundheitsorganisation WHO (Update im Sommer 2022: Hier geht es direkt zu meinem Blogeitrag mit allen wichtigen Änderungen, die ab Januar 2022 gültig sind...). Allerdings sind diese Pläne umstritten. Um besser zu verstehen, worum es geht, müssen wir ein paar Jahre zurückreisen: In den Herbst 2016. Und zu meinem damaligen Schüttelfrost.

Die mich überall erfassende Kälte war so heftig geworden, dass mich selbst das Anlehnen an eine voll aufgedrehte Heizung nicht mehr aufwärmen konnte, seinerzeit, im Herbst 2016. Als ich mich von meinem Hausarzt krankschreiben ließ, stand auf dem „Gelben Schein“ - der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung - der Code „J.06.9“. Das bedeutet: Grippaler Infekt. So steht es in der "ICD 10", also der Klassifikation/dem Regelwerk für alle Codierungen bzw. Diagnoseschlüssel, mit denen alle niedergelassenen Haus- und sonstigen Ärzte arbeiten. Dort gibt es für so ziemlich alles einen Schlüssel. Fast alles. Nur für Trauer noch nicht. Geht es nach der Weltgesundheitsorganisation WHO, wird ab 2022 in der Neuauflage der ICD einen weiteren Code geben: Einen für „Anhaltende Trauerstörung“ (Prolonged Grief Disorder). Doch hinter den Kulissen wird das derzeit heftig diskutiert – und es ist ziemlich umstritten. Aber warum? 


"Trauer" als Grund für eine Krankschreibung - nein, noch nicht


Bislang ist es technisch gesehen nicht möglich, sich alleine wegen Trauer auch medizinisch behandeln zu lassen - geschweige denn sich wegen Trauer alleine krankschreiben zu lassen. Denn Trauer und deren Folgen sind nicht vorgesehen – jedenfalls nicht im Diagnose-System der Weltgesundheitsorganisation, der ICD ("International Statistical Classification Of Disease and Related Heath Problems"), die bei allen Hausärzten und niedergelassenen Ärzten zum Einsatz kommt. Jedoch ist unbestritten - auch bei den meisten Kritikern -, dass es Menschen gibt, die sich wegen Trauer krankschreiben lassen. Oder besser gesagt wegen der durch ihre Trauer ausgelösten Symptome: Konzentrationsschwierigkeiten; große innere Unruhe; eine niemals zu stillende und alles überstrahlende Sehnsucht nach den gestorbenen Menschen (auch noch lange nach seinem Tod); Gedanken, die immer nur um das eine kreisen und nichts anderes zulassen... Kurz: Symptome, die einen Alltag/Berufsalltag in ihrer Heftigkeit unmöglich werden lassen. 


Krankgeschrieben wegen Trauer - ab 2022 soll das laut der ICD 11 möglich sein. Aktuell ist der Plan jedoch umstritten.   (Achenbach-Foto)

Wer mit diesen Symptomen zum Arzt geht, wird krankgeschrieben - derzeit, wegen Depression, Anpassungsstörung oder wegen einer akuten Belastungsreaktion. Aber nicht wegen Trauer. Ab dem 1. Januar 2022 soll sich das definitiv ändern. Denn dann möchte die WHO - die World Health Organisation - in der ab diesem Tag gültig werdenden ICD 11 die "Anhaltende Trauerstörung" als neue Diagnosemöglichkeit einführen. Die WHO hatte eine vorläufige Arbeitsfassung der neuen ICD im Juni 2018 vorgestellt, derzeit ist diese hinter den Kulissen noch in der Diskussion. Wohlgemerkt: Die Trauer soll dort explizit Bereich der psychologischen/psychiatrisch zu behandelnden Störungen angesiedelt sein - was einen Teil der Empörung darüber bereits erklärt.


Ja, Trauer kann krank machen - aber darf sie Krankheit sein?


Seit einigen Jahren tobt eine heftig geführte Debatte über die Frage: Darf man Trauer überhaupt als "Krankheit" werten? Oder ist das stigmatisierend? Und hier haben alle Fachleute, Hospizler und alle Trauerbegleiter - auch ich - eine sehr klare Meinung und Stellung dazu: Nein, Trauer ist keine Krankheit, sondern eine vollkommen natürliche, menschliche Reaktion. Das Gegenstück zur Freude. Die lässt sich ja auch nicht irgendwie verhindern oder wegbehandeln. Aber: Trauer kann definitiv auch krank machen. Siehe oben. Braucht es nun also wirklich eine neue Diagnosemöglichkeit? Und muss sie unbedingt "Anhaltende Trauerstörung" heißen? 


"Trauer darf keine Störung sein" - weil sie ruhig stören darf


Denn alleine schon an dem Namen entzündet sich viel Kritik: "Trauer sollte keine Störung sein", so formuliert es beispielsweise bei einem Vortrag der Trauerbegleiter Norbert Mucksch, der u.a . im Vorstand des Bundesverbands Trauerbegleitung arbeitet (Transparenzhinweis: ich bin dort auch Mitglied - im Verband, nicht im Vorstand). Das soll heißen: Wenn der Eindruck vermittelt wird, dass Trauer stört, geht das in eine falsche, weil eine gesunde Weiterentwicklung verhindernde Richtung. Denn damit wird vermittelt, dass Trauer unterdrückt werden sollte, weggedrückt werden sollte. Das genau aber ist es nach Überzeugung von Trauerbegleitern - auch nach meiner -, was die Verzögerung im Prozess erst auslöst. Trauer sollte stattdessen fließen können, sollte erlebt, gefühlt und ausgedrückt werden können. Das hilft.

Wer trauernd ist, will nicht als Depressiver gelten - zu Recht


Andererseits muss man aber auch sagen: Wenn sich Menschen in einer Trauerkrise bislang als Depressive haben behandeln lassen müssen, dann kann es ihnen durchaus gut tun - psychologisch gesehen - wenn sie nun auch auf dem Krankenschein das finden können, was ihre Gefühle treffend beschreibt: Trauer. Verlust. Krise. Wobei, und das muss auch nochmal gesagt sein: Dort werden keine Worte stehen. Sondern ein Code. Sowas "Tr 08.9" oder so (frei erfunden - nur als Beispiel). Leider ist die "Komplizierte Trauer", die als adäquater Ersatzbegriff für dieselben Symptome in Deutschland schon einmal in der Diskussion war, inzwischen aus den Debatten weitestgehend verschwunden. Schade. Ich fände sie weitaus passender. Das ganze verdammte Leben ist kompliziert - da darf es Trauer erst recht sein.

Sechs Monate sind zu wenig - wenigstens 1 Jahr dauert es


Nächster Kritikpunkt: Der Zeitraum. Die „Anhaltende Trauerstörung“ soll nach den Plänen der WHO als Grund für die Überweisung zu Fach­leuten oder in eine Therapie möglich sein, wenn ein Mensch länger als sechs Monate unter den durch Trauer verursachten Symptomen leidet. Denn erst nach Ablauf eines solchen Zeitraums ließe sich feststellen, ob die Symptome nicht von selbst besser würden. Dass mit Trauer immer erst eine heftige Leidenszeit einhergeht, ist unbestritten. Die Frage, an der sich jetzt die Diskussion entzündet, ist: Ab wann hat sich Trauer so verdichtet und verkompliziert, dass eine Fachbehandlung nötig ist? Erfahrene Trauerbegleiter sagen dazu: Nach sechs Monaten ist das meist noch nicht der Fall. Ob sich Trauer tatsächlich verkompliziert, ließe sich erst nach wenigstens einem Jahr sagen. Denn es sei ganz gesund und ganz natürlich, dass Trauer erstmal heftige Symptome auslöse. (Randbemerkung: Wenn ich Nicht-Fachleuten davon erzähle, verstehen sie überhaupt nicht, warum man nicht sofort, also unterhalb von sechs Monaten, eine solche Diagnose bekommen kann...).

Es gibt auch eine andere Sichtweise


Ich würde jedoch unterstreichen, dass sich erst nach einem Jahr zeigt, ob sich die Trauer so verdichtet hat, dass sie eine andere Behandlung nötig macht oder ob sie auch so in eine gute Entwicklung übergegangen ist. Man kann das allerdings auch anders sehen: Denn es gibt derzeit schon ein zweites Diagnosesystem, das in Deutschland von Medizinern und Psychologen benutzt wird. Das DSM. Und das sagt: Leiden Trauernde nach Ablauf von zwei Wochen (14 Tagen - sic!) noch immer an solchen Symptomen, darf man sie als depressiv krankschreiben. Das geht schon jetzt - und zwar an Krankenhäusern und in Kliniken.

Im DSM steht's drin: Trauer braucht 2 Wochen - dann: Depression


Denn es gibt derzeit zwei Bewertungssysteme, die bei Medizinern in Deutschland zum Einsatz kommen. Hierzu muss man wissen: Das „DSM“ gilt in den allermeisten Kliniken und Krankenhäusern als Standard, die “ICD“ kommt vor allem bei niedergelassenen Ärzten zum Einsatz. Im DSM, also dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Stöungen (DSM), herausgegeben von der American Psychiatric Association (APA), finden wir also diese Defintion - und jetzt muss ich es einmal ganz übertrieben sagen -: Sie dürfen zwei Wochen trauern, wenn sie jemanden verloren haben – danach gelten sie dann allerdings als krank. Wenn es jetzt also ein zweites System gibt, nämlich die ICD, die hier mahnend den Finger hebt und stattdessen sagt: Liebe Leute, zwei Wochen sind zu kurz, wir halten sechs Monate für angemessener... - dann kann man das auch als Schritt in die richtige Richtung sehen. Auch wenn der Zeitraum vielleicht noch angepasst werden müsste. Was übrigens geschehen kann, denn die Pläne der WHO sind noch Diskussionsgegenstand, also noch nicht in Stein gemeißelt.

Alle zum Psychologen: Sind Trauerbegleiter jetzt überflüssig?


Nächste Frage: Macht die neue Diagnose jede Form von Trauerbegleitung überflüssig? Manche Kritiker aus der Ecke der professionellen Trauerbegleitung sehen mit dem neuen ICD-Schlüssel, salopp gesagt, ihre Felle davonschwimmen. Oder anders gesagt: Sie befürchten schlechtere Chancen. Gerade jetzt, wo die Professionalisierung von Trauerbegleitern in Deutschland erstmals verlässliche Normen erfahren hat, könnte es geschehen, dass die Behandlung und Besprechung beinahe komplett in die Hände von Psychologen gelangte, denen aber im Falle von Trauer das Spezialwissen dafür fehlte, lautet die Befürchtung. Ich muss gestehen, dass ich diese Sorgen nicht teilen kann. Warum? Wegen meiner Erfahrungen in einem ganz anderen Segment. Nämlich Coaching.

Coaches kennen das: Menschen wollen lieber aktiv bleiben


Viele Coaches haben schon diese Erfahrung gemacht (und mir in Gesprächen davon berichtet): Dass Klienten zu ihnen kommen, die eigentlich einen Psychologen bräuchten. Eine Gesprächstherapie, beispielsweise. Dass sie diese Probleme aber viel lieber mit einem Coach besprechen. Aus zwei Gründen. Erstens hat es tatsächlich massive Verschlechterungen zur Folge, wenn man sich offiziell als in psychotherapeutischer Behandlung befindlich ausgibt, beispielsweise beim Abschluss von Versicherungen  (Berufsunfähigkeit, Rente, Lebensversicherung, Krankenzusatzversicherungen, etc.) oder dem beabsichtigten Wechsel zu einer anderen Krankenversicherung. Zweitens klingt "Ich gehe zum Coaching" einfach viel besser als "Ich gehe zum Psychologen" - sich coachen zu lassen, so etwas machen Führungskräfte, Fachleute, Menschen mit Zielen und Visionen, aktive und selbstbewusste, ihr Leben gestaltende Menschen. Man nehme nun dieses Muster und übertrage es auf eine "Anhaltende Trauerstörung". Und...?

Wie erkenne ich einen guten Trauerbegleiter?


Zugegeben, erstens, bei dem genannten Beispiel stellen sich eine Menge Fragen, die wir hier weiter diskutieren müssten, wofür der Raum aber nicht reichen wird. Handeln diese Menschen richtig? Sind die Coaches für so etwas geeignet? Haben Sie eine passende Ausbildung? Haben sie überhaupt eine? Gib es Qualitätssiegel für Coaches? Denn, auch das muss gesagt sein: Coach oder Trauerbegleiter (oder Journalist) sind noch immer ungeschützte Berufsbezeichnungen. Soll heißen: Jeder darf sich so nennen, jeder, der das will (Randbemerkung: deswegen habe ich ein Zertifikat über meine Große Basisqualifikation für Trauerbegleitung nach den Normen des Bundesverbands). 

Noch mehr Stolpersteine: Wie reagieren Versicherungen?


Zugegeben, zweitens, es ist eine spitze These (ich liebe spitze Thesen): Aber es könnte doch immerhin sein, dass es hier genauso verläuft. Dass Menschen lieber nicht in psychologische Behandlung gehen, sich lieber nicht einen psychologischen Diagnoseschlüssel aufdrücken lassen, aber um nicht ganz unbehandelt zu bleiben dann doch die Hilfe eines Trauerbegleiters aufsuchen, weil ihre Symptome und die Trauer ja nun unverkennbar vorhanden sind. Zumal noch keiner weiß, wie die Versicherungen auf die neue Diagnose reagieren werden (wird es mir weiter möglich sein, eine Lebens-, Berufsunfähigkeits- oder Krankenzusatzversicherung abzuschließen, wenn ich offiziell vom Arzt als "Trauer-Ge-Stört" bestempelt wurde - nach meinen Erfahrungen mit Versicherungen wäre ich da skeptisch...)

Ja, diskutiert über den Begriff - nein, habt keine Angst davor


Aber: solange alle Menschen die Hilfe finden können, die sie brauchen und die sie verdienen, ist es doch okay - mehr Auswahlmöglichkeiten sind da doch eher vorteilhaft für die Klienten. Ich persönlich habe aus diesen verschiedenen Überlegungen heraus also das folgende Fazit für mich gezogen: Ja, es ist begrüßenswert, dass die Folgen von Trauer als solche anerkannt werden und behandelbar werden. Ja, der Zeitraum dafür müsste hochgesetzt werden. Ja, die Begrifflichkeit "Trauerstörung" ist ungeschickt. Aber das Gute daran ist: Das Bewusstsein der Menschen wird geschärft. Das Bewusstsein dafür, was Trauer ist und was sie macht. Das ist schon mal was Gutes.

Und, zugegeben, drittens: Alles, was ich hier schreibe, ist sehr stark zugespitzt und "für den Hausgebrauch vereinfacht". Oder, anders gesagt: Für den Normalbürger übersetzt. Das ist, ehrlich gesagt, Sinn und Zweck dieses Artikels. Alle fachlichen Hintergründe und Diskussionspunkte im Überblick finden sich beispielsweise in einer Stellungnahme des Bundesverbands Trauerbegleitung, die sich hier aufrufen lässt


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Samstag, 3. Juni 2017

Neue Studie untermauert: Trauer wiegt besonders schwer bei Kindsverlust und Suizid - aber die Studie zeigt auch deutlich: Trauer ist nicht immer gleich Trauer, es zählt das Verhältnis zum verstorbenen Menschen

Osnabrück/Würzburg - Eine wissenschaftliche Studie über das Thema Trauer durchzuführen, ist gewiss keine einfache Sache. Die meisten Untersuchungen scheitern daran, dass sich kaum genug Teilnehmer finden lassen, um als repräsentativ zu gelten. So gesehen gilt auch für die neue Studie, um die es jetzt gehen wird: Sie ist sehr interessant, wenn auch vermutlich nicht repräsentativ. Dennoch lohnt der Blick auf ihre Ergebnisse. Denn sie untermauerte die These: Trauer ist nicht gleich Trauer.

Ab wann gilt eine Studie als repräsentativ? Schwierige Frage, schwierige Antwort. Zwar hat sich inzwischen in Wissenschaft und Journalimus die 1000er-Formel durchgesetzt. Soll heißen: Alles unter 1000 Teilnehmern ist nicht als repräsentativ zu gelten. Aber das kann und darf natürlich nicht der einzige Faktor sein bei der Bewertung einer Studie. Denn wer beispielsweise 1000 Blogleser befragt, ob sie schon mal einen Blog gelesen haben, wird eine Einschaltquote von satten 100 % erhalten - um dann behaupten zu können, Blogs seien das erfolgreichste Medium überhaupt. Wichtig ist also auch die statistische Durchmischung der Befragten. Alt und Jung, hohes Bildungsniveau, niedriges Niveau, je gemischter, desto repräsentativer. Außerdem wichtig: Wie genau wird gefragt? Und durch wen? Und wie lange? Schwer genug, aber nicht nur das.

Verzweiflung und Intensität einer Verlustkrise sind besonders hoch, wenn ein paar Faktoren zusammenkommen, zeigt eine aktuelle psychologische Studie.    (Pixabay.de-Foto, Creative-Common-0-Lizenz)

Denn man finde erstmal über 1000 Trauernde, die bereit (und in der Lage) sind, wissenschaftlich erschöpfend Auskunft über sich zu geben. Vielleicht sind auch schon 500 ausreichend, wenn die weiteren oben genannten Faktoren stimmen. Oder 521? Unter der Überschrift "Trauern hat viele Facetten" hat mich kürzlich eine Pressemitteilung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg erreicht, bei der sich 521 Teilnehmer zum Thema Trauer geäußert haben. Das Ergebnis der Untersuchung lässt sich in mehreren Sätzen zusammenfassen. Erstens: Trauer ist nicht gleich Trauer. Je nach Art des Verwandtschaftsverhältnisses zu den Verstorbenen und nach deren Todesart fällt das Verlusterleben unterschiedlich aus.  Zweitens: Besonders hart trifft es die Menschen, die ein Kind oder einen Angehörigen duch Suizid verlieren. 


Neigung zur "Anhaltenden Trauerstörung"


Dann ist, so die Wissenschaftler, die Neigung zu dem, was als "Anhaltende Trauerstörung" beschrieben werden könnte, besonders ausgeprägt (zu dem Thema bald mehr auf diesem Blog). Durchgeführt haben die Studie Joachim Wittkowski, außerplanmäßiger Professor an der Fakultät für Humanwissenschaft der Universität Würzburg, und Dr. Rainer Scheuchenpflug, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Psychologie III. Die Ergebnisse ihrer Studie haben die Wissenschaftler in einer Ausgabe der "Zeitschrift für Gesundheitspsychologie veröffentlicht (Unter dem Titel "Trauern in Abhängigkeit vom Verwandtschaftsverhältnis zum Verstorbenen und zur Todesart", Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 2016/24, Seiten 107–118). Auch das hat die Studie untermauert:


Mehr als 500 Trauernde interviewt


Stirbt ein Kind oder der Ehegatte, suchen die Trauernden sehr stark die Nähe zu der verstorbenen Person. Oder das "Gespräch" mit ihr. Auch macht sich bemerkbar, dass ihr Denken eingeschränkt ist - es fällt ihnen beispielsweise schwer, sich zu konzentrieren. Weniger stark sind diese Empfindungen indes ausgeformt, wenn ein Elternteil beziehungsweise der Bruders oder die Schwester starben. Was die Todesart betrifft, äußerten Angehörige von Opfern einer Selbsttötung stärkere Schuldgefühle als Angehörige von Personen, die durch Krankheit oder Unfall ums Leben gekommen waren. Keinen Einfluss auf die Intensität der Gedanken und Gefühle der Hinterbliebenen hatte hingegen die Tatsache, ob der Tod überraschend durch einen Unfall oder vorhersehbar aufgrund einer Krankheit eingetreten war.

Art und Intensität unterscheiden sich


Diese Befunde, die erstmals an Personen aus dem deutschen Sprachraum gewonnen wurden, zeigen nach Ansicht der Wissenschaftler, dass sich an dem Merkmal „Trauern“ mehrere eigenständige Aspekte unterscheiden lassen. „Trauern hat also viele Erscheinungsformen. Art und Intensität des Verlusterlebens verlaufen unterschiedlich, je nachdem, in welcher Beziehung die verstorbene Person zum Hinterbliebenen stand und auf welche Art sie ums Leben kam“, sagt Joachim Wittkowski in der Pressemitteilung. 
Worauf die Pressemitteilung leider nicht eingeht, ist die Frage, wie die Macher der Studie eigentlich an die Trauernden gekommen sind und wie sie sie befragt haben, wie sie also genau vorgegangen sind. Also habe ich mich kurzerhand an Joachim Wittkowski selbst gewandt und ihn genau das in einer E-Mail befragt - hier sind seine Antworten (vielen Dank dafür):

Seit Jahrhunderten wird getrauert, aber richtig wissenschaftlich geforscht wird zu diesem Thema noch recht selten - eine Studie aus Würzburg bildet da jetzt die Ausnahme.   (Pixabay.de-Foto/Creative-Commons-0-Lizenz)

"Die Datenerhebung folgte einer gemischten Strategie, etwa ein Drittel Papier-und-Bleistift (Verteiler bzw. Multiplikatoren meist Trauergruppen in Hessen), zwei Drittel über das Internet. Als Teilnehmer kam jeder in Frage, der sich selbst als Trauernder betrachtete. Das wurde vorab erläutert. "Trauerhintergründe" wurden nicht erfragt, wohl aber sozio-demographische Angaben und solche zur Todesart, der Teilnahme an Trauerbegleitung, -beratung oder Psychotherapie etc.- Nach Abschluß der Datenerhebung erfolgte eine sorgfältige Durchsicht und Bereinigung des Datensatzes, u.a. um Mehrfachbearbeitungen zu löschen." Und außerdem: "Es wurden die Werte für die Skalen gebildet, und diese wurden auf Unterschiede in Abhängigkeit von anderen Merkmalen (Verwandtschaftsverhältnis zum Verstorbenen, Todesart) geprüft. Ein signifikanter Unterschied liegt vor, wenn er gemäß Konvention nicht mehr durch den Zufall erklärbar, also "überzufällig" ist."


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Sonntag, 28. Mai 2017

Legofiguren als Trauerspielzeug - Komm, wir bauen eine Trauerhalle... Mit Kinderspielzeug den Tod begreifen lernen - wie ein niederländischer Spielzeugbauer Trauerbegleitern und Therapeuten bei der Arbeit mit Kindern helfen will

Osnabrück/Bremen - Als Kind spielte der Niederländer Richard Hattink gerne mit Lego. Heute hat er zwar längst ein Masterstudium in Pädagogik abgeschlossen - aber mit Spielzeug ist er immer noch beschäftigt. Bei ihm lässt sich heute so ziemlich alles kaufen, was mit Tod, Sterben und Trauer zu tun hat. Als Spielzeug. Von der Trauerhalle bis zum Krematorium über einen Friedhof, auf dem gerade ein Grab ausgebuddelt wird, während die Sargträger im Hintergrund schon den Verstorbenen bringen. Wozu das Ganze? Zum Begreifen! Auf der Messe Leben und Tof ist der Niederländer stets mit einem Stand vertreten.

"Wir achten darauf, dass wir, wenn wir über etwas so Schweres sprechen, auch eine Leichtigkeit mit reinbringen" (also etwas Spielerisches) - so sagte es, in einem anderen Vortrag und in einem anderen Kontext, die Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper auf der Messe "Leben und Tod 2017" in Bremen. Genau dort, wo der 35-jährige Richard Hattink an seinem Stand erstmals einem deutschen Publikum sein Trauerspielzeug vorstellte, das ebenfalls genau diesen Zweck erfüllen soll: Eine Leichtigkeit mit reinzubringen bei etwas unsagbar Schwerem. 


Der offene Sarg kurz vor seiner Schließung, im Hintergrund die vorbereitete Trauerfeier in der Trauerhalle - mit diesem Trauerspielzeug können Kinder nachfühlen/nachspielen, was sie erlebt haben.  (Thomas-Achenbach-Foto)

Hattink, der auch mal als Bestatter tätig war, nutzt vorhandene Bausteine aus bestehenden Spielzeugsystemen, die er zu seinen eigenen Kreationen zusammensetzt. Zu kaufen gibt es bei ihm dann das fertige Gesamtprodukt. Leichenwagen, Friedhöfe oder Krematorien im Spielzeugformat - und viele andere Accessoires rund um die Themen Tod und Bestattung. Seine Kunden sind vor allem Trauerbegleiter, Psychologen, Bestatter und Privatleute, die einen Weg suchen, spielerisch mit trauernden Kindern zu arbeiten. Und wer Hattink auf seinem Messestand besuchte, bekam regelrecht Lust, gleich mitzuspielen - auch ganz ohne eigenen Trauerfall -, so überzeugend ist das Ergebnis. 


Diese Arbeiter heben auf dem Friedhof bereits die Grube aus für den Sarg - das Trauerspielzeug aus den Niederlanden war auf der Messe Leben und Tod 2017 in Bremen zu erleben.    (Thomas-Achenbach-Foto) 

Hattink vertreibt sein Spielzeug über einen Onlineshop auf seiner Internetseite www.rouwenadvies.nlDas Ganze ist allerdings ein nicht ganz günstiges Vergnügen. Ein komplettes Krematorium kostet beispielsweise 114 Euro, eine Trauerhalle mit Trauerredner rund 75 Euro (Direktlink zum Webshop: hier klicken). Und dennoch: Hattinks Spielzeug ist begehrt, wie alleine die Messe "Leben und Tod" in Bremen zeigte. Waren am ersten Messetag noch alle dort an seinem Stand gezeigten Spielzeuge mit Preisschildern versehen, hatte sich das Bild bis zum Nachmittag des zweiten Tages verändert: "Verkauft" hieß es jetzt fast überall. Es wäre spannend zu erfahren, wer in Kürze damit spielen wird. Um sich über eine spielerische Leichtigkeit auch dem ganz Schweren anzunähern. 


Pädagoge, Bestatter, Spielzeugbauer - Richard Hattink.  (Thomas-Achenbach -Foto)




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